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Über die im Film verwendeten Quellen und Motive

4. Christian Duguay’s Jeanne d‘Arc: Die Frau des Jahrtausends

Regie führte Christian Duguay und die Titelrolle ist mit Leelee Sobieski besetzt und in weiteren Rollen sind unter anderen Shirley Mac Laine, Peter O‘Toole und Maximilian Schell zu sehen, wobei diese hochkarätige Besetzung den eher negativen Gesamteindruck des oberflächlich gemachten Films nicht retten kann. Eine niedliche Hauptdarstellerin und Stars von Weltrang machen eben noch keinen Klassiker. Ed Gerson, der Produzent des Streifens, äußerte zwar nicht ohne Stolz, daß es noch nie zuvor eine so junge Jeanne- d‘Arc- Darstellerin gegeben habe und die Rolle schließlich hohe Anforderungen an die Schauspielerin stelle. Zu hohe Anforderungen für den amerikanischen Teenager, der mit geradezu unprofessioneller Naivität über die Schwierigkeiten ihrer Rolle als Jungfrau von Orléans meinte, es sei schwierig, eine Frau zu spielen, vor so langer Zeit gestorben ist, weil niemand mehr lebt, der einem von ihr berichten kann. Vorbereitet habe sie sich mit der Lektüre von George Bernhard Shaws „Saint Joan“, was wohl auch die Bühnensprache Jeannes (zumindest in der deutschen Fassung) erklärt. In der Tat war beispielsweise Ingrid Bergman bereits zweiunddreißig, als sie in die Rolle der Johanna von Orléans schlüpfte, doch ihre Filmerfahrung macht sich gerade in einer solch anspruchsvollen Rolle bezahlt.

In den USA wurde der Film am 16. Mai 1999, also genau 79 Jahre nach der Kanonisation der Jungfrau von Orléans, ausgestrahlt.

Der Film beginnt damit, daß Jeanne, auf dem Scheiterhaufen stehend ruft: „Ich danke dir!“ Bereits an dieser Stelle fragt sich der aufmerksame Zuschauer, wem dankt sie und - vor allem - wofür? Allerdings wird der Zuschauer umgehend darüber aufgeklärt, wem die gequälte Jungfrau so dankbar ist, denn der Himmel reißt auf und die Heilige Katharina erscheint. Bleibt nur noch die Frage, weshalb sie der Heiligen so dankbar ist, etwa dafür, daß sie den Märtyrertod auf dem Scheiterhaufen erleiden darf?

Von mangelnder historischer Recherche durchsetzt, folgt hier ein Schnitzer auf den anderen: Was bitte hat Bischof Cauchon am Hof des französischen Thronfolgers verloren, wo er doch mit den englischen Besatzern sympathisiert? Und weshalb schneit es bei ihrer Hinrichtung Ende Mai? Die Reihe der historischen und sachlichen Fehlgriffe ließe sich an dieser Stelle noch unbegrenzt fortsetzen.

Im Kampf wird Jeanne von einem Pfeil getroffen, ihr Pferd steigt (in Zeitlupe, was lediglich überspitzte Dramatik zur Folge hat), sie stürzt. Die Soldaten eilen herbei, um ihr zu helfen, während sie vor Schmerzen schreit. Da schaut sie gen Himmel, erkundigt sich, weshalb die Männer nicht mehr kämpfen. Ihr Blick ist weiterhin in die Ferne des Himmels gerichtet, als unversehens die Heilige Katharina erscheint. Die beiden lächeln einander zu, aller Schmerz ist vergessen und Jeanne bittet die umstehenden Soldaten ihr aufzuhelfen, um die Pfeilspitze abzubrechen; das Blut quillt heraus... Sie will, daß man ihr aufhilft, fragt nach ihrem Pferd und ihrem Banner. Und so geht es weiter mit den markigen Worten: „Ihr wißt, mir ist bestimmt Euch zum Sieg zu führen. Ich bin die Jungfrau!“

