Aktuelle Filme


I Am MotherI Am Mother
Wie toll ist das denn: Roboter, die uns die lästigsten wiederkehrenden Arbeiten abnehmen wie Putzen, Spülen, Essen zubereiten, Einkäufe erledigen. Bei einer Roboter-"Mutter" kommen dann auch noch Windeln wechseln, Fläschchen geben, Spielen, Tränen trocknen - später auch das Unterrichten hinzu. Auch schon als Robin Williams im Film "Der 200 Jahre Mann" (1999) alias Roboter Andrew den dienstbaren Familien-Roboter verkörperte, stellte sich die Frage, wie viel Mensch steckt im Roboter? Diese Frage stellt auch die Serie "Humans" - wo Roboter nur noch an ihrer Augenfarbe und den leicht steifen Bewegungen von den Menschen zu unterscheiden sind. So kommt es, dass auch bei einer Robotermutter, die äußerlich noch wie eine Maschine aussieht, menschliche Eigenschaften zu finden sein müssen, damit sie empathisch ist, um mit einem Baby umzugehen. Im Film "I Am Mother" kann die überkontrollierende Robotermutter Gefühlsausdrücke erkennen, mithilfe von Überwachungsquellen wie Temperatur, Blutdruck, Herzfrequenz, Transpiration.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Concorde Filmverleih


Axel der HeldAxel der Held
Der Filmtitel ist zunächst pure Ironie: Axel (Johannes Kienast) ist kein Held, keineswegs. Wie sollte er auch, der gutaussehende junge Mann ist ein Gefangener, hoch verschuldet bei Manne (Sascha Alexander Geršak), einem Großkotz, der nicht vor Gewalt zurückschrecken wird. Bleibt Axel, der für Manne Mädchen für alles ist, zum Beispiel das Klo repariert, ein Verlierer? Keine Freunde, keine Beziehung sind für den Loser Axel in greifbarer Nähe, auch wenn der Großgrundbesitzer Manne in Jenny (Emilia Schüle) eine Freundin hat, die Axels Jugendliebe war. Der junge Mann lebt in einer heruntergekommenen Datsche neben der Hühnerfarm seines Gläubigers, dort nebendran wohnt der ältere Heiner (Christian Grashof), auf dessen Grundstück Manne scharf ist. Heiners Huhn muss dran glauben, damit der Alte davon "überzeugt" wird, zu gehen. Aber dieser wehrt sich. Indianer kennen keinen Schmerz, erklärt Heiner, der sich für Winnetou hält und Axel zu seinem Old Shatterhand macht.
Regisseur Hendrik Hölzemann schildert dem Publikum mit Humor und viel Blut eine moderne Märchenhandlung.
Von Michael Dlugosch.
Foto: W-film / ostlicht


Yesterday (2019)Yesterday (2019)
Auf diesem surrealen Beginn beruht die Story des Films "Yesterday": Der erfolglose britische Sänger Jack Malik (Himesh Patel) wacht nach einem universalen Stromausfall und einem dadurch bedingten Fahrradunfall im Krankenhaus aus dem Koma auf. Als er wenig später seinen Freunden das Lied "Yesterday" vorsingt, finden sie das Lied ganz toll. Keiner aber weiß, dass es von den Beatles stammt. Jack kann das zunächst nicht glauben. Er schaut bei Google nach: Fehlanzeige! Es gibt dort nur "beetle" (= Käfer). Wir Zuschauer müssen uns jetzt vorstellen: eine Welt ohne die legendären Pilzköpfe! Das ist eine ebenso einfache wie geniale Idee, aus der eine wunderbare, lustige, durchweg unterhaltsame Musical-Komödie entsteht. Die verdanken wir der kongenialen Zusammenarbeit von Regisseur und Oscarpreisträger Danny Boyle ("Trainspotting", "Slumdog Millionär") und Drehbuchautor Richard Curtis ("Notting Hill", "Vier Hochzeiten und ein Todesfall") sowie den hervorragenden Schauspielern.
Nachdem der Singer-Songwriter Ed Sheeran - der sich selbst spielt - auf Jack aufmerksam geworden ist und ihn mit auf seine Tournee nimmt, beginnt dessen Karriere richtig Fahrt aufzunehmen.
Von Manfred Lauffs.
Foto: Jonathan Prime/Universal Pictures


Fisherman's FriendsFisherman's Friends
Freunde britischer Komödien werden an "Fisherman's Friends" ihren Spaß haben: In der Tradition von Filmen wie "Brassed Off - Mit Pauken und Trompeten" (1996) und "Ganz oder gar nicht" (1997) steht der zweite Film des 1985 geborenen Regisseurs Chris Foggin nach "Kids in Love" (2016). Die drei genannten Produktionen zeichnen sich durch eine Struktur aus, die einem bestimmten Prinzip folgt: Die Hauptprotagonisten werden mit einem Problem konfrontiert, gemeinsam lösen sie es bis zum Happy End, garniert mit Humor, meist viel Humor, und Liebesgeschichte(n), zwischenzeitlich treten weitere Probleme auf. Foggin und seinen Drehbuchautoren könnte man vorwerfen, sich zu strikt an diese typische Feel-Good-Movie-Vorgabe zu halten. Nichts wesentlich Neues fügt Foggin dieser Art Brit-Comedy hinzu, der Film ist lieblich, aber: auch sympathisch. Bis auf den Filmanfang - hier muss Foggin erst mal Klarheit schaffen, damit das Kinopublikum die Figuren kennenlernt: Provinzfischer treffen auf Großstadt-Manager, einer von letzteren bleibt vor Ort, weil er an die Shanty-Musik der Seeleute glaubt.
Von Michael Dlugosch.
Foto: Splendid Film


