Zur vollständigen Darstellung der Seite aktivieren Sie bitte Javascript. Filmrezension: Hannibal
 

40. Filmfestival
Max Ophüls Preis
2019


von Michael Dlugosch


Festivalplakat Max Ophüls Preis 2019; Quelle des Fotos: max-ophuels-preis.de; Entwurf: Leis & Kuckert Grafikdesign Das 40. Filmfestival Max Ophüls Preis ist am Sonntag, dem 20. Januar 2019 nach einer Woche zu Ende gegangen. Das Jubiläum wurde angemessen gefeiert. Mit Ehrengästen wie Iris Berben und Til Schweiger. Aber auch mit Schwelgen in Erinnerungen: Albrecht Stuby, Gründer und langjähriger Leiter des Festivals (1980 – 1990) war zur Eröffnung eingeladen, er berichtete süffisant, die erste Ausgabe wirkte wie eine Pleite. Er ging danach zum Rapport zu Oberbürgermeister Oskar Lafontaine und klagte "Das war wohl nichts", aber der damalige SPD-Lokalpolitiker, dessen deutschlandweite Karriere noch bevorstand, gab grünes Licht für eine Neuauflage. Und deutschlandweite Karriere machte auch der Max Ophüls Preis (MOP). 1980 waren es 860 Teilnehmer. Diese Zahl wurde alleine bei der Eröffnung übertroffen: 1340 Gäste kamen, insgesamt waren es 44.000 Besucher*innen (2018: 43.500). Das Festival der blauen Herzen zieht, es ist längst das wichtigste Filmfestival für den deutschsprachigen Filmnachwuchs. In Saarbrücken stellen Jungregisseure ihre ersten Leinwandwerke vor. Ihr Können präsentieren sie mit etwas Glück im Hauptwettbewerb, der stets aus 16 Spielfilmen besteht. Diesen gewann "Das melancholische Mädchen" von Debütantin Susanne Heinrich.

Susanne Heinrich stach unter den Regisseur*innen des Hauptwettbewerbs hervor: Die 1985 in Oschatz bei Leipzig geborene Frau, die bisher als Schriftstellerin auffiel, trägt kurzgeschorene Haare. Ihr Film "Das melancholische Mädchen" stach auch hervor. Jury-Entscheidungen treffen oft Filme, die sich durch ihre Eigenwilligkeit, ihre extreme Machart von den anderen Filmen hervorheben. Hier war es nicht anders: "Das melancholische Mädchen" widerspricht allen Konventionen des Kinos, Heinrich bastelt Szenen aneinander, die knallbunt, unwirklich, an der Grenze zum Kitsch sind, mit absichtlich monotonen Dialogen, die eher Monologe sind, weil die Protagonisten oft aneinander vorbeizureden scheinen.

Film Das melancholische Mädchen; Quelle des Fotos: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) Klingt negativ – ist es nicht. Die Autorenfilmerin hat einen eigenen Stil gefunden, der originell, nie langweilig ist, wenn sie von einer traurigen jungen Frau, der namenlosen Titelheldin (Marie Rathscheck) erzählt, die durch die Großstadt (selten sind Außenszenen zu sehen) umherstreift und mit fremden Personen, meist Männern in Kontakt tritt. Eine Szene wird zur Musical-Szene, eine andere spielt in einem Museum mit einzeln, jeweils weit von dem nächsten Menschen aufgestellten, ja von Heinrich drapierten Bildbetrachtern. Meist aber spielt der Film in Wohnungen, in denen das melancholische Mädchen mitunter mit Männern badet und dabei mit ihnen redet. Die Männer sind wie es selbst und wie die Wohnungen, das gesamte Szenenbild, vom Zuschauer so anzuschauen, wie man Kunstobjekte anschaut. Und stets spielt zur Begleitung Big-Band-Musik.

