17.05.2021

Das fliegende Klassenzimmer (1954)

In dem nach seinem berühmten Jugendbuch gedrehten Schwarz-Weiß-Film berichtet Erich Kästner vom Alltag in einem Internat kurz vor den Weihnachtsferien. Im Mittelpunkt steht das Theaterstück "Das fliegende Klassenzimmer", das der Tertianer Johnny verfasst hat. In dieser Utopie wird der "Schulbetrieb der Zukunft" gezeigt. Ein Lehrer fliegt mit seiner Klasse los, um in verschiedenen Ländern den Erdkundeunterricht direkt vor Ort abzuhalten: "Der Unterricht wird zum Lokaltermin!" (Heute spricht man von "außerschulischen Lernorten".) Nebenbei läuft der normale Schulbetrieb weiter. Jeder der Schüler hat seine kleinen Sorgen und Probleme. Johnny, der "Dichter", ist von seinen Eltern als Kind verlassen worden. Sein Freund Martin, der Klassenprimus, fürchtet, über Weihnachten allein im Internat bleiben zu müssen, weil seine Eltern die Fahrkarte nicht bezahlen können. Der dicke Matz hat ständig Appetit und ist kein guter Schüler, zeigt aber immer gute Laune. Er siegt im Zweikampf nach einer Schneeballschlacht gegen die Realschüler. Der kleine Uli glaubt, alle hielten ihn für feige, und riskiert eine gefährliche Mutprobe. Sie alle finden Verständnis und Unterstützung bei ihrem verehrten Haus- und Klassenlehrer Dr. Bökh, genannt "Justus" (= der Gerechte), der selbst an dieser Schule Schüler war und seine Kindheitserinnerungen an seine Zöglinge weitergibt. Ein idealer Lehrer! Ein Schüler sagt: "Wenn's sein muss, lass' ich mich für diesen Mann da oben aufhängen." Die Jungen bringen Justus mit seinem lange verschollenen Schulfreund, dem "Nichtraucher", wieder zusammen. Alle Probleme werden glücklich gelöst, und die Schüler fahren befreit in die Weihnachtsferien.

Der Autor zeigt ein breites Spektrum jugendlicher Charaktertypen, mit deren Hilfe er in "pädagogischer" Absicht bestimmte Einstellungen und Verhaltensmuster zeichnet und zugleich ein positives, humanes Bild von der Schule entwirft. Generationen von Lesern haben das Buch und den Film liebgewonnen, nicht zuletzt, weil es den Wert von Freundschaft, Mut und Zivilcourage betont. Und weil es ein Loblied auf die Kindheit ist: "Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch!"

Wie in den 1950er-Jahren fast immer, schrieb Kästner das Drehbuch selbst. Gegenüber dem Buch gibt es nur kleine Änderungen, z.B. die Liebesgeschichte zwischen dem "Nichtraucher" und der Krankenschwester des Internats. Die Schauspieler sind hervorragend. Regisseur Kurt Hoffmann beweist seine Fähigkeiten besonders in der Führung des Schülerteams, in dem auch zwei später berühmt gewordene Jungen mitspielen: Peter Kraus (der heute mit 80 Jahren noch die Bühnen rockt) und Michael Verhoeven (Regisseur und Ehemann von Senta Berger). In der Hauptrolle glänzt Paul Dahlke, der in idealer Weise den sympathischen und liebenswerten "Justus" verkörpert.

Der Filmklassiker enthält prächtige Szenen. Unvergesslich, wie Verhoeven als Ferdinand in der Turnhalle am Flügel mit verbundenen Augen die Pathétique übt, wie die Jungen in der Schneeballschlacht ihren Matz anfeuern, der im Zweikampf gegen den Realschüler Wawerka antritt, wie Bökh die Jungen von seiner eigenen Schulzeit erzählt und davon, dass er für seinen Freund gegen die Hausordnung verstoßen hat, und wie der Primaner Stadler, der "schöne Theodor" (Peter Vogel), sich nach dieser Lektion bei Bökh bedankt: "für meine Strafe!" Und natürlich die Präsentation des Theaterstücks, die – wie alle Schüleraufführungen – für Beteiligte und Zuschauer etwas Amüsantes und zugleich Rührendes hat. Am Schluss drückt Kästner vielleicht ein bisschen zu stark auf die Tränendrüse: Martin kann nicht über Weihnachten nach Hause fahren, weil die Eltern nicht einmal 10 Mark für die Bahnkarte übrighaben. Bökh schenkt dem Schüler, der im verlassenen Internat traurig auf dem Flügel klimpert, das Geld, und am Weihnachtsabend steht Martin bei den Eltern vor der Tür...