Leid und HerrlichkeitLeid und Herrlichkeit
Der Regisseur Pedro Almodóvar hat für "Leid und Herrlichkeit" die bisher wohl autofiktionalsten Szenen aus seinem bewegten Leben einfließen lassen. Dafür hat er wieder seine illustre Filmfamilie um Penélope Cruz und Antonio Banderas zusammengetrommelt - die kennen ihn ja am besten.
Penélope Cruz dreht schon seit 1997 ("Live Flesh - Mit Haut und Haar") mit Almodóvar, kennt seine 1999 (da erschien auch "Alles über meine Mutter" mit Cruz) verstorbene Mutter noch persönlich. Daher ist sie sicher die Idealbesetzung mit erwartbar viel Einfluss für deren Darstellung. Die Altersrolle der Mutter spielt Julieta Serrano. Im Film ist ihr Tod wenige Jahre her. In Rückblenden wird für die Kindheit des Regisseurs besonders viel Zeit verwendet. Hier liegen offensichtlich auch einige Wurzeln seiner femininen Figuren vergraben, die in seinen Filmen immer wieder zutage treten. Der gealterte Regisseur Salvador Mallo (Antonio Banderas) leidet immer noch darunter und unter seinen chronischen Schmerzen und Depressionen.
Von Jürgen Grötzinger.
Foto: Studiocanal / El Deseo / Manolo Pavón


Electric GirlElectric Girl
Ein Film wie ein Comic. Es ist verständlich, dass Regisseurin Ziska Riemann, die mit "Lollipop Monster" (2011) schon einen abendfüllenden Spielfilm gedreht hat, für "Electric Girl" den Anime-Weg beschreitet. Denn sie ist selber Comic-Zeichnerin. Das Drehbuch schrieben vier Frauen, neben Riemann auch Luci van Org, die man als Leadsängerin der Band Lucilectric kennt, bekanntester Hit ist "Mädchen" (Textzeile: "Weil ich ein Mädchen bin!"). Um ein Mädchen, eine junge Heranwachsende geht es auch im Film. Das "Electric Girl" wird einem Wahn verfallen, ist aber zunächst ohne Erkrankung: Mia (Victoria Schulz) hat eine Rolle als Synchronsprecherin in einer Anime-Serie ergattert. Sie spricht die Superheldin Kimiko. Ein elektrischer Schlag in einer Bar, in der Mia arbeitet, geht scheinbar nicht spurlos an ihr vorbei. Bald glaubt sie, sie sei selbst mit Superkräften ausgestattet und Hamburg bedroht.
Ein Film, dem leider für seine Superhelden-Thematik die Magie fehlt, gleichzeitig die Krankheit unpassend bebildert.
Von Michael Dlugosch.
40. Filmfestival Max Ophüls Preis 2019: Wettbewerbsfilm
Foto: Hannes Hubach, NiKo Film


Kaviar (2019)Kaviar (2019)
"Kaviar" von Elena Tikhonova ist eine Screwball-Komödie, die von der Realität eingeholt wurde. Als der Film im Januar 2019 den Publikumspreis Spielfilm des Saarbrücker Filmfestivals Max Ophüls Preis holte, war die sogenannte Ibiza-Affäre um den FPÖ-Politiker Hans Christian Strache noch in weiter Ferne. Jetzt startet "Kaviar" in den deutschen Kinos und liefert dem Publikum ungewollt den Film zu dem Ereignis, das die österreichische Regierung stürzte. Auch in "Kaviar" geht es um Machenschaften zwischen österreichischen Politikern und Handlangern und russischen Oligarchen, es geht um Geld und abstruse Ideen. Was Regisseurin Tikhonova, die in Russland geboren wurde und in Wien lebt und arbeitet, im Film zeigt, besteht aus vielen gelungenen Einfällen mit immer neuen Wendungen. Der locker-leichte Erzählfluss hat zwar einen genauso locker-leichten filmischen Anspruch, aber das wird durch den großartigen Humor wettgemacht. Es ist gelungenes Sommerkino.
Von Michael Dlugosch.
40. Filmfestival Max Ophüls Preis 2019: Wettbewerbsfilm, Publikumspreis Spielfilm
Foto: Ioan Gavriel


Aladdin (2019)Aladdin (2019)
Die Disney Company wagte sich an eine Neuverfilmung ihres Animationsklassikers von 1992 als Abenteuerfilm, "Aladdin". Man schmeckt als Zuschauer*in schnell das Kommerzprodukt heraus, wenn allzu süßlich zwei Liebesgeschichten im Happy End münden. Der Weg dahin mag für Aladdin (Mena Massoud, der sehr an Elyas M'Barek erinnert) steinig sein, aber dafür hat er Flaschengeist Dschinni (Will Smith) bald zum Freund und drei Wünsche frei. Wenigstens einen Wunsch hätte gerne das Publikum frei, wenn es das Eintrittsgeld zurückhaben möchte.
Dadurch, dass in dem Märchen-Musical die Figuren immer wieder plötzlich zu singen anfangen, in der deutschen Fassung eben auf Deutsch, erinnert der 2D/3D-Film an das Singspiel zum Starkbieranstich des Münchner Nockherberg. Für wen gereicht dieser Vergleich jetzt zum Nachteil... eher für das Singspiel, denn die deutschen Songs in "Aladdin" nerven. Es wäre gut gewesen, sie im Original und mit Untertiteln zu belassen.
Von Michael Dlugosch.
Foto: 2019 Disney Enterprises Inc., Foto-Credit: Daniel Smith