Der Autor dieser Zeilen überlegte sich nach dem Sehen des Films und lange vor der Preisverleihung: Hat dieser Film im Kino eine Chance? Wäre er nicht besser in einem Museumskino aufgehoben? Äußerst kunstvoll sind die Bilder, die immer für sich stehen, jede Einstellung sehenswert und ausstellungsreif. Jetzt hat der Film durch den MOP-Hauptpreis seinen Kinostart sicher, man darf gespannt sein, wie das Publikum reagieren wird. Denn dieser Preis ist mit 36.000 Euro dotiert, welche sich in drei gleichen Teilen aufteilen auf Regisseurin, Produzenten und noch zu findenden Verleiher, der einen Kinostart des Films innerhalb der nächsten zwölf Monate zu ermöglichen verpflichtet ist. Das Publikum darf dann einen Film mit gewagtem Stil kennenlernen, ein Stil, der zu sehen lohnt.

Regisseurin Susanne Heinrich (Film Das melancholische Mädchen); Quelle des Fotos: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) "Wenn es irgendeinen Auftrag der Kunst gibt, dann vielleicht den, das Kino neu zu erfinden. Dafür trete ich ein", sagte Susanne Heinrich bei der Preisverleihung. Bei dieser erhielt die junge Regisseurin zunächst den Preis der ökumenischen Jury bestehend aus Kirchenmenschen, für Heinrich ein Anlass darauf hinzuweisen, dass sie evangelische Pfarrerstochter sei (wenn man ihre raspelkurzen Haare sieht, kommt man nicht drauf). Und fuhr fort, sie habe viele "Prediger-Gene in sich", predige nun im Film "feministische Kapitalismus-Kritik".
Dann kam der Hauptpreis, aber Heinrich war plötzlich ernst, während neben ihr auf der Preisverleihungsbühne im Saarbrücker E-Werk andere Filmcrew-Mitglieder einen Jubelkreis bildeten. Heinrich begründete es. An jenem Samstag war sie nicht nur in Saarbrücken, sondern zuvor in Wiesbaden. Eine Beerdigung hatte dort stattgefunden, die Filmemacherin hatte auf ihr eine Rede gehalten zu Ehren einer vor Fuerteventura ertrunkenen Freundin, der Kuratorin und Leiterin der Wiesbaden Biennale, der 36-jährigen Maria Magdalena Ludewig. Später konnte sich Susanne Heinrich doch noch über die beiden Preise freuen – und auf der an die Preisverleihung angeschlossenen Filmparty ausgelassen tanzen.

Tanzen – das taten auch Iris Berben und Edin Hasanovic bei der gemeinsamen Moderation der Preisverleihung des Deutschen Filmpreises Lola 2018. Iris Berben, der man das Alter 68 Jahre überhaupt nicht ansieht, erhielt in Saarbrücken zur Eröffnung der 40. MOP-Ausgabe den Ehrenpreis für Verdienste um den jungen deutschsprachigen Film. Berben, seit 2010 Präsidentin der Deutschen Filmakademie, engagiert sich nicht nur für den Filmnachwuchs, sondern auch für soziale Gerechtigkeit und gegen Antisemitismus. Es war Bundesaußenminister Heiko Maas, der die Laudation auf Berben hielt. Und nicht nur er. Maas teilte sich die Aufgabe mit Überraschungs-Laudator Hasanovic, der bei der MOP-Eröffnung Berben über die Maßen lobte, die Lola-Tanzszene nochmal auf der Leinwand zeigte und aus seiner schnodderigen Natur heraus viel Spaß machte ("Und wenn sie mal einen bosnischen Schauspieler als James-Bond-Darsteller nehmen – dann bist Du mein Bondgirl!"), so viel Spaß, dass die Eröffnungsfeier des MOP-Jahrgangs 2019 zu einer der emotionalsten überhaupt geriet und Iris Berben zu Tränen gerührt war. So viele positive Gefühle schwangen mit, dass bald darauf Philipp Leinemann sich entschuldigte: Sein MOP-Eröffnungsfilm "Das Ende der Wahrheit", ein Polit-Thriller, würde alle runterziehen. Er hatte da durchaus recht, sind in dem Film blutige Szenen zu sehen.

