Neue Rezensionen


Der Pinguin meines Lebens
Was für ein schöner, ernst-heiterer, anrührender und herzerwärmender Film! Er erzählt die Geschichte des Lehrers Tom Michell, der 1976 zu Beginn der Militärdiktatur in Buenos Aires landet und durch die Adoption eines Pinguins sich und seine Umgebung verändert.
Michell trifft 1976 in Buenos Aires ein, um an einer Privatschule verwöhnte Söhne der argentinischen Oberschicht im Fach Englisch zu unterrichten. Es ist das Jahr, in dem das Militär gegen die Regierung der Präsidentin Isabel Perón putscht und ein bis 1983 agierendes Terrorregime etabliert.
Michell (gespielt von Steve Coogan, bekannt aus "Philomena") fühlt sich wohl an der Schule, obwohl der Schulleiter nicht wünscht, dass man hier über Politik spricht. Der Lehrer ist ein sympathischer Typ, trägt stets Anzüge in Beige und Brauntönen, liebt Sarkasmus (den er auch den Schülern nahebringt) und zeigt eine gewisse Lebensmüdigkeit, er möchte sich am liebsten aus den Problemen der Welt heraushalten.
Von Manfred Lauffs.

Der Club der toten Dichter
Wir schreiben das Jahr 1959. Sehr streng geht es zu am traditionsreichen Welton-Internat in Vermont. Diese Eliteschule legt großen Wert auf ihre Leitbegriffe "Tradition, Ehre, Disziplin, Leistung", und so erleben die uniformierten Schüler eine entsprechend autoritäre Erziehung. Die Prügelstrafe gehört zum Reglement. Völlig überrascht sind die Jungen darüber, dass ihr neuer Englischlehrer John Keating ganz unkonventionelle Unterrichtsmethoden anwendet. Er ist kein erzkonservativer Knochen wie seine Kollegen. Er fordert die Schüler auf, Seiten aus einem Lyriklehrbuch zu reißen und eigene Zugänge zur Poesie zu finden. Sie sollen ihre eigenen Interpretationen finden und auch selbst Gedichte schreiben. "Carpe Diem" ist sein Motto, das auch die Schüler beherzigen sollen.
Von Manfred Lauffs.

Die Fabelmans
Die beste Szene kommt zum Schluss. Der junge Sammy Fabelman möchte Filmemacher werden. Er kommt schüchtern ins Büro seines großen Vorbilds John Ford (David Lynch). Der lässt ihn warten und pafft ihn dann mit einer riesigen Zigarre voll. Dann soll Sammy ein Bild beschreiben, das an der Wand hängt. "Wo ist der Horizont?" - "Der ist unten!" - "Jetzt geh zu dem nächsten Bild! Wo ist der gottverdammte Horizont?" - "Der ist am oberen Bildrand!" - "Schreib dir das hinter die Ohren! Ist der Horizont unten im Bild, ist es interessant. Ist der Horizont hoch oben, ist es interessant! Ist der Horizont in der Mitte, ist es beschissen langweilig. So, viel Glück!" Und der junge Mann verlässt das Büro und hüpft glücklich zwischen den Studiogebäuden in die Abendsonne hinein. Hollywood wartet!
Von Manfred Lauffs.

Die Einsamkeit des Langstreckenläufers
Frankreich hatte Anfang der 1960er Jahre die "Nouvelle Vague". Bekanntester Film war "Außer Atem" (1960) von Jean-Luc Godard. Großbritannien stand dem nicht nach mit ihrer "British New Wave". Meist im Vordergrund in den Filmen: ein männlicher Rebell. So war es in "Samstagnacht bis Sonntagmorgen" (1960) von Regisseur Karel Reisz, so war es in "Die Einsamkeit des Langstreckenläufers" (1962) von Tony Richardson. Auf der Vorlage und dem Drehbuch von Alan Sillitoe basierend, geht es um Anpassung und Rebellion, reiche Oberschicht und Armut im Kontrast. Kritisiert wird im Film die Obrigkeit, die der Unterschicht das Leben schwer macht. Ein junger Mann, Colin Smith (Tom Courtenay) gerät nach einem Diebstahl in eine Erziehungsanstalt. Deren Chef (Michael Redgrave) entdeckt die läuferischen Fähigkeiten des Heranwachsenden und will das ausnutzen. Für sich und sein Prestige, nicht für Colin.
Von Michael Dlugosch.

Ein Mann und eine Frau
Schauspielerin Anouk Aimée ("8 1/2", "Das süße Leben") starb im Juni 2024. Blicken wir auf einen ihrer wichtigsten Filme, den 1966 gedrehten, preisgekrönten Film "Ein Mann und eine Frau". Ihre Filmfigur Anne lernt einen Mann, Jean-Louis (der zwei Jahre vor Aimée verstorbene Jean-Louis Trintignant) kennen. Die Begegnung ist Zufall, Schicksal. Ihre beiden Kinder gehen auf dasselbe Internat. Um sie kümmern sich der Mann und die Frau in großer Liebe - bald bricht die Liebe auch zwischen den beiden verwitweten Erwachsenen aus. Sie arbeitet beim Film, er ist Rennfahrer.
Regisseur Claude Lelouch erzählt die Entstehung von Gefühlen bis zur großen Krise fast dokumentarisch, driftet manchmal ins Seichte ab, rettet aber den Film, indem er die Geschehnisse mit saloppen Einfällen auflockert und auf den Charme Aimées setzt.
Von Michael Dlugosch.