Spider-Man: Far from HomeSpider-Man: Far from Home
Beständiges Unterwandern einer (Schein)Realität als gezielte Täuschung soll die ironische Selbstreflexion der jüngsten Episode von Marvels Superhelden-Serie beweisen. Stattdessen untermauert das in der holprigen Story inflationär eingesetzte Gimmick deren Mangel daran. Für die Illusion dramaturgischer Doppelbödigkeit gilt das gleiche wie für die ausgefeilten Täuschungsmanöver, mit denen sich der freundliche Spider-Man aus der Nachbarschaft (Tom Holland) herumschlägt: Aufwendig bedeutet nicht unbedingt clever. Diese Lektion predigt Jon Watts' handwerkliche Inszenierung, ohne sie zu verinnerlichen.
Die an die Presse gerichtete Verleih-Mahnung, ja keines der minimal dramatischen Details zu spoilern, wirkt da wie ein weiteres der egozentrischen Blendwerke, an denen die Drehbuchautoren augenscheinlich mehr Spaß hatten, als dem Publikum vergönnt ist. Besaß Peter Parkers von Teenager-Problemchen katalysierte Identitätskrise in "Spider-Man: Homecoming" einen gewissen naiven Charme, ist sie in der Endlosschleife eines diverser Anzeichen dramaturgischer Stagnation. Weder Held noch Multiverse entwickeln sich relevant weiter, der Unterhaltungsfaktor gar spürbar zurück.
Von Lida Bach.
Foto: 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH


Das melancholische MädchenDas melancholische Mädchen
Das Filmfestival Max Ophüls Preis kann für sich zugutehalten, immer wieder interessante filmische Entdeckungen zu präsentieren. So war es 2018 mit "Landrauschen", so ist es 2019 mit "Das melancholische Mädchen" gewesen. Beide zeichnen sich durch Eigenwilligkeit aus, beide gewannen in Saarbrücken den Hauptpreis, beide waren Debütfilme der Regisseurinnen. Susanne Heinrich stach unter den Regisseur*innen des Hauptwettbewerbs 2019 hervor: Die 1985 in Oschatz bei Leipzig geborene Frau, die bisher als Schriftstellerin auffiel, trägt kurzgeschorene Haare. Ihr Film "Das melancholische Mädchen" stach auch hervor. Jury-Entscheidungen treffen oft Filme, die sich durch ihre extreme Machart von den anderen Filmen hervorheben. Hier war es nicht anders: "Das melancholische Mädchen" widerspricht allen Konventionen des Kinos, Heinrich bastelt Szenen aneinander, die knallbunt, unwirklich, an der Grenze zum Kitsch sind, mit absichtlich monotonen Dialogen, die eher Monologe sind, weil die Protagonisten oft aneinander vorbeizureden scheinen. Klingt negativ - ist es nicht.
Von Michael Dlugosch.
40. Filmfestival Max Ophüls Preis 2019: Wettbewerbsfilm, Hauptpreisträger und gezeigt auf der 69. Berlinale 2019
Foto: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb)


Eine moralische EntscheidungEine moralische Entscheidung
Kaveh Nariman ist nachts mit dem Auto in Teheran unterwegs, als ihn ein Raser von der Straße abdrängt und er ein Motorrad rammt, das rechts neben ihm fährt. Auf dem umgestürzten Motorrad saß eine vierköpfige Familie, völlig ungesichert, ohne Helme. Kaveh ist Arzt und er fängt sofort an, alle zu untersuchen und zu versorgen. Er bietet wiederholt seine Hilfe an, alle oder nur den achtjährigen Jungen, der leichte Schmerzen zu haben scheint, ins Krankenhaus zu fahren. Er möchte nicht die Polizei rufen, weil seine Versicherung abgelaufen ist, aber er bietet finanzielle und immer wieder medizinische Unterstützung an. Der geschädigte Familienvater Moosa weigert sich jedoch unerklärlicherweise, die Hilfe anzunehmen. Er nimmt widerspenstig etwas Geld an, und verspricht, ins Krankenhaus zu fahren, aber er fährt dann doch daran vorbei. Am nächsten Tag wird der Junge in Kavehs Klinik der Gerichtsmedizin zur Autopsie eingeliefert - er ist tot.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Noori Pictures


Peter Lindbergh - Women's StoriesPeter Lindbergh - Women's Stories
Der biographische Dokumentarfilm "Peter Lindbergh - Women's Stories" über den Modefotografen bleibt lange Zeit grobkörnig und schwarz-weiß, wie viele seiner Bilder. Am Ende kommt Regisseur Jean Michel Vecchiet ihm endlich näher, da helfen die eingestreuten Interviews wichtiger Frauen in seinem Leben. Der Beginn des Films ist anfangs so dunkel wie Kohle, da Lindberghs Kindheit und Jugend im Ruhrgebiet behandelt wird. Dem werden seine frühen Aufnahmen gegenübergestellt, bei denen er die rußigen Stimmungen, gerne mit schönen Models vor übermächtigen Maschinen platziert hat. Der Kontrast erweist sich bei Lindbergh dadurch immer weniger als (rein) dekoratives Gestaltungsmittel. Auch wenn sie dadurch zunächst den kühlen Amazonen der Modefotografien von Helmut Newton ähneln.
Lindbergh führte aber auch mit solchen Bildkompositionen den neuen Realismus in der Modefotografie ein und prägte damit seinen eigenen Stil. Bei Lindbergh dürfen die Frauen nicht nur nackt und perfekt schön stolzieren, sondern es kommt seine Bewunderung über die weiblichen Persönlichkeiten heraus.
Von Jürgen Grötzinger.
Foto: DCM Film Distribution / Foto-Credit: Stefan Rappo


RocketmanRocketman
Wer 2018 "Bohemian Rhapsody" so toll fand, dass er den überraschenden Oscar-Preisträger dieses Jahr gleich wieder gucken will, darf sich freuen. Die Rock-Oper geht erneut an den Start, nur übernimmt die Hauptrolle jetzt Taron Edgerton und der Held des manischen Musical-Melodrams heißt Elton John. Der reale Mensch hinter den ständig wechselnden Brillengestellen und bombastischen Bühnenoutfits scheint Regisseur Dexter Fletcher dabei noch gleichgültiger als Freddie Mercury, dessen Biopic er nach Bryan Singers Abgang beendete.
Der einfallslose Filmtitel-Song ist die erste zahlreicher auffälliger Parallelen zweier Künstlerbiografien, deren angepasste Austauschbarkeit im Kontrast zu den markanten Protagonisten steht. Die (Ver)Wandlung des schüchternen Vorstadtjungen Reginald Dwight zum schillernden Superstar vollzieht sich lapidar nebenbei. Die komplexe Verflechtung von Selbstablehnung, Selbstdarstellung und Selbstparodie in Johns Performance wird nie thematisiert, sein Musikgenie nie ergründet. Er hat's eben drauf (musikalisch) und ist bald voll drauf (suchttechnisch). Trotzdem jagt ein Megahit den nächsten, pophistorisch und inszenatorisch.
Von Lida Bach.
Foto: 2018 Paramount Pictures / Foto-Credit: David Appleby