Film Das Ende der Wahrheit: Ronald Zehrfeld; Quelle des Fotos: Prokino Dennoch war "Das Ende der Wahrheit" eine gute Wahl für die Eröffnung des Jahrgangs 2019. Der intelligente, sehr gut inszenierte und gespielte Film handelt davon, wie die Leute von Bundesnachrichtendienst (BND) und Co. ihr eigenes Süppchen kochen, weitestgehend unbeaufsichtigt. Es fängt harmlos an. In einem Seehaus liebt Martin Behrens seine Freundin Aurice (Antje Traue). Bald erfährt der Zuschauer: Es gibt viel Heimlichtuerei um diese Beziehung. Aurice weiß nicht, dass er BND-Experte ist, weiß nicht mal, dass er ihr ein Pseudonym genannt hat. Umgekehrt hat der BND keine Kenntnis davon, dass es diese Liebe gibt. Denn Aurice ist Journalistin, was ihr Partner seinem Arbeitgeber verschweigt. Während Behrens durch eine missglückte Aktion ins berufliche Abseits gerät, ist die junge Frau an einen Informanten geraten, der über den BND und dessen ihm bekannte Machenschaften aussagen will. Gerne hätte sie ihren Freund als Helfer beim geplanten Treffen dabei. Er geht nicht hin, was ihm das Leben rettet. Das Treffen endet blutig, Aurice stirbt bei dem Anschlag auf das Lokal, der Informant flüchtet schwer verletzt. Nach der ersten Trauer macht sich Behrens daran, herauszufinden, warum es zum Attentat kam. Er findet heraus, dass die Täter in den eigenen Reihen zu finden sind.

Philipp Leinemanns spannender Film geht äußerst klug mit der sonst in sich gekehrten Welt der Nachrichtendienste um. Höhepunkt ist die schauspielerische Leistung Ronald Zehrfelds, der seinem Martin Behrens eine zerrissene Komponente gibt: Auch dieser BND-Mann ist von vornherein nicht schuldlos und wird es sich zwar am Ende gegenüber seiner vernachlässigten Tochter eingestehen – um dann nochmal Schuld auf sich zu nehmen, indem er eine der beiden kriminellen Personen vor der Enttarnung bewahrt. Eine ausführliche Kritik siehe hier.

Film Der Läufer: Max Hubacher; Quelle des Fotos: Contrast Film Der erste Hauptwettbewerbsfilm, den Publikum und Jury am Festival-Dienstag zu sehen bekamen, war der Schweizer Film "Der Läufer". Die Titelfigur spielt Max Hubacher, der auf der Leinwand mittlerweile bekannt für extreme Rollen ist, zuletzt als "Der Hauptmann" im letztjährigen MOP-Eröffnungsfilm. Eine extreme Rolle ist sein "Läufer" sehr wohl: Der vom jungen Schauspieler Hubacher dargestellte Jonas Widmer ist einer der besten Langstreckenläufer der Schweiz. Sein Leben mit Freundin ist geregelt, beide suchen eine größere Wohnung. Aber Erinnerungen quälen ihn: Sein Bruder beging Selbstmord. Er verfällt allmählich einem Wahn, den seine Mitmenschen zunächst nicht mitbekommen. Erst klaut er einer Frau im Vorbeilaufen die Handtasche. Es werden mehrere geklaute Handtaschen. Bis er es nicht beim Klau der Handtaschen belässt, er mordet auch.

Viele Szenen zeigen ihn lange beim Laufen, oft nachts, und er hechelt. Sein Keuchen steht nicht für fehlende Fitness, die hat er. Es steht mit dem Dauerlaufen für die Flucht vor sich selbst. Ein handwerklich starkes Langfilmdebüt von Regisseur Hannes Baumgartner nach einer wahren Geschichte, die bei der Preisverleihung leider leer ausging.

Film Electric Girl: Victoria Schulz; Quelle des Fotos: NiKo Film Ebenfalls um eine in einen Wahn verfallende junge Person geht es in "Electric Girl" von Regisseurin Ziska Riemann, die schon einen abendfüllenden Spielfilm gedreht hat: "Lollipop Monster". Das Drehbuch schrieben vier Frauen, neben Riemann auch Luci van Org, die bekannt ist als Leadsängerin der Band Lucilectric, bekanntester Hit ist "Mädchen" (Textzeile: "Weil ich ein Mädchen bin!"). Um ein Mädchen, eine junge Heranwachsende geht es auch im Film. Das "Electric Girl" ist zunächst normal: Mia (Victoria Schulz) hat eine Rolle als Synchronsprecherin in einer Anime-Serie ergattert. Sie spricht die Superheldin Kimiko. Ein elektrischer Schlag in einer Bar, in der die Heranwachsende arbeitet, geht scheinbar nicht spurlos an ihr vorbei. Bald glaubt sie, sie sei selbst mit Superkräften ausgestattet und Hamburg bedroht.

