Aktuelle Filme


Electric GirlElectric Girl
Ein Film wie ein Comic. Es ist verständlich, dass Regisseurin Ziska Riemann, die mit "Lollipop Monster" (2011) schon einen abendfüllenden Spielfilm gedreht hat, für "Electric Girl" den Anime-Weg beschreitet. Denn sie ist selber Comic-Zeichnerin. Das Drehbuch schrieben vier Frauen, neben Riemann auch Luci van Org, die man als Leadsängerin der Band Lucilectric kennt, bekanntester Hit ist "Mädchen" (Textzeile: "Weil ich ein Mädchen bin!"). Um ein Mädchen, eine junge Heranwachsende geht es auch im Film. Das "Electric Girl" wird einem Wahn verfallen, ist aber zunächst ohne Erkrankung: Mia (Victoria Schulz) hat eine Rolle als Synchronsprecherin in einer Anime-Serie ergattert. Sie spricht die Superheldin Kimiko. Ein elektrischer Schlag in einer Bar, in der Mia arbeitet, geht scheinbar nicht spurlos an ihr vorbei. Bald glaubt sie, sie sei selbst mit Superkräften ausgestattet und Hamburg bedroht.
Ein Film, dem leider für seine Superhelden-Thematik die Magie fehlt, gleichzeitig die Krankheit unpassend bebildert.
Von Michael Dlugosch.
deutscher Kinostart: 11. Juli 2019
40. Filmfestival Max Ophüls Preis 2019: Wettbewerbsfilm
Foto: Hannes Hubach, NiKo Film


Kaviar (2019)Kaviar (2019)
"Kaviar" von Elena Tikhonova ist eine Screwball-Komödie, die von der Realität eingeholt wurde. Als der Film im Januar 2019 den Publikumspreis Spielfilm des Saarbrücker Filmfestivals Max Ophüls Preis holte, war die sogenannte Ibiza-Affäre um den FPÖ-Politiker Hans Christian Strache noch in weiter Ferne. Jetzt startet "Kaviar" in den deutschen Kinos und liefert dem Publikum ungewollt den Film zu dem Ereignis, das die österreichische Regierung stürzte. Auch in "Kaviar" geht es um Machenschaften zwischen österreichischen Politikern und Handlangern und russischen Oligarchen, es geht um Geld und abstruse Ideen. Was Regisseurin Tikhonova, die in Russland geboren wurde und in Wien lebt und arbeitet, im Film zeigt, besteht aus vielen gelungenen Einfällen mit immer neuen Wendungen. Der locker-leichte Erzählfluss hat zwar einen genauso locker-leichten filmischen Anspruch, aber das wird durch den großartigen Humor wettgemacht. Es ist gelungenes Sommerkino.
Von Michael Dlugosch.
40. Filmfestival Max Ophüls Preis 2019: Wettbewerbsfilm, Publikumspreis Spielfilm
Foto: Ioan Gavriel


Spider-Man: Far from HomeSpider-Man: Far from Home
Beständiges Unterwandern einer (Schein)Realität als gezielte Täuschung soll die ironische Selbstreflexion der jüngsten Episode von Marvels Superhelden-Serie beweisen. Stattdessen untermauert das in der holprigen Story inflationär eingesetzte Gimmick deren Mangel daran. Für die Illusion dramaturgischer Doppelbödigkeit gilt das gleiche wie für die ausgefeilten Täuschungsmanöver, mit denen sich der freundliche Spider-Man aus der Nachbarschaft (Tom Holland) herumschlägt: Aufwendig bedeutet nicht unbedingt clever. Diese Lektion predigt Jon Watts' handwerkliche Inszenierung, ohne sie zu verinnerlichen.
Die an die Presse gerichtete Verleih-Mahnung, ja keines der minimal dramatischen Details zu spoilern, wirkt da wie ein weiteres der egozentrischen Blendwerke, an denen die Drehbuchautoren augenscheinlich mehr Spaß hatten, als dem Publikum vergönnt ist. Besaß Peter Parkers von Teenager-Problemchen katalysierte Identitätskrise in "Spider-Man: Homecoming" einen gewissen naiven Charme, ist sie in der Endlosschleife eines diverser Anzeichen dramaturgischer Stagnation. Weder Held noch Multiverse entwickeln sich relevant weiter, der Unterhaltungsfaktor gar spürbar zurück.
Von Lida Bach.
Foto: 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH


Das melancholische MädchenDas melancholische Mädchen
Das Filmfestival Max Ophüls Preis kann für sich zugutehalten, immer wieder interessante filmische Entdeckungen zu präsentieren. So war es 2018 mit "Landrauschen", so ist es 2019 mit "Das melancholische Mädchen" gewesen. Beide zeichnen sich durch Eigenwilligkeit aus, beide gewannen in Saarbrücken den Hauptpreis, beide waren Debütfilme der Regisseurinnen. Susanne Heinrich stach unter den Regisseur*innen des Hauptwettbewerbs 2019 hervor: Die 1985 in Oschatz bei Leipzig geborene Frau, die bisher als Schriftstellerin auffiel, trägt kurzgeschorene Haare. Ihr Film "Das melancholische Mädchen" stach auch hervor. Jury-Entscheidungen treffen oft Filme, die sich durch ihre extreme Machart von den anderen Filmen hervorheben. Hier war es nicht anders: "Das melancholische Mädchen" widerspricht allen Konventionen des Kinos, Heinrich bastelt Szenen aneinander, die knallbunt, unwirklich, an der Grenze zum Kitsch sind, mit absichtlich monotonen Dialogen, die eher Monologe sind, weil die Protagonisten oft aneinander vorbeizureden scheinen. Klingt negativ - ist es nicht.
Von Michael Dlugosch.
40. Filmfestival Max Ophüls Preis 2019: Wettbewerbsfilm, Hauptpreisträger und gezeigt auf der 69. Berlinale 2019
Foto: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb)