Neue Rezensionen


Ausente
Der frühreife Zehntklässler Martín (Javier De Pietro) steht auf seinen Sportlehrer Sebastián (Carlos Echevarría). Unter einem Vorwand sorgt der Schüler dafür, dass er eine Nacht in der Wohnung seines Lehrers verbringen kann. Zwar spricht Martín seine Zuneigung zu Sebastián in dieser Nacht nicht explizit an, flirtet aber recht unverhohlen mit dem Erwachsenen und verwirrt ihn damit, denn auch Sebastián entwickelt trotz seiner Funktion als Lehrer ein Begehren für Martín. So treiben die beiden umeinander und tauschen scheue Blicke, wobei es von Anfang an Sebastián ist, den die Situation überfordert - im Grunde ist er nichts anderes als das Opfer der sexuellen Avancen seines Schülers.
Mit dem letztjährigen Berlinale-Beitrag "Ausente" liefert Regisseur Marco Berger seinen zweiten Spielfilm. Trotz der Brisanz des Stoffes kommt das argentinische Queer-Drama indes kaum über den diskursiven Gehalt einer gelungenen Telenovela hinaus.
Von Christian Horn.

Buddy (2013)
Vier Jahre nach "Wickie und die starken Männer" meldet sich Michael "Bully" Herbig zurück. Und eins muss man ihm lassen: Er wiederholt nicht die Formel seiner unerhört erfolgreichen Blockbuster-Parodien "Der Schuh des Manitu" und "(T)Raumschiff Surprise", sondern wagt etwas Neues. "Buddy" ist - wie der Titel anzeigt - ein Buddymovie, und zwar in Gestalt einer romantischen Fantasykomödie.
Eddie (Alexander Fehling) führt als Erbe des Brause-Herstellers "Sprudel Factory" ein Leben mit massig Frauen und Zaster, doch seine Saufgelage ruinieren das Firmenimage. Also betritt sein Schutzengel Buddy (Michael Herbig) die Bühne. Der unerfahrene Engel will das Leben seines Schützlings ordnen und dafür sorgen, dass Eddie nicht bei der adretten Lisa (Mina Tander) verkackt. Das Problem: Für alle außer Eddie ist der himmlische Kumpel unsichtbar, weswegen sein Umfeld ihn für verrückt erklärt.
"Buddy" ist einer jener Filme, in denen die Hauptfigur Verantwortung lernen muss, wobei die humorvolle Beziehung zwischen den unvollkommenen Buddies im Mittelpunkt steht.
Von Christian Horn.

Cadillac Records
Am Anfang war der Blues. Die Musik der Schwarzen erreichte Ende der Vierzigerjahre die amerikanischen Großstädte und konnte sich entgegen aller rassistischen Vorbehalte fest in der Musikkultur verankern. In seinem Film "Cadillac Records" erzählt Darnell Martin die Geschichte des ersten großen Platten-Labels, das Musik-Legenden wie Muddy Waters und Chuck Berry unter Vertrag nahm und mit deren Musik die Charts eroberte: "Chess Records".
Gegründet wurde das Label von Leonard Chess (Adrien Brody), einem polnischen Emigranten, der den Gitarristen Muddy Waters (Jeffrey Wright) kennenlernt und von dessen Talent überzeugt ist. Ob Chess nun wirklich die Musik liebte oder vielmehr ein gerissener Geschäftsmann war, lässt der Film weitgehend offen. Dass Waters' Musik das neu gegründete R&B-Studio zu ersten Erfolgen führt, steht jedoch außer Frage. Schnell wird das Studio zum Anlaufpunkt für etliche Musiker, darunter auch Chuck Berry (gespielt von Mos Def), der dort seine ersten Platten aufnimmt.
Von Christian Horn.

Drive Angry
Gedreht in 3D: Ein blondierter Nicolas Cage liegt bekleidet und mit Zigarre im Bett, während eine nackte Frau stöhnend auf ihm sitzt. Ob er immer angezogen mit Frauen ins Bett gehe, will sie wissen: "Vor einer Schießerei ziehe ich mich nie aus", entgegnet Cage, zückt die Shotgun und erschießt einige Männer, die urplötzlich das Zimmer stürmen. Der Sex geht unterdessen weiter, die Nackte wirbelt herum, der Held feuert aus allen Rohren, Körperteile und Bettfedern fliegen durch den Raum. Danach trinkt Nicolas Cage einen Schluck Jack Daniels und schließt den Reißverschluss seiner Hose.
Diese absurde Szene aus "Drive Angry" beschreibt das Wesen des rasanten Actionstreifens recht treffend. Regisseur Patrick Lussier, in dessen Filmographie neben drittklassigen Horrorfilmen der frühe 3D-Hit "My Bloody Valentine" steht, inszeniert sein dreidimensionales Spektakel ohne jeden Anspruch auf Ernsthaftigkeit. Nicolas Cage gibt einen gnadenlosen Rächer, der aus der Hölle ausgebrochen ist, um den Tod seiner Tochter zu rächen.
Von Christian Horn.