Jeanne in Gefangenschaft. Die Mutter des Herzogs von Luxemburg setzt sich für die Gefangene ein, will ihr Frauenkleider geben, welche diese jedoch ablehnt und sich statt dessen aggressiv erkundigt, was sie von ihr wolle. Die Mutter des Herzogs sieht wohl ihren Tod nahen. Und weil sie Gnade finden will, ist sie darauf bedacht, Jeanne vor den Engländern zu bewahren. Während des Essens führen Jeanne und die Mutter des Herzogs ein Gespräch über die Stimmen. Auf die Frage über die Schwierigkeit bereits zu Lebzeiten eine Legende zu sein, erhält die Mutter des Herzogs die theatralische Antwort: „Ich glaube, ich würde sterben, wenn ich nicht etwas Höherem dienen könnte.“ Die Mutter des Herzogs will sie bei Hofe einführen und in die Kriegskunst einführen. Sie soll auf Seiten der Burgunder kämpfen. Bei Jeannes militärischen Fertigkeiten, mit denen sie diesem Film zufolge anscheinend von Natur aus ausgestattet ist und mit der Kriegserfahrung, die sie von den Schlachten mitbringt, drängt sich die Frage auf, was denn ausgerechnet die Mutter des Herzogs ihr noch an militärischen Fertigkeiten mitbringen will...

Jeanne und die Mutter des Herzogs streiten über den wahren König, das heißt, Jeanne hält Charles für den rechtmäßigen König, während die Mutter des Herzogs der fest Überzeugung ist, daß Philipp Anspruch auf den Thron habe.
An dieser Stelle fragt sich nun der aufmerksame Zuschauer, weshalb es in diesem Streit um Karl VII. und den Herzog von Burgund (!) geht, denn auf englischer Seite steht der minderjährige Heinrich VI. als künftiger König, der von dem Herzog von Bedford in seinen Regierungsgeschäften vertreten wird. Philipp der Gute besitzt zwar umfangreiche Gebiete in Frankreich und - wohl auch aufgrund seiner Allianz mit den Engländern - politische Macht, doch als französischer König kommt der Herzog nicht in Betracht.
Es folgt, was nun folgen muß. Die alte Dame stirbt aufgrund der heftigen Auseinandersetzung mit der Jungfrau, worauf diese abgeführt wird. Als sie den Absichten Burgunds, sich und ihren ‚Mythos‘ von nun an für die burgundischen Interessen einzusetzen, nicht entgegenkommt, wird sie an die Engländer ausgeliefert.

Jeanne wird auf den Alten Marktplatz gebracht, wo bereits der Scheiterhaufen errichtet ist, beinahe laufstegartige Planken führen das Opfer zur eigentlichen Richtstätte. Schnee fällt sanft vom Himmel, während Jeanne mit verhältnismäßig gefaßter Stimme nach einem Kruzifix verlangt. Dann wird der Scheiterhaufen entzündet, Chorgesänge untermalen die Szene und Jeanne ruft mehrmals nach Gott und Jesus, ohne dabei jedoch den Eindruck wirklicher Betroffenheit zu vermitteln, was zweifellos auf der Unreife der Darstellerin beruht. Mittels Computeranimation kann der Zuschauer die an den Pfahl des Scheiterhaufens gefesselte, von lodernden Flammen eingeschlossene Jungfrau abwechselnd von vorne und von oben betrachten, was zwar eine gewisse Dramatik vermitteln soll, doch echten Tiefgang erzeugt auch diese Szene beim Zuschauer nicht.

Bekanntlich soll die historische Jeanne d’Arc ja über eine beachtliche Portion Humor verfügt haben. Folglich hätte sie wohl schallend gelacht über dieses vermeintliche Historiendrama.

 
Kerstin Klein


Quellen

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Mai 2005
 



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Zitat

"Er etablierte eine Form der Filmkritik, wie es sie vorher und nachher nicht mehr gab. Merker bestand darauf, bei der Auswahl der Filme und der Ausschnitte freie Hand zu haben - was heutzutage, im Zeitalter der immer gleichen Clips, undenkbar ist. Jahrelang gaben sogar die großen Verleihe nach, weshalb Hollywood bei ihm eine ebenso große Rolle spielte wie unabhängig gedrehte, schützenswerte Werke. Helmut Merker mochte nicht einzelne Filme, sondern er liebte das Kino."

Aus dem Nachruf von Milan Pavlovic in der Süddeutschen Zeitung zum Tode des früheren WDR-Filmredakteurs, Filmpublizisten und
-kritikers Helmut Merker (18.08.1942 - 03.09.2018)

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