Aktuelle Filme


Das Leben ist zu langDas Leben ist zu lang
In der neuen Komödie von Dani Levy ("Alles auf Zucker") leidet man mit dem jüdischen Filmregisseur Alfi Seliger und seinem konfusen Leben. Man stelle sich den Typ "Stadtneurotiker" von Woody Allen vor - allerdings noch erfolgloser.
Dani Levys Film, der viele andere Filme zitiert, wirkt leider zunehmend sperrig und verwirrend, deshalb wird ihm kein allzu großer Erfolg bei Publikum und Kritik beschieden sein. Der Zuschauer verliert im Verlauf des Films den emotionalen Zugang zu Alfi Seliger, der, obgleich trefflich von Markus Hering verkörpert, dem Zuschauer die (Film)Illusion des tatsächlich Miterlebten raubt.
Von Jürgen Grötzinger.
Foto: X-Verleih / Nik Konietzny


Der kleine NickDer kleine Nick
"Ich weiß, warum ich nicht weiß, was ich später machen will", denkt "Der kleine Nick". Alles in seinem Leben sei prima. Am besten, es ändere sich nie etwas. Viel kann vom revolutionären Geist der Grande Nation nicht übrig geblieben sein, wenn so der Hauptcharakter eines der erfolgreichsten französischen Filme des letzten Jahres spricht. Laurent Tirards Kinofassung von "Le petit Nicolas", dem gleichnamigen Comic aus der Feder des "Asterix"-Erfinders René Goscinny spielt nach langer Startverschiebung nun auch hierzulande auf der Leinwand seine Streiche. Empörung wecken letzte bestenfalls, weil sie entweder mit reaktionärer Moral versehen oder jämmerlich harmlos sind. "Der kleine Nick" erzielt auf der Leinwand nicht einmal kleine Lacher.
Von Lida Bach.
Foto: Wild Bunch / Central Film


BabysBabys
Für alle Fans von Anne Geddes, die sehnsüchtig das neueste Werk der passionierten Baby-Fotografin erwarten, sind frohe Zeiten angebrochen. In die Bildwelt der erfolgreichen Kanadierin kann man nun auch im Kino eintauchen. Keine Angst, einen Film hat die geschäftstüchtige Dame mit einem Faible für kitschige Babyaufnahmen nicht gedreht. Doch mit seinem Dokumentarfilm "Babys" kommt der französische Regisseur Thomas Balmès der exzessiven Niedlichkeit einer Anne Geddes gefährlich nahe. Vier Kinder auf vier Kontinenten begleitet sein Filmteam von der Geburt bis zu den ersten selbstständigen Schritten in die Welt.
Von Lida Bach.
Foto: Kinowelt


Briefe an JuliaBriefe an Julia
"Briefe an Julia" müsste auch Shakespeares Romeo im heutigen Verona schreiben. Liebesoden würden im Lärm von Reisegruppen und Schulklassen untergehen, durch die er sich bis zum legendären Balkon kämpfen müsste. Letzterer wurde als zusätzlicher Touristenmagnet an die angebliche "Casa di Guilietta" angebaut. Solche Kleinigkeiten kümmern Regisseur Gary Winick wenig, der statt lärmender Touristen schluchzende Mädchen unter den Balkon platziert. Eine der von Liebeskummer Geplagten ist die junge Sophie (Amanda Seyfried). Sie unterstützt die ältere Claire (Vanessa Redgrave) auf der Suche nach deren einstiger Liebe.
Gary Winicks Film ist nichts anderes als Mainstream-Kitsch.
Von Lida Bach.
Foto: Concorde Filmverleih


InceptionInception
Industriespionage einmal anders: Dom Cobb (Leonardo DiCaprio) ist in der Lage, sich in die Träume anderer zu begeben und Informationen aus dem Unterbewusstsein zu stehlen. Der Auftrag des Magnaten Saito (Ken Watanabe) erfordert das genaue Gegenteil und eine Mission Impossible für Cobbs Team: Ein Gedanke soll in das Gehirn des jungen Erben und künftigen Konkurrenten Saitos, Robert Fischer (Cillian Murphy), eingepflanzt werden, das der Zerschlagung des eigenen Konzerns...
Christopher Nolans Film ist bombastisches Mainstream-Kino auf hohem Niveau und teilweise mit guten Einfällen, aber lange nicht so innovativ, wie von vielen behauptet wird.
Von Michael Dlugosch.
Foto: Warner Bros.