Engel des Bösen - Die Geschichte eines Staatsfeindes
Renato Vallanzasca (Kim Rossi Stuart), der verwegene und in Italien legendäre Gangster, bleibt stets der erzählerische Fixpunkt der Filmbiografie "Engel des Bösen". Von den Siebzigern bis in die frühen Neunziger bebildert der italienische Regisseur Michele Placido den Werdegang seines Protagonisten, wobei er wie ein alter Western-Biograf an Vallanzascas Seite klebt und alle Nebenfiguren der Dominanz der Hauptfigur unterordnet. Der Regisseur ist mehr an einer akribischen Aufbereitung der wahren Ereignisse interessiert, als an einer in sich schlüssigen Filmerzählung.
Ein wenig erinnert "Engel des Bösen" an die journalistische Arbeit, die Paolo Sorrentino vor zwei Jahren mit seiner Giulio-Andreotti-Biografie "Il Divo" leistete: Hier wie dort geht das Drehbuch davon aus, dass der Zuschauer zumindest die Eckdaten der Geschichte bereits kennt, und versucht eine Perspektive auf den (italienischen) Mythos einzunehmen. Die Sichtweise, die "Engel des Bösen" auf Renato Vallanzasca einnimmt, ist dabei eine recht einseitige.
Von Christian Horn.

Frisch gepresst
Zwar ist einer der Protagonisten aus der romantischen Komödie "Frisch gepresst" im Besitz einer riesenhaften Orangensaftpresse, doch auf den Vorgang der Saftherstellung spielt der Titel mitnichten an. Vielmehr meint das "Pressen" die Geburt eines Kindes, die in der gleichnamigen Buchvorlage von Susanne Fröhlich am Anfang des Geschehens steht. In der Verfilmung von Regisseurin Christine Hartmann rückt die Geburt indes ans Ende der Erzählung und der Weg hin zum Mutterglück in den Mittelpunkt. Die durchaus zeitgenössische Frage, inwieweit der Nachwuchs die eigene Selbstaufgabe in sich birgt und wie Karriere und Mutterschaft vereinbar sind, markiert dabei den thematischen Kern.
Der komplette Film gemahnt an unzählige romantische Komödien vor ihm. Sattsam bekannt sind die überzeichneten Figuren und Ereignisse sowie der routinierte Handlungsverlauf, der von der romantischen Tuchfühlung über das katastrophale Missverständnis zum erlösenden Happy End führt.
Von Christian Horn.

Ghosted (2009)
In der Regel begegnen uns Geister im Kino in einschlägigen Mystery- und Gruselfilmen. Insbesondere das asiatische Kino hat das Motiv in den letzten Jahren mit Filmen wie "The Eye" oder "Ring" zu neuen Blüten getrieben. Nun greift die deutsche Regisseurin Monika Treut das Thema auf und verbindet es in ihrem Film "Ghosted" mit westlichen Motiven. Dabei hat sie keinen Gruselfilm im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr eine subtile und genau beobachtete Charakterstudie entworfen, eine Parabel über den Verlust eines geliebten Menschen und - gleichsam nebenbei, auf der Metaebene - einen Film über das Kino.
Die Hamburger Videokünstlerin Sophie (Inga Busch) verliebt sich in die taiwanesische Schönheit Ai-Ling (Ke Huan-Ru). Die beiden leben eine zeitlang in Hamburg zusammen, bis Ai-Ling unter ungeklärten Umständen ums Leben kommt. Sophie, die den Verlust nur langsam verkraftet, reist nach Taipeh. Dort trifft sie eine Journalistin, die mehr über Ai-Lings Tod erfahren möchte und zunehmend als eine Wiedergängerin der Verstorbenen erscheint.
Von Christian Horn.

Happy Feet 2
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm - das gilt wohl auch für Kaiserpinguine. Denn wie sein Vater Mumble (Stimme im Original: Elijah Wood) aus dem ersten Teil tanzt auch Sprössling Erik aus der Reihe, indem er sich den Traditionen seiner antarktischen Pinguin-Kolonie verweigert. Sollte Mumble im Oscar-Gewinner "Happy Feet" noch singen und das von ihm geliebte Steppen unterbinden, sieht Erik im mittlerweile gesellschaftsfähigen Stepptanz keinen Sinn und will stattdessen - nach dem Vorbild des Papageitauchers Sven, der sich als komischer Pinguin ausgibt - lieber fliegen lernen. In der 3D-Fortsetzung seines Animationsfilms stellt Regisseur George Miller also erneut einen Außenseiter ins Zentrum. Dieses Mal agiert der Vater jedoch gleichberechtigt neben dem Sohn, weswegen "Happy Feet 2" schlussendlich auch eine Vater-Sohn-Geschichte ist. Die frohe Botschaft bleibt, was diesen Part des Films angeht, aber dieselbe: Jeder hat ein Recht aufs Anderssein und eigene Träume.
Von Christian Horn.

Ich, Daniel Blake
Ken Loach ist der große Linke des Weltkinos. Mehr denn je zeigt er dies in dem Film "Ich, Daniel Blake", für den er viele Auszeichnungen erhielt, darunter die Goldene Palme der Filmfestspiele Cannes 2016. Sein Sozialdrama ist beinahe dokumentarisch angelegt, wenn die Titelfigur gegen die bürokratischen Windmühlen kämpft. Wehe, man wird krank - der Staat lässt einen fallen, stellt Loach klar. Sein Daniel Blake (Dave Johns), ein 59-jähriger Schreiner, der nach einem Herzinfarkt vorerst nicht mehr arbeiten darf, hat das Recht auf Krankengeld, da er immer einzahlte. Aber es wird ihm verweigert. Der Hintergrund ist: Das "Employment and Support Allowance"-Programm der britischen Regierung wird von einem privaten Unternehmen geleitet. Es möchte Profite kassieren. Leidtragende sind kranke Bürger.
Ken Loach macht es den Zuschauern nicht leicht, böse und zielgerichtet - gut so! - unterbreitet der Filmemacher den Kinogängern die Dramatik der unfreiwilligen Armut, finanziell wie in Sachen Ohnmacht gegenüber der Obrigkeit.
Von Michael Dlugosch.

