06.06.2014
Frecher als "Die Feuerzangenbowle"

Fack ju Göhte


Dieser Schulschwank (Drehbuch und Regie: Bora Dagtekin) war mit sechs Millionen Zuschauern der erfolgreichste deutsche Kinofilm des Jahres 2013. Er basiert auf einem bewährten Handlungsschema: Junger, moderner Lehrer mischt eine (zumeist konservativ-spießige) Schule auf und wird zum Helden der Schüler. Das kennen wir aus Deutschland ("Ein unmöglicher Lehrer", "Pepe, der Paukerschreck"), Amerika ("Der Club der toten Dichter") und Frankreich ("Die Klasse"). Diesmal handelt es sich allerdings um eine durch Graffiti völlig verunzierte Gesamtschule, in der die Lehrer nichts zu melden haben, weil die ebenso unverschämten wie unterbelichteten Schüler mit ihnen machen, was sie wollen. Von "Unterricht" in irgendeinem vernünftigen Sinn kann keine Rede sein. Etwas lernen will niemand. Das Lieblingsvokabular besteht aus "geil", "Wichser", "Nutte" und "Spast". Der Titel ist Programm: Von Literatur wollen die Schülermonster nichts wissen. Jedenfalls zu Beginn!

Da taucht Zeki Müller (Elyas M'Barek) auf, er kommt allerdings aus dem Gefängnis. Mit seiner Freundin Charlie will er seine Beute ausgraben, die leider unter der neuen Turnhalle der Goethe-Gesamtschule liegt. So bewirbt er sich kurzentschlossen als Hausmeister, die Schulleiterin aber sucht dringend einen Aushilfslehrer, und da er seine Chance nicht verpassen will, nimmt er die Stelle als Lehrer für Deutsch und Sport an – Fächer, von denen er nicht viel Ahnung hat. Bei Beschaffung der nötigen Papiere hilft ihm die verhuschte Referendarin Lisi Schnabelstedt (Karoline Herfurth), die sich auch noch in ihn verliebt. Zeki sieht einfach gut aus, ist noch frecher als die Schüler ("Friss nicht so viel. Oder willst du als Jungfrau sterben?") und schafft es mit seinen ruppigen Lehrmethoden und mit einer schrägen Inszenierung von "Romeo und Julia" sogar, die Chaotenklasse 10b in den Griff zu bekommen. Tagsüber gibt er Unterricht, nachts buddelt er unter der Turnhalle. Er bekommt immer mehr Spaß an seinem "Beruf", aber natürlich kann er sich nicht auf Dauer hinter seiner Maske verstecken.

Dies ist eine aberwitzige, flotte, pointenreiche Komödie mit Streichen und einer anarchischen Sprache, denen gegenüber die "Feuerzangenbowle" seligen Andenkens wie ein braves Rührstück daherkommt. Die Streiche sind keinesfalls harmlos, sondern grenzen an Psychoterror und Körperverletzung. Eine Lehrerin (Uschi Glas als Gast) wird auf der Bahre vom Schulhof getragen, sie hat sich aus dem Fenster gestürzt. Zeki bietet der Meute Paroli, schießt etwa mit einem Farbgewehr auf einen Jungen und wehrt sich gegen den gewalttätigen Schüler Danger (Max von der Groeben) durch Handgreiflichkeit. Zu Beginn seiner ersten Stunde erklärt Zeki die Regeln: Wer ihn beim Zeitungslesen stört, kriegt eine Zwei, alle anderen eine Eins. Im Lauf der Wochen wird er allerdings zum beliebtesten und "coolsten" Lehrer, denn die Schüler lernen durchaus etwas. Z.B. über die Gefahren des Drogenkonsums: Zeki zieht mit ihnen durch die Stadt und zeigt ihnen die Lebensumstände von Heroinabhängigen und Hartz-4-Empfängern. In der Aufführung von "Romeo und Julia" (modernisiert klingt Julia so: "Romeo, hast du meine SMS nicht bekommen?") wachsen die Schüler über sich hinaus und erleben einen Riesenerfolg.

Dass Zeki und Lisi ein Paar werden, ist voraussehbar. Aber der Weg dahin ist nicht hindernisfrei: Eine emotionale Beziehungsgeschichte wird erzählt, in der Zeki, der sonst überhaupt nicht auf den Mund gefallen ist, auch mal sprachlos und feinfühlig wird.

Die Schauspieler agieren mit sichtlichem Spaß an der Sache. M'Barek spielt den Macho mit Herz perfekt. Genial ist Katja Riemann als durchgeknallte Schulleiterin, köstlich die Szene, wie sie – nachdem sie Zekis Identität erkannt hat, ihn aber trotzdem als Lehrer behalten will – in einer Minute ein Abiturzeugnis für ihn fälscht. Unter den Schülern ragt eine Zicke hervor, die natürlich Chantal heißt und von Jella Haase verkörpert wird. Dem Mädchen verhilft Zeki zu Selbstvertrauen und Motivation.

Vieles an dieser Story ist natürlich übertrieben und unrealistisch, aber davon lebt ja jede satirische Komödie. Und diese will nicht nur unterhalten, sondern auch die deutsche Schulmisere in den Blick heben. Dass allerdings der Kritiker der ZEIT das derbe Deutsch des Films ("Achtet auf eure Ausdrucksweise, ihr Wichser!") als "wunderbar" bezeichnet und meint, der Zuschauer bekomme hier eine "sagenhaft hochprozentige Injektion deutscher Poesie, deutschen Alltags, deutscher Wirklichkeit" geliefert, ist ein bisschen zu hoch gegriffen. Wenn Chantal sagt: "Müller, ey, Sie Geisterkranker!", ist das recht witzig, aber nicht "unergründlich falsch und rätselhaft schön."

Teil 2 soll 2015 in die Kinos kommen.  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Fack ju Göhte  
 
Deutschland 2013
Regie & Drehbuch: Bora Dagtekin;
Darsteller: Elyas M'Barek (Zeki Müller), Karoline Herfurth (Elisabeth "Lisi" Schnabelstedt), Katja Riemann (Gudrun Gerster), Jana Pallaske (Charlie), Jella Haase (Chantal Ackermann), Max von der Groeben (Daniel "Danger" Becker), Anna Lena Klenke (Laura Schnabelstedt), Uschi Glas (Ingrid Leimbach-Knorr) u.a.;
Produzenten: Christian Becker, Lena Schömann; Kamera: Christof Wahl; Musik: Michael Beckmann; Schnitt: Charles Ladmiral, Zaz Montana;

Länge: 118,17 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Constantin Film Verleih GmbH; deutscher Kinostart: 7. November 2013



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<06.06.2014>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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