Eine moralische EntscheidungEine moralische Entscheidung
Kaveh Nariman ist nachts mit dem Auto in Teheran unterwegs, als ihn ein Raser von der Straße abdrängt und er ein Motorrad rammt, das rechts neben ihm fährt. Auf dem umgestürzten Motorrad saß eine vierköpfige Familie, völlig ungesichert, ohne Helme. Kaveh ist Arzt und er fängt sofort an, alle zu untersuchen und zu versorgen. Er bietet wiederholt seine Hilfe an, alle oder nur den achtjährigen Jungen, der leichte Schmerzen zu haben scheint, ins Krankenhaus zu fahren. Er möchte nicht die Polizei rufen, weil seine Versicherung abgelaufen ist, aber er bietet finanzielle und immer wieder medizinische Unterstützung an. Der geschädigte Familienvater Moosa weigert sich jedoch unerklärlicherweise, die Hilfe anzunehmen. Er nimmt widerspenstig etwas Geld an, und verspricht, ins Krankenhaus zu fahren, aber er fährt dann doch daran vorbei. Am nächsten Tag wird der Junge in Kavehs Klinik der Gerichtsmedizin zur Autopsie eingeliefert - er ist tot.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Noori Pictures


Peter Lindbergh - Women's StoriesPeter Lindbergh - Women's Stories
Der biographische Dokumentarfilm "Peter Lindbergh - Women's Stories" über den Modefotografen bleibt lange Zeit grobkörnig und schwarz-weiß, wie viele seiner Bilder. Am Ende kommt Regisseur Jean Michel Vecchiet ihm endlich näher, da helfen die eingestreuten Interviews wichtiger Frauen in seinem Leben. Der Beginn des Films ist anfangs so dunkel wie Kohle, da Lindberghs Kindheit und Jugend im Ruhrgebiet behandelt wird. Dem werden seine frühen Aufnahmen gegenübergestellt, bei denen er die rußigen Stimmungen, gerne mit schönen Models vor übermächtigen Maschinen platziert hat. Der Kontrast erweist sich bei Lindbergh dadurch immer weniger als (rein) dekoratives Gestaltungsmittel. Auch wenn sie dadurch zunächst den kühlen Amazonen der Modefotografien von Helmut Newton ähneln.
Lindbergh führte aber auch mit solchen Bildkompositionen den neuen Realismus in der Modefotografie ein und prägte damit seinen eigenen Stil. Bei Lindbergh dürfen die Frauen nicht nur nackt und perfekt schön stolzieren, sondern es kommt seine Bewunderung über die weiblichen Persönlichkeiten heraus.
Von Jürgen Grötzinger.
Foto: DCM Film Distribution / Foto-Credit: Stefan Rappo


RocketmanRocketman
Wer 2018 "Bohemian Rhapsody" so toll fand, dass er den überraschenden Oscar-Preisträger dieses Jahr gleich wieder gucken will, darf sich freuen. Die Rock-Oper geht erneut an den Start, nur übernimmt die Hauptrolle jetzt Taron Edgerton und der Held des manischen Musical-Melodrams heißt Elton John. Der reale Mensch hinter den ständig wechselnden Brillengestellen und bombastischen Bühnenoutfits scheint Regisseur Dexter Fletcher dabei noch gleichgültiger als Freddie Mercury, dessen Biopic er nach Bryan Singers Abgang beendete.
Der einfallslose Filmtitel-Song ist die erste zahlreicher auffälliger Parallelen zweier Künstlerbiografien, deren angepasste Austauschbarkeit im Kontrast zu den markanten Protagonisten steht. Die (Ver)Wandlung des schüchternen Vorstadtjungen Reginald Dwight zum schillernden Superstar vollzieht sich lapidar nebenbei. Die komplexe Verflechtung von Selbstablehnung, Selbstdarstellung und Selbstparodie in Johns Performance wird nie thematisiert, sein Musikgenie nie ergründet. Er hat's eben drauf (musikalisch) und ist bald voll drauf (suchttechnisch). Trotzdem jagt ein Megahit den nächsten, pophistorisch und inszenatorisch.
Von Lida Bach.
Foto: 2018 Paramount Pictures / Foto-Credit: David Appleby


Breakthrough - Zurück ins LebenBreakthrough - Zurück ins Leben
Aufdringliche, abwechselnd trommelnde und schmalzig-schmachtende Rock/Rapmusik im christlichen Style tobt regelrecht in diesem Film vor den Bildern amerikanischer Stereotypen: das morgendliche Rührei mit Speck, das obligatorische Tischgebet mit Händchenhalten, das Hissen der amerikanischen Flagge im Schulhof, und die tägliche Hymne im Klassenzimmer mit dem Hand auf dem Herzen - was haben wir denn ausgelassen? Ach ja, wer Junge ist in Amerika muss Baseball spielen und Teil einer aufmüpfigen Highschool-Clique in der trotzigen Pubertätsphase sein. Und siehe da: Im Schatten dieses lauten Wusts an Rhythmen und Klischees erblüht die zarte Blume der wahren Kunst - denn nicht nur die auf einer wahren Begebenheiten beruhende Geschichte geht unter die Haut, sondern auch die glänzende schauspielerische Leistung der Hauptdarstellerin, der Mutter Joyce Smith, gespielt von Chrissy Metz, und des Rettungsdienstmitarbeiters Tommy Shine, gespielt von Mike Colter. Kameramann Zoran Popovics Leistung mit der Schaffung unvergesslicher Unterwasserszenen ist auch besonders hervorzuheben.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: 2018 Twentieth Century Fox


