Aktuelle Filme


Willkommen in MarwenWillkommen in Marwen
Mark Hogancamp ist anders. Aber ist nicht jeder Mensch anders? Die Filmbiographie über Marks Schicksal ist ein behutsames Plädoyer für gegenseitige Akzeptanz. Im Fall des Künstlers Mark Hogancamp für die Komplexität einer starren Gendergesellschaft, die nur langsam beginnt, Diversität zu etablieren. Und wie entspannend vielfältig ist diese Welt, die sich auftut!
Mark verliert nach einem mehrtägigen Koma seine Erinnerung an sein bis dahin 38-jähriges Leben. Als er nach Hause kommt, findet er in Wandschrank seiner Wohnung fast 300 Paar Frauenschuhe, die überraschenderweise ihm gehören. Verarmt, körperlich und seelisch aufgerieben und labil, tastet er sich in ein neues Leben hinein, das schwer zu finden ist. Seine Kreativität hilft ihm jedoch weiter. Auch wenn er nicht mehr wie früher schreiben und zeichnen kann, so baut er im Maßstab 1:6 ein mit weiblichen Puppen bewohntes belgisches Dorf während des Zweiten Weltkriegs mit dem Phantasienamen Marwen auf.
Von Hilde Ottschofski.
deutscher Kinostart: 28. März 2019
Foto: Universal Pictures


Wintermärchen (2018)Wintermärchen (2018)
Die Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) sind tot oder lebenslänglich im Gefängnis, zehn Menschen ermordete das Trio, Zeit für Aufarbeitung. Das hat sich Regisseur Jan Bonny filmisch vorgenommen. Es bleibt beim Versuch. Er ekelt sich zweifellos vor dem NSU, macht aus dem Abscheu keinen Hehl. Aber "Wintermärchen" ekelt vor allem den Zuschauer, ohne Rechtsterroristen und ihren Absichten, ihrem Werdegang, den Gründen für ihr Verhalten nahe zu kommen. Es sind nicht Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt, die im Film vorkommen, ein anderes Trio wird stellvertretend in seiner Primitivität gezeigt. Was für eine Primitivität! Der Film besteht fast ausschließlich aus Ficken, Saufen, Fluchen, nochmal Ficken, nach einer dreiviertel Stunde das Begehen der ersten Morde, nochmal Ficken. Klar, dass ein an den NSU angelehnter Filminhalt verstörend sein muss. Die Vorgehensweise ist aber abzulehnen. Zuschauer werden den Kinosaal verlassen. Zu recht? Ja, zu recht.
Von Michael Dlugosch.
Foto: W-film / Heimatfilm


Wir (2019)Wir (2019)
Der Titelsong ist die erste diverser komplexer Metaphern, mit denen Jordan Peele seinen brillanten Horror-Thriller spickt. Es braucht nur ein anderes Tempo, Instrumente und Akzentuierung und schon wird aus Konsonanz Dissonanz. Gleichsam sind die Tethered, die Adelaide Wilson (exzellent: Lupita Nyong'o), ihren Gatten Gabe (Winston Duke) und deren Kinder Zora (Shahadi Wright Joseph) und Jason (Evan Alex) konfrontieren, mehr als nur monströse Echos aus einem psychologischen Abgrund, der sich 1986 in Adelaides Kindheit auftut.
Die Story beginnt nicht zufällig in der Reagan-Ära, als Events wie die gespenstisch evozierte Menschenkette die eskalierende soziale Spaltung retuschieren sollten. Während "Get Out", mit dem "Wir" (Originaltitel: "Us") Teil eines Filmquartetts über gesellschaftliche Albträume ist, Rassismus anging, konzentriert sich die buchstäblich doppelbödige Gruselsatire auf ein ebenso polarisierendes Thema: das Klassensystem. Wieder droht Selbstverlust, diesmal nicht des Körpers, sondern des Sozialrangs.
Von Lida Bach.
Foto: Universal Pictures


Vakuum (2017)Vakuum (2017)
Eine Frau, seit 35 Jahren verheiratet, erfährt zufällig, dass sie HIV-positiv ist. Erst will sie dies nicht glauben. Aber die zweite Untersuchung bestätigt es. Ihr Mann, mit dem sie eine gute Ehe führt, muss sie angesteckt haben, es gibt keine anderen Erklärungen. Denn frühere Operationen, die noch infrage kommen, waren nicht mit Bluttransfusionen verbunden. Die Frau reifen Alters findet heraus, dass der Mann bei Prostituierten war. Wie soll die Ehe jetzt weitergehen?
Der zweite Langspielfilm der Schweizer Regisseurin Christine Repond nach "Silberwald" 2011 hat eine Story, die auf den ersten Blick an Handlungen von Telenovelas erinnert. Aber Repond sorgt dafür, dass jedes Detail, jede Nuance stimmt - kurz: Die Filmemacherin nimmt den Stoff, den sie verfilmt hat, ernst (Drehbuch: Repond mit Silvia Wolkan). Zudem trägt die hervorragende schauspielerische Leistung des Leinwandstars Barbara Auer ("Die innere Sicherheit") den Film.
Von Michael Dlugosch.
39. Filmfestival Max Ophüls Preis 2018: Wettbewerbsfilm
Foto: Dschoint Ventschr Filmproduktion


