Aktuelle Filme


The Report (2019)The Report (2019)
Stellenweise wird Scott Z. Burns' zweite Regiearbeit ähnlich erschöpfend wie der titelgebende Bericht des Hauptcharakters (exzellent: Adam Driver), doch im Endeffekt profitiert die nüchterne Inszenierung von einer dramatischen Zurückhaltung, die in Enthüllungsthrillern genauso rar ist wie der Fokus auf sachliche Wahrhaftigkeit. Deren Gegenteil repräsentiert auf filmischer Ebene Kathryn Bigelows "Zero Dark Thirty". Dessen Trailer erinnert Daniel Jones in einer Szene an die omnipräsente Macht des perfekt geölten Propagandaapparats und den verschwindend geringen Wert ethischen Gewissens.
Letztes ist das Momentum der unterkühlten Handlung, die Entstehung, Vervollständigung und Veröffentlichung des in einem halben Jahrzehnt mühseliger Büroarbeit in düsteren Kellerräumen erstellten Dokuments nachzeichnet. Der turmhohe Papierberg mit Belegen der Widerwärtigkeit, Widerrechtlichkeit und Nutzlosigkeit systematischer Folter seitens CIA und FBI zur vorgeblichen Verhinderung terroristischer Anschläge nach 9/11 umfasst mehr, als Jones' Auftraggeberin Senatorin Dianne Feinstein (Annette Bening) je erwartet hatte.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 7. November 2019
Foto: Atsushi Nishijima


Der DistelfinkDer Distelfink
Vor erschöpfender Belanglosigkeit bewahren John Crowleys überlangen Kunstraub-Krimi weder die untrennbar mit seiner Historie verknüpfte Faszination des Titelbildes noch die Qualität Donna Tartts Pulitzer-gekrönter Vorlage. Deren geschickte Installation eines Museumsstücks als psychologischer Fluchtpunkt im unbeständigen Leben des Hauptcharakters Theo Decker (Oakes Fegley) sowie Symbol für Vergänglichkeit und den verzweifelten Versuch, ihr Objekte oder Erinnerungen zu entreißen, macht Drehbuchautor Peter Straughan zum schnöden McGuffin: kurioses Momentum einer ohne Kenntnis des Romans kaum verständlichen Handlung.
Der Werdegang Theos, der bei einer Explosion im Met seine Mutter verliert, Fabritius' "Distelfink" klaut und aufsteigt zum brillanten Restaurator und Fälscher (monoton: Ansel Elgort), erscheint nie als glaubhafte Persönlichkeitsentwicklung, oft nicht einmal praktisch machbar. Zeitsprünge und narrative Lücken erodieren neben dem Handlungsgerüst das psychologische Fundament des (Anti)Helden. Dessen Motive und Gefühle bleiben unklar, vernebelt von traumatischen Erinnerungsfetzen und Drogensucht. Nebenfiguren sind statt Individuen wandelnde Allegorien philosophischer Dilemmata, welche die dröge Adaption nicht erfasst.
Von Lida Bach.
Foto: 2018 Warner Bros. Entertainment Inc. and Amazon Content Services LLC; Foto-Credit: Macall Polay


Downton AbbeyDownton Abbey
Musikalisch zart moduliert und mit kunstvoll umgearbeitetem Intro hinter grandiosen Luftaufnahmen des in die Abendsonne getauchten Gutshauses - so kommt das opulente und heiß erwartete Kinospektakel der Familien- und Dienerschaftssaga daher. Glückliche Menschen, liebende Paare, jeder hat Seins gefunden, bis hin zum letzten Schwerstvermittelbaren. Was könnte das Happy End der sechsten Staffel 2015 dieser wunderbaren, dramatischen, vom Schicksal nicht verschonten aber anpassungsfähigen Familie und ihrer befreundeten Bediensteten noch übertreffen? Der Besuch des Königspaares! Wie schön! Aber wie muss man staunen, dass außer dem royalen Besuch nichts mehr Nennenswertes auf der Leinwand passiert. Kleine Stürme im Wasserglas, die schnell abgehakt sind und dann geht es weiter mit pomp and circumstance.
Glanz und Gloria der Monarchie, viel "we are not amused", jede Menge Topping und kein Inhalt. Auch die herrliche Ausstattung, bunte und elegante Roben, aufblitzender Schmuck, brav gekämmte Frisuren und Wasserwellen, und die vielen schönen Gesichter mit dem makellosen Lächeln können über die Inhalts- und Einfallslosigkeit des Films nicht hinwegtäuschen.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: 2019 Focus Features LLC


Es Kapitel 2Es Kapitel 2
Mit dem fiktiven Kleinstadtkosmos des Handlungsschauplatzes Derry abzuschließen, fällt Andy Muschietti ähnlich schwer wie dem Losers' Club, den Mike (Isaiah Mustafa) nach 27 Jahren zurückruft. Doch mehr als das unterliegende Motiv schöner, schrecklicher und verdrängter Kindheitserinnerungen, das die (alb)traumartige Atmosphäre von Stephen Kings Vorlage und "Kapitel 1" des Zweiteilers prägte, interessieren den Regisseur auf Maximalekel abzielende Set-Pieces. Sie reduzieren die stagnierende Handlung zur Geisterbahnfahrt, deren melancholische Zwischenstopps reizvoller sind als die grausigen Attraktionen.
Von ambivalenter Nostalgie begleitete Rückblenden sind fragiles Fundament einer Story, die paradoxerweise zu viel von King beinhaltet - sogar persönlich. Die Überlänge seiner Cameos ist symptomatisch für eine Inszenierung, die wiederholt auf der Stelle tritt, dann elementare Passagen überspringt. Exzessiver Bodyhorror entwickelt nie die omnipräsente Bedrohlichkeit von Pennywise (Bill Skarsgård) als creepy Clown. Die Ursprünge dieses Wahlkostüms werden enttäuschend vernachlässigt, ebenso Henry Bowers' (Teach Grant) Rückkehr. Dabei ist seine reale Aggression ein maßgeblicher Katalysator der monströsen.
Von Lida Bach.
Foto: 2019 Warner Bros. Entertainment Inc./Foto-Credit: Brooke Palmer