Under the TreeUnder the Tree
Was mit verhinderter Sommerbräune beginnt, steigert sich innerhalb eines Nachbarstreits in absurde Dimensionen hinein - so will diese schwarze isländische Dramödie auf die Schwäche der menschlichen Natur aufmerksam machen, die sich unter Einsatz erfinderischer Kampfmethoden schnell in einer Abwärtsspirale verfangen kann.
Die trauergeplagte Inga und ihr resignierter Mann Baldvin verweigern ihren Nachbarn Eybjorg und Konrad den Wunsch nach mehr Sonne, und lehnen es ab, ihren reichlich Schatten spendenden Baum zurückzustutzen, der in den Nachbargarten hineinragt. Anfangs fallen nur beleidigende Worte, es folgen jedoch bald gegenseitige Anschuldigungen und daraufhin Taten, ans Absurde grenzend. Wären wir nicht im Kino, könnten wir es kaum glauben. Und da wir im Kino sind, fragen wir uns - wie weit kann man gehen, um das eigene Recht einzufordern?
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Netop Films


Das Ende der WahrheitDas Ende der Wahrheit
Spätestens seit dem Fall Hans-Georg Maaßen stehen Verfassungsschutz und deutsche Geheimdienste in der Kritik. Verfassungsschutz-Chef Maaßen bezweifelte, dass es Hetzjagden auf Ausländer in Chemnitz gegeben hatte, und machte seine Privatmeinung öffentlich. Und sie kochen ihr eigenes Süppchen, weitestgehend unbeaufsichtigt, die Leute von Bundesnachrichtendienst (BND) und Co. Wie sehr, das zeigt dieser intelligente, sehr gut inszenierte und gespielte Polit-Thriller von Philipp Leinemann ("Wir waren Könige"). Leinemann recherchierte in der Szene und stellte eine Paranoia fest, bemerkte er beim 40. Filmfestival Max Ophüls Preis 2019 in Saarbrücken, "Das Ende der Wahrheit" eröffnete das Filmfest. Der Regisseur erzählte, nach konspirativen Treffen bei gemeinsamem Essen mit Geheimdienstlern verbrannten diese "die Quittung in der Kerzenflamme". "Authentisch" sei sein Film, fuhr Leinemann fort, ein Film, der von einem BND-Mann namens Martin Behrens (Ronald Zehrfeld) handelt, dessen eigene Leute nicht gesetzeskonform agieren, muss Behrens feststellen.
Von Michael Dlugosch.
40. Filmfestival Max Ophüls Preis 2019: Eröffnungsfilm
Foto: Prokino


Jibril Jibril
Von einer Liebe, die meist durch Gefängnismauern getrennt ist, erzählt dieser kleine, aber feine deutsche Film. Ein Film, der es auf die Berlinale in der Sektion Panorama 2018 und ein knappes Jahr später auf das 40. Filmfestival Max Ophüls Preis geschafft hat, aber lange um einen Verleih bangen musste, fast keinen Kinostart erhalten hätte, dabei hat er diesen verdient. "Jibril" von der 1984 geborenen Spielfilmdebüt-Regisseurin Henrika Kull hat eine sehr gute Grundstruktur, die die Entstehung des Verliebtseins und sämtliche Höhen und Tiefen durchdekliniert sowie Widerstände gegen die Beziehung nicht außen vor lässt. Einspruch gibt es: Ist die Berliner Deutscharaberin Maryam (Susana Abdulmajid) doch in den inhaftierten Gabriel, genannt Jibril (Malik Adan) verliebt. Maryam wird gefragt: Wie soll der die Frau, die aus einer ersten Ehe drei Kinder mitbringt, versorgen, wenn er mal draußen ist? Die nicht naive, selbstbestimmt lebende Maryam glaubt an wahre Liebe, diese Liebe. Die auch zwischenmenschlich auf die Probe gestellt wird.
Von Michael Dlugosch.
40. Filmfestival Max Ophüls Preis 2019: MOP-Watchlist
Foto: Missingfilms - Filmverleih & Weltvertrieb


Tea with the Dames - Ein unvergesslicher NachmittagTea with the Dames - Ein unvergesslicher Nachmittag
Wenn Judi Dench, prominenteste der vier titelgebenden Dames, kurz vor dem Abspann Pucks Schlussrede aus "A Midsummer Night's Dream" zitiert, ist das der deutlichste vieler feiner Verweise auf die unterhaltsame Illusion, zu der die gestandenen Schauspielgrößen einladen. Der anspielungsreiche Originaltitel passt weit besser zum mokanten Witz und der selbstironischen Schlagfertigkeit Denchs und ihrer langjährigen Freundinnen Eileen Atkins, Maggie Smith und Joan Plowright. Sie gewähren einen prägnanten Einblick in ihre bewegten Biografien und die Frauenfreundschaft, der die filmische Hommage gilt.
Die statische Inszenierung eines hilflosen Roger Michell, dessen Zwischenfragen die einnehmende Gruppendynamik nur hindern, durchbrechen rare Archivaufnahmen, Fotos und Ausschnitte aus Bühnen- und Filmproduktionen. Letzte spielen in dem ebenso imposanten wie facettenreichen Schaffenskatalog eine untergeordnete Rolle, genau wie männliche Partner. In dem unsentimentalen Gruppenporträt geht es um die Frauen und ihr Werk, nicht um Affären und Skandale.
Von Lida Bach.
Foto: Mark Johnson


BorderBorder
In Ali Abbasis atmosphärisch dichter Adaption von John Ajvide Lindqvists gleichnamiger Kurzgeschichte lauern viele Grenzen: zwischen Wildheit und Angepasstheit, Freiheit und Gefangenschaft, Natur und Zivilisation, Mythen und Realität sowie die stärkste von allen, die zwischen Gemeinschaft und Ausgestoßenen. Zu Zweiten gehört die Zollkontrolleurin Tina, verkörpert von einer grandiosen Eva Melander. Sie verleiht der zerrissenen Seele der faszinierenden Hauptfigur die Vielschichtigkeit des Titels der filmischen Fabel, die Motive nordischer Sagen und Volksmärchen zu einer fesselnden Parabel ausspinnt.
Außenseitertum und destruktive Normzwänge sind Kernthemen der gewagten Genremischung um eine symbolische und buchstäbliche Grenzgängerin. Tinas raubtierhafte Gesichtszüge und übermenschliche Instinkte erwecken Abscheu und Furcht von Mitmenschen und Haustieren. Mit der Natur hingegen verbindet sie mystische Vertrautheit, für die Abbasi Bilder voll eigenwilliger Poesie und rauer Schönheit findet. Das Monströse steckt in der (un)menschlichen Gesellschaft, wo Tina mit der Polizei einem Kinderporno-Ring nachspürt.
Von Lida Bach.
Foto: Wild Bunch Germany