Green Book - Eine besondere FreundschaftGreen Book - Eine besondere Freundschaft
Peter Farrelly, einer der beiden Brüder, die hinter Komödien wie "Dumm und dümmer" (1994) und "Verrückt nach Mary" (1998) stecken, wurde ernst. Er drehte mit "Green Book - Eine besondere Freundschaft", an dessen Drehbuch er mit mehreren Autoren beteiligt war, wieder eine Komödie, doch ist es eine Tragikomödie über Rassenhass. Zwar im fernen 1962 spielt "Green Book", der drei Academy Awards (Oscars) gewann, darunter als Bester Film - aber Anspielungen auf die Gegenwart der Donald-Trump-Regierung und deren Gleichgültigkeit gegenüber Rassismus bis hin zu latentem, manchmal manifestem Hass auf Minderheiten sind zweifellos eingeplant.
Ein Italoamerikaner, der die Gesetze der Straße beherrscht, wird zum Chauffeur eines erfolgreichen schwarzen Pianisten auf dessen Reise in die US-Südstaaten. Mehr als einmal sind die Erfahrung und die Kampfbereitschaft des Tony Lip vonnöten. Mancher Satz des Films erinnert an Kalender-Weisheiten, aber dem Film sind Intelligenz und die richtige Einstellung nicht abzusprechen.
Von Michael Dlugosch.
Foto: eOne Germany


BorderBorder
In Ali Abbasis atmosphärisch dichter Adaption von John Ajvide Lindqvists gleichnamiger Kurzgeschichte lauern viele Grenzen: zwischen Wildheit und Angepasstheit, Freiheit und Gefangenschaft, Natur und Zivilisation, Mythen und Realität sowie die stärkste von allen, die zwischen Gemeinschaft und Ausgestoßenen. Zu Zweiten gehört die Zollkontrolleurin Tina, verkörpert von einer grandiosen Eva Melander. Sie verleiht der zerrissenen Seele der faszinierenden Hauptfigur die Vielschichtigkeit des Titels der filmischen Fabel, die Motive nordischer Sagen und Volksmärchen zu einer fesselnden Parabel ausspinnt.
Außenseitertum und destruktive Normzwänge sind Kernthemen der gewagten Genremischung um eine symbolische und buchstäbliche Grenzgängerin. Tinas raubtierhafte Gesichtszüge und übermenschliche Instinkte erwecken Abscheu und Furcht von Mitmenschen und Haustieren. Mit der Natur hingegen verbindet sie mystische Vertrautheit, für die Abbasi Bilder voll eigenwilliger Poesie und rauer Schönheit findet. Das Monströse steckt in der (un)menschlichen Gesellschaft, wo Tina mit der Polizei einem Kinderporno-Ring nachspürt.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 11. April 2019
Foto: Wild Bunch Germany


Tea with the Dames - Ein unvergesslicher NachmittagTea with the Dames - Ein unvergesslicher Nachmittag
Wenn Judi Dench, prominenteste der vier titelgebenden Dames, kurz vor dem Abspann Pucks Schlussrede aus "A Midsummer Night's Dream" zitiert, ist das der deutlichste vieler feiner Verweise auf die unterhaltsame Illusion, zu der die gestandenen Schauspielgrößen einladen. Der anspielungsreiche Originaltitel passt weit besser zum mokanten Witz und der selbstironischen Schlagfertigkeit Denchs und ihrer langjährigen Freundinnen Eileen Atkins, Maggie Smith und Joan Plowright. Sie gewähren einen prägnanten Einblick in ihre bewegten Biografien und die Frauenfreundschaft, der die filmische Hommage gilt.
Die statische Inszenierung eines hilflosen Roger Michell, dessen Zwischenfragen die einnehmende Gruppendynamik nur hindern, durchbrechen rare Archivaufnahmen, Fotos und Ausschnitte aus Bühnen- und Filmproduktionen. Letzte spielen in dem ebenso imposanten wie facettenreichen Schaffenskatalog eine untergeordnete Rolle, genau wie männliche Partner. In dem unsentimentalen Gruppenporträt geht es um die Frauen und ihr Werk, nicht um Affären und Skandale.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 25. April 2019
Foto: Mark Johnson


Have a Nice DayHave a Nice Day
"Ach", sagte die Maus, "die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe." - "Du mußt nur die Laufrichtung ändern", sagte die Katze und fraß sie.
Regisseur Liu Jian eröffnet seinen Berlinale-2017-Wettbewerbsbeitrag "Einen schönen Tag noch"/"Have a Nice Day" zwar mit einem Tolstoi-Zitat, doch da könnte ebenso gut Kafkas Kleine Fabel stehen. Sinn- und Ausweglosigkeit bestimmen den chinesischen Trickfilm von den ersten Bildern an, wenn der studierte Landschaftsmaler Jian die zubetonierte Tristesse einer Stadt in Südchina zeigt.
Von Christian Horn.
Foto: Berlinale


The Favourite - Intrigen und IrrsinnThe Favourite - Intrigen und Irrsinn
Abstrakter Mystizismus, stilisierte Groteske und verhohlener Zynismus, die Yorgos Lanthimos' eigenwillige Inszenierungen auszeichnen, sind die Grundfesten des höfischen Settings seines dritten englischsprachigen Werks. Dessen historischer Rahmen wird zur Bühne eines süffisanten Intrigenstücks voll doppelbödiger Konversation, vielsagender Gegenwartsbezüge und beißender Komik. Dabei besticht die strategische Ménage-à-trois im Zentrum der Handlung gleichermaßen durch messerscharfe Machtspielchen, präzise beobachtete Verhaltensmuster und unaufdringliches Mitgefühl gegenüber den Figuren. Deren vermeintlicher Egoismus enthüllt sich als pragmatischer Überlebenskampf auf einem politischen Parkett voll ausgestreckter Stolperbeine, in metaphorischem Wettlauf watschelnder Enten und Kindersatz-Kaninchen.
Besagte Haustiere sind einer der tragikomischen Verweise auf schmerzliche Opfer, welche Queen Anne (brillant: Olivia Colman) und deren Günstling Lady Sarah Churchill (Rachel Weisz) zu dem exzentrischen Regentinnen-Paar gemacht haben, das sie abgeben. Akutes Elend formt auch Sarahs tugendsame junge Cousine Abigail Masham (Emma Stone) zur kalkulierenden Aufsteigerin. Als solche bringt sie Sarah gleich doppelt um ihre Position: als Titelfigur und königliche Favoritin.
Von Lida Bach.
Foto: Twentieth Century Fox