Women Without MenWomen Without Men
Iran im Sommer 1953, ein für die Zukunft des Landes entscheidender Abschnitt, dessen Auswirkungen bis heute nachwirken. Es ist eine Zeit, in der der erste frei gewählte Präsident Dr. Mossadegh im Ausland in Ungnade gefallen ist und bald durch den Schah ersetzt werden wird. Exemplarisch an vier Frauenfiguren, die mit ihrem Lebenshunger für den Erzählstrang der Geschichte sorgen, stellt Regisseurin Shirin Neshat die Irrungen und Wirrungen der Ära dar.
"Women Without Men" entstand aus einem mehrteiligen Video-Projekt, das an den 1989 erschienenen gleichnamigen Roman von Sharnoush Parsipour angelehnt ist.
Von Jürgen Grötzinger.
Foto: Filmwelt


Die Beschissenheit der DingeDie Beschissenheit der Dinge
Der dreizehnjährige Gunther Strobbe wächst in einem kleinen Provinznest im Belgien der 1980er Jahre auf. Dort lebt er gemeinsam mit seinem alkoholkranken Vater und dessen drei ebenfalls nichtsnutzigen Brüdern bei seiner liebenswerten Großmutter.
Felix van Groeningens "Die Beschissenheit der Dinge" ist eine wunderbare Milieustudie und gibt einen wirklich interessanten und aufschlussreichen Blick auf das Leben und den Habitus der sogenannten Unterschicht. All dies ist auf gewisse Weise schockierend und verstörend, doch es ist nie nur pessimistisch und deprimierend. Der Regisseur schafft es, all dies wertfrei zu inszenieren, ohne das von ihm beschriebene Milieu der Lächerlichkeit preiszugeben.
Von Katharina Prohaska.
Foto: Camino Filmverleih / offizielle Film-Homepage


Kleine Wunder in AthenKleine Wunder in Athen
Der Grieche Stavros (Antonis Kafetzopoulos), etwa 50 Jahre alt, verbringt die Tage mit Freunden vor seinem Tabakladen in einem ruhigen Athener Stadtteil. Für die Männer ist ihr Nationalstolz etwas Heiliges, und so sehen sie auf die Fremden, Albaner und Chinesen, herab, die im Viertel immer häufiger anzutreffen sind. Dann geschieht etwas, das Stavros ins Mark trifft...
Regisseur Filippos Tsitos, ein gebürtiger Athener, der seit 1991 in Berlin lebt und mit "My Sweet Home" 2001 im Wettbewerb der Berlinale vertreten war, hat eine intelligente Tragikomödie zum Thema Fremdenfeindlichkeit inszeniert, es ist einer der sehenswerteren Filme des Jahres 2010.
Von Michael Dlugosch.
Foto: Neue Visionen


Eclipse - Bis(s) zum AbendrotEclipse - Bis(s) zum Abendrot
"Jetzt ist die Zeit, um Fehler zu machen! Macht so viele Fehler, wie ihr könnt!" Worte, die lauten Applaus ernten in der Kinoadaption von Stephanie Meyers Vampir-Romanze "Twilight: Eclipse". Mehr als die Handschrift des bei jeder Adaption wechselnden Regisseurs trägt die unter dem deutschen Verleih-Untertitel "Bis(s) zum Abendrot" erscheinende Fortsetzung die Handschrift Meyers und der Drehbuchautorin Melissa Rosenberg. Fehler macht ihr Film en masse und beweist dabei, dass selbst der stupideste Film kongenial sein kann. Den Geist der Buchvorlage fängt das bornierte Werk perfekt ein. Im Abendrot beim Untergang der Weisheit werfen selbst Vampire lange Schatten.
Von Lida Bach.
Foto: Concorde Filmverleih