Samstagnacht bis Sonntagmorgen
In der Fabrik arbeiten, am Wochenende (daher der Filmtitel) Alkohol trinken, Sex haben, mit dem Bruder angeln gehen, danach wieder in der Fabrik arbeiten und so fort - das ist der ganze Lebensinhalt von Arthur (Albert Finney). Dazu gehört auch: cool sein, ein "Halbstarker" sein, wie eine ältere, von ihm stets angerempelte, angepöbelte Nachbarin treffend sagt. Die Frau, mit der Arthur zusammen ist, ist Brenda (Rachel Roberts), die mit einem Arbeitskollegen Arthurs verheiratet ist und ein Kind hat. Sie erwartet eines Tages ein weiteres - von Arthur, kein Zweifel, und dies durchbricht das ewig Wiederkehrende in seinem Leben, wie auch Arthurs Kennenlernen von Doreen (Shirley Anne Field), die er eher lieben wird als Brenda. Diese will das Kind nicht, und befürchtet, dass ihr Mann hinter das Geheimnis kommt, das Kind muss weg. Arthurs Probleme beginnen.
Von Michael Dlugosch.

LOL - Laughing Out Loud
Das amerikanische Kinopublikum mag dem Vernehmen nach weder Synchronisationen noch Untertitel - ausländische Filmproduktionen haben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten also einen schlechten Stand. So kommt es, dass findige Produzenten vor allem europäische und asiatische Kinoerfolge regelmäßig in englischsprachige Remakes übersetzen und das heimische Publikum mit Hollywoodstars locken. Im Fall der französischen Teenager-Komödie "LOL" folgt die Neuverfilmung knapp vier Jahre nach dem Kinostart in Frankreich, was dem Muster entspricht, dass die zeitliche Spanne zwischen Original und Remake in den letzten Jahren immer kürzer geworden ist.
Lisa Azuelos gelingt bei der neuerlichen Verfilmung ihres eigenen Drehbuchs ein ähnlich charmanter und leichtfüßiger Film wie vier Jahre zuvor.
Von Christian Horn.

American Graffiti
Nach dem Science-Fiction-Film "THX 1138" (1971) legte sein guter Freund, der Regisseur Francis Ford Coppola, George Lucas nahe, eine andere Art Film zu drehen. Einen Film, der sich wesentlich "warmherziger und menschlicher anfühlte" (Zitat Wikipedia). Lucas, dessen Erfolgsfranchise "Star Wars" dann noch ausstand, entschied sich für die teilweise Nacherzählung des Endes seiner Jugend. Daraus wurde der nostalgische Gefühle ansprechende und damit erfolgreiche Film "American Graffiti" (1973). Vier Freunde kurz vor dem Erwachsenendasein erleben ein und dieselbe Nacht des Jahres 1962 auf unterschiedliche Weise. In Modesto, einer kalifornischen Kleinstadt, leben sie, zwei von ihnen sollen den nächsten Tag zum College fliegen. Das heißt, ihr wohlvertrautes Nest zu verlassen. Curt (Richard Dreyfuss) kommen Bedenken: Möchte er wirklich weg? Steve (Ron Howard, später bekannter Filmregisseur), will weg, obwohl er mit Curts Schwester Laurie (Cindy Williams) scheinbar glücklich zusammen ist. Von ihnen zurückgelassen würden Milner (Paul Le Mat) und Terry (Charles Martin Smith).
Von Michael Dlugosch.

Alexandre Ajas Maniac
Die Eröffnungsszene ist programmatisch: Eine junge Frau läuft im Cocktailkleid durch eine nächtliche, unangenehme Stadtszenerie. Durch die Augen eines Mannes - eines Mörders, wie sich bald herausstellt - beobachten wir die Frau, folgen ihr bis zur Wohnungstür und rammen ihr von oben ein Messer in den Kopf.
In "Maniac" nimmt das Publikum - abgesehen von kurzen Rückblenden - die Ichperspektive des Psychopathen Frank (Elijah Wood) ein, der eine krankhafte Beziehung zu seiner toten Mutter pflegt und reihenweise Frauen abschlachtet. Anschließend (mitunter bei lebendigem Leibe) skalpiert Frank die Frauen, um die "Echthaarperücken" seinen Schaufensterpuppen aufzusetzen. Frank ist nämlich ein Restaurator von alten Schaufensterpuppen, die in seiner psychopathischen Sichtweise ein Eigenleben führen. Als die Fotografin Anna (Nora Arnezeder) seinen Laden entdeckt und die Puppen für eine Ausstellung benutzen will, zieht der Film seine Spannung aus der Frage, ob Frank die Künstlerin verschont oder ebenfalls tötet.
Von Christian Horn.

 



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