Im Oktober werden Wunder wahr
In einer der ersten Einstellungen der peruanischen Tragikomödie "Im Oktober werden Wunder wahr" sitzt Clemente (Bruno Odar), der männliche Protagonist, alleine am Frühstückstisch in seiner zweckmäßig eingerichteten Wohnung, zerdrückt lustlos ein gekochtes Ei mit der Gabel und isst darauf sein Eierbrötchen ohne eine Miene zu verziehen. Schon in dieser - vielleicht etwas zu gewollt Arthouse-mäßigen Eingangsszene - erahnt die/der Zuschauer/in zentrale Wesenszüge des ortsansässigen Pfandleihers, die sich im weiteren Verlauf bestätigen: Er lebt einsam, zurückgezogen und ökonomisch nach einem klar einstudierten, immer gleichen Tagesablauf. Das kann ja nicht glücklich machen, denkt man sich; aber Clemente scheint mit dem monotonen Ablauf zufrieden und kaum zu ahnen, dass die zwischenmenschlichen Beziehungen, die er nicht pflegt, ihm womöglich gut tun würden. Die beiden Brüder Daniel und Diego Vega Vidal, die ihren ersten Langfilm gemeinsam inszeniert und geschrieben haben, zwängen ihrem Protagonisten eine solche Bindung alsbald auf.
Von Christian Horn.

Jesus liebt mich
Falls die Welt am 21. Dezember - also einen Tag nach dem Kinostart von "Jesus liebt mich" - tatsächlich untergeht, erübrigt sich diese Rezension. Falls nicht, könnte es daran liegen, dass in unserer Welt etwas ähnliches passiert ist wie in der Handlung des Films: Da besucht Jesus (Florian David Fitz) die Erde, um die für "nächsten Dienstag" angesetzte Apokalypse einzuleiten. Vorher will sich der Messias aber noch ein Bild von den Menschen machen und lernt Marie (Jessica Schwarz) kennen, die seiner früheren Flamme Maria Magdalena ähnlich sieht. Während der Erzengel Gabriel (Henry Hübchen), auf Erden ein trinkfester Dorfpfarrer, seine große Liebe Sylvia (Hannelore Elsner) zurückgewinnen will, entwickelt sich zwischen Jesus und Marie eine Romanze, die das Ende der Welt auf den letzten Drücker abwenden könnte.
Das zentrale Thema der Jesus-Romantikkomödie von Florian David Fitz, der gleichzeitig auch die Hauptrolle spielt, ist erwartungsgemäß die Liebe.
Von Christian Horn.

Körper und Seele
Wie sich die Seele unter der dünnen Haut aufbäumen und zusammenkauern kann scheint dieser Film ergründen zu wollen. Wie unentdeckt dies bleiben kann, solange niemand hinschaut. Und welches Glück möglich ist, wenn man sich aus seiner Verwundbarkeit heraustraut. In einem Budapester Schlachthaus stellen die neu eingestellte Qualitätskontrolleurin Mária (Alexandra Borbély) und ihr Kollege Finanzchef Endre (Géza Morcsányi) durch einen (an Woody Allens Stil erinnernden) Zufall fest, dass sie nachts denselben Traum haben. Was tut man mit so einer Erkenntnis? Läuft man schreiend auseinander? Ergründet man das Unvorstellbare? Verbindet man Realität und Traum?
Die autistisch veranlagte Mária, die in jahrelanger mühevoller Arbeit soziale Konventionen und emotionale Reaktionen anhand von Gesichtsmustern erlernen musste, wird aus ihrem inneren Dornröschenschlaf geweckt, als sie auf den höflichen und behutsamen aber lethargischen und ausgebrannten Endre trifft.
Von Hilde Ottschofski.

Lila, Lila
Hauptfigur im Roman "Lila, Lila" von Martin Suter (erschienen 2004) und im gleichnamigen Film mit fast identischer Handlung (erschienen 2009) ist David Kern, 23 Jahre alt, Kellner in einer Szene-Bar. Hier macht er die Bekanntschaft von Marie, die das Abitur nachholt, weil sie Literaturwissenschaft studieren will. Sie interessiert sich aber kaum für ihn, eher für einige fröhliche und witzige Stammgäste.
Eines Tages findet David auf dem Trödel, versteckt in einem alten Nachtschrank, ein Manuskript mit einer unglücklichen Liebesgeschichte, Hauptfiguren sind Peter Landwei und Sophie. Am Schluss begeht dieser Peter Selbstmord. David findet den Text fesselnd, scannt ihn ein und zeigt ihn Marie, um sie als angeblicher Autor zu beeindrucken. Und tatsächlich, Marie findet den Text wunderbar und verliebt sich in David.
Könnte alles schön so weitergehen, wenn Marie nicht die Idee hätte, das Manuskript heimlich an einen Verlag zu schicken.
Von Manfred Lauffs.

Mr. Morgan's Last Love
Ihren bislang größten Erfolg feierte die Filmemacherin Sandra Nettelbeck 2001 mit ihrer charmanten Tragikomödie "Bella Martha", die von einer tollen Martina Gedeck in der Hauptrolle profitierte. Der Film erfuhr im Jahr 2007 mit "Rezept zum Verlieben" sogar ein Hollywood-Remake mit Catherine Zeta-Jones und Aaron Eckhart. Weniger Erfolg an den Kinokassen brachte Nettelbeck indes das ernste Drama "Helen" (2009) - unter anderem dadurch erklärt es sich wohl, dass die Regisseurin mit "Mr. Morgan's Last Love" erneut einen lebensbejahenden und romantischen Film inszeniert, der vom Erzählton her bisweilen an "Bella Martha" erinnert.
Die Adaption des französischen Erfolgsromans "Die letzte Liebe des Monsieur Armand" verändert die Literaturvorlage in einem entscheidenden Punkt: Aus dem Protagonisten, der im Buch ein Franzose ist, macht Nettelbeck den von Michael Caine gespielten Amerikaner Matthew Morgan, der seinen tristen Lebensabend in Paris verbringt. Seit dem Krebstod seiner Frau zieht sich der ehemalige Philosophieprofessor, der kaum Französisch spricht, immer tiefer in seine Trauer zurück. Rein zufällig lernt Matthew die junge und warmherzige Pauline (Clémence Poésy) kennen.
Von Christian Horn.