Frau SternFrau Stern
"Frau Stern" ist ein Film, der das Leben feiert, doch beginnt er mit dem Satz "Ich will sterben." Die Protagonistin, die das sagt, wird es sich anders überlegen. Nicht nur, weil die alte Dame keine Waffe findet, obwohl sie so viele Leute um eine bittet. Auch, weil sie das Leben neu kennenlernen wird. Selbstmordgedanken treffen im Film auf jüdischen Humor. Dies ist ein Wagnis, das Regisseur Anatol Schuster in seinem zweiten Spielfilm nach "Luft" (2017) eingeht - und er gewinnt trotz des hohen Risikos. Der Humor zeigt sich, wenn die alte Jüdin Frau Stern (Ahuva Sommerfeld) sich auf ein Gleis legt, und ein Spaziergänger vorbeikommt und sie wieder hochzieht. Er zeigt sich, wenn Mitmenschen sie auf ihre übertriebene Nikotinsucht hinweisen. Frau Stern entgegnet: "Das KZ habe ich überlebt. Das Rauchen werde ich auch noch überleben." Auch ihrem Hausarzt passt ihre Sucht nicht. Was geschieht? Er wird mit ihr rauchen.
Manche Durchhänger hat der Film, doch die Machart ist ansonsten passabel.
Von Michael Dlugosch.
40. Filmfestival Max Ophüls Preis 2019: Wettbewerbsfilm
Foto: Neue Visionen Filmverleih


I Am MotherI Am Mother
Wie toll ist das denn: Roboter, die uns die lästigsten wiederkehrenden Arbeiten abnehmen wie Putzen, Spülen, Essen zubereiten, Einkäufe erledigen. Bei einer Roboter-"Mutter" kommen dann auch noch Windeln wechseln, Fläschchen geben, Spielen, Tränen trocknen - später auch das Unterrichten hinzu. Auch schon als Robin Williams im Film "Der 200 Jahre Mann" (1999) alias Roboter Andrew den dienstbaren Familien-Roboter verkörperte, stellte sich die Frage, wie viel Mensch steckt im Roboter? Diese Frage stellt auch die Serie "Humans" - wo Roboter nur noch an ihrer Augenfarbe und den leicht steifen Bewegungen von den Menschen zu unterscheiden sind. So kommt es, dass auch bei einer Robotermutter, die äußerlich noch wie eine Maschine aussieht, menschliche Eigenschaften zu finden sein müssen, damit sie empathisch ist, um mit einem Baby umzugehen. Im Film "I Am Mother" kann die überkontrollierende Robotermutter Gefühlsausdrücke erkennen, mithilfe von Überwachungsquellen wie Temperatur, Blutdruck, Herzfrequenz, Transpiration.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Concorde Filmverleih


Axel der HeldAxel der Held
Der Filmtitel ist zunächst pure Ironie: Axel (Johannes Kienast) ist kein Held, keineswegs. Wie sollte er auch, der gutaussehende junge Mann ist ein Gefangener, hoch verschuldet bei Manne (Sascha Alexander Geršak), einem Großkotz, der nicht vor Gewalt zurückschrecken wird. Bleibt Axel, der für Manne Mädchen für alles ist, zum Beispiel das Klo repariert, ein Verlierer? Keine Freunde, keine Beziehung sind für den Loser Axel in greifbarer Nähe, auch wenn der Großgrundbesitzer Manne in Jenny (Emilia Schüle) eine Freundin hat, die Axels Jugendliebe war. Der junge Mann lebt in einer heruntergekommenen Datsche neben der Hühnerfarm seines Gläubigers, dort nebendran wohnt der ältere Heiner (Christian Grashof), auf dessen Grundstück Manne scharf ist. Heiners Huhn muss dran glauben, damit der Alte davon "überzeugt" wird, zu gehen. Aber dieser wehrt sich. Indianer kennen keinen Schmerz, erklärt Heiner, der sich für Winnetou hält und Axel zu seinem Old Shatterhand macht.
Regisseur Hendrik Hölzemann schildert dem Publikum mit Humor und viel Blut eine moderne Märchenhandlung.
Von Michael Dlugosch.
Foto: W-film / ostlicht


Fisherman's FriendsFisherman's Friends
Freunde britischer Komödien werden an "Fisherman's Friends" ihren Spaß haben: In der Tradition von Filmen wie "Brassed Off - Mit Pauken und Trompeten" (1996) und "Ganz oder gar nicht" (1997) steht der zweite Film des 1985 geborenen Regisseurs Chris Foggin nach "Kids in Love" (2016). Die drei genannten Produktionen zeichnen sich durch eine Struktur aus, die einem bestimmten Prinzip folgt: Die Hauptprotagonisten werden mit einem Problem konfrontiert, gemeinsam lösen sie es bis zum Happy End, garniert mit Humor, meist viel Humor, und Liebesgeschichte(n), zwischenzeitlich treten weitere Probleme auf. Foggin und seinen Drehbuchautoren könnte man vorwerfen, sich zu strikt an diese typische Feel-Good-Movie-Vorgabe zu halten. Nichts wesentlich Neues fügt Foggin dieser Art Brit-Comedy hinzu, der Film ist lieblich, aber: auch sympathisch. Bis auf den Filmanfang - hier muss Foggin erst mal Klarheit schaffen, damit das Kinopublikum die Figuren kennenlernt: Provinzfischer treffen auf Großstadt-Manager, einer von letzteren bleibt vor Ort, weil er an die Shanty-Musik der Seeleute glaubt.
Von Michael Dlugosch.
Foto: Splendid Film