Dark Eden - Der Albtraum vom ErdölDark Eden - Der Albtraum vom Erdöl
Ein Dokumentarfilm der Extreme. Die Extreme sind die Vor- und Nachteile der Erdölgewinnung. Was für Vorteile! Das "schwarze Gold" lässt viele Menschen reich werden. Und was für Nachteile: Andere Menschen erkranken an Krebs. Das Herauskristallisieren des Öls aus dem Teersand setzt lebensgefährliche Stoffe frei, die Natur, Tiere und Menschen vergiften. Debütregisseurin Jasmin Herold plante einen Film über das Pro und Contra der Ausbeutung von Bodenschätzen. Sie hatte in den Nullerjahren in Kanada gelebt und vom nordkanadischen Ort Fort McMurray erfahren, in dem eines der größten und letzten Ölvorkommen der Erde liegt. Ein Ort, der Menschen aus aller Welt anzieht. Was Herold nicht beabsichtigte: Sie verliebte sich in einen Mann aus Fort McMurray, den späteren Co-Regisseur des Films, Michael Beamish. Und blieb. Auch nicht beabsichtigt war: Ein persönliches Schicksal fließt in den Film mit ein, der Krebs überfällt Beamish.
Von Michael Dlugosch.
Foto: W-film / Andreas Köhler


Hellboy - Call of DarknessHellboy - Call of Darkness
Wenn ein Regisseur ein Filmprojekt aus Budgetgründen ausschlägt, klingt das schnell nach Größenwahn. Doch schon die Eröffnungsszene der abortierten Fortsetzung dessen, was eine spaßige Comic-Trilogie hätte sein können, beweist, dies war nicht der Fall bei Guillermo del Toro. Sein mit Hellboy-Hauptdarsteller Ron Perlman angetretener Rückzug nach zwei erfolgreichen Adaptionen von Mike Mignolas Vorlage wirkt wie eine kuriose Analogie mit dem Kampf des Titelhelden (David Harbour). Ihn verlockt buchstäblich höllischer Ruhm als apokalyptischer Zerstörer. Ein Posten, den der einst von Nazis mit Hilfe Rasputins heraufbeschworene Halbdämon selbstverständlich nicht ausfüllt. Wahrscheinlich war ihm schlicht das CGI zu schäbig in der Hölle, deren Topographie und Kreaturen aussehen wie aus einem antiquierten PC-Spiel. Del Toros atmosphärische Düsterkeit ersetzt generischer Kinderhorror, so einfallslos wie die funktionalistische Story um "Blutkönigin" Nimue (Milla Jovovich). Ihr Rachefeldzug gegen die Menschen, deren Geheimbünde Schattenwesen methodisch ausrotten, hat eine komplexe Motivation, die Drehbuchschreiber Andrew Cosby plump übergeht.
Von Lida Bach.
Foto: Universum Film


Friedhof der Kuscheltiere (2019)Friedhof der Kuscheltiere (2019)
Der Unterhaltungsfaktor von Stephen Kings Romanvorlage ist nicht Grauen, sondern sardonische Freude am grotesken Untergang einer weißen konservativen Vorzeigefamilie, heraufbeschworen durch Ignoranz, Charakterschwäche und Selbstmitleid deren männlichen Oberhaupts. Diese düstere Komik verleiht dem kompromisslosen Ende ein subversives Potenzial, das Mary Lamberts Adaption geflissentlich überging. Dreißig Jahre später ist die Zeit überreif für eine hintersinnige Neuverfilmung, doch Kevin Kölschs und Dennis Widmyers Erweckungsversuch ist ähnlich krude und kontraproduktiv wie die des Hauptprotagonisten Louis Creed (Jason Clarke).
Der hat mit Gattin Rachel (Amy Seimetz) nicht nur nie über beider Glaubensdifferenzen geredet, sondern übersehen, dass ihr neues Familienheim an eine verfluchte Ureinwohner-Begräbnisstätte grenzt. Als er dank des alten Nachbarn Jud (John Lithgow) deren grausige Wiederbelebungsmacht an der überfahrenen Katze seiner neunjährigen Tochter Ellie (Jeté Laurence) erlebt, macht er davon ausgiebig Gebrauch. Denn Zombifizierung geliebter Verstorbener ist ja ein total naheliegender Entschluss.
Von Lida Bach.
Foto: 2018 Paramount Pictures / Fotograf: Kerry Hayes



Neue Rezensionen


Frisch gepresst
Zwar ist einer der Protagonisten aus der romantischen Komödie "Frisch gepresst" im Besitz einer riesenhaften Orangensaftpresse, doch auf den Vorgang der Saftherstellung spielt der Titel mitnichten an. Vielmehr meint das "Pressen" die Geburt eines Kindes, die in der gleichnamigen Buchvorlage von Susanne Fröhlich am Anfang des Geschehens steht. In der Verfilmung von Regisseurin Christine Hartmann rückt die Geburt indes ans Ende der Erzählung und der Weg hin zum Mutterglück in den Mittelpunkt. Die durchaus zeitgenössische Frage, inwieweit der Nachwuchs die eigene Selbstaufgabe in sich birgt und wie Karriere und Mutterschaft vereinbar sind, markiert dabei den thematischen Kern.
Der komplette Film gemahnt an unzählige romantische Komödien vor ihm. Sattsam bekannt sind die überzeichneten Figuren und Ereignisse sowie der routinierte Handlungsverlauf, der von der romantischen Tuchfühlung über das katastrophale Missverständnis zum erlösenden Happy End führt.
Von Christian Horn.