Ein gelungener Verfremdungseffekt besteht darin, dass Erich Kästner nicht nur als Erzähler aus dem Off fungiert, sondern auch in der Rahmenhandlung seines Films selbst mitspielt. Der Autor sitzt zu Beginn auf einer sommerlichen Wiese und ist dabei, bei Sommerhitze eine "regelrechte Weihnachtsgeschichte" zu erzählen. Am Ende, im folgenden Sommer, trifft Kästner in einem Biergarten Johnny und seinen Ziehvater, den Kapitän, und fragt den Jungen, wie es den anderen ergangen ist. Der erzählt von den Freunden und auch, dass Dr. Uthoff, der "Nichtraucher", und Schwester Beate zu Ostern geheiratet hätten, und fragt dann erstaunt, woher er sie eigentlich alle kenne. Kästner muss "leider gehen" und lässt die Jungs und besonders den "Justus" grüßen: "von einem guten Freund, einem guten Freund guter Freunde." Dann bekommt Johnny ein Buch überreicht. Das Buch trägt den Titel Das fliegende Klassenzimmer von Erich Kästner; auf dem Umschlag steht handschriftlich: und Johnny Trotz. Eine perfekte Verschmelzung von Autor und Werk!

Die originelle Filmmusik Hans-Martin Majewskis wird dominiert von eindringlichen Harmonikasequenzen (gespielt vom Trio Raisner), die sich dem Handlungsverlauf anschmiegen. Von diesem warmherzigen Film mit seiner sanften Pädagogik wird man immer wieder berührt und beeindruckt. "Ernst ist das Leben, heiter die Kunst" heißt es bei Schiller. "Das fliegende Klassenzimmer" aber hält eine wunderbare Balance zwischen Ernst und Heiterkeit. Das Jugendbuch erschien übrigens schon 1933, aber die darin enthaltenen Ideale waren bei den Nazis unerwünscht und brachten Kästner ein Publikationsverbot ein.

Das Buch wurde später noch zweimal verfilmt. Den "Justus" spielten Joachim Fuchsberger (1973) und Ulrich Noethen (2003). Da hat man einiges modernisiert, z.B. wird die "Gegengruppe" im Remake von 2003 von einem Mädchen geleitet. Aber der alte Film bleibt unübertroffen. Selbst wenn sich inzwischen die Gesellschaft, die Eltern, die Lehrer und die Schüler geändert haben. Zwischen dem "Fliegenden Klassenzimmer" und "Fack ju Göhte" liegen Welten. Aber die humane Botschaft ist nicht so ganz verschieden. "Lasst uns daran erinnern" sagte Malala Yousafzai, die pakistanische Kinderrechtsaktivistin und Friedensnobelpreisträgerin 2014: "Ein Buch, ein Stift, ein Kind und ein Lehrer können die Welt verändern."  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * * * (5 von 5)



Filmdaten

Das fliegende Klassenzimmer (1954)


BRD 1954
Regie: Kurt Hoffmann;
Darsteller: Paul Dahlke (Dr. Bökh, gen. Justus), Heliane Bei (Schwester Beate), Paul Klinger (Dr. Uthoff, genannt Nichtraucher), Erich Ponto (Sanitätsrat Dr. Hartwig), Bruno Hübner (Prof. Kreuzkamm), Herbert Kroll (Direktor Grünkern), Rudolf Vogel (Friseur Krüger), Willy Reichert (Herr Thaler), Ruth Hausmeister (Frau Thaler), Peter Vogel ("der schöne Theodor"), Peter Tost (Martin Thaler), Peter Kraus (Johnny Trotz), Bert Brandt (Matz), Knut Mahlke (Uli), Axel Ahren (Sebastian), Michael Verhoeven (Ferdinand), Bernhard von der Planitz (Egerland), Michael von Welser (Kreuzkamm jun.), Hartmut Högel (Fridolin), Horst Dieter Bauer (Wawerka), Klaus Peter Pretzl (Bruno), Max Barth (Kurt), Karl Schaidler (Fäßchen), Erich Kästner (Autor) u.a.;
Drehbuch: Erich Kästner nach seinem gleichnamigen Kinderbuch; Produktion: Carlton-Film (Günther Stapenhorst); Kamera: Friedel Behn-Grund; Musik: Hans-Martin Majewski; Schnitt: Fritz Stapenhorst;

Länge: 92 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; westdeutscher Kinostart: 3. September 1954



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"Einen Film auf der Mattscheibe zu sehen, das ist etwa so, als würde man einen van Gogh auf einer Briefmarke betrachten."

Schauspieler Jean-Paul Belmondo (9. April 1933 - 6. September 2021)

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