Aktuelle Filme


Mellow MudMellow Mud
Nachdenklich, traurig und sicher nicht naiv: Die Worte, mit denen die 17-jährige Raya (Elina Vaska) ein Mädchen auf einem Gemälde Odilon Redons beschreibt, beschreiben auch sie selbst und den erzählerischen Ton von Renars Vimbas überzeugender Coming-of-Age-Story.
Melancholisch und mit leiser Poesie zeigt das Spielfilmdebüt des lettischen Regisseurs die Suche nach einem Fluchtweg aus der hoffnungslosen Situation, in der sich die junge Frau wiederfindet. Der Originaltitel "Es esmu seit" bedeutet "Ich bin hier" und hat im Gegensatz zum internationalen Verleihtitel einen konkreten Bezug auf die innere Haltung der Hauptfigur. Raya will sich selbst an dem Ort, den sie als Zuhause wahrnimmt, behaupten. Der Ort ist eine klapprige Hütte am Rand einer lettischen Kleinstadt, die ihr Vater einst gekauft hatte. Nach seinem Tod hat ihre Mutter sich nach London aus dem Staub gemacht und Raya und deren kleinen Bruder Robis (Andzejs Lilientals) bei der Großmutter zurückgelassen.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 13. Dezember 2018
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Generation 14plus
Foto: Sabcat Media


RBG - Ein Leben für die GerechtigkeitRBG - Ein Leben für die Gerechtigkeit
Titel und Bildsprache von Julie Cohens und Betsy Wests glühender Hommage vertrauen zu sehr auf den ikonischen Status der Protagonistin in ihrem Heimatland, dessen Justiz entscheidend von Ruth Bader Ginsburgs liberalem Denken und entschlossenem Wirken profitierte. Faszinierender als die untypische Medienpräsenz und Prominenz der zum Zeitpunkt des Drehs 84-jährigen Richterin ist ihr Weg an die Spitze des amerikanischen Rechtssystems in den Supreme Court. Dorthin gelangte die in einfache Verhältnisse in Brooklyn geborene Vorkämpferin für Gleichberechtigung und Bürgerrechte im Jahr 1993 erst als zweite Frau.
Die Vorreiterrolle der ersten Supreme Court Richterin Sandra Day O'Connor bleibt unergründet, genauso wie Ginsburgs beschwerliche Karriereanfänge. In einer Ära, die Frauen per Gesetz eine dem Ehemann untergeordnete häusliche Rolle zuwies, strebte sie als verheiratete Mutter eine juristische Laufbahn an. Der Erfolg dieses in den 1950er-Jahren unerhörten Entschlusses erscheint auf dem umfangreichen Archivmaterial schlicht Verdienst unermüdlicher Arbeit.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 13. Dezember 2018
Foto: Koch Films




Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
filmrezension.de hat eine neue Rubrik: In ihr sind alle Regisseure und sämtliche Haupt- und wichtige Nebendarsteller der Filme aufgeführt, die von den Autorinnen und Autoren von filmrezension.de besprochen wurden.
Bitte hier klicken.
Die neue Rubrik ersetzt die bisherige Suchfunktion von google, die schon länger nicht mehr funktionierte.
In der oberen Zeile sollte der Link auch erscheinen, zwischen "dossier" und "über uns", anstelle von "suche". Wenn dies bei Ihnen nicht der Fall sein sollte, löschen Sie bitte Ihren Cache; eine Handlung, die übrigens häufiger durchgeführt werden sollte. Eine Anleitung, wie es geht, ist mit Suchmaschinen zu finden. Zum Beispiel bei google bitte den Suchbegriff "cache löschen" eingeben.




Wo bist du, João Gilberto?Wo bist du, João Gilberto?
"Warum einen Mann finden, der offensichtlich nicht gefunden werden will?"
So beginnt Marc Fischer sein Buch "Hobalala". Seiner Suche nach dem sich aus dem gesellschaftlichen Leben komplett zurückgezogenen Bossa-Nova-Sänger João Gilberto folgt jetzt auch der Film von Georges Gachot, eine liebevolle Hommage.
Als spiele das Leben von Gilberto irgendwo im Bermuda-Dreieck. Wer dahin aufbricht, muss lieber auf sich selber Acht geben. Der Autor konnte zu diesem neuerlichen Projekt jedenfalls nicht mehr befragt werden, denn Fischer nahm sich 2011 das Leben, gerade mal 41 Jahre alt. Sein Buch "Hobalala" erschien ein paar Tage danach, die Figur Gilberto darin allerdings nur als Fata Morgana, getroffen hatte er ihn nicht. Trotz vieler Begegnungen mit alten Weggefährten in Brasilien, die selbst vor Jahren den direkten Kontakt entweder verloren hatten oder dieser zumindest auf Telefonate beschränkt wurde.
Von Jürgen Grötzinger.
Foto: Stéphane Kuthy


Reise nach Jerusalem (2018)Reise nach Jerusalem (2018)
Alice (Eva Löbau), 39 Jahre alt, findet keinen Job mehr und ist Single. Das Leben geht an der jungen Frau vorbei. Wie im beliebten, titelgebenden Spiel für Kinder und Erwachsene, "Reise nach Jerusalem", muss man zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, sonst bleibt kein Stuhl übrig. Alice hat den Anschluss verpasst, die Arbeitsagentur schickt sie bürokratisch in unnötige, quälende Bewerbungstrainings, anstatt zu helfen. Schlimmer geht’s nimmer? Nicht für Alice.
Und nicht für den Zuschauer. In Regisseurin Lucia Chiarlas Spielfilmdebüt sind Alices Qualen auch Qualen für diesen: Der Film hat den Nachteil, dass er sich nie weiterentwickelt, erst am Schluss des Films greift die Filmheldin durch, flüchtet aus der Misere, auch wenn diese damit nicht endet, aber für sie wie für den Zuschauer ist die Flucht eine Katharsis. Zuvor bemüht Chiarla Realismus, aber dabei zu viel des Guten. Der Film dreht sich wie die "Reise nach Jerusalem"-Spieler lange im Kreis.
Von Michael Dlugosch.
39. Filmfestival Max Ophüls Preis 2018: Wettbewerbsfilm
Foto: Kess Film