Yesterday (2019)Yesterday (2019)
Auf diesem surrealen Beginn beruht die Story des Films "Yesterday": Der erfolglose britische Sänger Jack Malik (Himesh Patel) wacht nach einem universalen Stromausfall und einem dadurch bedingten Fahrradunfall im Krankenhaus aus dem Koma auf. Als er wenig später seinen Freunden das Lied "Yesterday" vorsingt, finden sie das Lied ganz toll. Keiner aber weiß, dass es von den Beatles stammt. Jack kann das zunächst nicht glauben. Er schaut bei Google nach: Fehlanzeige! Es gibt dort nur "beetle" (= Käfer). Wir Zuschauer müssen uns jetzt vorstellen: eine Welt ohne die legendären Pilzköpfe! Das ist eine ebenso einfache wie geniale Idee, aus der eine wunderbare, lustige, durchweg unterhaltsame Musical-Komödie entsteht. Die verdanken wir der kongenialen Zusammenarbeit von Regisseur und Oscarpreisträger Danny Boyle ("Trainspotting", "Slumdog Millionär") und Drehbuchautor Richard Curtis ("Notting Hill", "Vier Hochzeiten und ein Todesfall") sowie den hervorragenden Schauspielern.
Nachdem der Singer-Songwriter Ed Sheeran - der sich selbst spielt - auf Jack aufmerksam geworden ist und ihn mit auf seine Tournee nimmt, beginnt dessen Karriere richtig Fahrt aufzunehmen.
Von Manfred Lauffs.
Foto: Jonathan Prime/Universal Pictures


Leid und HerrlichkeitLeid und Herrlichkeit
Der Regisseur Pedro Almodóvar hat für "Leid und Herrlichkeit" die bisher wohl autofiktionalsten Szenen aus seinem bewegten Leben einfließen lassen. Dafür hat er wieder seine illustre Filmfamilie um Penélope Cruz und Antonio Banderas zusammengetrommelt - die kennen ihn ja am besten.
Penélope Cruz dreht schon seit 1997 ("Live Flesh - Mit Haut und Haar") mit Almodóvar, kennt seine 1999 (da erschien auch "Alles über meine Mutter" mit Cruz) verstorbene Mutter noch persönlich. Daher ist sie sicher die Idealbesetzung mit erwartbar viel Einfluss für deren Darstellung. Die Altersrolle der Mutter spielt Julieta Serrano. Im Film ist ihr Tod wenige Jahre her. In Rückblenden wird für die Kindheit des Regisseurs besonders viel Zeit verwendet. Hier liegen offensichtlich auch einige Wurzeln seiner femininen Figuren vergraben, die in seinen Filmen immer wieder zutage treten. Der gealterte Regisseur Salvador Mallo (Antonio Banderas) leidet immer noch darunter und unter seinen chronischen Schmerzen und Depressionen.
Von Jürgen Grötzinger.
Foto: Studiocanal / El Deseo / Manolo Pavón


Spider-Man: Far from HomeSpider-Man: Far from Home
Beständiges Unterwandern einer (Schein)Realität als gezielte Täuschung soll die ironische Selbstreflexion der jüngsten Episode von Marvels Superhelden-Serie beweisen. Stattdessen untermauert das in der holprigen Story inflationär eingesetzte Gimmick deren Mangel daran. Für die Illusion dramaturgischer Doppelbödigkeit gilt das gleiche wie für die ausgefeilten Täuschungsmanöver, mit denen sich der freundliche Spider-Man aus der Nachbarschaft (Tom Holland) herumschlägt: Aufwendig bedeutet nicht unbedingt clever. Diese Lektion predigt Jon Watts' handwerkliche Inszenierung, ohne sie zu verinnerlichen.
Die an die Presse gerichtete Verleih-Mahnung, ja keines der minimal dramatischen Details zu spoilern, wirkt da wie ein weiteres der egozentrischen Blendwerke, an denen die Drehbuchautoren augenscheinlich mehr Spaß hatten, als dem Publikum vergönnt ist. Besaß Peter Parkers von Teenager-Problemchen katalysierte Identitätskrise in "Spider-Man: Homecoming" einen gewissen naiven Charme, ist sie in der Endlosschleife eines diverser Anzeichen dramaturgischer Stagnation. Weder Held noch Multiverse entwickeln sich relevant weiter, der Unterhaltungsfaktor gar spürbar zurück.
Von Lida Bach.
Foto: 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH



Neue Rezensionen


Ausente
Der frühreife Zehntklässler Martín (Javier De Pietro) steht auf seinen Sportlehrer Sebastián (Carlos Echevarría). Unter einem Vorwand sorgt der Schüler dafür, dass er eine Nacht in der Wohnung seines Lehrers verbringen kann. Zwar spricht Martín seine Zuneigung zu Sebastián in dieser Nacht nicht explizit an, flirtet aber recht unverhohlen mit dem Erwachsenen und verwirrt ihn damit, denn auch Sebastián entwickelt trotz seiner Funktion als Lehrer ein Begehren für Martín. So treiben die beiden umeinander und tauschen scheue Blicke, wobei es von Anfang an Sebastián ist, den die Situation überfordert - im Grunde ist er nichts anderes als das Opfer der sexuellen Avancen seines Schülers.
Mit dem letztjährigen Berlinale-Beitrag "Ausente" liefert Regisseur Marco Berger seinen zweiten Spielfilm. Trotz der Brisanz des Stoffes kommt das argentinische Queer-Drama indes kaum über den diskursiven Gehalt einer gelungenen Telenovela hinaus.
Von Christian Horn.

Buddy (2013)
Vier Jahre nach "Wickie und die starken Männer" meldet sich Michael "Bully" Herbig zurück. Und eins muss man ihm lassen: Er wiederholt nicht die Formel seiner unerhört erfolgreichen Blockbuster-Parodien "Der Schuh des Manitu" und "(T)Raumschiff Surprise", sondern wagt etwas Neues. "Buddy" ist - wie der Titel anzeigt - ein Buddymovie, und zwar in Gestalt einer romantischen Fantasykomödie.
Eddie (Alexander Fehling) führt als Erbe des Brause-Herstellers "Sprudel Factory" ein Leben mit massig Frauen und Zaster, doch seine Saufgelage ruinieren das Firmenimage. Also betritt sein Schutzengel Buddy (Michael Herbig) die Bühne. Der unerfahrene Engel will das Leben seines Schützlings ordnen und dafür sorgen, dass Eddie nicht bei der adretten Lisa (Mina Tander) verkackt. Das Problem: Für alle außer Eddie ist der himmlische Kumpel unsichtbar, weswegen sein Umfeld ihn für verrückt erklärt.
"Buddy" ist einer jener Filme, in denen die Hauptfigur Verantwortung lernen muss, wobei die humorvolle Beziehung zwischen den unvollkommenen Buddies im Mittelpunkt steht.
Von Christian Horn.

