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Über die im Film verwendeten Quellen und Motive

1. Carl-Theodor Dreyer:
Die Passion der Jeanne d’Arc (1928)

“Es gibt nichts auf der Welt, das sich mit dem menschlichen Gesicht vergleichen ließe. Es ist ein Land, das zu erforschen man nie müde wird.” (Fußnote 1) Dieses Bekenntnis bekräftigt der skandinavische Regisseur mit außergewöhnlichen filmischen Mitteln. In dem Stummfilm Die Passion der Jeanne d’Arc geben dem Zuschauer nicht Landschaften, Gebäude oder Figurengruppen die räumliche Orientierung, sondern hier stehen vielmehr die Gesichter der handelnden Personen im Vordergrund, „beherrschen die Leinwand in nahezu jeder Szene“ (2). In erster Linie natürlich das ungeschminkte Antlitz der großartigen Mimin Maria Falconetti, auf dem „feinste Regungen und extreme Gefühle“ (3) sichtbar werden. Einen auffallenden Gegensatz zu der zarten, jungen Johanna-Darstellerin bilden die Charakterköpfe ihrer Widersacher mit den verzerrten Gesichtsausdrücken.

Carl Theodor Dreyer thematisiert in seinem filmischen Werk, bis zu seinem letzten Film „Gertrud“ (1964), immer wieder die in der Männerwelt scheiternde Frau. Ebenso erscheint Jeanne d’Arc in seiner Verfilmung „als Opfer weltlicher, kirchlicher, stets aber männlicher Gewalt“ (4).

Im Frühjahr 1926 unterzeichnet Carl Theodor Dreyer einen Vertrag mit der Société Générale de Films, und im Oktober desselben Jahres wird die Verfilmung des Jeanne d‘Arc-Stoffes als sein erstes Projekt für diese Gesellschaft bestimmt. Joseph Delteil veröffentlicht 1925 eine Jeanne d’Arc-Biographie und schreibt von Dezember 1926 bis Januar 1927 an einem Drehbuch für den geplanten Film, welches Dreyer allerdings ablehnt. Er zeigt indessen mehr Interesse an den 1921 von Pierre Champion publizierten Gerichtstexten und zieht folglich Champion hinsichtlich der historischen Beratung des Films heran. Die Kulissen zur Passion de Jeanne d‘Arc, die maßgeblichen Einfluß zur Wirkung und Stimmung des Films beitragen, werden von Hermann Warm und Jean Hugo entworfen. Warms erlärt später, eine mittelalterliche Jeanne d‘Arc-Miniatur, die er in einer Pariser Bibliothek gefunden hat, habe ihn mit ihren schlichten Darstellungen von Landschaften, Gebäuden und Personen, sowie den fehlerhaften Perspektiven, inspiriert. Die Bühnenausstattung des Films spiegelt mit ihren kahlen Hintergründen, arabesken Linien und schlichten Kostümen den Stil von Jean Hugos Bühnendesign der 1920er Jahre wider. Jean Hugo und Hermann Warm entwerfen innerhalb von vier Monaten die Kulisse des Films, der in einer Montage-Werkstatt von Renault in Billancourt gedreht wird.

Die Mehrzahl der mitwirkenden Schauspieler besitzt zwar eine gewisse Bühnenerfahrung, doch für die Besetzung werden auch Laien gecastet, so handelt es sich beispielsweise bei dem Darsteller des Grafen von Warwick um einen russischen Kaffeehausbesitzer. Maria Falconetti wird im März 1927 für die Hauptrolle ausgewählt, Drehbeginn ist im Mai und Mitte Juli ist bereits die Folterkammerszene im Kasten. Die Rouen-Szenen werden in der Zeit von August bis November gedreht, so daß der neun Millionen Franc teuere Film bereits Ende 1927 fertiggestellt ist.

Die Premiere der Passion der Jeanne d’Arc erfolgt 1928 im Paladsteatret in Kopenhagen, dem luxuriösesten Theater Dänemarks. Der dänische Sozialist A. C. Meyer fordert, das Theater auch für die Arbeiter zu öffnen, da ihn deren Reaktion auf das Stück interessiert. Am 26.04.1928 wird das Experiment, welches die Wirkung des Stummfilms auf den Zuschauer verdeutlicht, durchgeführt, wobei hier der Kommentar eines Zuschauers als Exempel herangezogen werden soll: Es gäbe auch heute Frauen, die von der Gesellschaft moralisch so gefoltert werden, wie es Jeanne d’Arc wurde. (5)

 
Kerstin Klein


Quellen

1) Kultursekretariat NRW (Hrsg.): Broschüre zu den Aufführungen "Stummfilm und Musik"; im Rahmen des Düsseldorfer Altstadtherbstes 2002, zitiert nach Carl-Theodor Dreyer
2) ebd.
3) ebd.
4) ebd.
5) Bordwell, David, Seite 216

Mai 2005
 



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