Blue My MindBlue My Mind
Ein Schweizer Coming-of-Age-Film der etwas anderen Art: Die 15-jährige Mia (Luna Wedler), gerade mit ihren Eltern umgezogen und in eine andere Schule gekommen, steckt mitten in der Pubertät. Mit dem Erwachsenwerden verändert sich der Körper. Aber bei Mia anders, als sie selbst es wünscht. Das Mädchen entwickelt einen seltsamen Heißhunger: Es stibitzt die Aquarienfische seiner Eltern. Warum wachsen Häutchen zwischen den Zehen? Dann werden die Beine fleckig. Und bekommen Schuppen.
Die englische Redewendung "Blow My Mind" steht für das Verdrehen des Verstandes durch ein Geschehnis. Darauf spielt der Titel des Spielfilmdebüts der Schweizer Regisseurin Lisa Brühlmann an, ein Film, der oft in blauen Farbtönen gehalten ist, blau wie Wasser. Der Zuschauer ahnt, was kommt: Mia wird zur Meerjungfrau, oder gar ganz zum Fisch. "Shape of Water" lässt grüßen. Aber ein ähnlich fantasievoller Film ist "Blue My Mind" nicht ganz.
Von Michael Dlugosch.
39. Filmfestival Max Ophüls Preis 2018: Wettbewerbsfilm
Foto: Daniel Lobos / Tellfilm


Mandy (2018)Mandy (2018)
In seinem zweiten Spielfilm versucht Panos Cosmatos alles, um dem Publikum eine filmische Vision seelischer Abgründe zu eröffnen. Die erschreckendste Manifestation irdischen Grauens, die sein psychedelischer Trash-Horror zustande bringt, ist ein mit gelbem Plüsch bezogener Klodeckel. Dessen Eigentümer Red Miller (Nicolas Cage) trinkt verständlicherweise medizinischen Alkohol direkt aus der Flasche. Doch kein Fusel ist so stark wie der Schmerz des harten Holzfällers über den Mord an seiner Liebsten Mandy. Red sieht Rot und beschreitet den blutigen Pfad der Rache.
Die gilt dem perversen Sektenführer Jeremy und dessen fanatischen Anhängern. Ein Mann gegen alle! Alle sind zwar nur fünf Leute, darunter eine Oma und ein apathisches Mädchen, was die Gegner auf drei reduziert, aber hey, besser als nichts. Ein King-Crimson-farbener Mond hebt sich über die Shadow Mountains des Jahres 1983, während Jóhann Jóhannssons synthesizerlastiger Soundtrack die (alb)traumartige Szenerie in unheilschwangere Schwermut tränkt.
Von Lida Bach.
Foto: Koch Films


BlacKkKlansmanBlacKkKlansman
Zu einem Zeitpunkt, als gerade noch "BlacKkKlansman" in den deutschen Kinos läuft, erhielten prominente Trump-Gegner Briefbomben, darunter Obama, die Clintons, CNN und Robert De Niro. Dies zeigt, wie aktuell Spike Lees Film ist. Der Film ist zwar in den 1970ern angesiedelt, aber unleugbar spielt er auf die Gegenwart an, sogar explizit: Das Ende des Films macht einen Sprung in die Ära des US-Präsidenten, der Rassismus für nicht so schlimm hält. Trump wird gezeigt, genauso der alt gewordene David Duke, seines Zeichens Ku-Klux-Klan-Anführer, der Trump lobt. Duke kommt als junger Mann auch in Lees Film vor. Genau wie sein Klan. Nach einer unglaublichen, aber wahren Geschichte erzählt "BlacKkKlansman" von der Infiltrierung des Klans durch zwei Cops: Ein Schwarzer und ein Jude werden in Personalunion Mitglied des Klans.
Lee drehte einen nahezu perfekten Film, der in Cannes 2018 den Großen Preis der Jury erhielt.
Von Michael Dlugosch.
Foto: 2018 Focus Features LLC.


CobainCobain
Nach einem berühmten Selbstmörder benannt zu sein, gefällt ihm nicht, sagt Cobain (Bas Keizer) mal im Film, der den Namen des Jungen als Titel trägt. Cobain ist gerade mal 15 Jahre alt, wirkt aber erwachsener als seine Mutter Mia (Naomi Velissariou), die als Prostituierte und Junkie viel hinter sich hat. Viel, das sich auf ihren Sohn auswirkt; beide stecken im Sumpf fest, wenngleich Cobain nicht drogenabhängig ist. Mia ist schwanger, was sie nicht davon abhält, weiterhin Drogen und Alkohol zu konsumieren. Der Junge wird den Entschluss fassen, sie davon abzubringen.
"Cobain" ist ein lupenreines Sozialdrama, das sehr literarisch daherkommt, es könnte auch als Novelle niedergeschrieben sein. Nicht alles funktioniert im Film: Die manchmal zu dünne Handlung kommt erst gegen Ende des Films in Fahrt, wenn Cobain um Mia und um das Leben des ungeborenen Kindes kämpft.
Von Michael Dlugosch.
Foto: Victor Arnolds