Es war ein Film, der zwar in einen Wettbewerb gehört, aber dem mindestens die Magie fehlt. Er hätte mehr darauf abzielen sollen, den Zuschauer im Unklaren darüber zu belassen, ob an Mias Kräften etwas dran ist, und wiederholt sich ständig, statt sich stetig neu zu erfinden. Riemanns "Electric Girl" fehlen wie Mia die Superkräfte.

Film Lysis: Louis Hofmann, Oliver Masucci; Quelle des Fotos: Zum Goldenen Lamm Filmproduktion GmbH & Co. KG Wie Ziska Riemann hat Rick Ostermann schon Spielfilm-Erfahrung mit u.a. "Wolfskinder", wie "Der Läufer" ist Ostermanns Film "Lysis" handwerklich perfekt – und ging doch auch leer aus. "Lysis" ist Platons Dialog-Werk über Freundschaft, die auch Sex mit einschließen kann. Nur zu Anfang des gleichnamigen Films sieht der Zuschauer mehrere Personen. In einem klaustrophobisch engen Gasballon über den Alpen. Mit Klaustrophobie wird es weitergehen, aber nicht mehr in einem engen Raum, die endlose Weite und Menschenleere der Alpen wird zum Alptraum. Ein Vater (Oliver Masucci) und sein 16-jähriger Sohn (Louis Hofmann) werden aus dem Ballon abgeseilt. Der Filius trägt für den Ort unpassende Kleidung, einen schwarzen Anzug, denn er kommt von der Beerdigung seiner Mutter nach deren Unfalltod, den er miterlebt hat. Geplant ist eine Rafting-Tour. Geplant vom Vater. Der Sohn kam mit und weiß selbst nicht, warum, er bereut es schon bald. Beide werden sich nie bei Namen nennen, bleiben namenlos. So wie Robert Redfords Figur in "All Is Lost"; so wie diese sind auch die beiden bald verloren, es wird ein Zwei-Personen-Stück, das an Drama zunehmen wird. Der Vater erläutert, warum sein Sohn ihn zehn Jahre nicht bei sich hatte, der Vater dadurch ein Fremder blieb: Die Mutter behauptete, er sei pädophil und hätte den Sechsjährigen angefasst. Glaubwürdig kann der Vater die Vorwürfe entkräften, aber damit wird deren Zwangszusammenkunft nicht besser. Bald geht es ums pure Überleben.

Kurios ist die Kameraführung: Als Kameraleute werden zu recht die beiden Darsteller genannt. Zwei Helmkameras und eine Standkamera wechseln sich je nach Situation ab. Der Vater will mit diesen eine private Dokumentation über die Wiederkehr in das Leben seines Nachwuchses drehen, was der Sohn des Öfteren kritisiert, so, wie dieser pubertätsbedingt auch sonst stetig rebelliert. Über das Ende sei so viel verraten: Es wird klären, ob der Sohn den Begleiter als Vater akzeptieren wird. In absoluter Not.

Film Der Geburtstag; Quelle des Fotos: Friede Clausz / Weydemann Bros. GmbH Ein Mann in anderer Art von Not ist die Filmfigur Matthias im intelligenten deutschen Wettbewerbsbeitrag "Der Geburtstag" vom aus Uruguay stammenden Regisseur Carlos Morelli. "Buddenbrooks"- und "Tatort"-Schauspieler Mark Waschke spielt den cholerischen Hektiker Matthias brillant. Immer unter Zeitdruck, unter Stress, die Beruhigungszigarette hilft schon lange nicht mehr. Von Anna (Anne Ratte-Polle) ist der Mann seit einiger Zeit getrennt, der Kontakt besteht nur noch, weil sie einen gemeinsamen siebenjährigen Sohn haben, Lukas (Kasimir Brause), der Geburtstag hat. Matthias hat sich für mehrere Ereignisse hintereinander verpflichtet: Er steht nicht nur vor einem wichtigen Abgabetermin, er organisiert auch die Geburtstagsfeier zusammen mit Anna und will am Abend seine neue Partnerin (Anna Brüggemann) samt deren Eltern treffen. Nichts wird ihm gelingen, was folgt, ist eine Katharsis, die ihn zum entschleunigten, guten Vater machen wird. Zunächst wird fast den ganzen Film über in seinem Leben Chaos herrschen, er muss sich um einen nicht abgeholten kleinen Feiergast kümmern, Julius (Finnlay Berger). Aber die Eltern sind nicht auffindbar, er muss sie suchen.