Cadillac Records
Am Anfang war der Blues. Die Musik der Schwarzen erreichte Ende der Vierzigerjahre die amerikanischen Großstädte und konnte sich entgegen aller rassistischen Vorbehalte fest in der Musikkultur verankern. In seinem Film "Cadillac Records" erzählt Darnell Martin die Geschichte des ersten großen Platten-Labels, das Musik-Legenden wie Muddy Waters und Chuck Berry unter Vertrag nahm und mit deren Musik die Charts eroberte: "Chess Records".
Gegründet wurde das Label von Leonard Chess (Adrien Brody), einem polnischen Emigranten, der den Gitarristen Muddy Waters (Jeffrey Wright) kennenlernt und von dessen Talent überzeugt ist. Ob Chess nun wirklich die Musik liebte oder vielmehr ein gerissener Geschäftsmann war, lässt der Film weitgehend offen. Dass Waters' Musik das neu gegründete R&B-Studio zu ersten Erfolgen führt, steht jedoch außer Frage. Schnell wird das Studio zum Anlaufpunkt für etliche Musiker, darunter auch Chuck Berry (gespielt von Mos Def), der dort seine ersten Platten aufnimmt.
Von Christian Horn.

Drive Angry
Gedreht in 3D: Ein blondierter Nicolas Cage liegt bekleidet und mit Zigarre im Bett, während eine nackte Frau stöhnend auf ihm sitzt. Ob er immer angezogen mit Frauen ins Bett gehe, will sie wissen: "Vor einer Schießerei ziehe ich mich nie aus", entgegnet Cage, zückt die Shotgun und erschießt einige Männer, die urplötzlich das Zimmer stürmen. Der Sex geht unterdessen weiter, die Nackte wirbelt herum, der Held feuert aus allen Rohren, Körperteile und Bettfedern fliegen durch den Raum. Danach trinkt Nicolas Cage einen Schluck Jack Daniels und schließt den Reißverschluss seiner Hose.
Diese absurde Szene aus "Drive Angry" beschreibt das Wesen des rasanten Actionstreifens recht treffend. Regisseur Patrick Lussier, in dessen Filmographie neben drittklassigen Horrorfilmen der frühe 3D-Hit "My Bloody Valentine" steht, inszeniert sein dreidimensionales Spektakel ohne jeden Anspruch auf Ernsthaftigkeit. Nicolas Cage gibt einen gnadenlosen Rächer, der aus der Hölle ausgebrochen ist, um den Tod seiner Tochter zu rächen.
Von Christian Horn.

Engel des Bösen - Die Geschichte eines Staatsfeindes
Renato Vallanzasca (Kim Rossi Stuart), der verwegene und in Italien legendäre Gangster, bleibt stets der erzählerische Fixpunkt der Filmbiografie "Engel des Bösen". Von den Siebzigern bis in die frühen Neunziger bebildert der italienische Regisseur Michele Placido den Werdegang seines Protagonisten, wobei er wie ein alter Western-Biograf an Vallanzascas Seite klebt und alle Nebenfiguren der Dominanz der Hauptfigur unterordnet. Der Regisseur ist mehr an einer akribischen Aufbereitung der wahren Ereignisse interessiert, als an einer in sich schlüssigen Filmerzählung.
Ein wenig erinnert "Engel des Bösen" an die journalistische Arbeit, die Paolo Sorrentino vor zwei Jahren mit seiner Giulio-Andreotti-Biografie "Il Divo" leistete: Hier wie dort geht das Drehbuch davon aus, dass der Zuschauer zumindest die Eckdaten der Geschichte bereits kennt, und versucht eine Perspektive auf den (italienischen) Mythos einzunehmen. Die Sichtweise, die "Engel des Bösen" auf Renato Vallanzasca einnimmt, ist dabei eine recht einseitige.
Von Christian Horn.

Frisch gepresst
Zwar ist einer der Protagonisten aus der romantischen Komödie "Frisch gepresst" im Besitz einer riesenhaften Orangensaftpresse, doch auf den Vorgang der Saftherstellung spielt der Titel mitnichten an. Vielmehr meint das "Pressen" die Geburt eines Kindes, die in der gleichnamigen Buchvorlage von Susanne Fröhlich am Anfang des Geschehens steht. In der Verfilmung von Regisseurin Christine Hartmann rückt die Geburt indes ans Ende der Erzählung und der Weg hin zum Mutterglück in den Mittelpunkt. Die durchaus zeitgenössische Frage, inwieweit der Nachwuchs die eigene Selbstaufgabe in sich birgt und wie Karriere und Mutterschaft vereinbar sind, markiert dabei den thematischen Kern.
Der komplette Film gemahnt an unzählige romantische Komödien vor ihm. Sattsam bekannt sind die überzeichneten Figuren und Ereignisse sowie der routinierte Handlungsverlauf, der von der romantischen Tuchfühlung über das katastrophale Missverständnis zum erlösenden Happy End führt.
Von Christian Horn.