MoonMoon
Seit nunmehr drei Jahren befindet sich Sam Bell (Sam Rockwell) mutterseelenallein auf einer Mondstation, sein einziger Compagnon ist der Computer GERTY 3000. Als er eines Tages eine Wartungsfahrt auf der Mondoberfläche unternimmt, verunglückt er und wacht einige Zeit später auf, um festzustellen, dass ein Doppelgänger an Bord ist. Hat er den Verstand verloren?
Regisseur Duncan Jones hat ein ausgereiftes Regiedebüt hingelegt, das eher für ein erwachsenes, anspruchsvolles Publikum denn für actionliebende Film-Aficionados geeignet ist. "Moon" zeigt die Signifikanz der Identität, der Zugehörigkeit und somit auch der Heimat.
Von Jana Toppe.
Foto: Koch Media


Keep SurfingKeep Surfing
Dieser Film ist ein Muss für Surfer, Wassersportbegeisterte und Menschen, die schon immer einmal wissen wollten, wie sich so etwas "anfühlt". Die Dokumentation zeichnet sich durch aufwendige Kameraeinstellungen von Booten, von den Surfbrettern selbst und auch über der Welle aus, die dem Zuschauer eine faszinierende Nähe zum Geschehen übermittelt. Sie zeigt die ungefilterte Leidenschaft von Männern und Frauen für einen Sport, der ihr Leben bedeutet. Auf eine nahezu philosophische Weise wird der Hauch von Wahnsinn, die Abenteuerlust und der Einklang mit sich selbst, der zum Surfen notwendig ist, gezeigt. Aber auch alle übrigen Kinogänger dürfen sich auf den Film freuen. Warum, das verrät unser Gastrezensent und begeisterter Kitesurfer Hauke Laackmann.
Foto: Prokino / pipelinepictures


Postcard to DaddyPostcard to Daddy
Ein Film in der Sektion Panorama der Berlinale 2010
Sexueller Missbrauch ist ein Thema, das seine Aktualität traurigerweise wohl nie verliert. Der Schock über das Ausmaß der sexualisierten Gewalt am Berliner Canisius-Kolleg und in anderen kirchlichen Einrichtungen führt dieser Tage zu immer neuen Meldungen in den Medien. Nach deutschem Strafrecht verjähren die Taten nach gewissen Fristen, doch die Opfer leiden ein Leben lang. Michael Stock wurde von seinem eigenen Vater missbraucht. Für seinen Dokumentarfilm hat er die Geschwister und seine Mutter damit konfrontiert, was sich in der Familie acht Jahre lang hinter geschlossenen Türen abspielte. Entstanden ist ein schonungsloser Film, der nicht anklagt, aber auf eindringliche Weise zeigt, wie sexueller Missbrauch in der Kindheit die Psyche eines Menschen aushöhlen und sein Leben deformieren kann.
Von Jasmin Drescher.
Foto: Edition Salzgeber


CyrusCyrus
Dem Standardensemble plumper Komödien entstammt der übergewichtige Hauptcharakter John (John C. Reilly). John lernt Molly (Marisa Tomei) kennen und lieben. Molly klammert sich gleichzeitig mit übermäßiger Mutterliebe an ihr erwachsenes Kind Cyrus (Jonah Hill), das nicht bereit ist, seine Mama mit einem anderen Mann zu teilen.
Romanze, Komödie, sogar eine Spur psychologisches Drama vermischt "Cyrus" ausgerechnet zu einem Genre, dem all diese Qualitäten kategorisch abgehen: der vulgären Prollkomödie.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 25.11.2010
Foto: 20th Century Fox


HochzeitspolkaHochzeitspolka
"Länderehe" muss für Christian Ulmen ein Begriff von einzigartigem Wohlklang sein. Nicht aufgrund der Assoziationen von Völkerverständigung, kultureller Bereicherung und internationaler Gemeinschaft, welche sich damit verknüpfen ließen, sondern des unendlichen komödiantischen Potenzials. Was könnte grotesker, wahnwitziger, unsäglicher sein, als zwei Menschen unterschiedlicher Nationalität, die einander dass Ja-Wort geben? Filme wie "Hochzeitspolka", lautet die simple Antwort. Kein Vorurteil ist zu abgedroschen, kein Witz zu dümmlich. Auf der Leinwand führt "Hochzeitspolka" einen anstrengenden Tanz um grobe Klischees und Stereotypen auf.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 30.09.2010
Foto: X Verleih


