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13.01.2026
Der Pinguin meines Lebens
Was für ein schöner, ernst-heiterer, anrührender und herzerwärmender Film! Er erzählt die Geschichte des Lehrers Tom Michell, der 1976 zu Beginn der Militärdiktatur in Buenos Aires landet und durch die Adoption eines Pinguins sich und seine Umgebung verändert.
Michell trifft 1976 in Buenos Aires ein, um an einer Privatschule verwöhnte Söhne der argentinischen Oberschicht im Fach Englisch zu unterrichten. Es ist das Jahr, in dem das Militär gegen die Regierung der Präsidentin Isabel Perón putscht und ein bis 1983 agierendes Terrorregime etabliert.
Michell (gespielt von Steve Coogan, bekannt aus "Philomena") fühlt sich wohl an der Schule, obwohl der Schulleiter nicht wünscht, dass man hier über Politik spricht. Der Lehrer ist ein sympathischer Typ, trägt stets Anzüge in Beige und Brauntönen, liebt Sarkasmus (den er auch den Schülern nahebringt) und zeigt eine gewisse Lebensmüdigkeit, er möchte sich am liebsten aus den Problemen der Welt heraushalten. Als er miterlebt, wie die Putzfrau Sofía (Alfonsina Carrocio) auf der Straße verhaftet wird, bleibt er erstarrt stehen, ohne einzugreifen. Und wirft sich später diese Feigheit vor. Auf einem Ausflug nach Uruguay lernt er eine hübsche Frau kennen. Beim Strandspaziergang lässt er sich – weil er sich einen One-Night-Stand erhofft – dazu überreden, einen ölverschmierten halbtoten Pinguin zu retten, indem beide das Tier in der Hotelbadewanne vom Öl befreien. Es kommt danach zwar nicht zum Sex, weil die Frau verheiratet ist, aber den Pinguin wird er nicht mehr los. Der folgt seinem Retter bis nach Hause in die Schule, wo sich natürlich allerlei komische Situationen ergeben. Das putzige Tier wird auf den treffenden Namen "Juan Salvador" getauft: Er verhält sich erstaunlich "menschlich" und wird zum "Retter" der ihn umgebenden Personen. Michell kommt auf die glorreiche Idee, den Pinguin mit in den Unterricht zu nehmen. Sofort sind die Schüler aufmerksam und lernbegierig wie nie zuvor, nicht nur, wenn das Tier Brücken schlägt zum Thema eines maritimen Gedichts. Szenen, die an den Film "Der Club der toten Dichter" erinnern! Es wird zum heimlichen Therapeuten, dem die Menschen, sogar der Schuldirektor, ihre Probleme erzählen. Als der Pinguin am Ende der Geschichte stirbt, zeigt eine ganz rührende Szene, wie Michell hinter dem Badezimmerschrank kleine Dinge findet, die Juan Salvador gesammelt hatte: eine Batterie, Sicherheitsnadeln, Knöpfe... Und der Lehrer setzt sich auf den Boden und schluchzt leise. Bei der Beerdigung auf dem Schulhof sagt er über den Pinguin: "Er war mein Freund. Ich bin traurig. Und ich bin bin froh, dass ich traurig bin." Der 60 cm kleine Herzensbrecher hat den Menschen Glück gebracht. Und zum Happy End kommt auch noch die Putzfrau Sofia aus dem Foltergefängnis frei – was allerdings ein bisschen zu aufgesetzt wirkt. Der Film ist gefühlvoll, überschreitet aber nie die Grenze zum Kitsch. Die Brutalität der Militärdiktatur wird nicht überzuckert. Durch die Ausstattung und die Kamera wird die prächtige Atmosphäre der 1970er Jahre in Argentinien und Uruguay rekonstruiert. Unter der Regie von Peter Cattaneo liefert das Schauspielerensemble erstklassige Leistungen ab. Steve Coogan spielt großartig die Rolle des desillusionierten Mannes, der ausschließlich seinen Vorteil und keinen Widerstand mehr sucht. Ein sarkastischer Spruch jagt den nächsten. Der kleine Pinguin aber gibt ihm eine positive Einstellung zum Leben zurück. Der Schwede Björn Gustafsson spielt einen kauzigen finnischen Schulkollegen Michells, der mit Ironie nicht viel am Hut hat. Jonathan Pryce als Schulleiter wandelt sich vom autoritären Chef zum verständnisvollen Pädagogen. Der Magellan-Pinguin Juan Salvador schließlich spielt seine weitgehend stumme Rolle umwerfend.
Manfred Lauffs
Filmdaten Der Pinguin meines Lebens (The Penguin Lessons) Spanien/GB/USA 2024 Regie: Peter Cattaneo; Darsteller: Steve Coogan (Tom Michell), Jonathan Pryce (Timothy Buckle), Björn Gustafsson (Tapio), David Herrero (Diego), Aimar Miranda (Ernesto), Julia Fossi (Anna), Vivian El Jaber (Maria), Brendan McNamee (Cooper), Hugo Fuertes (Ramiro) u.a.; Drehbuch: Jeff Pope, Tom Michell; Produzenten: Rory Aitken, Adrian Guerra, Andrew Noble, Ben Pugh, Robert Walak; Kamera: Xavi Giménez; Musik: Federico Jusid; Schnitt: Robin Peters; Länge: 111 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; deutscher Kinostart: 24. April 2025
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