Ghosted (2009)
In der Regel begegnen uns Geister im Kino in einschlägigen Mystery- und Gruselfilmen. Insbesondere das asiatische Kino hat das Motiv in den letzten Jahren mit Filmen wie "The Eye" oder "Ring" zu neuen Blüten getrieben. Nun greift die deutsche Regisseurin Monika Treut das Thema auf und verbindet es in ihrem Film "Ghosted" mit westlichen Motiven. Dabei hat sie keinen Gruselfilm im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr eine subtile und genau beobachtete Charakterstudie entworfen, eine Parabel über den Verlust eines geliebten Menschen und - gleichsam nebenbei, auf der Metaebene - einen Film über das Kino.
Die Hamburger Videokünstlerin Sophie (Inga Busch) verliebt sich in die taiwanesische Schönheit Ai-Ling (Ke Huan-Ru). Die beiden leben eine zeitlang in Hamburg zusammen, bis Ai-Ling unter ungeklärten Umständen ums Leben kommt. Sophie, die den Verlust nur langsam verkraftet, reist nach Taipeh. Dort trifft sie eine Journalistin, die mehr über Ai-Lings Tod erfahren möchte und zunehmend als eine Wiedergängerin der Verstorbenen erscheint.
Von Christian Horn.

Happy Feet 2
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm - das gilt wohl auch für Kaiserpinguine. Denn wie sein Vater Mumble (Stimme im Original: Elijah Wood) aus dem ersten Teil tanzt auch Sprössling Erik aus der Reihe, indem er sich den Traditionen seiner antarktischen Pinguin-Kolonie verweigert. Sollte Mumble im Oscar-Gewinner "Happy Feet" noch singen und das von ihm geliebte Steppen unterbinden, sieht Erik im mittlerweile gesellschaftsfähigen Stepptanz keinen Sinn und will stattdessen - nach dem Vorbild des Papageitauchers Sven, der sich als komischer Pinguin ausgibt - lieber fliegen lernen. In der 3D-Fortsetzung seines Animationsfilms stellt Regisseur George Miller also erneut einen Außenseiter ins Zentrum. Dieses Mal agiert der Vater jedoch gleichberechtigt neben dem Sohn, weswegen "Happy Feet 2" schlussendlich auch eine Vater-Sohn-Geschichte ist. Die frohe Botschaft bleibt, was diesen Part des Films angeht, aber dieselbe: Jeder hat ein Recht aufs Anderssein und eigene Träume.
Von Christian Horn.

Ich, Daniel Blake
Ken Loach ist der große Linke des Weltkinos. Mehr denn je zeigt er dies in dem Film "Ich, Daniel Blake", für den er viele Auszeichnungen erhielt, darunter die Goldene Palme der Filmfestspiele Cannes 2016. Sein Sozialdrama ist beinahe dokumentarisch angelegt, wenn die Titelfigur gegen die bürokratischen Windmühlen kämpft. Wehe, man wird krank - der Staat lässt einen fallen, stellt Loach klar. Sein Daniel Blake (Dave Johns), ein 59-jähriger Schreiner, der nach einem Herzinfarkt vorerst nicht mehr arbeiten darf, hat das Recht auf Krankengeld, da er immer einzahlte. Aber es wird ihm verweigert. Der Hintergrund ist: Das "Employment and Support Allowance"-Programm der britischen Regierung wird von einem privaten Unternehmen geleitet. Es möchte Profite kassieren. Leidtragende sind kranke Bürger.
Ken Loach macht es den Zuschauern nicht leicht, böse und zielgerichtet - gut so! - unterbreitet der Filmemacher den Kinogängern die Dramatik der unfreiwilligen Armut, finanziell wie in Sachen Ohnmacht gegenüber der Obrigkeit.
Von Michael Dlugosch.

Im Oktober werden Wunder wahr
In einer der ersten Einstellungen der peruanischen Tragikomödie "Im Oktober werden Wunder wahr" sitzt Clemente (Bruno Odar), der männliche Protagonist, alleine am Frühstückstisch in seiner zweckmäßig eingerichteten Wohnung, zerdrückt lustlos ein gekochtes Ei mit der Gabel und isst darauf sein Eierbrötchen ohne eine Miene zu verziehen. Schon in dieser - vielleicht etwas zu gewollt Arthouse-mäßigen Eingangsszene - erahnt die/der Zuschauer/in zentrale Wesenszüge des ortsansässigen Pfandleihers, die sich im weiteren Verlauf bestätigen: Er lebt einsam, zurückgezogen und ökonomisch nach einem klar einstudierten, immer gleichen Tagesablauf. Das kann ja nicht glücklich machen, denkt man sich; aber Clemente scheint mit dem monotonen Ablauf zufrieden und kaum zu ahnen, dass die zwischenmenschlichen Beziehungen, die er nicht pflegt, ihm womöglich gut tun würden. Die beiden Brüder Daniel und Diego Vega Vidal, die ihren ersten Langfilm gemeinsam inszeniert und geschrieben haben, zwängen ihrem Protagonisten eine solche Bindung alsbald auf.
Von Christian Horn.

Jesus liebt mich
Falls die Welt am 21. Dezember - also einen Tag nach dem Kinostart von "Jesus liebt mich" - tatsächlich untergeht, erübrigt sich diese Rezension. Falls nicht, könnte es daran liegen, dass in unserer Welt etwas ähnliches passiert ist wie in der Handlung des Films: Da besucht Jesus (Florian David Fitz) die Erde, um die für "nächsten Dienstag" angesetzte Apokalypse einzuleiten. Vorher will sich der Messias aber noch ein Bild von den Menschen machen und lernt Marie (Jessica Schwarz) kennen, die seiner früheren Flamme Maria Magdalena ähnlich sieht. Während der Erzengel Gabriel (Henry Hübchen), auf Erden ein trinkfester Dorfpfarrer, seine große Liebe Sylvia (Hannelore Elsner) zurückgewinnen will, entwickelt sich zwischen Jesus und Marie eine Romanze, die das Ende der Welt auf den letzten Drücker abwenden könnte.
Das zentrale Thema der Jesus-Romantikkomödie von Florian David Fitz, der gleichzeitig auch die Hauptrolle spielt, ist erwartungsgemäß die Liebe.
Von Christian Horn.