Jud Süß - Film ohne GewissenJud Süß - Film ohne Gewissen
Ein Film im Wettbewerb der Berlinale 2010
Hoch schlagen die Wellen um Oskar Roehlers im Wettbewerb gezeigten "Jud Süß - Film ohne Gewissen". Buh-Rufe nach der Pressevorführung, eine angespannte Stimmung auf der anschließenden Konferenz und nichts weniger als der Vorwurf der Geschichtsklitterung durch Friedrich Knilli, den Verfasser der Ferdinand Marian-Biographie "Ich war Jud Süß". Solch eine Kontroverse wird der Regisseur mit Sicherheit einkalkuliert haben - ein auf historischen Begebenheiten basierender Stoff aus der Nazizeit, spielfilmtauglich verfremdet, damit ist ihm die Aufmerksamkeit der Medien sicher. Warum der Film weder inhaltlich noch formal-ästhetisch gelungen ist und was es mit Roehlers Umgang mit der Historie auf sich hat, erklärt unsere Rezension.
Von Jasmin Drescher.
deutscher Kinostart: 23.09.2010
Foto: Concorde Filmverleih / Tom Trambow


Gregs Tagebuch - Von Idioten umzingelt!Gregs Tagebuch - Von Idioten umzingelt!
Manche Dinge sind von Anfang an faul. Wie die Käsescheibe, die seit Schülergedenken auf dem Hof von Gregs Schule liegt. Hier verbringt der ehemalige Grundschüler sein erstes Jahr an der Junior High School und verfasst "Gregs Tagebuch". Faul ist auch manches an Thor Freudenthals Kinoadaption des gleichnamigen Buchs. Dass Greg, der sich "Von Idioten umzingelt" fühlt, den begehrten Ehrenplatz im Schuljahrbuch verdient, bezweifelt allerdings sogar sein bester Freund: "Klassen-Clown, dazu könnten sie mich sofort erklären." - "Müsstest du dazu nicht witzig sein?" Genau. Leider ist es weder das Wimpy Kid noch Freudenthals unsympathischer Kinderfilm.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 16.09.2010
Foto: 20th Century Fox


Die wilde FarmDie wilde Farm
Am Morgen nach dem Aufstand ist alles anders. Der alte Bauer ist verschwunden, nun regieren die Tiere auf dem Hof. Im Alleingang oder gemeinsam erkunden sie zuerst das Gehöft, bis sich die ersten schließlich auch außerhalb des Hofs wagen. Vor ihnen liegt die Wildnis, deren Teil sie einst waren. Der Geist der freien Natur erwacht in "Die wilde Farm" in den zahmen Haustieren zu neuem Leben. Aufwendige Tieraufnahmen und eine liebevoll erzählte Handlung verknüpft das halbdokumentarische Tierabenteuer zu einem zauberhaften Naturfilm, der kindliche und erwachsene Zuschauer das Landleben mit anderen Augen sehen lässt.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 09.09.2010
Foto: Polyband



Dossier


David Lynchs "Wild at Heart"
Von Christian Horn.
08.08.2010

filmrezension.de auf Youtube: Die Berlinale 2010
Ein Youtube-Videotagebuch zu den 60. Internationalen Filmfestspielen von Jasmin Drescher.
11.-21.02.2010


Neue Rezensionen


Halloween II (2009)
Als 2007 Rob Zombies Remake des John-Carpenter-Klassikers die Kinoleinwände heimsuchte, ließ der Regisseur verlauten, dass er Michael Myers menschlicher darstellen wolle und nicht als die unzerstörbare Killermaschine, die er in den ursprünglichen Filmen war. Er sei verletzlich und so durfte er am Ende den scheinbar finalen Kopfschuss durch Laurie einstecken. Und nun gibt Zombie uns "Halloween II". Laurie ist zunächst halbwegs wahnsinnig und Michael, nun ja, er ist eine unzerstörbare Killermaschine.
Was will Rob Zombie mit dem Sequel bezwecken? Er schmeißt praktisch alles über Bord, was die Pluspunkte des ersten Teils waren.
Von Oliver Forst.