Fahrenheit 11/9Fahrenheit 11/9
Ende 2016 wurde Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Eine Reaktion von Michael Moore, der in seinen Dokumentarfilmen gerne gegen die Republikaner stichelt, konnte da nicht ausbleiben. Gut so! Moores Filme zeigen Missstände auf, die vor allem von der Partei, für die sich Trump wie einst George W. Bush aufstellte, erzeugt werden. Wer jetzt denkt, Moores neuester Film handle nur von Trump, irrt sich. Der Filmemacher Moore teilt auch gegen die Demokraten aus. Eine Ausnahme ist Bernie Sanders, der gegen Hillary Clinton in den Vorwahlen zur Präsidentschaftskandidaten-Kür verlor; der Bernie Sanders, den Trump als "Kommunisten" beschimpft hatte. Ein "Titel", den auch Moore trägt, da ihm Republikaner das Aufzeigen von Missständen übelnehmen. Diese Missstände sind das große Problem von "Fahrenheit 11/9": Moore will alles gleichzeitig in den Film packen, was ihm gerade einfällt, und springt wahllos hin und her.
Von Michael Dlugosch.
Foto: Midwestern Films LLC


AquamanAquaman
Lässt sich überhaupt eine Kritik zu James Wans überlanger H2O-Oper verfassen, ohne eine Flut an Wasser-Kalauern? Möglich, aber solch Ernst wäre kaum ein passender Ansatz bei einem Action-Spektakel, das überschwappt vor paillettenbesetzten Kitsch-Kostümen, stumpfem CGI und verwässertem Familiendrama. Dessen muskelstrotzender Held Arthur Curry alias Aquaman (Jason Momoa) reitet grimmig im Sexy-Seaworld-Anzug auf einem Kriegsseepferdchen (Kriegshaie - okay, aber Seepferdchen?) zum unvermeidlichen Triumphsieg seiner Origin-Story, die ihre Trashigkeit nicht realisiert. Seichtheit, Stupidität und Schludrigkeit machen DCs Derivat zum filmischen Bauchklatscher.
Diese Flachlandung wäre weniger peinlich, besäße der Regisseur Sinn für den Camp-Faktor der von ihm mitverfassten Story. Doch Wan ist nicht Taika Waititi, obwohl er das bisweilen zu glauben scheint. Überdeutliche Parallelen zu Marvels Halbgott Thor machen den illegitimen Sohn der Atlantis-Königin Atlanna (eine computertechnisch verjüngte Nicole Kidman) und eines Leuchtturmwärters (Temuera Morrison) zum Aufhänger eines Quasi-Remakes.
Von Lida Bach.
Foto: Warner Bros. Entertainment GmbH



Special: 40. Filmfestival Max Ophüls Preis 2019


LysisLysis
Wenn der Vater mit dem Sohne. An den Titel des Films mit Heinz Rühmann aus dem Jahr 1955 könnte Regisseur Rick Ostermann gedacht haben, als er "Lysis" konzipierte. Denn ein Vater (Oliver Masucci) und sein 16-jähriger Nachwuchs (der zum Zeitpunkt des Drehs 21-jährige Louis Hofmann) verreisen zusammen. Geplant ist eine Rafting-Tour irgendwo in den Alpen. Geplant vom Vater. Der Sohn kam mit und weiß selbst nicht, warum, er bereut es schon bald und wird pubertätsbedingt rebellieren. Im Gegensatz zum Rühmann-Film ist "Lysis" kein angenehmer Film, keine Komödie.
Der 1978 geborene Rick Ostermann, der schon Spielfilm-Erfahrung mit u.a. "Wolfskinder" (2012) hat, drehte einen handwerklich perfekten Film und verließ sich dabei komplett auf seine beiden Schauspieler, die alles improvisieren. Und nicht nur das, die Credits nennen sie auch als die einzigen Kameraleute: Zwei Helmkameras und eine Standkamera wechseln sich je nach Situation ab.
Von Michael Dlugosch.
40. Filmfestival Max Ophüls Preis 2019: Wettbewerbsfilm
Foto: Zum Goldenen Lamm Filmproduktion GmbH & Co. KG


Das melancholische MädchenDas melancholische Mädchen
Das Filmfestival Max Ophüls Preis kann für sich zugutehalten, immer wieder interessante filmische Entdeckungen zu präsentieren. So war es 2018 mit "Landrauschen", so ist es 2019 mit "Das melancholische Mädchen" gewesen. Beide zeichnen sich durch Eigenwilligkeit aus, beide gewannen in Saarbrücken den Hauptpreis, beide waren Debütfilme der Regisseurinnen. Susanne Heinrich stach unter den Regisseur*innen des Hauptwettbewerbs 2019 hervor: Die 1985 in Oschatz bei Leipzig geborene Frau, die bisher als Schriftstellerin auffiel, trägt kurzgeschorene Haare. Ihr Film "Das melancholische Mädchen" stach auch hervor. Jury-Entscheidungen treffen oft Filme, die sich durch ihre extreme Machart von den anderen Filmen hervorheben. Hier war es nicht anders: "Das melancholische Mädchen" widerspricht allen Konventionen des Kinos, Heinrich bastelt Szenen aneinander, die knallbunt, unwirklich, an der Grenze zum Kitsch sind, mit absichtlich monotonen Dialogen, die eher Monologe sind, weil die Protagonisten oft aneinander vorbeizureden scheinen. Klingt negativ - ist es nicht.
Von Michael Dlugosch.
40. Filmfestival Max Ophüls Preis 2019: Wettbewerbsfilm, Hauptpreisträger und gezeigt auf der 69. Berlinale 2019
Foto: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb)