Killer Elite (2011)
Als er eine Zielperson vor den Augen eines Kindes erschießen muss und dabei fast selbst ums Leben kommt, zieht sich der Auftragskiller Danny (Jason Statham) aus dem Geschäft zurück. Im australischen Hinterland richtet er seinen Lebensabend ein, doch schon bald muss der Profi wieder zur Waffe greifen: Sein langjähriger Mentor Hunter (Robert De Niro) gerät im Oman in die Gefangenschaft eines Scheichs, für den er eigentlich drei Mitglieder der britischen Spezialeinheit SAS ermorden sollte - ein Auftrag, der Hunter jedoch zu gefährlich war. Nun muss Danny die Soldaten, die ihrerseits drei Söhne des Scheichs auf dem Gewissen haben, mit einem kleinen Team selbst ausschalten. Besonders heikel ist die Mission, weil die Anschläge auf die Elite-Soldaten wie Unfälle aussehen sollen und mit Spike (Clive Owen) ein ehemaliges SAS-Mitglied auf Dannys Plan aufmerksam wird.
Die in den frühen Achtzigerjahren angesiedelte Story von "Killer Elite" basiert auf dem biografischen Roman "The Feather Men" von Ranulph Fiennes, der 1991 seine kontrovers aufgenommene Veröffentlichung erfuhr.
Von Christian Horn.

The Legend of Kaspar Hauser
"The Legend of Kaspar Hauser" ist von der ersten Szene an höchst rätselhaft: Vincent Gallo steht in einer unbewegten Schwarzweiß-Aufnahme an einem verlassenen Strand und streckt einen Arm gen Himmel, während die treibende Elektromusik von "Vitalic" eine Dynamik erzeugt, die weder im Bild noch in der Handlung eine Entsprechung findet. Unerwartet fliegen drei UFOs über Gallo hinweg, bilden eine Dreicksformation und entschwinden wieder. In der letzten Szene von "Kaspar Hauser" greift der italienische Regisseur Davide Manuli dieses Eröffnungsbild leicht variiert auf und schließt damit immerhin in formaler Weise einen Kreis. Bei allem, was zwischen diesen beiden Szenen passiert, lässt der verschrobene Film seine Zuschauer jedoch ziemlich alleine: "Kaspar Hauser" folgt keiner erzählerischen Logik mit greifbaren Figuren, sondern arbeitet mit Assoziationen und Typen.
Das übergeordnete Thema ist der Einbruch eines Fremden in die Gesellschaft einer verlassenen Insel.
Von Christian Horn.

Lila, Lila
Hauptfigur im Roman "Lila, Lila" von Martin Suter (erschienen 2004) und im gleichnamigen Film mit fast identischer Handlung (erschienen 2009) ist David Kern, 23 Jahre alt, Kellner in einer Szene-Bar. Hier macht er die Bekanntschaft von Marie, die das Abitur nachholt, weil sie Literaturwissenschaft studieren will. Sie interessiert sich aber kaum für ihn, eher für einige fröhliche und witzige Stammgäste.
Eines Tages findet David auf dem Trödel, versteckt in einem alten Nachtschrank, ein Manuskript mit einer unglücklichen Liebesgeschichte, Hauptfiguren sind Peter Landwei und Sophie. Am Schluss begeht dieser Peter Selbstmord. David findet den Text fesselnd, scannt ihn ein und zeigt ihn Marie, um sie als angeblicher Autor zu beeindrucken. Und tatsächlich, Marie findet den Text wunderbar und verliebt sich in David.
Könnte alles schön so weitergehen, wenn Marie nicht die Idee hätte, das Manuskript heimlich an einen Verlag zu schicken.
Von Manfred Lauffs.

Mount St. Elias
Es ist recht verwunderlich, dass "Mount St. Elias" mit der Versicherung "Based on a true story" beginnt, denn schließlich ist Gerald Salminas Kinodebüt ein Dokumentarfilm. Sinn macht diese einführende Texttafel, weil Salmina sein dokumentarisches Material mit verschiedenen inszenatorischen Tricks zu einem Film aufbereitet, der teilweise mehr dem Action- als dem Dokumentarfilm-Genre zugeneigt ist - und weil die Aktionen der Protagonisten derart waghalsig sind, dass die Zuschauer*innen sie im ersten Moment wohl für Hollywood-Stunts halten könnten. Der schneebedeckte Mount St. Elias liegt im Südosten Alaskas und ist mit 5489 Metern über Meeresniveau relativ gesehen der höchste Berg der Erde. Ihn zu erklimmen, gilt als äußerst gefährlich, da krasse Wetterumschwünge in der abgelegenen Region die Regel sind und eine Rettung per Helikopter oft unmöglich machen. Die beiden österreichischen Skialpinisten Axel Naglich und Peter Ressmann sowie der US-amerikanische Freeskialpinist Jon Johnston wollen den Berg trotzdem besteigen.
Von Christian Horn.

Ob ihr wollt oder nicht!
Die etwa 30-jährige Laura (Katharina Schubert) leidet an Krebs im Endstadium. Da ihre Chancen auf Heilung überaus gering sind, bricht sie die Chemotherapie ab, verlässt ihren Ehemann und reist in ihr altes Elternhaus, wo sie in Ruhe sterben will. Doch besonders Lauras Mutter (Senta Berger) ist der plötzliche Einfall ihrer Tochter unangenehm. Sie will die Tochter zu einer Fortführung der Therapie bewegen und informiert zu diesem Zweck die drei Schwestern Lauras. Eine nach der anderen reist an: die beruflich erfolgreiche, frisch geschiedene Susanne (Christiane Paul), die unglücklich verheiratete Corinna (Anna Böger) und Toni (Julia-Maria Köhler), das freigeistige und unstete Nesthäkchen. Das Treffen im alten Elternhaus - noch dazu in einer solchen Extremsituation - lässt die inneren Konflikte der Familienmitglieder ausbrechen. Die zerrüttete Familie ist im Independent- oder Arthouse-Bereich eines der gängigsten Filmmotive. Es wird immer wieder aufgegriffen, um psychologische Abgründe in einer kammerspielartigen Situation auszuloten.
Von Christian Horn.