About Schmidt
Als Warren Schmidt (Jack Nicholson) nach Jahren harter Arbeit bei einer Versicherung, in die er sein ganzes Herzblut gesteckt hatte, in Rente geht, sieht er sich mit einem Mal mit seiner Nutzlosigkeit in der Welt konfrontiert. Der kauzige, zum Egozentrismus tendierende Neurentner fühlt sich alleingelassen und frustriert, kann das jedoch seinen Mitmenschen nicht mitteilen. Als seine Frau plötzlich verstirbt, er von einer früheren Affäre seiner Frau mit seinem besten Freund erfährt und seine geliebte Tochter Jeannie einen Wasserbettenverkäufer heiraten will, gerät sein Leben völlig aus den Fugen.
Zwar hat "About Schmidt" durchaus seine humorvollen Augenblicke und ergreifende lebensphilosophische Momente. Doch der Mix aus typisch Warner Brothers'scher Unterhaltung und amerikanischem "Möchtegern-Independent-Film" gelingt nicht.
Von Saskia Singhuber.


Manche mögen's heiß
Chicago Ende der 1920er Jahre: Als die beiden Musiker Joe (Tony Curtis) und Jerry (Jack Lemmon) Zeuge werden, wie die Gangsterbande um "Zahnstocher-Charlie" wegen eines Verrats bei der Polizei von "Gamaschen-Colombo" und seiner Bande erschossen wird, beginnt ein abenteuerliches Versteckspiel. Die beiden Freunde tauchen nun, als Frauen verkleidet, bei einer umhertourenden, rein weiblichen Musikkapelle unter. Schnell entwickeln sie Interesse an der liebreizenden, wenn auch etwas naiven Sugar Kane (Marilyn Monroe).
Mit den frauenfeindlichen Bemerkungen und übertriebenen Elementen versöhnt letzten Endes der originelle Charakter von "Manche mögen's heiß", ein Merkmal, das vielen neueren Filmen fehlt. Gerade die Spontaneität und das Unvorhersehbare scheinen die Begeisterung für den Film auszumachen.
Von Saskia Singhuber.


Prestige - Die Meister der Magie
England gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Auf den Bühnen Londons konkurrieren zwei Zauberkünstler, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Während für den wohlhabenden Amerikaner Robert Angier die gekonnte Vermarktung der eigenen Show und der Applaus des Publikums alles sind, konzentriert sich der aus der Unterschicht stammende Brite Alfred Borden darauf, den perfekten Trick zu kreieren. Vereint nur in ihrem Ehrgeiz, den jeweils anderen zu übertreffen, liefern sie sich einen erbitterten Kampf, bei dem schließlich nicht nur ein Mensch zu Tode kommt.
Von Jasmin Drescher.


Adams kesse Rippe
In Roger Vadims Remake seines Kultfilms "Und ewig lockt das Weib" wandelt Hollywood-Schönheit Rebecca De Mornay auf den Spuren von Brigitte Bardot. Gefängnisinsassin Robin Shea (Rebecca De Mornay) erfährt, dass ihr eine schnelle Heirat die Chance auf eine verfrühte Freilassung einbringen würde. Also stürzt sie sich mit Billy (Vincent Spano) in eine turbulente Ehe jenseits aller Konventionen.
Dank modisch fragwürdiger blonder Löwenmähne driftet der Sex-Appeal der Hauptdarstellerin häufig in einen seltsamen Retro-Humor ab. Der zeitlose Charme des Vorgängerfilms bleibt ein Versprechen, das Vadims US-Remake nicht einlösen kann.
Von Christian Heger.


Agent 00 - Mit der Lizenz zum Totlachen
Als Doppelnullagent im Spezialeinsatz legt US-Starkomiker Leslie Nielsen einem gemeingefährlichen Supergangster das Handwerk.
In "Agent 00" bleibt der humoristische Charme der vorgeblichen Agentenfilm-Parodie fast gänzlich auf der Strecke. Nielsen ist als Dick Steele nur eine blutleere Hülle ohne Sinn und Verstand. Statt einer durchgängigen Komödienhandlung präsentiert der Film eine simple Aneinanderreihung von uninspirierten Holzhammer-Gags, die weder als Parodien noch als absurde Überzeichnungen funktionieren. Die ganz wenigen Szenen, die ein kurzes Lächeln provozieren, sind humoristische Zweitverwertungen, schlecht geklaut beim Team Zucker/Abrahams/Zucker oder der britischen Anarcho-Truppe Monty Python.
Von Christian Heger.