Der in schwarz-weiß gedrehte Film ist eine herrliche Aneinanderreihung von Katastrophen mit gutem Schluss, alles zur Freude des Zuschauers. Die in Saarbrücken anwesende Filmcrew erzählte, ein Zuschauer sagte ihnen, das schwarz-weiße Bild habe ihm nichts ausgemacht, denn er sei "von der Story gepackt" gewesen.

Das ist ein großer Vorteil des Filmfestivals MOP: Hier kann der Zuschauer mit dem Filmteam auf Du und Du sprechen. Es wird in Saarbrücken rege genutzt.

Film Kaviar; Quelle des Fotos: Witcraft Filmproduktion Der mit Abstand lustigste Film des Hauptwettbewerbs gewann auch den Publikumspreis: "Kaviar" von Elena Tikhonova. Die Regisseurin ist in Russland geboren und lebt und arbeitet in Wien. Dort spielt auch ihr Film. Die beiden Darsteller des einstigen MOP-Wettbewerbsfilms "Marija" von Regisseur Michael Koch, Margarita Breitkreiz und Georg Friedrich, wirken in "Kaviar" mit. Breitkreiz spielt Nadja, die Dolmetscherin ihres russischen Landsmannes, des Oligarchen Igor (Mikhail Evlanov). Der hat Geld. Viel Geld. Und Ideen. Viele Ideen. Die Nadja umsetzen soll. Seine neueste Idee: In Wien möchte er eine Villa haben – auf der vielbefahrenen Schwedenbrücke mitten in der City. Man müsse nur die richtigen Leute schmieren. Los geht’s ins Chaos für Nadja, die vergeblich versucht, Igor das Vorhaben auszureden. Klaus (Georg Friedrich), Ehemann von Nadjas bester Freundin Vera (Darya Nosik), übernimmt das Projekt, die beteiligten Politiker mit Geld zu überzeugen – nicht ohne den Hintergedanken, die Millionen selbst zu kassieren. Ein Gedanke, den auch bald Nadja, Vera und Nadjas Babysitterin Teresa (Sabrina Reiter) verfolgen.

Großartig wird Tikhonovas Film zur Screwball-Komödie mit immer neuen Wendungen, der locker-leichte Erzählfluss hat zwar einen genauso locker-leichten filmischen Anspruch, aber das wird durch den Humor wettgemacht.

"Kaviar" holte den Publikumspreis. Eine Zeitlang roch es danach, dass dieser Preis womöglich an den Konkurrenten "Stern" gehen könnte: Nach den Aufführungen von "Stern" des deutschen Regisseurs Anatol Schuster ("Luft") standen einige Zuschauer an den Publikumspreis-Boxen und gaben für den Film ihre Stimme ab.

"Stern" hätte wenigstens diesen Preis verdient gehabt, er ging leer aus. Ein Film, der um seine Protagonistin herum geschrieben wurde, Ahuva Sommerfeld, die mit der Rolle der 90-jährigen Berlinerin Frau Stern im Prinzip sich selber darstellt. Regisseur und Drehbuchautor Schuster begegnete Sommerfeld und hatte seine Filmidee. Er sagt: "Die Gunst der Stunde gebot, mich für sie als Protagonistin sofort zu entscheiden und mit der Drehbucharbeit unverzüglich anzufangen. Mit großer Hilfe von Freunden konnten wir die Dreharbeiten aus dem Stand heraus beginnen, ohne jegliche Förderung und ohne Beteiligung eines Senders. Die imponierende Energie unserer Protagonistin, ihre unerschrockene Art und der trockene Humor trieben uns immer wieder an und halfen, die Darsteller und Mitarbeiter, Studios und sogar meine 15 Monate alte Tochter zum Mitmachen zu motivieren."