Drei GesichterDrei Gesichter
Gab es in "Taxi Teheran" noch eine eigensinnige Mischung aus kreativem Widerstandsgeist und individueller Systemkritik, die den Goldenen Bären auf der Berlinale 2015 verdienten, so erscheint der diesjährige Drehbuchpreis für Jafar Panahis jüngstes Werk in Cannes als pauschale Geste. Zu unentschlossen, zu richtungslos ist das dahinplätschernde Road Movie, mit dem der iranische Filmemacher zum vierten Mal das 2010 verhängte 20-jährige Berufsverbot umfährt. Der mit dem Handy gedrehte Auftakt bleibt sowohl inszenatorisch als auch dramatisch der bescheidene Höhepunkt einer Geschichte, deren gesellschaftspolitische Motive in Ansätzen verkümmern.
Ein mühsam artikulierter Kommentar zum Einfluss der modernen Medienlandschaft auf selbst den entlegensten Provinzort kann den Mangel an Inhalt und Dramatik nicht aufwiegen. Der erzwungene Minimalismus, der die experimentelleren Filmprojekte anspornte, blockiert den vergleichsweise konventionellen Plot. Dessen Stärke ruht in nostalgischen Beobachtungen der Eigentümlichkeiten seiner Herkunftsregion und dem präzisen Spiel von Hauptdarstellerin Behnaz Jafari.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 26. Dezember 2018
Foto: Jafar Panahi Film Production


The Favourite - Intrigen und IrrsinnThe Favourite - Intrigen und Irrsinn
Abstrakter Mystizismus, stilisierte Groteske und verhohlener Zynismus, die Yorgos Lanthimos' eigenwillige Inszenierungen auszeichnen, sind die Grundfesten des höfischen Settings seines dritten englischsprachigen Werks. Dessen historischer Rahmen wird zur Bühne eines süffisanten Intrigenstücks voll doppelbödiger Konversation, vielsagender Gegenwartsbezüge und beißender Komik. Dabei besticht die strategische Ménage-à-trois im Zentrum der Handlung gleichermaßen durch messerscharfe Machtspielchen, präzise beobachtete Verhaltensmuster und unaufdringliches Mitgefühl gegenüber den Figuren. Deren vermeintlicher Egoismus enthüllt sich als pragmatischer Überlebenskampf auf einem politischen Parkett voll ausgestreckter Stolperbeine, in metaphorischem Wettlauf watschelnder Enten und Kindersatz-Kaninchen.
Besagte Haustiere sind einer der tragikomischen Verweise auf schmerzliche Opfer, welche Queen Anne (brillant: Olivia Colman) und deren Günstling Lady Sarah Churchill (Rachel Weisz) zu dem exzentrischen Regentinnen-Paar gemacht haben, das sie abgeben. Akutes Elend formt auch Sarahs tugendsame junge Cousine Abigail Masham (Emma Stone) zur kalkulierenden Aufsteigerin. Als solche bringt sie Sarah gleich doppelt um ihre Position: als Titelfigur und königliche Favoritin.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 24. Januar 2019
Foto: Twentieth Century Fox


Vakuum (2017)Vakuum (2017)
Eine Frau, seit 35 Jahren verheiratet, erfährt zufällig, dass sie HIV-positiv ist. Erst will sie dies nicht glauben. Aber die zweite Untersuchung bestätigt es. Ihr Mann, mit dem sie eine gute Ehe führt, muss sie angesteckt haben, es gibt keine anderen Erklärungen. Denn frühere Operationen, die noch infrage kommen, waren nicht mit Bluttransfusionen verbunden. Die Frau reifen Alters findet heraus, dass der Mann bei Prostituierten war. Wie soll die Ehe jetzt weitergehen?
Der zweite Langspielfilm der Schweizer Regisseurin Christine Repond nach "Silberwald" 2011 hat eine Story, die auf den ersten Blick an Handlungen von Telenovelas erinnert. Aber Repond sorgt dafür, dass jedes Detail, jede Nuance stimmt - kurz: Die Filmemacherin nimmt den Stoff, den sie verfilmt hat, ernst (Drehbuch: Repond mit Silvia Wolkan). Zudem trägt die hervorragende schauspielerische Leistung des Leinwandstars Barbara Auer ("Die innere Sicherheit") den Film.
Von Michael Dlugosch.
deutscher Kinostart: 14. März 2019
39. Filmfestival Max Ophüls Preis 2018: Wettbewerbsfilm
Foto: Dschoint Ventschr Filmproduktion



Dossier


Das US-Horrorkino der 1970er & ich
Der moderne US-amerikanische Horrorfilm der 1970er-Jahre wird von Autor Christian Horn als subjektiver Abriss ohne Vollständigkeit untersucht. Hier geht es um das spezifisch Neue an diesem Genre, das in schmierigen Bahnhofskinos lief, wo Zombies, Irre und Kannibalen ihr stilprägendes Unwesen trieben.
Von Christian Horn.