Being Julia
In István Szabós preisgekrönter Hommage an die Show-Welt der dreißiger Jahre begeistert Annette Bening als Theaterdiva zwischen Schein und Sein.
Auf dem Gipfel ihrer Karriere stürzt sich die frenetisch gefeierte Theaterschauspielerin Julia Lambert in eine leidenschaftliche Affäre mit einem Mann, der ihr eigener Sohn sein könnte. Als dieser sie dann zugunsten einer jüngeren Kollegin sitzen lässt, ersinnt Julia einen gerissenen Vergeltungsplan. Bei der Premiere einer neuen Komödie stehen beide Frauen gemeinsam auf der Bühne - und Julia hat alle Trümpfe in ihrer Hand...
Von Christian Heger.


Die Blume des Bösen
In seinem 53. Film beschäftigt sich Regie-Altmeister Claude Chabrol einmal mehr mit seinem Lieblingsthema - der schonungslosen Demaskierung bürgerlicher Heuchelei. Eine französische Kleinstadt, irgendwo in der Nähe von Bordeaux - das ist die Heimat der Familie Charpin-Vasseur, die nun schon seit fünfzig Jahren die Geschicke der Region maßgeblich beeinflusst. Das auf den ersten Blick so harmonische Miteinander der einzelnen Familienmitglieder entpuppt sich rasch als trügerisch und schnell wird klar, dass unterhalb der so sorgsam polierten Hochglanzfassade einiges im Argen liegt.
Von Christian Heger.


Curly Sue - Ein Lockenkopf sorgt für Wirbel
In John Hughes' Familienkomödie brillieren James Belushi und Alisan Porter als drolliges Vagabundenpärchen, das in Chicagos feiner Gesellschaft für Trubel sorgt. In "Curly Sue" beschreibt Hughes den "American Way of Life" aus dem Blickwinkel gesellschaftlicher Outsider, die unversehens die geordnete Welt einer Anwältin durcheinanderwirbeln.
Mit großer Wärme und sehr viel Sympathie portraitierte Hughes (1950 - 2009) in seinen Filmen immer wieder die archetypischen Figuren der amerikanischen Upper Class, deren komisches Potenzial er durch karikaturistische Übertreibung offen legte.
Von Christian Heger.


Desperate Measures
In Barbet Schroeders Action-Thriller liefern sich Andy Garcia und Michael Keaton ein packendes Psycho-Duell um das Leben eines leukämiekranken Kindes: Den Sohn des Polizei-Detectives Frank Conner (Garcia) kann nur das Knochenmark des Gewaltverbrechers Peter McCabe (Keaton) retten.
Die interessante moralische Grundkonstellation verkommt zuweilen zum reißerischen, emotionalen Vorwand für spektakuläre Spannungsdramaturgie. Bemühungen um eine differenzierte psychologische Ausleuchtung des Cop/Verbrecher-Duells werden zwar gelegentlich durch tränenrühriges Pathos überdeckt, doch am Unterhaltungswert des Films ändert dies nur wenig.
Von Christian Heger.


Die dritte Gewalt
Im abschließenden Teil von Anders Nilssons Trilogie um den stoischen Polizisten Johan Falk wird Europa von einer Welle des organisierten Verbrechens überrollt - und München zum Schauplatz eines spektakulären Showdowns.
Mit einer narrativen Virtuosität, die den Zuschauer bis zum Ende schier atemlos zurücklässt, avanciert "Die dritte Gewalt" zweifellos zum Besten, was das europäische Spannungskino der letzten Jahre zu bieten hat. In starker Kontrastwirkung zur vergleichsweise ruhigen Exposition zieht dabei gerade das nervenstrapazierende Finale den Zuschauer in seinen Bann.
Von Christian Heger.