Film Stern; Quelle des Fotos: A+A Produktion In der ersten Szene des Films schaut Frau Stern in die Kamera und sagt trocken: "Ich will sterben." Es ist fast die einzige Einstellung, in der die coole, alte Dame nicht raucht. Sie geht durch Berlin und fragt Leute nach einer Waffe. Die wäre ganz nützlich, um ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Manche Mitmenschen weisen sie auf ihre übertriebene Nikotinsucht hin. Frau Stern entgegnet: "Das KZ habe ich überlebt. Das Rauchen werde ich auch noch überleben." Der trockene Humor bleibt den Film über, in der sie zahlreiche interessante Erlebnisse haben wird. Darunter: Sie wird mit ihrer brüchigen Stimme "Summertime" singen, ein Höhepunkt des Films. Der Film wird mit einem Tanz von ihr enden, ein auf den ersten Blick fades, von Schuster unüberlegtes Ende, doch hat es seinen Sinn: Es sagt aus, die Neuköllner Dame habe es sich anders überlegt nach den vielen Ereignissen, die sie erlebt hat. Wegen diesen Erlebnissen, und wegen Ahuva Sommerfeld, ist dieser Film selbst ein Ereignis. Sommerfeld war trotz ihres Alters mit Regisseur Schuster nach Saarbrücken gekommen, um den Film vorzustellen. Und sagte: "Im wahren Leben rauche ich nicht so viel."

Zum 40. Jubiläum wurde der zweite MOP-Siegerfilm von 1981 wiederaufgeführt: "Taxi zum Klo". Der 2002 an Krebs gestorbene Frank Ripploh drehte den Film mit sich selbst in der Hauptrolle, besser gesagt: Er spielte sich selbst, den schwulen Schullehrer, immer auf der Suche nach Sex, nach Liebe. "Taxi zum Klo" hat nichts von seiner Wirkung verloren, ist modern geblieben, hält mit Gegenwartsfilmen mit. Der Film ist anfangs äußerst sehenswert inszeniert, später macht Ripploh den Fehler, szenische Ereignisse aneinander zu kleben, die oft nicht zusammenpassen. Aber der Film war doch ein würdiger Gewinner seinerzeit. Trotz vielen Penissen und Sperma in Großaufnahme.

Wie war es, Regisseur Frank Ripploh in Saarbrücken zu haben? MOP-Gründer Albrecht Stuby erinnert an die damalige Filmpräsentation und ihre Umstände. Das Hotel, in dem der Regisseur untergebracht war, beklagte sich: "Ripploh holte sich immer Männer auf sein Zimmer". Ripploh war vor dem Festival als unbeherrscht verschrien, das aber stellte sich laut Stuby als falsch heraus. Und turbulent ging es weiter: Der Kulturdezernent der Stadt Saarbrücken nahm seine fünfjährige Tochter mit ins Kino im Rahmen der Preisverleihung. Stuby erklärte dem Mann zuvor, der Film wäre nichts fürs Kind. Der Kulturdezernent bestand aber drauf, die Tochter im Kino dabeizuhaben. Später schimpfte der Herr lautstark, so Stuby.

Schwelgen in Erinnerungen. Das tat auch Til Schweiger als Ehrengast der 40. MOP-Ausgabe. Bei der Preisverleihung und zuvor bei einem Werkstattgespräch erinnerte sich Deutschlands wohl kommerziell erfolgreichster Schauspieler und Regisseur an 1993, als er für den Film "Ebbies Bluff" den Nachwuchsdarsteller-Preis des MOP erhielt. "Es war der erste Preis, den ich bekommen habe", so der 55-Jährige. Erst dadurch, meinte er, wurde man auf ihn aufmerksam, nicht durch den von Kritikern verrissenen "Manta, Manta", sondern die Saarbrücker Auszeichnung führte dazu, dass Agenturen anriefen: Sie "war der Startschuss für meine Karriere". Beim Werkstattgespräch, bei dem – für ein Filmfestival untypisch – viele Kinder anwesend waren, plauderte Til Schweiger aus dem Nähkästchen: Mit Regisseur Quentin Tarantino würde er nach "Inglourious Basterds" nicht gerade gerne nochmal zusammenarbeiten. Und er gab wertvolle Hinweise für den Filmnachwuchs. "Tipp Nr. 1: Schreibe deine eigenen Geschichten". Und: "Filmemachen ist gar nicht so schwer, wenn man ein gutes Drehbuch hat. Ein gutes Drehbuch ist nicht messbar, keine Mathematik". Schweiger selbst, der unter anderen "Honig im Kopf" gedreht hat, erzählte, dass er aufs Casting verzichtet. Denn er sagt zu den von ihm ausgewählten Schauspielern: "Ihr seid da, weil ihr spielen könnt".