Ghosted (2009)
In der Regel begegnen uns Geister im Kino in einschlägigen Mystery- und Gruselfilmen. Insbesondere das asiatische Kino hat das Motiv in den letzten Jahren mit Filmen wie "The Eye" oder "Ring" zu neuen Blüten getrieben. Nun greift die deutsche Regisseurin Monika Treut das Thema auf und verbindet es in ihrem Film "Ghosted" mit westlichen Motiven. Dabei hat sie keinen Gruselfilm im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr eine subtile und genau beobachtete Charakterstudie entworfen, eine Parabel über den Verlust eines geliebten Menschen und - gleichsam nebenbei, auf der Metaebene - einen Film über das Kino.
Die Hamburger Videokünstlerin Sophie (Inga Busch) verliebt sich in die taiwanesische Schönheit Ai-Ling (Ke Huan-Ru). Die beiden leben eine zeitlang in Hamburg zusammen, bis Ai-Ling unter ungeklärten Umständen ums Leben kommt. Sophie, die den Verlust nur langsam verkraftet, reist nach Taipeh. Dort trifft sie eine Journalistin, die mehr über Ai-Lings Tod erfahren möchte und zunehmend als eine Wiedergängerin der Verstorbenen erscheint.
Von Christian Horn.

Happy Feet 2
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm - das gilt wohl auch für Kaiserpinguine. Denn wie sein Vater Mumble (Stimme im Original: Elijah Wood) aus dem ersten Teil tanzt auch Sprössling Erik aus der Reihe, indem er sich den Traditionen seiner antarktischen Pinguin-Kolonie verweigert. Sollte Mumble im Oscar-Gewinner "Happy Feet" noch singen und das von ihm geliebte Steppen unterbinden, sieht Erik im mittlerweile gesellschaftsfähigen Stepptanz keinen Sinn und will stattdessen - nach dem Vorbild des Papageitauchers Sven, der sich als komischer Pinguin ausgibt - lieber fliegen lernen. In der 3D-Fortsetzung seines Animationsfilms stellt Regisseur George Miller also erneut einen Außenseiter ins Zentrum. Dieses Mal agiert der Vater jedoch gleichberechtigt neben dem Sohn, weswegen "Happy Feet 2" schlussendlich auch eine Vater-Sohn-Geschichte ist. Die frohe Botschaft bleibt, was diesen Part des Films angeht, aber dieselbe: Jeder hat ein Recht aufs Anderssein und eigene Träume.
Von Christian Horn.

Ich, Daniel Blake
Ken Loach ist der große Linke des Weltkinos. Mehr denn je zeigt er dies in dem Film "Ich, Daniel Blake", für den er viele Auszeichnungen erhielt, darunter die Goldene Palme der Filmfestspiele Cannes 2016. Sein Sozialdrama ist beinahe dokumentarisch angelegt, wenn die Titelfigur gegen die bürokratischen Windmühlen kämpft. Wehe, man wird krank - der Staat lässt einen fallen, stellt Loach klar. Sein Daniel Blake (Dave Johns), ein 59-jähriger Schreiner, der nach einem Herzinfarkt vorerst nicht mehr arbeiten darf, hat das Recht auf Krankengeld, da er immer einzahlte. Aber es wird ihm verweigert. Der Hintergrund ist: Das "Employment and Support Allowance"-Programm der britischen Regierung wird von einem privaten Unternehmen geleitet. Es möchte Profite kassieren. Leidtragende sind kranke Bürger.
Ken Loach macht es den Zuschauern nicht leicht, böse und zielgerichtet - gut so! - unterbreitet der Filmemacher den Kinogängern die Dramatik der unfreiwilligen Armut, finanziell wie in Sachen Ohnmacht gegenüber der Obrigkeit.
Von Michael Dlugosch.

Im Oktober werden Wunder wahr
In einer der ersten Einstellungen der peruanischen Tragikomödie "Im Oktober werden Wunder wahr" sitzt Clemente (Bruno Odar), der männliche Protagonist, alleine am Frühstückstisch in seiner zweckmäßig eingerichteten Wohnung, zerdrückt lustlos ein gekochtes Ei mit der Gabel und isst darauf sein Eierbrötchen ohne eine Miene zu verziehen. Schon in dieser - vielleicht etwas zu gewollt Arthouse-mäßigen Eingangsszene - erahnt die/der Zuschauer/in zentrale Wesenszüge des ortsansässigen Pfandleihers, die sich im weiteren Verlauf bestätigen: Er lebt einsam, zurückgezogen und ökonomisch nach einem klar einstudierten, immer gleichen Tagesablauf. Das kann ja nicht glücklich machen, denkt man sich; aber Clemente scheint mit dem monotonen Ablauf zufrieden und kaum zu ahnen, dass die zwischenmenschlichen Beziehungen, die er nicht pflegt, ihm womöglich gut tun würden. Die beiden Brüder Daniel und Diego Vega Vidal, die ihren ersten Langfilm gemeinsam inszeniert und geschrieben haben, zwängen ihrem Protagonisten eine solche Bindung alsbald auf.
Von Christian Horn.