The Italian Job - Jagd auf Millionen
Sein letzter großer Coup soll es werden, danach will sich Safeknacker John Bridger (Donald Sutherland) für immer in den Ruhestand zurückziehen: Gemeinsam mit fünf hochspezialisierten Meisterdieben überfällt Bridger einen venezianischen Palazzo und macht sich mit Goldbarren im Wert von 35 Millionen Dollar aus dem Staub. Doch lange währt seine Freude nicht, denn Bandenmitglied Steve (Edward Norton) hat augenscheinlich kein Interesse, das Diebesgut mit seinen Kameraden zu teilen. Superhirn Charlie Croker (Mark Wahlberg) ersinnt einen raffinierten Plan, um sich die Millionen zurückzuholen.
Von Christian Heger.


Legenden der Leidenschaft
Hollywood-Bombast aus dem Jahr 1994: Edward Zwicks populäres Familiendrama schwankt zwischen epischem Kitsch und mythischer Fabel. Als Zuschauer hat man es schwer, sich den seduktiven Überwältigungsmechanismen der Inszenierung zu entziehen.
"Legenden der Leidenschaft" erzählt von menschlichem Schicksal und menschlichem Leid, von Liebe, Hass und der Solidarität unter Brüdern. Die Dramaturgie ruft mythische Erzählmuster ab und ikonographiert fast alle Elemente der Geschichte mit einer beeindruckenden Durchschlagskraft.
Von Christian Heger.


Liebe auf Französisch
In Didier Bourdons frivoler Liebeskomödie aus Frankreich begibt sich ein sexuell frustrierter Unfallchirurg im verflixten siebten Ehejahr auf die Suche nach neuem erotischem Nervenkitzel.
Als Erotikkomödie liefert "Liebe auf Französisch" womöglich einem älteren Publikum Unterhaltungswerte. Für alle Zuschauer unter Vierzig aber funktioniert der Film in keinem der beiden Genres, die er augenscheinlich bedienen will. Der Film bietet zuweilen annehmbare Situationskomik, wirkt in der Schilderung der sexuellen Eskapaden allerdings oft weniger humoristisch als vielmehr verstimmend.
Von Christian Heger.


Die Lügen meiner Mutter
Regisseur Christian Duguay inszeniert die Geschichte eine Gesetzesflüchtigen - und entwirft dabei das extreme Psychogramm einer ungleichen Mutter/Tochter-Beziehung.
Mit "Die Lügen meiner Mutter" versucht sich der Regisseur an einem Genre-Mix aus Drama und Thriller. Dieser Spagat misslingt ihm gründlich, da die unentschlossene Inszenierung nur aufgesetzt wirkende Effekte liefert. Trotz ihres Bemühens um psychologische Glaubwürdigkeit wirken die beiden Protagonistinnen wie Kopfgeburten eines sozialkritischen Programmfilms. Die emotionale Drastik ihrer Lebensumstände wirkt auf die Dauer ermüdend. Alles in allem lässt die intendierte Tour de Force der Gefühle ein fahles Gefühl zurück.
Von Christian Heger.


Mit vollem Einsatz!
In Tony Martins vergnüglicher Krimi-Komödie aus "Down Under" decken zwei sympathische Chaos-Cops einen riesigen Korruptionsskandal auf. Im Laufe ihrer Ermittlungen kommt es allerdings zu kleineren Kollateralschäden...
"Bad Eggs" ("Faule Eier") - so lautet der Originaltitel dieser australischen Komödie um zwei liebenswerte Anti-Helden und ihren Kampf gegen das Establishment. "Mit vollem Einsatz!" ist ein Film voller kurioser Gags, voller innovativer Extravaganzen und nicht zuletzt voller zahlreicher parodistischer Seitenhiebe auf sattsam bekannte Genreklischees.
Von Christian Heger.


Police Academy - Dümmer als die Polizei erlaubt
Als die neue Bürgermeisterin von New York City unversehens sämtliche bisher geltende Zulassungsvoraussetzungen für die Aufnahme in die städtische Polizeiakademie außer Kraft setzt, wird die Ausbildungsabteilung der lokalen Sicherheitskräfte von der jähen Flut der zahlreichen Bewerber regelrecht überrannt.
Seinen größten Reiz bezieht der Film aus seinem sympathischen Figurenarsenal, das sich wie ein "Who is Who" der sozialen Außenseiter liest. Gewiss: Manche exaltierten Späße wirken heute nervig bis antiquiert. Immerhin aber wird das speziell in den siebziger und achtziger Jahren kultivierte Klischee vom kaltschnäuzigen Cop à la "Dirty Harry" auf weitgehend gelungene Art und Weise parodistisch entzaubert.
Von Christian Heger.