Schweiger hat auch Ideen, wie man Kleinkunstfilmen helfen könne: Man solle "weniger Filme produzieren, die Filmförderung ändern" und kleine Filmverleihe unterstützen: indem man "denen wirklich richtig Geld gibt, um für den Film zu werben".

Er sprach auch über die Filmkritik. Bekanntlich lässt er Filmjournalisten nicht mehr seine Filme in Pressevorführungen vorweg sehen, denn mit denen steht er auf Kriegsfuß. Schweiger erzählt von früher: Er las die Kritiken der Frankfurter Rundschau. Gerade in die Filme mit Verriss in dieser Zeitung ging er rein, denn diese gefielen ihm, er wusste nach Verrissen, dass diese Filme seinen Geschmack treffen werden, es war immer "zu 100 Prozent richtig". Aber kleinen Filmen, für die der Mainstream-Regisseur Schweiger auch ein Herz hat, "helfen gute Kritiken deutlich mehr".

Bei der Preisverleihung war Schweiger dann in seiner schnodderigen Art ehrlich, als er auf seine MOP-Auszeichnung 1993 zu sprechen kam: "Damals war der Preis noch potthässlich, es war so ein schwarzer Sockel mit so einer Neonlampe drauf, zwei Herzen mit einer Neonlampe." Und fuhr fort: "Am nächsten Morgen habe ich das Ding auch gleich zerschlagen." Aber er wies auch nochmals darauf hin, dass der Preis seine Karriere ermöglichte. Dies gilt nun genauso für die Gewinner des Jahrgangs 2019: Sie haben ihr Können gezeigt und können nun in Sachen Karriere in Schweigers Fußstapfen treten.



Quelle der Fotos siehe jedes einzelne Foto

 

alle Preisträger 2019:


Max Ophüls Preis:
Das melancholische Mädchen
Regie: Susanne Heinrich

Filmpreis des Saarländischen Ministerpräsidenten für die Beste Regie:
Cronofobia
Regie: Francesco Rizzi

Bester Schauspielnachwuchs:
Simon Frühwirth für Nevrland (Regie: Gregor Schmidinger)

Bester Schauspielnachwuchs:
Joy Alphonsus für Joy (Regie: Sudabeh Mortezai)

Fritz-Raff-Drehbuchpreis:
Cronofobia
Regie: Francesco Rizzi
Drehbuch: Daniela Gambaro, Francesco Rizzi

Publikumspreis Spielfilm:
Kaviar
Regie: Elena Tikhonova

Preis der Jugendjury:
Nevrland
Regie: Gregor Schmidinger

Preis für den gesellschaftlich relevanten Film:
Joy
Regie: Sudabeh Mortezai

Preis der Ökumenischen Jury:
Das melancholische Mädchen
Regie: Susanne Heinrich

Bester Kurzfilm:
Boomerang
Regie: Kurdwin Ayub

Publikumspreis Kurzfilm:
Stilles Land gutes Land
Regie: Johannes Bachmann

Preis für den Besten Mittellangen Film:
Label Me
Regie:
Kai Kreuser

Publikumspreis Mittellanger Film:
Die Schwingen des Geistes
Regie: Albert Meisl

Dokumentarfilmpreis:
Hi, A.I.
Regie: Isa Willinger

Publikumspreis Dokumentarfilm:
Congo Calling
Regie: Stephan Hilpert

Beste Filmmusik Dokumentarfilm:
Let the Bell Ring
Regie: Christin Freitag
Musik: Jonathan Ritzel




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"Es erscheint mir albern, dass etwas so Richtiges und Einfaches erkämpft werden muss."

("It just seems silly to me that something so right and simple has to be fought for at all.")

Schauspieler Gregory Peck (1916 - 2003) über die Rechte von Homosexuellen

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