Festivalplakat Max Ophüls Preis 201940. Max Ophüls Preis 2019
Das 40. Filmfestival Max Ophüls Preis ist am Sonntag, dem 20. Januar 2019 nach einer Woche zu Ende gegangen. Das Jubiläum wurde angemessen gefeiert. Mit Ehrengästen wie Iris Berben und Til Schweiger. Aber auch mit Schwelgen in Erinnerungen: Albrecht Stuby, Gründer und langjähriger Leiter des Festivals (1980 - 1990) war zur Eröffnung eingeladen, er berichtete süffisant, die erste Ausgabe wirkte wie eine Pleite. Er ging danach zum Rapport zu Oberbürgermeister Oskar Lafontaine und klagte "Das war wohl nichts", aber der damalige SPD-Lokalpolitiker, dessen deutschlandweite Karriere noch bevorstand, gab grünes Licht für eine Neuauflage. Und deutschlandweite Karriere machte auch der Max Ophüls Preis (MOP). 1980 waren es 860 Teilnehmer. Diese Zahl wurde alleine bei der Eröffnung übertroffen: 1340 Gäste kamen, insgesamt waren es 44.000 Besucher*innen (2018: 43.500). Das Festival der blauen Herzen zieht, es ist längst das wichtigste Filmfestival für den deutschsprachigen Filmnachwuchs. In Saarbrücken stellen Jungregisseure ihre ersten Leinwandwerke vor. Ihr Können präsentieren sie mit etwas Glück im Hauptwettbewerb, der stets aus 16 Spielfilmen besteht. Diesen gewann "Das melancholische Mädchen" von Debütantin Susanne Heinrich.
Von Michael Dlugosch.
Foto: Max Ophüls Preis; Entwurf: Leis & Kuckert Grafikdesign


Jibril Jibril
Von einer Liebe, die meist durch Gefängnismauern getrennt ist, erzählt dieser kleine, aber feine deutsche Film. Ein Film, der es auf die Berlinale in der Sektion Panorama 2018 und ein knappes Jahr später auf das 40. Filmfestival Max Ophüls Preis geschafft hat, aber lange um einen Verleih bangen musste, fast keinen Kinostart erhalten hätte, dabei hat er diesen verdient. "Jibril" von der 1984 geborenen Spielfilmdebüt-Regisseurin Henrika Kull hat eine sehr gute Grundstruktur, die die Entstehung des Verliebtseins und sämtliche Höhen und Tiefen durchdekliniert sowie Widerstände gegen die Beziehung nicht außen vor lässt. Einspruch gibt es: Ist die Berliner Deutscharaberin Maryam (Susana Abdulmajid) doch in den inhaftierten Gabriel, genannt Jibril (Malik Adan) verliebt. Maryam wird gefragt: Wie soll der die Frau, die aus einer ersten Ehe drei Kinder mitbringt, versorgen, wenn er mal draußen ist? Die nicht naive, selbstbestimmt lebende Maryam glaubt an wahre Liebe, diese Liebe. Die auch zwischenmenschlich auf die Probe gestellt wird.
Von Michael Dlugosch.
40. Filmfestival Max Ophüls Preis 2019: MOP-Watchlist
deutscher Kinostart: 9. Mai 2019
Foto: Missingfilms - Filmverleih & Weltvertrieb


Das Ende der WahrheitDas Ende der Wahrheit
Spätestens seit dem Fall Hans-Georg Maaßen stehen Verfassungsschutz und deutsche Geheimdienste in der Kritik. Verfassungsschutz-Chef Maaßen bezweifelte, dass es Hetzjagden auf Ausländer in Chemnitz gegeben hatte, und machte seine Privatmeinung öffentlich. Und sie kochen ihr eigenes Süppchen, weitestgehend unbeaufsichtigt, die Leute von Bundesnachrichtendienst (BND) und Co. Wie sehr, das zeigt dieser intelligente, sehr gut inszenierte und gespielte Polit-Thriller von Philipp Leinemann ("Wir waren Könige"). Leinemann recherchierte in der Szene und stellte eine Paranoia fest, bemerkte er beim 40. Filmfestival Max Ophüls Preis 2019 in Saarbrücken, "Das Ende der Wahrheit" eröffnete das Filmfest. Der Regisseur erzählte, nach konspirativen Treffen bei gemeinsamem Essen mit Geheimdienstlern verbrannten diese "die Quittung in der Kerzenflamme". "Authentisch" sei sein Film, fuhr Leinemann fort, ein Film, der von einem BND-Mann namens Martin Behrens (Ronald Zehrfeld) handelt, dessen eigene Leute nicht gesetzeskonform agieren, muss Behrens feststellen.
Von Michael Dlugosch.
40. Filmfestival Max Ophüls Preis 2019: Eröffnungsfilm
deutscher Kinostart: 9. Mai 2019
Foto: Prokino