90 Minuten - Das Berlin Projekt
Während der Berliner Premiere seines neuen Films "90 Seconds" hetzt der Schauspieler Sebastian (Blerim Destani) durch die Hauptstadt, um den Sektenführer Guru (Udo Kier) zu töten, den er für den Selbstmord seiner Freundin Hannah (Nicolette Krebitz) verantwortlich macht. Eineinhalb Stunden bleiben Sebastian, um seinen Plan in die Tat umzusetzen und pünktlich zum Abspann wieder im Kinosaal zu sein.
Der Clou an dem unglücklich betitelten Thrillerdrama "90 Minuten - Das Berlin Projekt" ist ganz fraglos seine Machart. Der mazedonische Regisseur Ivo Trajkov unternimmt gemeinsam mit seinem Kameramann Suki Medencevic den ambitionierten Versuch, die titelgebenden 90 Minuten in Echtzeit zu erzählen und inszeniert die Geschichte als rasante Plansequenz, die über die gesamte Laufzeit ohne einen sichtbaren Schnitt auskommt. Die von Suki Medencevic versiert geführte Handkamera bleibt immer dicht beim Protagonisten, der sich vom Zoopalast aus durch die Berliner Stadtlandschaft bewegt und dabei unter stetigem Zeitdruck steht.
Von Christian Horn.

Oblivion
Die Erde im Jahr 2073: Seit einem Krieg gegen Außerirdische ist der Planet verwüstet und radioaktiv verseucht, weswegen die letzten Menschen auf einen Mond des Saturn geflüchtet sind. Nur die Techniker Jack (Tom Cruise) und Victoria (Andrea Riseborough) halten die Stellung in der alten Heimat, um den Abbau wichtiger Ressourcen zu überwachen: Monströse, von Flugdrohnen bewachte Fördertürme entziehen den Weltmeeren das Wasser, das die Menschheit am anderen Ende des Sonnensystems benötigt. Ein Problem stellen einige auf der Erde verbliebene Aliens dar, die regelmäßig die Drohnen und Fördertürme sabotieren. Doch als ein altes Raumschiff auf die Erde stürzt und Jack die Überlebende Julia (Olga Kurylenko) rettet, nehmen die Ereignisse eine existenzielle Wendung.
Dass Joseph Kosinski ursprünglich Werbespots drehte, merkt man seinem Kinodebüt "Tron: Legacy" ebenso an wie "Oblivion", der Verfilmung einer Graphic Novel des Regisseurs.
Von Christian Horn.

Paterson
Jim Jarmusch hatte für seinen zwölften Spielfilm "Paterson" 2016 eine kuriose Idee: Der Filminhalt präsentiert dem Kinopublikum nichts Besonderes, ein junges Paar, Paterson und Laura (Adam Driver, Golshifteh Farahani) wird in seinem gewöhnlichen Alltag gezeigt. Es scheint ein großer Spaß Jarmuschs zu sein, den er sich erlaubt, denn im Leben der männlichen Hauptfigur passiert nicht gerade viel. Einmal wird eine Waffe gezogen. Baut also Jim Jarmusch Action in seiner Story ein? Auch da erlaubt er sich einen Joke: Die Waffe enthält Schaumstoff-Kugeln. Diese Szene und eine weitere, in der der Hund des Paars ein Notizbuch zerfetzt, sind die Höhe- oder vielleicht Tiefpunkte des Films, denn "Paterson" braucht diese Szenen nicht, um eine hervorragende Wirkung zu erzielen. Damit, dass der Regisseur das Kino entschleunigt. Der Film funktioniert als absoluter Gegenentwurf zum Kino-Bombast. Ja, kurz gesagt, er funktioniert.
Von Michael Dlugosch.

Poll
Die Zeit um 1900 ist eine Phase des Umbruchs. Die industriellen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts, neue Perspektiven der Wissenschaft, die Bildung von Nationalstaaten und das Erkennen globaler Zusammenhänge - all das mündete, könnte man verkürzend behaupten, in den Ersten Weltkrieg. Am Ende dieser als Fin de Siècle bekannten Schwellenzeit, im Jahr 1914 und damit am Vorabend des Ersten Weltkriegs, spielt "Poll".
Der Hauptschauplatz von "Poll", eine herrschaftliche Villa an der baltischen Ostsee, beschreibt die Atmosphäre des Historiendramas besser als jeder andere Bestandteil des Films. Auf bedrohlich klapprig wirkenden Stelzen ist das Haus direkt ans Meer gebaut, verfaulendes, morsches Holz macht Teile des Gebäudes unbegehbar. In einem Labor betreibt der Arzt Eddo von Siering (Edgar Selge) auf eigenes Geheiß absonderliche Studien am menschlichen Gehirn, für die er illegal erworbene Leichen estnischer Widerständler seziert, während seine 14-jährige Tochter Oda (Paula Beer) auf dem Dachboden den verwundeten Esten "Schnaps" (Tambet Tuisk) versteckt.
Von Christian Horn.

Die Reise zur geheimnisvollen Insel
Die visionären Abenteuergeschichten von Jules Verne tun bis heute ihre Wirkung. Dementsprechend regelmäßig werden die fantasievollen Werke des Franzosen fürs Kino aufbereitet: Am Anfang steht "Die Reise zum Mond" von Georges Méliès, einige Jahrzehnte und Jules Verne-Adaptionen später reiste selbst Jackie Chan "In 80 Tagen um die Welt" und eines der nächsten Projekte von David Fincher findet gerüchtehalber "20.000 Meilen unter dem Meer" statt. Es ist also wenig verwunderlich, dass mit "Die Reise zur geheimnisvollen Insel" mal wieder – ein jedoch sehr frei adaptierter – Roman von Jules Verne über die Leinwand flimmert. Die Fortsetzung zu "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde", der vor vier Jahren als einer der ersten 3D-Blockbuster reüssierte, überzeugt zwar vornehmlich mit Stars und Effekten, funktioniert als kurzweiliges Familienabenteuer aber trotzdem recht gut.
"Wer hat Lust auf Abenteuer?" lautet eine immer wiederkehrende Leitfrage, die den Kern des Films treffend beschreibt, denn Regisseur Brad Peyton liefert letztlich kaum mehr als ein Potpourri abenteuerlicher Szenen.
Von Christian Horn.