Romy und Michele
In David Mirkins nostalgischer Komödie begeben sich Mira Sorvino und Lisa Kudrow auf eine stilistische Zeitreise in die herrlich skurrile Pop-Welt der achtziger Jahre.
"Romy und Michele" ist eine klassische Coming-of-Age-Geschichte, ein quietschfideles Portrait zweier Frauen, die ihren Platz im Leben suchen und dabei nicht wissen, dass ihr Glück bereits direkt hinter der nächsten Ecke wartet. Mirkins Komödie liegt bei aller überdrehten Exaltiertheit auch ein wahrer emotionaler Kern zugrunde. Mit beißender Satire und einer großen Portion Wahrheit zeigt der Film, wie stark die Erlebnisse in der Jugendzeit das spätere Leben mitunter prägen können - und wie lang man nicht selten unter einst erlittenen Demütigungen leidet.
Von Christian Heger.


Ruhet sanft!
Das Leben meint es gut mit Hutch Rimes. Als Chef einer florierenden Versicherungsagentur unterhält er auch ein ebensolches Verhältnis zu seiner Angestellten Holly Proudfit, bis diese ihn eines schönen Tages in ein ausgefeiltes Mordkomplott verstrickt...
Mit "Ruhet Sanft" schuf Regisseur Matthew Irmas eine Thrillergroteske im TV-Format, deren Stärken durch die Schwächen leider weitgehend überlagert werden. Die Geschichte überrascht durch einige unvorhergesehene Wendungen, erreicht aufgrund der sichtlichen Budget-Limitierungen aber zu keiner Zeit wirkliches Hollywood-Flair.
Von Christian Heger.


Die sieben Schwerter
Spätestens seit dem weltweiten Erfolg von Ang Lees "Tiger und Dragon" im Jahre 2000 erfreut sich der fernöstliche Martial-Arts-Film einer ungeheuren Popularität. In einer Neuauflage von Akira Kurosawas "Die sieben Samurai" lässt Hongkong-Kultregisseur Tsui Hark jede narrative Dynamik vermissen.
"Die sieben Schwerter" ist ein Film der Oberflächenreize: Unterlegt von einem herrlich stimmungsvollen Klangteppich schwelgt er über beinahe zweieinhalb Stunden hinweg in grandios komponierten Bildern, großen Emotionen und berauschenden Kampfspektakeln. Dafür bleibt er aber auf inhaltlicher und psychologischer Ebene ärgerlich flach und eindimensional.
Von Christian Heger.


Unternehmen Erdnussbutter
Ein kleiner Junge wird in einem abgebrannten Geisterhaus mit den verborgenen Ur-Ängsten seiner Phantasie konfrontiert. Als ihm danach schlagartig sämtliche Haare ausfallen, beginnt für ihn und seine Freunde eine abenteuerliche Odyssee.
"Unternehmen Erdnussbutter" ist ein Film, der die Belange seines jugendlichen Publikums ernst nimmt, ohne dabei in den Gestus des pädagogisch erhobenen Zeigefingers zu verfallen. Seine Charaktere sind authentisch, weil die Kinder, die sie spielen, natürlich und unverfälscht agieren dürfen. In einer drolligen Umkehrung der realen Machtverhältnisse macht Rubbo die Erwachsenen zu den wahren Naivlingen, deren Autorität sich vor der pragmatischen Lebensweisheit der Kinder in Luft auflöst.
Von Christian Heger.


 



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Zitat

"Kino muß ein Erlebnis sein, über das man sich aufregt - positiv oder negativ. Und wenn in einem Erlebnis, sagen wir wie 'Natural Born Killers', 80 Minuten nur geschrien und gemordet wird, dann ist das legitim. ... Die Probleme mit der Gewalt beginnen immer erst, wenn die Menschen über das Phänomen nicht aufgeklärt werden, wenn man ihnen verweigert, darüber nachzudenken, und sie tabuisiert."

Film- und Theaterregisseur Christoph Schlingensief (24.10.1960 - 21.08.2010) [DER SPIEGEL 8 /1995]

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