Paterson
Jim Jarmusch hatte für seinen zwölften Spielfilm "Paterson" 2016 eine kuriose Idee: Der Filminhalt präsentiert dem Kinopublikum nichts Besonderes, ein junges Paar, Paterson und Laura (Adam Driver, Golshifteh Farahani) wird in seinem gewöhnlichen Alltag gezeigt. Es scheint ein großer Spaß Jarmuschs zu sein, den er sich erlaubt, denn im Leben der männlichen Hauptfigur passiert nicht gerade viel. Einmal wird eine Waffe gezogen. Baut also Jim Jarmusch Action in seiner Story ein? Auch da erlaubt er sich einen Joke: Die Waffe enthält Schaumstoff-Kugeln. Diese Szene und eine weitere, in der der Hund des Paars ein Notizbuch zerfetzt, sind die Höhe- oder vielleicht Tiefpunkte des Films, denn "Paterson" braucht diese Szenen nicht, um eine hervorragende Wirkung zu erzielen. Damit, dass der Regisseur das Kino entschleunigt. Der Film funktioniert als absoluter Gegenentwurf zum Kino-Bombast. Ja, kurz gesagt, er funktioniert.
Von Michael Dlugosch.

Plein Sud - Auf dem Weg nach Süden
Eine Szene vom Anfang haftet besonders in der Erinnerung: Léa (Léa Seydoux), eine schöne, junge Frau, tanzt zu ausgelassener Musik für Sam (Yannick Renier) - sinnlich und verführerisch, eine wahre Lolita. Doch Sam ist gänzlich ungerührt von Léas Avancen (und das wird er auch bleiben). Überhaupt ist unser Protagonist, der sich erst im Verlauf des Films als dieser entpuppt, überaus zurückgezogen und schweigsam. Mit seinem alten Ford Mustang reist er von der Normandie nach Spanien; Léa und ihr schwuler Bruder Mathieu (Théo Frilet), zwei Tramper, kommen unterwegs dazu. Beide flirten mit ihm, aber Sam bleibt unbewegt. Schließlich gesellt sich mit Jérémie (Pierre Perrier), den Léa an einem Rasthof anspricht, ein weiterer junger Mann zu der Gruppe. Gemeinsam fahren sie Richtung Süden. Was Sam vorhat, wissen wir nicht.
Erst nach und nach offenbart Regisseur Sébastien Lifshitz die Motivation seiner Hauptfigur.
Von Christian Horn.

The Red Sea Diving Resort
Reale Geschichten können manchmal nicht erzählt werden, weil sie unglaubwürdig klingen. Beruhte die Geschichte hinter diesem Film nicht auf Tatsachen, wäre sie ebenso wenig glaubhaft. Aber genau deswegen ist der Streifen wertvoll - weil er den real existierenden Beweis erbringt, dass es eine tiefe Menschlichkeit gibt, selbst im Angesicht größter Gefahr und Verrohung durch Krieg. Insofern verkörpert Hauptdarsteller Chris Evans hier auch einen Helden, ähnlich wie in seiner Rolle des "Captain America", die ihn berühmt machte. Er spielt den Mossad-Agenten Ari Levinson, der seine junge Familie, seine Existenz, sein nacktes Leben wiederholt aufs Spiel setzt, um anderen Menschen in einem entfernten Land zu helfen. Um jüdischen Flüchtlingen aus dem äthiopischen Bürgerkrieg die Flucht nach Israel zu ermöglichen. Die Frage nach der inneren Motivation dieses radikalen Fluchthelfers ist es, sein unglaublicher Mut, sich mitten ins Kriegsgewühl zu stürzen, wiederholt dem Tod zu trotzen, seine Bereitschaft, sich aufzuopfern, um anderen zu helfen, die diesen Film sehenswert machen.
Von Hilde Ottschofski.

Die Reise zur geheimnisvollen Insel
Die visionären Abenteuergeschichten von Jules Verne tun bis heute ihre Wirkung. Dementsprechend regelmäßig werden die fantasievollen Werke des Franzosen fürs Kino aufbereitet: Am Anfang steht "Die Reise zum Mond" von Georges Méliès, einige Jahrzehnte und Jules Verne-Adaptionen später reiste selbst Jackie Chan "In 80 Tagen um die Welt" und eines der nächsten Projekte von David Fincher findet gerüchtehalber "20.000 Meilen unter dem Meer" statt. Es ist also wenig verwunderlich, dass mit "Die Reise zur geheimnisvollen Insel" mal wieder – ein jedoch sehr frei adaptierter – Roman von Jules Verne über die Leinwand flimmert. Die Fortsetzung zu "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde", der vor vier Jahren als einer der ersten 3D-Blockbuster reüssierte, überzeugt zwar vornehmlich mit Stars und Effekten, funktioniert als kurzweiliges Familienabenteuer aber trotzdem recht gut.
"Wer hat Lust auf Abenteuer?" lautet eine immer wiederkehrende Leitfrage, die den Kern des Films treffend beschreibt, denn Regisseur Brad Peyton liefert letztlich kaum mehr als ein Potpourri abenteuerlicher Szenen.
Von Christian Horn.

Das schweigende Klassenzimmer
Der Autor des Buches "Das schweigende Klassenzimmer" (2006), Dietrich Garstka, ist oft zu Besuch in Schulen und erzählt aus seiner Schulzeit: eine wahre Geschichte über Mut, Zusammenhalt und den Kalten Krieg. Seine damalige Schulklasse, Abiturjahrgang, legt am 1. November 1956 in der DDR fünf Schweigeminuten für die Opfer des Ungarnaufstands ein ("Wir haben um den tot geglaubten ungarischen Fußballspieler Ferenc Puskás getrauert") und wird drangsaliert. Eine Flut von Untersuchungen, Verhören, Beschimpfungen und Drohungen bricht über die jungen Leute herein. Der Volksbildungsminister kommt höchstpersönlich in die Schule und fordert die Klasse auf, den "Rädelsführer" dieser "konterrevolutionären" Aktion zu nennen. Die Genossen "schlügen zu, wenn der Klassenfeind glaube, den teuer erkämpften Sozialismus kaputt machen zu können". Doch die Klasse schweigt eisern, wird vom Abitur ausgeschlossen, flieht in den Westen und macht dort - in Bensheim in der Nähe von Heidelberg - das Abitur. 40 Jahre nach dem November 1956 gibt es ein Klassentreffen.
Von Manfred Lauffs.