Die Stooges - Drei Vollpfosten drehen ab
Während das Comedy-Trio "The Three Stooges" hierzulande eher unbekannt ist, gehören die drei überdrehten Brüder in den USA neben "Dick und Doof" zu den großen Klassikern des humorvollen Stummfilms. Ab den Zwanzigerjahren drehten die Chaosbrüder rund 200 Kurzfilme, in denen sie dem blanken Unsinn frönten: Backpfeifen, Kopfnüsse und Schläge auf den Hinterkopf zählten zum Standard-Repertoire der Stooges. Dass nun ausgerechnet Bobby und Peter Farrelly ("Dumm und Dümmer", "Verrückt nach Mary") eine Neuauflage der Slapstick-Veteranen vorlegen, erscheint nur logisch - denn wie die Stooges setzen auch die Farrellys seit jeher auf brachialen Humor und Tabubrüche.
Wie der Vorlage genügt auch den Farrellys der Rumpf einer Geschichte: Von ihren Eltern ins Waisenhaus verbracht, wachsen die drei Prügelknaben Larry (Sean Hayes), Curly (Will Sasso) und Moe (Chris Diamantopoulos) in der Obhut von Nonnen auf. Bis ins Erwachsenenalter machen die Brüder den Ersatzmüttern das Leben schwer.
Von Christian Horn.

Der Tag wird kommen
Die französischen Regisseure Benoît Delépine und Gustave Kervern machten das Publikum mit eigenwilligen und tragikomischen Filmen wie "Louise Hires a Contract Killer" oder "Mammuth" auf sich aufmerksam. Ihr neuster Streich, die Anarcho-Komödie "Der Tag wird kommen", feierte seine Weltpremiere in Cannes und erhielt dort den Spezialpreis der Jury. Auf eine Weise ist diese Entscheidung verständlich, denn als lautstarke Satire auf den Kapitalismus unterhält die Absage an Alles durchaus und regt sogar zum eigenständigen Denken an - andererseits verpuffen recht viele der zahlreichen Gags und hinterlassen bisweilen den Eindruck einer beliebigen Abfolge von Klamaukeinlagen.
Die Brüder Jean-Pierre (Albert Dupontel) und Ben (Benoît Poelvoorde) treffen nur gelegentlich im Kartoffel-Restaurant ihrer Eltern oder in der Gegend um ein tristes Einkaufszentrum aufeinander. Das verwundert kaum, denn während Jean-Pierre als erfolgloser Matratzenverkäufer mit Frau und Kind im Eigenheim lebt, flaniert Ben als Punker mit seinem Hund durch die Straßen und torpediert das Spießbürgertum mit einer chaotischen Privat-Revolution.
Von Christian Horn.

Der Vorname (2018)
Alles ist gut vorbereitet. Es soll ein schönes Abendessen werden, in gutbürgerlicher, intellektuell anspruchsvoller Atmosphäre. Grundschullehrerin Elisabeth - die zugleich die ganze Geschichte aus dem Off erzählt - und ihr Mann, der Literaturprofessor Stephan, erwarten entspannt ihre Gäste. Als erster kommt René, ein langjähriger Freund, von Beruf Klarinettist, kurz darauf erscheint Elisabeths Bruder Thomas und mit einstündiger Verspätung dessen schwangere Ehefrau Anna. Natürlich stellt man sofort die Frage: Wie soll das Kind denn heißen? Nun, Thomas lässt raten! "Fängt mit A an!" Alexander? Andreas? Asterix? Alles falsch. Der geplante Vorname wird genannt und entpuppt sich als politisch völlig unkorrekt: Adolf! Was zu einer immer heftigeren Auseinandersetzung führt. Wie kann man ein Kind nach einem der größten Verbrecher nennen? Aber andererseits: Kann der Name etwas dafür, dass ein Bösewicht ihn trug?
Von Manfred Lauffs.

Willkommen in Cedar Rapids
Obwohl der Protagonist in den Vierzigern steckt, ist "Willkommen in Cedar Rapids" nichts anderes als eine Coming-of-Age-Komödie. Denn der arg unbescholtene und unsouveräne Versicherungsvertreter Tim Lippe (Ed Helms) hat vom "richtigen Leben" bislang recht wenig mitbekommen - nicht einmal sein Heimatstädtchen Brown Valley hat Tim je verlassen. Als der Außenseiter spontan eine Wochenendtagung der Versicherungsbranche in Cedar Rapids besuchen muss, wird ihm gehörig der Kopf gewaschen. Der gealterte Partylöwe Dean Ziegler (John C. Reilly) und sein ebenfalls lebemännischer Kumpel Ronald Wilkes (Isiah Whitlock Jr.) nehmen den verstockten Versicherungsheini sogleich unter ihre Fittiche, um ihn mit Alkohol und anderen Hilfsmitteln aufzulockern. Die smarte Joan (Anne Heche) komplettiert das Trio und steuert zielbewusst auf ein außereheliches Stelldichein zu, für das sie ausgerechnet den überforderten Tim ins Auge fasst.
Regisseur Miguel Arteta erzählt den Reifungsprozess seines Protagonisten in angenehm unspektakulärer und besonnener Art und Weise.
Von Christian Horn.

 



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Zitat

"Immer, wenn ich 'Mr. Fonda' höre, schaue ich zur Tür in Erwartung, dass er zurückkommt."

("Whenever I hear 'Mr. Fonda', I look over at the door, figuring he's come back.")

Schauspieler Peter Fonda (23. Februar 1940 - 16. August 2019) über seinen übermächtigen Vater, Schauspieler Henry Fonda (1905 - 1982)

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