Neue Rezensionen


The Avengers
Die beiden "Iron Man"-Filme, "Der unglaubliche Hulk", "Thor" und "Captain America" klärten die Vorgeschichte der wesentlichen Helden des Marvel-Superheldenteams "The Avengers" bereits in eigenen Filmen. Begleitet von einer immensen Werbekampagne rollt der Blockbuster "The Avengers", der die Helden in einem Film vereint, nun seit geraumer Zeit heran. Dass zahlreiche Fans der Sechzigerjahre-Comicserie und gegenwärtiger Comicverfilmungen die Großproduktion heiß erwarten, verwundert wenig, denn wenn es schon in den bisherigen Filmen ordentlich krachte, wie muss es dann erst scheppern, wenn alle diese überlebensgroßen Superhelden und dazu noch die Marvel-Figuren Hawkeye, Black Widow und Agent Phil Coulson gemeinsam in einer 220 Millionen Dollar schweren Riesenproduktion auftreten?
Tatsächlich erfüllt "The Avengers" von Regisseur Joss Whedon ("Buffy - Im Bann der Dämonen") die hohen Erwartungen, die in punkto Action und Spezialeffekte an ihn gestellt werden: Bereits am Anfang legt eine riesige Explosion einen kompletten Gebäudekomplex samt Umland in Schutt und Asche.
Von Christian Horn.

The Deep
Die Isländer nennen ihn den Seehundmann. Besonders für die Bewohner der Westmännerinseln ist der Fischer Gulli (im Film: Ólafur Darri Ólafsson) eine Art Nationalheld, und seine Geschichte ein moderner Mythos. Im Jahr 1984 kentert Gulli mit fünf anderen Seemännern in den eisigen Fluten des Nordatlantik. Die rettende Küste liegt einige Kilometer entfernt in ungewisser Himmelsrichtung. Während die übrigen Besatzungsmitglieder schon nach kurzer Zeit im eiskalten Wasser erfrieren, schwimmt Gulli etwa sechs Stunden durch den Atlantik, bis er völlig entkräftet das Ufer erreicht und sich über scharfkantiges Vulkangestein seiner Rettung entgegen schleppt.
Dem isländischen Regisseur Baltasar Kormákur ("101 Reykjavik") dient diese wahre Begebenheit nun als Stoff für sein Drama "The Deep", das mehr als den reinen Überlebenskampf Gullis schildert. Nach einer effizienten Einführung in das raue Milieu der Westmännerinseln und einer Charakterisierung der Figuren, bildet das eigentliche Überlebensdrama im Atlantik nur das zweite Drittel der Erzählung.
Von Christian Horn.

Ein Sommer in Haifa
Auf den ersten Blick ist "Ein Sommer in Haifa" ein leichter Sommerfilm: Lichtdurchflutete Bilder von Haifa liefern den Rahmen für die Geschichte des jungen Heranwachsenden Arik, der ausgerechnet im Sommer 1968 seine erste Liebe trifft und die teils verbohrte Lebenseinstellung seiner polnischen Eltern zu hinterfragen beginnt. Schaut man die Tragikomödie des israelischen Regie-Altmeisters Avi Nesher ausschließlich auf dieser Ebene, ist ein vergnüglicher Kinoabend gesichert, liefert der Film doch zig Erzählstränge zum Mitfiebern: Arik verliebt sich in die Hippiebraut Tamara, die Cousine seines besten Kumpels Benny, der - ebenfalls in der Pubertät - auch ein Auge auf die sommerlichen Kleider seiner Cousine wirft. Parallel nimmt Arik einen Ferienjob beim alten Holocaust-Überlebenden Yankele an, der in einem Kinohinterzimmer Heiratswillige an Gleichgesinnte vermittelt. Beide Erzählstränge greifen ineinander und in beiden kommt es über Kurz oder Lang zum großen Knall.
Von Christian Horn.

The Guard - Ein Ire sieht schwarz
Die raue Küstenlandschaft Westirlands liefert die perfekte Kulisse für die schwarze Thrillerkomödie "The Guard" und genau das richtige Setting für eine Figur wie den von Brendan Gleeson verkörperten Sergeant Gerry Boyle. So mürrisch wie die Landschaft selbst poltert Boyle durch den Film, schert sich einen Dreck um political correctness und folgt seinem kantigen Ehrenkodex. Als dieser harte irische Brocken gemeinsam mit dem frisch aus der Stadt angereisten FBI-Agenten Everett (Don Cheadle) ein mit Kokain beladenes Schiff ausfindig machen soll, gibt sich der Dorfpolizist entsprechend unkooperativ. Anstatt Everett hilfreich zur Seite zu stehen und ihm die Kontaktaufnahme mit der ebenso kernigen Bevölkerung zu erleichtern, diskriminiert er den ungewollten Kollegen lieber wegen seiner Hautfarbe und stößt ihn mit allerlei anderen Regelverstößen vor den Kopf. Regisseur und Drehbuchautor John Michael McDonagh macht aus dieser ungleichen Konstellation eine unaufdringliche Komödie, die ihren Charme aus schwarzhumorigen Normabweichungen und punktgenauem Dialogwitz bezieht.
Von Christian Horn.

The Liverpool Goalie
Zunächst ist "The Liverpool Goalie" von Arild Andresen so etwas wie eine romantische Komödie für jüngere Kinogänger/innen: Der 13-jährige Jo verguckt sich in seine neue Mitschülerin Mari, weiß aber nicht so recht, wie er das Herz der Wunschdame erringen kann. Ein Plan ist bald gefasst: Jo will die seltene Fußball-Sammelkarte des Torwarts von Liverpool in Besitz nehmen, um mehr Ansehen in der Schulklasse und Maris Herz zu gewinnen. Denn wo soll die Coolness sonst herkommen, wenn man nicht gut Fußball spielt und für stärkere Raufbolde die Hausaufgaben machen muss?
In seinem Kinodebüt zelebriert der norwegische Filmemacher Arild Andresen die Zeit der Pubertät und die damit einhergehende erste größere Selbstfindung auf überaus smarte Weise, mit etlichen schönen Ideen und einem guten Schuss Selbstironie.
Wie jeder starke Kinderfilm verbreitet auch "The Liverpool Goalie" sein Charisma mühelos über Altersgrenzen hinweg.
Von Christian Horn.