Jesus liebt mich
Falls die Welt am 21. Dezember - also einen Tag nach dem Kinostart von "Jesus liebt mich" - tatsächlich untergeht, erübrigt sich diese Rezension. Falls nicht, könnte es daran liegen, dass in unserer Welt etwas ähnliches passiert ist wie in der Handlung des Films: Da besucht Jesus (Florian David Fitz) die Erde, um die für "nächsten Dienstag" angesetzte Apokalypse einzuleiten. Vorher will sich der Messias aber noch ein Bild von den Menschen machen und lernt Marie (Jessica Schwarz) kennen, die seiner früheren Flamme Maria Magdalena ähnlich sieht. Während der Erzengel Gabriel (Henry Hübchen), auf Erden ein trinkfester Dorfpfarrer, seine große Liebe Sylvia (Hannelore Elsner) zurückgewinnen will, entwickelt sich zwischen Jesus und Marie eine Romanze, die das Ende der Welt auf den letzten Drücker abwenden könnte.
Das zentrale Thema der Jesus-Romantikkomödie von Florian David Fitz, der gleichzeitig auch die Hauptrolle spielt, ist erwartungsgemäß die Liebe.
Von Christian Horn.

Körper und Seele
Wie sich die Seele unter der dünnen Haut aufbäumen und zusammenkauern kann scheint dieser Film ergründen zu wollen. Wie unentdeckt dies bleiben kann, solange niemand hinschaut. Und welches Glück möglich ist, wenn man sich aus seiner Verwundbarkeit heraustraut. In einem Budapester Schlachthaus stellen die neu eingestellte Qualitätskontrolleurin Mária (Alexandra Borbély) und ihr Kollege Finanzchef Endre (Géza Morcsányi) durch einen (an Woody Allens Stil erinnernden) Zufall fest, dass sie nachts denselben Traum haben. Was tut man mit so einer Erkenntnis? Läuft man schreiend auseinander? Ergründet man das Unvorstellbare? Verbindet man Realität und Traum?
Die autistisch veranlagte Mária, die in jahrelanger mühevoller Arbeit soziale Konventionen und emotionale Reaktionen anhand von Gesichtsmustern erlernen musste, wird aus ihrem inneren Dornröschenschlaf geweckt, als sie auf den höflichen und behutsamen aber lethargischen und ausgebrannten Endre trifft.
Von Hilde Ottschofski.

The Limehouse Golem
Krimihandlungen im düsteren viktorianischen London faszinieren seit den Geschichten von Sherlock Holmes und seit dem Serienmörder Jack the Ripper. 1880 und damit in der Zeit vor den Morden des nie Gefassten an Prostituierten ist "The Limehouse Golem" angelegt, eine Literaturverfilmung, basierend auf Peter Ackroyds Roman "Dan Leno and the Limehouse Golem" (1994). Regisseur Juan Carlos Medinas zweiter Film nach "Painless - Die Wahrheit ist schmerzhaft" wechselt zwischen zwei Genres hin und her: Neben der blutrünstigen Story um Serienmorde hat der Film sehenswerte Varieté-Szenen. Zwei Figuren stehen im Mittelpunkt: Es sind Scotland-Yard-Inspektor Kildare (wie immer charismatisch: Bill Nighy), der herausfinden muss, wer der Golem ist, und die junge Komödiantin Lizzie Cree (Olivia Cooke). Ihr Leben, ihr Aufstieg in der Music-Theatre-Welt bis zu ihrem Absturz als mutmaßliche Giftmörderin, wird in Rückblenden erzählt.
Von Michael Dlugosch.

Mr. Morgan's Last Love
Ihren bislang größten Erfolg feierte die Filmemacherin Sandra Nettelbeck 2001 mit ihrer charmanten Tragikomödie "Bella Martha", die von einer tollen Martina Gedeck in der Hauptrolle profitierte. Der Film erfuhr im Jahr 2007 mit "Rezept zum Verlieben" sogar ein Hollywood-Remake mit Catherine Zeta-Jones und Aaron Eckhart. Weniger Erfolg an den Kinokassen brachte Nettelbeck indes das ernste Drama "Helen" (2009) - unter anderem dadurch erklärt es sich wohl, dass die Regisseurin mit "Mr. Morgan's Last Love" erneut einen lebensbejahenden und romantischen Film inszeniert, der vom Erzählton her bisweilen an "Bella Martha" erinnert.
Die Adaption des französischen Erfolgsromans "Die letzte Liebe des Monsieur Armand" verändert die Literaturvorlage in einem entscheidenden Punkt: Aus dem Protagonisten, der im Buch ein Franzose ist, macht Nettelbeck den von Michael Caine gespielten Amerikaner Matthew Morgan, der seinen tristen Lebensabend in Paris verbringt. Seit dem Krebstod seiner Frau zieht sich der ehemalige Philosophieprofessor, der kaum Französisch spricht, immer tiefer in seine Trauer zurück. Rein zufällig lernt Matthew die junge und warmherzige Pauline (Clémence Poésy) kennen.
Von Christian Horn.

90 Minuten - Das Berlin Projekt
Während der Berliner Premiere seines neuen Films "90 Seconds" hetzt der Schauspieler Sebastian (Blerim Destani) durch die Hauptstadt, um den Sektenführer Guru (Udo Kier) zu töten, den er für den Selbstmord seiner Freundin Hannah (Nicolette Krebitz) verantwortlich macht. Eineinhalb Stunden bleiben Sebastian, um seinen Plan in die Tat umzusetzen und pünktlich zum Abspann wieder im Kinosaal zu sein.
Der Clou an dem unglücklich betitelten Thrillerdrama "90 Minuten - Das Berlin Projekt" ist ganz fraglos seine Machart. Der mazedonische Regisseur Ivo Trajkov unternimmt gemeinsam mit seinem Kameramann Suki Medencevic den ambitionierten Versuch, die titelgebenden 90 Minuten in Echtzeit zu erzählen und inszeniert die Geschichte als rasante Plansequenz, die über die gesamte Laufzeit ohne einen sichtbaren Schnitt auskommt. Die von Suki Medencevic versiert geführte Handkamera bleibt immer dicht beim Protagonisten, der sich vom Zoopalast aus durch die Berliner Stadtlandschaft bewegt und dabei unter stetigem Zeitdruck steht.
Von Christian Horn.