Neue Rezensionen


Ein Sommer in Haifa
Auf den ersten Blick ist "Ein Sommer in Haifa" ein leichter Sommerfilm: Lichtdurchflutete Bilder von Haifa liefern den Rahmen für die Geschichte des jungen Heranwachsenden Arik, der ausgerechnet im Sommer 1968 seine erste Liebe trifft und die teils verbohrte Lebenseinstellung seiner polnischen Eltern zu hinterfragen beginnt. Schaut man die Tragikomödie des israelischen Regie-Altmeisters Avi Nesher ausschließlich auf dieser Ebene, ist ein vergnüglicher Kinoabend gesichert, liefert der Film doch zig Erzählstränge zum Mitfiebern: Arik verliebt sich in die Hippiebraut Tamara, die Cousine seines besten Kumpels Benny, der - ebenfalls in der Pubertät - auch ein Auge auf die sommerlichen Kleider seiner Cousine wirft. Parallel nimmt Arik einen Ferienjob beim alten Holocaust-Überlebenden Yankele an, der in einem Kinohinterzimmer Heiratswillige an Gleichgesinnte vermittelt. Beide Erzählstränge greifen ineinander und in beiden kommt es über Kurz oder Lang zum großen Knall.
Von Christian Horn.

The Limehouse Golem
Krimihandlungen im düsteren viktorianischen London faszinieren seit den Geschichten von Sherlock Holmes und seit dem Serienmörder Jack the Ripper. 1880 und damit in der Zeit vor den Morden des nie Gefassten an Prostituierten ist "The Limehouse Golem" angelegt, eine Literaturverfilmung, basierend auf Peter Ackroyds Roman "Dan Leno and the Limehouse Golem" (1994). Regisseur Juan Carlos Medinas zweiter Film nach "Painless - Die Wahrheit ist schmerzhaft" wechselt zwischen zwei Genres hin und her: Neben der blutrünstigen Story um Serienmorde hat der Film sehenswerte Varieté-Szenen. Zwei Figuren stehen im Mittelpunkt: Es sind Scotland-Yard-Inspektor Kildare (wie immer charismatisch: Bill Nighy), der herausfinden muss, wer der Golem ist, und die junge Komödiantin Lizzie Cree (Olivia Cooke). Ihr Leben, ihr Aufstieg in der Music-Theatre-Welt bis zu ihrem Absturz als mutmaßliche Giftmörderin, wird in Rückblenden erzählt.
Von Michael Dlugosch.

The Party (2017)
Regisseurin Sally Potter, bekannt geworden mit den Filmen "Orlando" (1992) und "Tango-Fieber" (1997), kam mit "The Party" in den Wettbewerb der 67. Berlinale 2017. Einen Preis erhielt er da, den Gilde Filmpreis für den Besten Wettbewerbsfilm. Potter plante mit dem Film eine Gesellschaftssatire. Doch "The Party" missglückt vollends, da die Filmemacherin die seichte, tausendmal gesehene Handlung und die überkandidelt agierenden Darsteller nicht in den Griff bekommt. In einem Interview sprach Potter davon, sich die Screwball-Komödien der 1930er-Jahre zum Vorbild genommen zu haben. Davon ist nichts zu sehen, die Übertriebenheit der Aktionen der Filmfiguren tut weh, was lustig sein soll, ist es nicht: Der Protagonist Tom (Cilian Murphy), ein Jungbanker, fuchtelt, wenn er während der Party allein auf die Toilette flüchtet, mit Waffe herum, die er dann in der Mülltonne verbirgt, bis die Gastgeberin der Party, Janet, eine Politikerin (Kristin Scott Thomas) sie findet, und schließlich benutzt.
Von Michael Dlugosch.

Poll
Die Zeit um 1900 ist eine Phase des Umbruchs. Die industriellen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts, neue Perspektiven der Wissenschaft, die Bildung von Nationalstaaten und das Erkennen globaler Zusammenhänge - all das mündete, könnte man verkürzend behaupten, in den Ersten Weltkrieg. Am Ende dieser als Fin de Siècle bekannten Schwellenzeit, im Jahr 1914 und damit am Vorabend des Ersten Weltkriegs, spielt "Poll".
Der Hauptschauplatz von "Poll", eine herrschaftliche Villa an der baltischen Ostsee, beschreibt die Atmosphäre des Historiendramas besser als jeder andere Bestandteil des Films. Auf bedrohlich klapprig wirkenden Stelzen ist das Haus direkt ans Meer gebaut, verfaulendes, morsches Holz macht Teile des Gebäudes unbegehbar. In einem Labor betreibt der Arzt Eddo von Siering (Edgar Selge) auf eigenes Geheiß absonderliche Studien am menschlichen Gehirn, für die er illegal erworbene Leichen estnischer Widerständler seziert, während seine 14-jährige Tochter Oda (Paula Beer) auf dem Dachboden den verwundeten Esten "Schnaps" (Tambet Tuisk) versteckt.
Von Christian Horn.

Pommes essen
Dass die Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs im Ruhrpott vorbei sind, bekommt auch die dreifache Mutter und Imbissbuden-Betreiberin Frieda (Anneke Kim Sarnau) zu spüren. Trotz des Geheimrezepts für eine Currywurst-Spezialsoße, das ihr der vor einem Jahr verstorbene Vater vererbt hat, bilden sich keine nennenswerten Warteschlangen vor der Duisburger Bude "Freys Feyner Imbiss". Das liegt auch an der Fastfood-Kette "Pommes King", die ausgerechnet Friedas Bruder Walther (Smudo) betreibt. Als die überlastete Frieda eines Tages zusammenbricht und eine Erholungskur antritt, übernehmen ihre jüngeren Töchter Selma (Marlene Risch) und Lilo (Tabea Willemsen) den Betrieb und fackeln die Imbissbude dabei versehentlich ab. Mit Unterstützung der Aushilfskraft Besjana (Thekla Carola Wied) bauen die Kinder das Familiengeschäft wieder auf und treten bei einem Wettbewerb an, der die beste Currywurst der Stadt ermitteln soll.
Der Kinder- beziehungsweise Jugendfilm "Pommes essen" kommt ohne große Überraschungen daher und scheint eher fürs Fernsehen als für die große Leinwand geeignet.
Von Christian Horn.