The Party (2017)
Regisseurin Sally Potter, bekannt geworden mit den Filmen "Orlando" (1992) und "Tango-Fieber" (1997), kam mit "The Party" in den Wettbewerb der 67. Berlinale 2017. Einen Preis erhielt er da, den Gilde Filmpreis für den Besten Wettbewerbsfilm. Potter plante mit dem Film eine Gesellschaftssatire. Doch "The Party" missglückt vollends, da die Filmemacherin die seichte, tausendmal gesehene Handlung und die überkandidelt agierenden Darsteller nicht in den Griff bekommt. In einem Interview sprach Potter davon, sich die Screwball-Komödien der 1930er-Jahre zum Vorbild genommen zu haben. Davon ist nichts zu sehen, die Übertriebenheit der Aktionen der Filmfiguren tut weh, was lustig sein soll, ist es nicht: Der Protagonist Tom (Cilian Murphy), ein Jungbanker, fuchtelt, wenn er während der Party allein auf die Toilette flüchtet, mit Waffe herum, die er dann in der Mülltonne verbirgt, bis die Gastgeberin der Party, Janet, eine Politikerin (Kristin Scott Thomas) sie findet, und schließlich benutzt.
Von Michael Dlugosch.

Das Rotkäppchen-Ultimatum
Dass nicht alle Animationsfilme den hohen technischen Standard der beiden Marktführer Pixar und Dreamworks erreichen können, liegt auf der Hand. Prinzipiell muss das auch kein Problem sein - schließlich kann eine nicht ganz so ausgereifte visuelle Oberfläche durch Charme, eine spannende Geschichte und dergleichen durchaus einen interessanten Film beherbergen. Doch Mike Disa, der mit "Das Rotkäppchen-Ultimatum" sein Kinofilmdebüt vorlegt, schafft es nicht im Geringsten, die mäßig animierten Bilder auf welche Weise auch immer aufzuwerten. Von einem gelungenen Running Gag um eine musizierende Ziege abgesehen, ist "Das Rotkäppchen-Ultimatum" durchgängig witzlos und gibt eine schwache Fortsetzung des ebenfalls nicht rundum überzeugenden Vorgängers "Die Rotkäppchen-Verschwörung" ab.
Die rüstige Oma des grimmigen Rotkäppchens wurde entführt, weil sie das Rezept für einen Krafttrank kennt. Gemeinsam mit dem bösen Wolf macht sich das kampferprobte Rotkäppchen auf die Suche nach den Entführern der Großmutter.
Von Christian Horn.

Die Schatzritter
Die Gründungssage Luxemburgs dient Regisseurin Laura Schroeder als Hintergrund für ihr Kinodebüt "Die Schatzritter". Im Zentrum der Legende steht die verwunschene Meerjungfrau Melusina, die alle sieben Jahre auf die Erde zurückkehrt. Innerhalb der Woche ihrer Anwesenheit ist es Schatzsuchern möglich, den Schatz der Meerjungfrau zu finden und die Verwunschene damit von ihrem Fluch zu erlösen. Der elfjährige Jeff (Anton Glas) hegt ein besonders Interesse an dieser Legende, sieht er doch einen Zusammenhang zwischen der Ermordung seiner Mutter durch den unheimlichen Duc de Barry (Clemens Schick) und dem verborgenen Schatz, während sein Vater (Luc Feit) nach wie vor an einen Herzstillstand der Ehefrau glaubt. In den Sommerferien begibt sich Jeff mit seinen Freunden Leo (Thierry Koob), Julia (Lana Welter) und Killer (Tun Schon) auf Schatzsuche. Die Burg im angrenzenden Wald und das Auftauchen einer fremden Frau (Alexandra Neldel) markieren dabei erste Hinweise.
Von Christian Horn.

Sommer auf dem Land
"Öffne deine Augen!" lautet die erste Dialogzeile des Films. Das zugehörige Bild zeigt die kürzlich verstorbene, über alles geliebte Frau des Konzertpianisten Bogdan (Zbigniew Zamachowski), die mit geschlossenen Augen im Sarg liegt. Nach der Beerdigung macht die Erzählung schnell deutlich, dass Bogdan den Tod seiner großen Liebe Izabela (Lucyna Malec) überaus schlecht verkraftet. Anstehende Konzerte sagt der Musiker ab und verlebt den Sommer lieber auf dem kleinen Bauernhof seiner Mutter, der mitten im polnischen Hinterland liegt. Beim Melken bemerkt der Liebeskranke eine Kuh, die ein besonderes Interesse an klassischer Musik hegt und deren Milch besonders schmackhaft ist. Sofort steht für Bogdan unverrückbar fest, dass Izabelas Seele in der friedlichen Kuh steckt.
Von diesem Konflikt aus entwirft der polnische Regiedebütant Radek Wegrzyn seine schön zwischen Drama und Komödie austarierte deutsch-polnisch-finnische Koproduktion "Sommer auf dem Land", die immer eingängig und unterhaltsam bleibt, aber keineswegs ins Plumpe abrutscht.
Von Christian Horn.