Oblivion
Die Erde im Jahr 2073: Seit einem Krieg gegen Außerirdische ist der Planet verwüstet und radioaktiv verseucht, weswegen die letzten Menschen auf einen Mond des Saturn geflüchtet sind. Nur die Techniker Jack (Tom Cruise) und Victoria (Andrea Riseborough) halten die Stellung in der alten Heimat, um den Abbau wichtiger Ressourcen zu überwachen: Monströse, von Flugdrohnen bewachte Fördertürme entziehen den Weltmeeren das Wasser, das die Menschheit am anderen Ende des Sonnensystems benötigt. Ein Problem stellen einige auf der Erde verbliebene Aliens dar, die regelmäßig die Drohnen und Fördertürme sabotieren. Doch als ein altes Raumschiff auf die Erde stürzt und Jack die Überlebende Julia (Olga Kurylenko) rettet, nehmen die Ereignisse eine existenzielle Wendung.
Dass Joseph Kosinski ursprünglich Werbespots drehte, merkt man seinem Kinodebüt "Tron: Legacy" ebenso an wie "Oblivion", der Verfilmung einer Graphic Novel des Regisseurs.
Von Christian Horn.

Paterson
Jim Jarmusch hatte für seinen zwölften Spielfilm "Paterson" 2016 eine kuriose Idee: Der Filminhalt präsentiert dem Kinopublikum nichts Besonderes, ein junges Paar, Paterson und Laura (Adam Driver, Golshifteh Farahani) wird in seinem gewöhnlichen Alltag gezeigt. Es scheint ein großer Spaß Jarmuschs zu sein, den er sich erlaubt, denn im Leben der männlichen Hauptfigur passiert nicht gerade viel. Einmal wird eine Waffe gezogen. Baut also Jim Jarmusch Action in seiner Story ein? Auch da erlaubt er sich einen Joke: Die Waffe enthält Schaumstoff-Kugeln. Diese Szene und eine weitere, in der der Hund des Paars ein Notizbuch zerfetzt, sind die Höhe- oder vielleicht Tiefpunkte des Films, denn "Paterson" braucht diese Szenen nicht, um eine hervorragende Wirkung zu erzielen. Damit, dass der Regisseur das Kino entschleunigt. Der Film funktioniert als absoluter Gegenentwurf zum Kino-Bombast. Ja, kurz gesagt, er funktioniert.
Von Michael Dlugosch.

Poll
Die Zeit um 1900 ist eine Phase des Umbruchs. Die industriellen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts, neue Perspektiven der Wissenschaft, die Bildung von Nationalstaaten und das Erkennen globaler Zusammenhänge - all das mündete, könnte man verkürzend behaupten, in den Ersten Weltkrieg. Am Ende dieser als Fin de Siècle bekannten Schwellenzeit, im Jahr 1914 und damit am Vorabend des Ersten Weltkriegs, spielt "Poll".
Der Hauptschauplatz von "Poll", eine herrschaftliche Villa an der baltischen Ostsee, beschreibt die Atmosphäre des Historiendramas besser als jeder andere Bestandteil des Films. Auf bedrohlich klapprig wirkenden Stelzen ist das Haus direkt ans Meer gebaut, verfaulendes, morsches Holz macht Teile des Gebäudes unbegehbar. In einem Labor betreibt der Arzt Eddo von Siering (Edgar Selge) auf eigenes Geheiß absonderliche Studien am menschlichen Gehirn, für die er illegal erworbene Leichen estnischer Widerständler seziert, während seine 14-jährige Tochter Oda (Paula Beer) auf dem Dachboden den verwundeten Esten "Schnaps" (Tambet Tuisk) versteckt.
Von Christian Horn.

Possession - Das Dunkle in Dir
Nach der elterlichen Scheidung leben die zehnjährige Emily (Natasha Calis) und ihre Schwester Hannah (Madison Davenport) abwechselnd bei Vater (Jeffrey Dean Morgan) und Mutter (Kyra Sedgwick). Auf einem Flohmarkt ersteht der Vater eine alte Holzkiste für Emily, die aus einer Hausratsauflösung stammt. Dass in dieser unheilvollen Kiste ein uralter Dybbuk steckt, bekommt die Familie bald am eigenen Leib zu spüren: Der Dybbuk, ein Totengeist aus der jüdischen Folklore, zehrt nämlich von den Seelen der Lebenden. Das sonderbare Verhalten Emilys und urplötzlich zuknallende Türen markieren die ersten Stationen auf dem Weg in den Abgrund.
Das handwerkliche Know-how schlägt sich in der über weite Strecken stimmungsvollen Atmosphäre und den finsteren Bildern nieder. Auch die Darsteller - allen voran Natasha Calis als Besessene - können überzeugen. Zum spannenden Horrorfilm verdichten sich diese Zutaten jedoch nicht, da "Possession" abgesehen von zwei, drei Schockmomenten keine Überraschungen bietet und lediglich aus Versatzstücken des Genres besteht.
Von Christian Horn.

Prince of Persia: Der Sand der Zeit
Im Großen und Ganzen macht Jake Gyllenhaal, der Titelheld aus "Prince of Persia", nichts anderes als sein Vorbild aus der gleichnamigen Jump 'n' Run-Serie: Er rennt und springt durch das persische Königreich, um die Welt sowie eine schöne Frau zu retten. Seiner Vorlage wird der Bruckheimer/Disney-Abenteuerfilm von Mike Newell ("Harry Potter und der Feuerkelch") also auf den ersten Blick gerecht, den Ansprüchen an große Kino-Unterhaltung jedoch nur bedingt.
Die vielversprechende narrative Ausgangslage geht im allgemeinen Krawall immer mehr verschütt, bis sie nur noch im Hintergrund rauscht. So liegt es an den vielen Schauwerten - von Schlangen über Messerwerfer bis zu Zeitreisen ist einiges dabei - die vielen Ungereimtheiten der Story marktschreierisch zu übertünchen. Doch die erzählerische Hektik, die auch in der Montage reichlich Niederschlag findet, laugt naturgemäß schnell aus.
Von Christian Horn.