Possession - Das Dunkle in Dir
Nach der elterlichen Scheidung leben die zehnjährige Emily (Natasha Calis) und ihre Schwester Hannah (Madison Davenport) abwechselnd bei Vater (Jeffrey Dean Morgan) und Mutter (Kyra Sedgwick). Auf einem Flohmarkt ersteht der Vater eine alte Holzkiste für Emily, die aus einer Hausratsauflösung stammt. Dass in dieser unheilvollen Kiste ein uralter Dybbuk steckt, bekommt die Familie bald am eigenen Leib zu spüren: Der Dybbuk, ein Totengeist aus der jüdischen Folklore, zehrt nämlich von den Seelen der Lebenden. Das sonderbare Verhalten Emilys und urplötzlich zuknallende Türen markieren die ersten Stationen auf dem Weg in den Abgrund.
Das handwerkliche Know-how schlägt sich in der über weite Strecken stimmungsvollen Atmosphäre und den finsteren Bildern nieder. Auch die Darsteller - allen voran Natasha Calis als Besessene - können überzeugen. Zum spannenden Horrorfilm verdichten sich diese Zutaten jedoch nicht, da "Possession" abgesehen von zwei, drei Schockmomenten keine Überraschungen bietet und lediglich aus Versatzstücken des Genres besteht.
Von Christian Horn.

Prince of Persia: Der Sand der Zeit
Im Großen und Ganzen macht Jake Gyllenhaal, der Titelheld aus "Prince of Persia", nichts anderes als sein Vorbild aus der gleichnamigen Jump 'n' Run-Serie: Er rennt und springt durch das persische Königreich, um die Welt sowie eine schöne Frau zu retten. Seiner Vorlage wird der Bruckheimer/Disney-Abenteuerfilm von Mike Newell ("Harry Potter und der Feuerkelch") also auf den ersten Blick gerecht, den Ansprüchen an große Kino-Unterhaltung jedoch nur bedingt.
Die vielversprechende narrative Ausgangslage geht im allgemeinen Krawall immer mehr verschütt, bis sie nur noch im Hintergrund rauscht. So liegt es an den vielen Schauwerten - von Schlangen über Messerwerfer bis zu Zeitreisen ist einiges dabei - die vielen Ungereimtheiten der Story marktschreierisch zu übertünchen. Doch die erzählerische Hektik, die auch in der Montage reichlich Niederschlag findet, laugt naturgemäß schnell aus.
Von Christian Horn.

R.E.D. 2 - Noch Älter. Härter. Besser.
Eigentlich will sich Frank (Bruce Willis) nach seinem letzten Einsatz endgültig zur Ruhe setzen und mit seiner Freundin Sarah (Mary-Louise Parker) eine ruhige Kugel schieben. Als ihn sein überdrehter Ex-Kollege Marvin (John Malkovich) für einen Auftrag rekrutieren will, schlägt Frank das Angebot voller Überzeugung aus. Doch bald darauf überschlagen sich die Ereignisse: Auf Marvin wird ein Anschlag verübt und die CIA entführt Frank, der angeblich Informationen zu einer verschwundenen Atombombe haben soll. Mit Marvins Hilfe gelingt Frank die Flucht und postwendend befindet sich der alte Hase an der Seite von Marvin und Sarah in einem neuen Abenteuer, das die Truppe unter anderem nach Paris und Moskau führt. Während das Trio den Verbleib der Bombe klären will, setzt die CIA einen gefährlichen Profikiller (Byung-Hun Lee) auf die Gruppe an - zusätzlich beauftragt der MI-5 Franks vormalige Mitstreiterin Victoria (Helen Mirren) mit der Liquidierung ihres alten Kumpels.
Von Christian Horn.

Rock It!
"Hannah Montana" tut es, die Kids vom "High School Musical" und jene vom "Camp Rock" tun es ebenfalls: Sie alle singen und tanzen, und das mit beachtlichem kommerziellem Erfolg. Nun kommt ein Ableger dieser Musical-Filme direkt aus Deutschland, speziell für die heimischen Fans. Nur kann die deutsche Variante den amerikanischen Vorbildern in keiner Hinsicht das Wasser reichen und entpuppt sich schon nach wenigen Spielminuten als gescheiterte, erschreckend uninspirierte Kopie.
Julia (Emilia Schüle), 15 Jahre alt, begabte Pianistin und unsere Hauptfigur, gehört zu den Neuankömmlingen im renommierten Musik-Internat "Amadeus", das sich - der Name verrät es schon - der klassischen Musik verschreibt. Als Julia eine Probe der ortsansässigen Band "Rock it!" beobachtet, die freilich nichts mit den arroganten "Amadeus"-Schülern zu tun haben will (und umgekehrt), verguckt sie sich prompt in den süßen und gleichaltrigen Bandleader Nick (Daniel Axt).
Von Christian Horn.