Die Stooges - Drei Vollpfosten drehen ab
Während das Comedy-Trio "The Three Stooges" hierzulande eher unbekannt ist, gehören die drei überdrehten Brüder in den USA neben "Dick und Doof" zu den großen Klassikern des humorvollen Stummfilms. Ab den Zwanzigerjahren drehten die Chaosbrüder rund 200 Kurzfilme, in denen sie dem blanken Unsinn frönten: Backpfeifen, Kopfnüsse und Schläge auf den Hinterkopf zählten zum Standard-Repertoire der Stooges. Dass nun ausgerechnet Bobby und Peter Farrelly ("Dumm und Dümmer", "Verrückt nach Mary") eine Neuauflage der Slapstick-Veteranen vorlegen, erscheint nur logisch - denn wie die Stooges setzen auch die Farrellys seit jeher auf brachialen Humor und Tabubrüche.
Wie der Vorlage genügt auch den Farrellys der Rumpf einer Geschichte: Von ihren Eltern ins Waisenhaus verbracht, wachsen die drei Prügelknaben Larry (Sean Hayes), Curly (Will Sasso) und Moe (Chris Diamantopoulos) in der Obhut von Nonnen auf. Bis ins Erwachsenenalter machen die Brüder den Ersatzmüttern das Leben schwer.
Von Christian Horn.

Die Thomaner (2012)
Der Thomanerchor zu Leipzig (Gründungsjahr: 1212) zählt zu den renommiertesten Knabenchören der Welt. Im Drei-Jahres-Zyklus bildet die Thomasschule rund 100 professionelle Sänger pro Jahrgang aus, die auf allen Erdteilen gefeierte Konzerte geben. Seit den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts leitet der Dirigent Georg Christoph Biller den Chor und hält die Internatsschüler aller Altersstufen mit Herz und Härte beisammen. Die im Genre der Musikdokumentation erfahrenen Filmemacher Paul Smaczny und Günter Atteln wählen den Chorleiter wohl auch wegen seiner unbestreitbaren Präsenz als Schlüsselfigur ihres lohnenswerten Dokumentarfilms: Zwar kommen auch viele der Schüler und weiteren Beteiligten zu Wort, doch letztlich ist es immer wieder Biller, der die Zusammenschau eines kompletten Schuljahres an der Thomasschule kommentiert, einordnet und in einen Kontext setzt.
Gelungen ist der Einblick in die Arbeitsweise des Chors und das Alltagsleben im Internat vor allem deswegen, weil "Die Thomaner" eine wertneutrale wie vielschichtige Darstellung wagt, die den Zuschauer*innen Raum für eigene Wertungen lässt.
Von Christian Horn.

Der Verdingbub
Heute muss Max (Max Hubacher) zwischen Matsch und Kot im Schweinestall schlafen. Als sogenannter Verdingbub landete der zwölfjährige Waisenjunge auf dem abgelegenen "Schattenhof" der Familie Bösiger, wo er sein Schicksal mit der jungen Berteli (Lisa Brand) teilt. Der Alltag der beiden ist von Unterwerfung und Schufterei geprägt - nach der Dorfschule geht es zur Feldarbeit oder in die Küche, abends gibt es karges Essen und eine bescheidene Schlafkammer. Wie Max und Berteli wurden in der Schweiz bis etwa 1950 Waisen- und Scheidungskinder als Hilfskräfte auf Bauernhöfe verbracht, wo sie oft Elend und Misshandlungen hinnehmen mussten.
Mit "Der Verdingbub" bringt Regisseur Markus Imboden dieses düstere Kapitel der Schweizer Geschichte ins Kino. Für das Publikum avanciert die Reihung beklemmender Szenen zu einer niederschmetternden Veranstaltung.
Von Christian Horn.

Willkommen in Cedar Rapids
Obwohl der Protagonist in den Vierzigern steckt, ist "Willkommen in Cedar Rapids" nichts anderes als eine Coming-of-Age-Komödie. Denn der arg unbescholtene und unsouveräne Versicherungsvertreter Tim Lippe (Ed Helms) hat vom "richtigen Leben" bislang recht wenig mitbekommen - nicht einmal sein Heimatstädtchen Brown Valley hat Tim je verlassen. Als der Außenseiter spontan eine Wochenendtagung der Versicherungsbranche in Cedar Rapids besuchen muss, wird ihm gehörig der Kopf gewaschen. Der gealterte Partylöwe Dean Ziegler (John C. Reilly) und sein ebenfalls lebemännischer Kumpel Ronald Wilkes (Isiah Whitlock Jr.) nehmen den verstockten Versicherungsheini sogleich unter ihre Fittiche, um ihn mit Alkohol und anderen Hilfsmitteln aufzulockern. Die smarte Joan (Anne Heche) komplettiert das Trio und steuert zielbewusst auf ein außereheliches Stelldichein zu, für das sie ausgerechnet den überforderten Tim ins Auge fasst.
Regisseur Miguel Arteta erzählt den Reifungsprozess seines Protagonisten in angenehm unspektakulärer und besonnener Art und Weise.
Von Christian Horn.

 



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Zitat

"Warum bin ich so gut darin, Zicken zu spielen? Ich denke, es liegt daran, dass ich keine Zicke bin. Vielleicht ist das der Grund, warum Joan Crawford immer Ladies spielt."

("Why am I so good at playing bitches? I think it's because I'm not a bitch. Maybe that's why Joan Crawford always plays ladies.")

Schauspielerin Bette Davis, 30. Todestag am 6. Oktober 2019, mit einer Spitze gegen ihre Dauerrivalin Crawford

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