Space Dogs
"Space Dogs" ist der erste 3D-Animationsfilm aus Russland und daher schon auf rein technischer Ebene ein Prestigeprojekt des russischen Nationalkinos. Ganz passend erzählt die Geschichte eine Episode aus den frühen Erfolgen der sowjetischen Raumfahrt, als diese den amerikanischen Bemühungen zur Eroberung des Weltalls deutlich überlegen war. So schickten die Russen mit ihrer Raumkapsel Sputnik 5 im August 1960 zwei Hunde, ein Meerschweinchen und vierzig Ratten ins All, die einen Tag später als erste Lebewesen sicher zur Erde zurückkehrten. Diesen Erfolg der frühen Raumfahrt adaptiert "Space Dogs" in einer recht freien, kindgerechten Weise als Abenteuerfilm.
Wie beim Großteil der gegenwärtigen 3D-Produktionen (auch aus Hollywood), vermag die dritte Dimension in "Space Dogs" kaum zu überzeugen, sondern äußert sich allenfalls in Nuancen und beim Finale, das einen kurzen Ausflug ins All unternimmt - das Tragen der Brille erweist sich einmal mehr als reichlich überflüssig.
Von Christian Horn.

Star Wars: Episode I - Die dunkle Bedrohung
Wie lange George Lucas seine "Star Wars"-Saga noch überarbeitet, weiß wohl nur der liebe Gott. Kaum eine andere Kinofilmreihe erfuhr so viele Neuauflagen und Überarbeitungen jeglicher Stoßrichtungen: etwa in punkto "brandneue" Bildqualität, veränderte Schnittfassungen, Spezialeffekte und Pixelverhältnisse, Sequels, Prequels und Spin-Offs und Wiederaufführungen in den Lichtspielhäusern. So ist es nur konsequent, dass George Lucas und die zugehörige Effekt-Schmiede "Industrial Light & Magic" das kassenträchtige und – verglichen mit den 3D-Booms Mitte der 50-er ("Bei Anruf Mord") und Anfang der 80-er ("Der weiße Hai 3-D") – tatsächlich "sehenswerte" Reel-D-Verfahren der Gegenwart für eine erneute Kinopremiere von "Star Wars" beim Schopfe packt.
Der Film als solcher ist ja bekannt: Angelegt als Vorgeschichte zur Original-Trilogie erzählt Lucas einen politischen Konflikt zwischen den bösen Sith Lords und den guten Jedi-Rittern. Es geht um Handelsrouten und der friedliche Planet Naboo gerät ins Kreuzfeuer der Ränkespiele, weswegen ein Jedi-Meister (Liam Neeson) und sein Schüler (Ewan McGregor) einschreiten.
Von Christian Horn.

Susos Turm
Manchmal braucht es zu einem gelungenen Kinoerlebnis nur eine Handvoll charismatischer Darsteller und eine geschmeidige Inszenierung. Das hört sich freilich leichter an, als es ist. Können sich diese Zutaten jedoch frei entfalten, darf ein Film auch mal daneben hauen und der ein oder andere Patzer ist schneller verziehen als der Zuschauer "So was aber auch!" sagen kann. Ein solcher Film ist die spanische Komödie "Susos Turm", mit der Regisseur Tom Fernández sein Kinodebüt vorlegt.
Als Cundo (Javier Cámara) nach zehn Jahren Abwesenheit in sein Heimatdorf zurückkehrt, um der Beerdigung seines Freundes Suso beizuwohnen, hat er einen ganz einfachen Plan: Mit den alten Kumpels betrinken, der verlassenen Familie vorgaukeln, dass sein neues Leben reibungslos verläuft - und ab in den nächsten Flieger. Doch "Susos Turm" wäre kein Film, würde nicht einiges schief gehen.
Von Christian Horn.

Swans - Hunger nach Leben
Das Beste an der deutsch-portugiesischen Koproduktion "Swans" sind die konzentrierten Bilder von Kameramann Reinhold Vorschneider, der bei den meisten Filmen der sogenannten Berliner Schule (zuletzt bei "Der Räuber", "Im Schatten" und "Dreileben") hinter der Kamera stand und die Ästhetik des jungen deutschen Independent-Kinos somit maßgeblich mitgeprägt hat. Da der portugiesische Regisseur und Drehbuchautor Hugo Vieira da Silva seinem im Forum der Berlinale aufgeführten Drama ansonsten kein nennenswertes Profil verleihen kann, bleibt "Swans" am Ende eine arg durchschnittliche und allzu offensichtlich um ihren Kunstcharakter bemühte Arthouse-Produktion.
Gemeinsam mit seinem jugendlichen Sohn Manuel (Kai Hillebrand) reist Tarso (Ralph Herforth) nach Berlin, um seine im Koma liegende Exfrau, die Mutter Manuels, zu besuchen. Der Sohn hat die Mutter zuletzt als Kind gesehen und ist vom Anblick des reglosen Körpers im Krankenhausbett verständlicherweise irritiert.
Von Christian Horn.

Transnationalmannschaft
Multikulti ist gescheitert und "Deutschland schafft sich ab" - bei Kerner, Maischberger und Co. reden sich die Experten die Köpfe darüber heiß. Doch mitten in Mannheim nimmt der vormalige Ethnologie-Student Philipp Kohl eine andere Sichtweise ein: Abseits von grauen Zahlen und Spitzengremien begibt sich der junge Regisseur mit seiner Kamera vor die eigene Haustür, um dem ganz alltäglichen Stand der Integration im vibrierenden Migranten- und Arbeiterviertel Jungbusch nachzuspüren. Dass "Transnationalmannschaft" während der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika - also inmitten einer deutschlandweiten Euphorie - entstanden ist und daher nicht unbedingt ein allgemeingültiges Stimmungsbild zeichnet, reflektiert die Doku indes nicht. Kohls Film ist daher weniger eine objektive Bestandsaufnahme, als vielmehr ein subjektiver Blick auf das Zusammenleben von Deutschen und Ausländern im Jungbusch.
Zahlreiche der Jungbusch-Anwohner aus aller Herren Länder sprechen über ihre Erfahrungen mit Integration, wobei die multiethnische Aufstellung der deutschen Nationalelf wiederholt als Gesprächseinstieg dient.
Von Christian Horn.