Ronal, der Barbar
Ronal ist anders. Denn als einziges Mitglied seines Barbarenstammes lässt der kraftlose Jüngling die traditionell gestählten Muskelberge und die obligatorische Kampflust seiner Mitstreiter vermissen. Ausgerechnet diese halbe Portion schiebt Wache, als der böse Prinz Volcazar das Dorf der Barbaren angreift und bis auf Ronal, der sich mit seinen schmächtigen Armen aus den Eisenketten befreien kann, alle Bewohner in Gefangenschaft nimmt. Gemeinsam mit dem triebgesteuerten Barden Alibert bricht Ronal trotz fehlender Kampferfahrung auf, um seine Leute zu befreien. Unterwegs stoßen die wilde Kriegerin Zandra sowie der metrosexuelle Elb Elric zur illustren Reisegesellschaft und unterstützen Ronal bei seiner Mission.
Die Ausgangslage der dänischen Animationsfilmkomödie "Ronal, der Barbar" erinnert stark an "Drachenzähmen leicht gemacht", denn hier wie dort steht ein junger Held im Mittelpunkt, der sich den rauen Sitten seines Volkes verweigert und einen eigenen Weg sucht.
Von Christian Horn.

Das Rotkäppchen-Ultimatum
Dass nicht alle Animationsfilme den hohen technischen Standard der beiden Marktführer Pixar und Dreamworks erreichen können, liegt auf der Hand. Prinzipiell muss das auch kein Problem sein - schließlich kann eine nicht ganz so ausgereifte visuelle Oberfläche durch Charme, eine spannende Geschichte und dergleichen durchaus einen interessanten Film beherbergen. Doch Mike Disa, der mit "Das Rotkäppchen-Ultimatum" sein Kinofilmdebüt vorlegt, schafft es nicht im Geringsten, die mäßig animierten Bilder auf welche Weise auch immer aufzuwerten. Von einem gelungenen Running Gag um eine musizierende Ziege abgesehen, ist "Das Rotkäppchen-Ultimatum" durchgängig witzlos und gibt eine schwache Fortsetzung des ebenfalls nicht rundum überzeugenden Vorgängers "Die Rotkäppchen-Verschwörung" ab.
Die rüstige Oma des grimmigen Rotkäppchens wurde entführt, weil sie das Rezept für einen Krafttrank kennt. Gemeinsam mit dem bösen Wolf macht sich das kampferprobte Rotkäppchen auf die Suche nach den Entführern der Großmutter.
Von Christian Horn.

Die Schatzritter
Die Gründungssage Luxemburgs dient Regisseurin Laura Schroeder als Hintergrund für ihr Kinodebüt "Die Schatzritter". Im Zentrum der Legende steht die verwunschene Meerjungfrau Melusina, die alle sieben Jahre auf die Erde zurückkehrt. Innerhalb der Woche ihrer Anwesenheit ist es Schatzsuchern möglich, den Schatz der Meerjungfrau zu finden und die Verwunschene damit von ihrem Fluch zu erlösen. Der elfjährige Jeff (Anton Glas) hegt ein besonders Interesse an dieser Legende, sieht er doch einen Zusammenhang zwischen der Ermordung seiner Mutter durch den unheimlichen Duc de Barry (Clemens Schick) und dem verborgenen Schatz, während sein Vater (Luc Feit) nach wie vor an einen Herzstillstand der Ehefrau glaubt. In den Sommerferien begibt sich Jeff mit seinen Freunden Leo (Thierry Koob), Julia (Lana Welter) und Killer (Tun Schon) auf Schatzsuche. Die Burg im angrenzenden Wald und das Auftauchen einer fremden Frau (Alexandra Neldel) markieren dabei erste Hinweise.
Von Christian Horn.

Schumpeter - The Man Who Discovered Capitalism
Fast völlig vergessen und doch bedeutend ist Joseph Alois Schumpeter (1883 - 1950). Den einst wichtigen Ökonom ruft der 2016 gedrehte 52-minütige Dokumentarfilm von Regisseur Detlef Siebert in Erinnerung, verhilft ihm zu neuem Ansehen und geht auf seine Wirtschaftstheorien ein. Der Zuschauer braucht nicht die Sorge zu haben, dass der Film zu thesenhaft wird, spielerisch interpretiert Siebert den Wirtschaftsprofessor und Kurzzeitpolitiker Schumpeter, der aus Österreich in die USA auswanderte, um ab 1932 in Harvard zu lehren. Auch auf Schumpeters Privatleben geht der Film ein, wobei die Kindheit ausgespart wird. Seine größte Liebe verlor der Mann, seine 20 Jahre jüngere Ehefrau Anna, die ihre erste Schwangerschaft nicht überlebte. Gleichzeitig war er ein Mann, der alle Frauen liebte. Und Pferde. Im Zentrum des geradlinig erzählten Films stehen aber das Wirken Schumpeters und seine Wirkung auf die folgenden Generationen. Er kämpfte für seine Theorie, in Innovationen müsse investiert werden, dann ginge es den Menschen und dem Staat besser.
Von Michael Dlugosch.

Sein und haben
Dieser grandiose Film ist eine mit viel Liebe gemachte, anrührende Dokumentation über eine von Hunderten von Dorfschulen in Frankreich, wo alle Schüler in eine Klasse passen. Schauplatz ist die Schule in Saint-Étienne-sur-Usson in der Auvergne. Georges Lopez unterrichtet ganz allein eine Klasse mit dreizehn Schülern im Alter von vier bis zwölf Jahren. Mit Geduld, Hingabe und Liebe betreut er diese verschiedenen Kinder mit ihren unterschiedlichen Charakteren, Fähigkeiten und familiären Hintergründen und hilft ihnen sanft dabei, ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln.
Die Kleinen im Vorschulalter sitzen um einen runden Tisch herum, die älteren Kinder auf Schulbänken. Und die Großen helfen den Kleinen. Vom strengen Winter bis zu den ersehnten Sommerferien folgen wir dem Lernprozess. Zwischendurch zeigt die Kamera fast lyrische Bilder einer sich während der Jahreszeiten verändernden Landschaft in dieser nur dünn besiedelten ländlichen Region.
Von Manfred Lauffs.