R.E.D. 2 - Noch Älter. Härter. Besser.
Eigentlich will sich Frank (Bruce Willis) nach seinem letzten Einsatz endgültig zur Ruhe setzen und mit seiner Freundin Sarah (Mary-Louise Parker) eine ruhige Kugel schieben. Als ihn sein überdrehter Ex-Kollege Marvin (John Malkovich) für einen Auftrag rekrutieren will, schlägt Frank das Angebot voller Überzeugung aus. Doch bald darauf überschlagen sich die Ereignisse: Auf Marvin wird ein Anschlag verübt und die CIA entführt Frank, der angeblich Informationen zu einer verschwundenen Atombombe haben soll. Mit Marvins Hilfe gelingt Frank die Flucht und postwendend befindet sich der alte Hase an der Seite von Marvin und Sarah in einem neuen Abenteuer, das die Truppe unter anderem nach Paris und Moskau führt. Während das Trio den Verbleib der Bombe klären will, setzt die CIA einen gefährlichen Profikiller (Byung-Hun Lee) auf die Gruppe an - zusätzlich beauftragt der MI-5 Franks vormalige Mitstreiterin Victoria (Helen Mirren) mit der Liquidierung ihres alten Kumpels.
Von Christian Horn.

Sein und haben
Dieser grandiose Film ist eine mit viel Liebe gemachte, anrührende Dokumentation über eine von Hunderten von Dorfschulen in Frankreich, wo alle Schüler in eine Klasse passen. Schauplatz ist die Schule in Saint-Étienne-sur-Usson in der Auvergne. Georges Lopez unterrichtet ganz allein eine Klasse mit dreizehn Schülern im Alter von vier bis zwölf Jahren. Mit Geduld, Hingabe und Liebe betreut er diese verschiedenen Kinder mit ihren unterschiedlichen Charakteren, Fähigkeiten und familiären Hintergründen und hilft ihnen sanft dabei, ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln.
Die Kleinen im Vorschulalter sitzen um einen runden Tisch herum, die älteren Kinder auf Schulbänken. Und die Großen helfen den Kleinen. Vom strengen Winter bis zu den ersehnten Sommerferien folgen wir dem Lernprozess. Zwischendurch zeigt die Kamera fast lyrische Bilder einer sich während der Jahreszeiten verändernden Landschaft in dieser nur dünn besiedelten ländlichen Region.
Von Manfred Lauffs.

Der Tag wird kommen
Die französischen Regisseure Benoît Delépine und Gustave Kervern machten das Publikum mit eigenwilligen und tragikomischen Filmen wie "Louise Hires a Contract Killer" oder "Mammuth" auf sich aufmerksam. Ihr neuster Streich, die Anarcho-Komödie "Der Tag wird kommen", feierte seine Weltpremiere in Cannes und erhielt dort den Spezialpreis der Jury. Auf eine Weise ist diese Entscheidung verständlich, denn als lautstarke Satire auf den Kapitalismus unterhält die Absage an Alles durchaus und regt sogar zum eigenständigen Denken an - andererseits verpuffen recht viele der zahlreichen Gags und hinterlassen bisweilen den Eindruck einer beliebigen Abfolge von Klamaukeinlagen.
Die Brüder Jean-Pierre (Albert Dupontel) und Ben (Benoît Poelvoorde) treffen nur gelegentlich im Kartoffel-Restaurant ihrer Eltern oder in der Gegend um ein tristes Einkaufszentrum aufeinander. Das verwundert kaum, denn während Jean-Pierre als erfolgloser Matratzenverkäufer mit Frau und Kind im Eigenheim lebt, flaniert Ben als Punker mit seinem Hund durch die Straßen und torpediert das Spießbürgertum mit einer chaotischen Privat-Revolution.
Von Christian Horn.

Der Vorname (2018)
Alles ist gut vorbereitet. Es soll ein schönes Abendessen werden, in gutbürgerlicher, intellektuell anspruchsvoller Atmosphäre. Grundschullehrerin Elisabeth - die zugleich die ganze Geschichte aus dem Off erzählt - und ihr Mann, der Literaturprofessor Stephan, erwarten entspannt ihre Gäste. Als erster kommt René, ein langjähriger Freund, von Beruf Klarinettist, kurz darauf erscheint Elisabeths Bruder Thomas und mit einstündiger Verspätung dessen schwangere Ehefrau Anna. Natürlich stellt man sofort die Frage: Wie soll das Kind denn heißen? Nun, Thomas lässt raten! "Fängt mit A an!" Alexander? Andreas? Asterix? Alles falsch. Der geplante Vorname wird genannt und entpuppt sich als politisch völlig unkorrekt: Adolf! Was zu einer immer heftigeren Auseinandersetzung führt. Wie kann man ein Kind nach einem der größten Verbrecher nennen? Aber andererseits: Kann der Name etwas dafür, dass ein Bösewicht ihn trug?
Von Manfred Lauffs.

 



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Zitat

"Dass er als ehemals verfolgter polnischer Jude nach dem Zweiten Weltkrieg in das Land der Mörder seiner Familie ging, um Filme zu produzieren und sich auch für den demokratischen Wiederaufbau Deutschlands engagiert einsetzte, ist ein wahres, ein großes Geschenk für unser Land. ... Zumal Artur Brauner dies [das Produzieren von Filmen über den Holocaust; Red.] schon in einer Zeit vorantrieb, in der man in Deutschland die eigene Schuld und die Mitwirkung an den Verbrechen der Nazis noch eher verdrängte, als diese aufzuarbeiten."

Kulturstaatsministerin Monika Grütters zum Tode des legendären Filmproduzenten Artur "Atze" Brauner (1. August 1918 - 7. Juli 2019)

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