Unser Paradies
Vassili (Stéphane Rideau) arbeitet bereits seit einigen Jahren als Stricher in Paris. Mit den Jahren fällt ihm die Kundensuche immer schwerer, da jüngere Männer auf dem Markt vielfach beliebter sind: "Als Schwuler musst du dein Leben in Hundejahren rechnen - mit dreißig ist alles vorbei" lautet die pessimistische Bilanz Vassilis, dessen Wut über die Freier (und wohl auch seine eigene Lebenssituation) in gewalttätigen Aktionen bis hin zum mehrfachen Mord ans Tageslicht tritt. Als er einen zusammengeschlagenen jungen Mann (Dimitri Durdaine) am Straßenrand findet, scheint sich das Blatt zum Guten zu wenden. Vassili tauft seinen neuen Begleiter auf den Namen Angelo, weil er ihm wie ein Engel vorkommt, und beide sehen im jeweils anderen eine Chance auf ein besseres Leben. Eine zeitlang arbeiten Vassili und Angelo gemeinsam als Callboys, doch schließlich suchen sie ihr Glück außerhalb von Paris und flüchten zu einer Bekannten aufs Land.
Von Christian Horn.

Unter Strom
Ein frisch des Mordes verurteilter Unschuldiger (Hanno Koffler) tritt mit einem zerstrittenen Ex-Ehepaar als Geisel die Flucht an, sammelt unterwegs einen konservativen Politiker ein, den er hinter dem Komplott gegen ihn vermutet, und verschanzt sich recht planlos in einem Landhaus. Dorthin bestellt er seine Frau und seinen besten Kumpel, die insgeheim ein Verhältnis haben; auch die Polizei lässt nicht lange auf sich warten und Ruck-Zuck ist das so hektische wie geschwätzige Chaos perfekt - "Unter Strom", das Kinodebüt von Zoltan Paul, will eine waschechte Screwball-Comedy sein.
Eine ebensolche zeichnet sich der Definition auf 35millimeter.de zufolge durch eine "temporeiche und pointierte Dialogform" und ein daraus resultierendes "rasches Wechselspiel von Aktion und Reaktion" aus. Wenngleich Zoltan Paul bei diesem Vorhaben von einer neunköpfigen Truppe begabter deutscher Theater-, Fernseh- und Kinodarsteller unterstützt wird, erschöpft sich die an sich vielversprechende Ausgangslage größtenteils in müder Belanglosigkeit.
Von Christian Horn.

Der Untertan
Nach oben buckeln, nach unten treten - diese Redewendung ist allgemein bekannt, aber nirgendwo in Literatur und Film ist sie deutlicher wortwörtlich zu nehmen, als im Roman "Der Untertan" von Heinrich Mann (1914) und dessen Verfilmung 1951 von Wolfgang Staudte ("Rosen für den Staatsanwalt"). Der westdeutsche Regisseur drehte in der DDR, was zum langjährigen Verbot des Films in der Bundesrepublik führen sollte. Bis sich liberale Kreise gegen konservativ Denkende durchsetzten; nach heftigen Protesten wurde dem Film Ende der 1950er-Jahre doch noch das Prädikat "besonders wertvoll" zugesprochen. Die Konservativen stießen sich an der Kritik des Films an Obrigkeiten: für Staudte führte die Kaiserzeit zum Faschismus. Das Filmende weicht leicht vom Romanende ab, eine Bildmontage, die von der im Gewitter endenden Einweihung eines Kaiserstandbilds zu Weltkriegszerstörungen wechselt, zeigt dem Zuschauer auf, was auf den ultrakonservativen Wahn folgte.
Von Michael Dlugosch.

Verrückt nach Dir
Von wegen früher war alles besser! Stichwort Fernbeziehung. Früher konnten zwei Liebende eine große räumliche Distanz mit Briefen überbrücken oder mit teuren Telefonaten. Heute gibt es da viele andere Möglichkeiten. Nicht nur, dass Flüge weitaus erschwinglicher sind: E-Mails erreichen das Gegenüber ohne Verzögerung, Skype ist kostenlos, selbst eine SMS findet den Weg über Ozeane und Bildtelefonate gibt es auch. Eine leibhaftige Begegnung können diese technischen Neuerungen freilich dennoch nicht ersetzen und so ist eine Fernbeziehung heute zwar leichter organisierbar, nichtsdestotrotz aber immer noch problematisch. In der romantischen Komödie "Verrückt nach Dir" (OT: "Going the Distance") entwirft die bisher als Dokumentarfilmerin erfolgreiche Regisseurin Nanette Burstein eine solche moderne Fernbeziehung und interessiert sich vor allem für die Basis einer jeden Beziehung - die Kommunikation.
In einer New Yorker Bar treffen sie vor einem Spielautomaten aufeinander: Garrett (Justin Long), der gerade eine Beziehung hinter sich hat, und Erin (Drew Barrymore), die in sechs Wochen ins knapp 3000 Meilen entfernte San Francisco zurückkehren muss.
Von Christian Horn.