Sommer auf dem Land
"Öffne deine Augen!" lautet die erste Dialogzeile des Films. Das zugehörige Bild zeigt die kürzlich verstorbene, über alles geliebte Frau des Konzertpianisten Bogdan (Zbigniew Zamachowski), die mit geschlossenen Augen im Sarg liegt. Nach der Beerdigung macht die Erzählung schnell deutlich, dass Bogdan den Tod seiner großen Liebe Izabela (Lucyna Malec) überaus schlecht verkraftet. Anstehende Konzerte sagt der Musiker ab und verlebt den Sommer lieber auf dem kleinen Bauernhof seiner Mutter, der mitten im polnischen Hinterland liegt. Beim Melken bemerkt der Liebeskranke eine Kuh, die ein besonderes Interesse an klassischer Musik hegt und deren Milch besonders schmackhaft ist. Sofort steht für Bogdan unverrückbar fest, dass Izabelas Seele in der friedlichen Kuh steckt.
Von diesem Konflikt aus entwirft der polnische Regiedebütant Radek Wegrzyn seine schön zwischen Drama und Komödie austarierte deutsch-polnisch-finnische Koproduktion "Sommer auf dem Land", die immer eingängig und unterhaltsam bleibt, aber keineswegs ins Plumpe abrutscht.
Von Christian Horn.

Space Dogs
"Space Dogs" ist der erste 3D-Animationsfilm aus Russland und daher schon auf rein technischer Ebene ein Prestigeprojekt des russischen Nationalkinos. Ganz passend erzählt die Geschichte eine Episode aus den frühen Erfolgen der sowjetischen Raumfahrt, als diese den amerikanischen Bemühungen zur Eroberung des Weltalls deutlich überlegen war. So schickten die Russen mit ihrer Raumkapsel Sputnik 5 im August 1960 zwei Hunde, ein Meerschweinchen und vierzig Ratten ins All, die einen Tag später als erste Lebewesen sicher zur Erde zurückkehrten. Diesen Erfolg der frühen Raumfahrt adaptiert "Space Dogs" in einer recht freien, kindgerechten Weise als Abenteuerfilm.
Wie beim Großteil der gegenwärtigen 3D-Produktionen (auch aus Hollywood), vermag die dritte Dimension in "Space Dogs" kaum zu überzeugen, sondern äußert sich allenfalls in Nuancen und beim Finale, das einen kurzen Ausflug ins All unternimmt - das Tragen der Brille erweist sich einmal mehr als reichlich überflüssig.
Von Christian Horn.

Der Vorname (2018)
Alles ist gut vorbereitet. Es soll ein schönes Abendessen werden, in gutbürgerlicher, intellektuell anspruchsvoller Atmosphäre. Grundschullehrerin Elisabeth - die zugleich die ganze Geschichte aus dem Off erzählt - und ihr Mann, der Literaturprofessor Stephan, erwarten entspannt ihre Gäste. Als erster kommt René, ein langjähriger Freund, von Beruf Klarinettist, kurz darauf erscheint Elisabeths Bruder Thomas und mit einstündiger Verspätung dessen schwangere Ehefrau Anna. Natürlich stellt man sofort die Frage: Wie soll das Kind denn heißen? Nun, Thomas lässt raten! "Fängt mit A an!" Alexander? Andreas? Asterix? Alles falsch. Der geplante Vorname wird genannt und entpuppt sich als politisch völlig unkorrekt: Adolf! Was zu einer immer heftigeren Auseinandersetzung führt. Wie kann man ein Kind nach einem der größten Verbrecher nennen? Aber andererseits: Kann der Name etwas dafür, dass ein Bösewicht ihn trug?
Von Manfred Lauffs.

Zettl
Der 2015 verstorbene Regisseur Helmut Dietl hatte 1986 den TV-Mehrteiler "Kir Royal" erschaffen. Es war große Fernsehunterhaltung, ein Klassiker, jede der Folgen brillant. 2012 versuchte Dietl den Erfolg zu wiederholen, nun fürs Kino. Aber was ist daraus geworden? Eine allzu zahme Kopie, die scheitert, zum Scheitern schon allein deswegen verurteilt ist, weil die "Kir Royal"-Hauptfigur Baby Schimmerlos nicht vorkommt: Darsteller Franz Xaver Kroetz wollte nicht mitmachen. Der Anfang von "Zettl" erklärt Baby Schimmerlos für tot, verunglückt auf dem Motorrad am Brandenburger Tor. Ja, in Berlin war der Klatschreporter aktiv, nicht mehr in München. Dietl schickt Michael "Bully" Herbig in die Fußstapfen von Kroetz, Herbig mimt einen Max Zettl, der zu Beginn ein Chauffeur ist, Chauffeur mit selbsterklärt guten Kontakten, daher wäre er gerne der Nachfolger von Schimmerlos. Bis er der Boulevard-Journalist ist, braucht der Film allein viel zu viel Zeit für den Aufbau einer Grundstruktur.
Von Michael Dlugosch.

 



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Zitat

"Ich dachte mir: Den werde ich nie wieder los. Und so kam es dann ja auch."

Schauspielerin Nadja Tiller, 90. Geburtstag am 16. März 2019, über die Hochzeit und die sehr glückliche Ehe mit ihrem Kollegen Walter Giller (+2011)

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