Vielleicht lieber morgen
Für die Kinoadaption seines Jugendromans "The Perks of Being a Wallflower" hat der Autor Stephen Chbosky nicht nur das Drehbuch verfasst, sondern auch die Regie übernommen. Dementsprechend vorlagentreu ist der hierzulande mit "Vielleicht lieber morgen" betitelte Independentfilm, der in bester Coming-of-Age-Manier und mit einer guten Portion Charme von den Nöten eines Heranwachsenden erzählt.
Wie der Roman nimmt auch die Verfilmung die Perspektive des verschlossenen und psychisch labilen Einzelgängers Charlie (Logan Lerman) ein. Charlie, der sich für Literatur interessiert und gerne Schriftsteller wäre, erlebt einen schwierigen Start an der neuen Schule und stößt im sozialen Umfeld auf wenig Gegenliebe. Als der Jugendliche Patrick (Ezra Miller) und Sam (Emma Watson) aus der Oberstufe kennenlernt, eröffnet sich eine neue Welt und Charlie stößt zu einer Gruppe von Sonderlingen und Mauerblümchen, bei denen er sich bestens aufgehoben fühlt.
Von Christian Horn.

Vollmondnächte
Regisseur Eric Rohmer ("Pauline am Strand" (1983), "Sommer" (1996)), verstorben 2010, ist bekannt für seine intelligenten, intellektuellen Beziehungsdramen. Auch dieser Film von 1984 untersucht sehr klug die Zweisamkeiten, die zu Einsamkeiten werden, weil Partner sich entfremden. In "Vollmondnächte" fühlt sich die junge Louise in einer Vorstadt eingesperrt, in der ihr Lebensgefährte Rémi (Tchéky Karyo) lieber leben will, und bezieht eine Zweitwohnung in Paris, mitten im Trubel der Weltstadt. Es geht nicht gut aus, beide geraten wegen der Entfernung in Streits und driften auseinander. Am Ende geht Louise fremd, will aber zu Rémi zurück - doch der hat eine neue Partnerschaft.
"Vollmondnächte" lief im Wettbewerb der Filmfestspiele Venedig 1984. Hauptdarstellerin Pascale Ogier, Tochter der französischen Schauspielerin Bulle Ogier, wurde dort wegen ihrer sehr guten Leistung als Beste Darstellerin geehrt. Ihren größten Triumph konnte die 26-Jährige nicht lange auskosten: Sie starb wenige Wochen später, offiziell an einem Herzstillstand.
Von Michael Dlugosch.

Was du nicht siehst
Die Atmosphäre ist von Anfang an unheilschwanger: Als Prolog ein junger Mann, der gefährlich nah am Rand einer Klippe steht; dann ein glühender, achtlos an den Straßenrand geworfener Zigarettenanzünder, ein rüpelhafter Typ auf einer Rasthof-Toilette und ein qualmender Müllabfuhrwagen, der geradewegs aus einem amerikanischen Highway-Horrorfilm stammen könnte. Diese Eröffnungsszenen aus Wolfgang Fischers Kinodebüt "Was du nicht siehst" etablieren eine mysteriöse Grundstimmung, die im Folgenden bestehen bleibt.
Wie einen Gruselfilm inszeniert Fischer den Familienausflug des 17-jährigen Anton (Ludwig Trepte), seiner Mutter Luzia (Bibiana Beglau) und deren neuem Freund Paul (Andreas Patton), die für ein paar Tage in einem Ferienhaus in der Bretagne einkehren. Ohne dass die Zuschauer wissen, was eigentlich los ist, scheint eine Eskalation von vornherein unausweichlich - die Bilder und die von unheimlichen Melodien getragene Tonspur lassen hieran keinen Zweifel.
Von Christian Horn.

Willkommen bei den Rileys
Mit James Gandolfini und Kristen Stewart treten in "Willkommen bei den Rileys" gleich zwei Schauspieler auf, die mit einem recht festgelegten Image geschlagen sind: Gandolfini, der vor allem mit seiner Rolle des Tony Soprano in der Fernsehserie "Die Sopranos" assoziiert wird und im Kino in meist zwielichtigen Nebenrollen auftritt, liefert in Jake Scotts zweitem Spielfilm eine seiner wenigen Hauptrollen. Kristen Stewart ist durch ihre Rolle der Bella Swan aus der "Twilight"-Reihe noch festgelegter und erweitert ihr Rollenspektrum als minderjährige Prostituierte, die von der naiven Schönheit der Vampir-Geliebten kaum weiter entfernt sein könnte. Beide Darsteller meistern den Aufbruch zu neuen Ufern, und Melissa Leo, die kürzlich einen Oscar für ihre Nebenrolle in "The Fighter" erhielt, komplettiert das Ensemble mit einer nicht minder sehenswerten Darbietung. Als erste und zentrale Einschätzung kann gesagt werden, dass "Willkommen bei den Rileys" ein Schauspielerfilm ist.
Von Christian Horn.

 



© filmrezension.de

    regisseure/schauspieler   |  e-mail  |  über uns  |  impressum  


 
Zitat

"Ich schaue nicht auf irgendeinen meiner Filme mit Vorliebe oder Stolz zurück. Ich schaue auf meine Filme allgemein zurück... Ich kann nur die Redewendung benutzen: 'Ich bin verflucht'."

("I don't look back on any film I've done with fondness or pride. I look back on my films and on the past generally ... I can only used the phrase, 'Well, I'm damned.'")

Der britische Regisseur Nicolas Roeg (15.08.1928 - 23.11.2018; "Wenn die Gondeln Trauer tragen", "Der Mann, der vom Himmel fiel")

Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe



Filmmusik im Hörfunk

Flimmerkiste
jeden Sonntag von 17.30 bis 19.00 Uhr, WDR 4