23.12.2008
Haltung, Disziplin, Gleichgewicht

Buddenbrooks (2008)


Buddenbrooks Mitten in der aktuell weltumspannenden Finanzkrise kommt die opulente, aber allzu dekorative Verfilmung des Literatur-Klassikers "Buddenbrooks" daher, in dem Thomas Mann den wirtschaftlichen und existenziellen Untergang einer Kaufmannsfamilie beschreibt. Heinrich Breloer kann für seinen Film auf eine versierte Schauspielerriege zurückgreifen, aber er nutzt hier nicht alle Möglichkeiten. Breloer erweckt den Roman nicht richtig zum Leben und erfüllt nur, wenn auch in solider Form, sein Soll als Regisseur.

Er solle doch bitte das Manuskript etwa um die Hälfte kürzen, bat der Verleger Samuel Fischer den 25-jährigen Autor, der bis dahin nur wenige Texte wie "Der kleine Herr Friedemann" geschrieben hatte. Doch Thomas Mann kürzte nicht und die 768 Seiten von "Buddenbrooks – Verfall einer Familie" wurden 1901 zum Welterfolg. 1929 erhielt Mann, trotz zahlreicher weiterer bis dahin von ihm verfasster Bücher, ausdrücklich für "Buddenbrooks" den Nobelpreis für Literatur. Thomas Mann erzählt in dem Roman nur wenig verschlüsselt die Geschichte seiner eigenen Lübecker Familie, denn auch Mann stammt aus einer Kaufmannsfamilie. Genauso Regisseur Breloer: Er berichtete im Interview, der Roman habe ihn schon deswegen fasziniert, weil er selbst Sohn eines Getreidegroßhändlers sei.

Buddenbrooks: FilmplakatLübeck in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Buddenbrooks sind durch den Getreidehandel zu Wohlstand und Ansehen gekommen. Patriarch der Familie ist der in die Jahre gekommene Konsul Jean Buddenbrook (Armin Mueller-Stahl). Mit seiner Gattin Bethsy (Iris Berben) hat er drei Kinder: Thomas (Mark Waschke), Christian (August Diehl) und Antonie, genannt Tony (Jessica Schwarz). Insbesondere für Tony gilt, dass das Private nicht vom Geschäftlichen getrennt werden kann. Obwohl sie sich anderweitig verliebt hat, wird sie vom Vater zur Heirat des scheinbar vermögenden Bendix Grünlich (Justus von Dohnányi) mehr gezwungen als überredet. Von dem Schock, dass Grünlich sich als hoch verschuldeter Mitgiftjäger herausstellt, erholt sich Jean nicht. Thomas übernimmt die Firma, verstößt dazu seine Geliebte und heiratet standesgemäß, während Christian sich dem Boheme-Leben hingibt und zunächst heimlich in wilder Ehe lebt. Beide Brüder, so unterschiedlich sie Geschäftssinn entwickelt haben mögen, werden im Streben nach dem persönlichen Glück aufgerieben. Sie rufen sich einmal am Anfang des Films gegenseitig zu: "Haltung" - "Disziplin" - "Gleichgewicht". Christian wird im Verlauf von Roman und Film auf Haltung und Disziplin nichts mehr geben, bis er in der Nervenheilanstalt landet, Thomas wird wortwörtlich das Gleichgewicht verlieren und in einer Pfütze enden. Tony erlebt als zweifach Geschiedene das Ende des Romans wie des Films, aber die Familie löst sich auf, wie schon zuvor die Firma der Familie.

Heinrich Breloer kennt sich mit Thomas Mann aus. Er realisierte 2001 kongenial den semidokumentarischen TV-Dreiteiler "Die Manns – ein Jahrhundertroman" über Manns Leben, Werk und Familie, mit Armin Mueller-Stahl perfekt besetzt in der Rolle des Thomas Mann. "Buddenbrooks" ist Breloers erster Spielfilm, und gleichzeitig insgesamt die fünfte Verfilmung des Stoffes, darunter eine kaum bekannte britische TV-Serie (1965). Es lag nahe, in der neuen Verfilmung die Rolle des Konsuls Jean wieder von Armin Mueller-Stahl spielen zu lassen. Doch Müller-Stahl überzeugt diesmal nicht. Er vermag seinem Part nicht einen persönlichen Stempel aufzudrücken, er ist nicht eins mit der Rolle. Es liegt an der Regie. Heinrich Breloer ist ein Meister des Dokumentarfilms, aber für einen Kinofilm reicht es noch nicht. Als Regisseur kann er Schauspieler nicht richtig führen. So kommt es auch, dass August Diehl, sonst einer der besten Schauspieler der Generation um die 30, in "Buddenbrooks" in der Rolle des Christian häufiger nur einen starren Blick auflegt, um die Nöte des hypochondrischen Zweitgeborenen auszudrücken. Diehl kann weitaus mehr, als er hier zeigen darf. Iris Berben als Konsulin Bethsy Buddenbrook dagegen tritt kaum in Erscheinung. Sie wirkt wie ein Teil der Ausstattung, ohne eigene Akzente in der Geschichte zu setzen. Man sieht sie ab und zu streng blicken, das war's. Jessica Schwarz als Tony Buddenbrook hat eigentlich eine dankbare Schauspielerrolle. Im Roman ist Tony die Sympathieträgerin, in diesem Film ist sie es nicht; die Schauspielerin spielt die Rolle allzu indifferent.
Buddenbrooks: Jessica Schwarz, Alexander FehlingIhre Gefühle für den jungen Morten Schwarzkopf glaubt man nicht. Tony versucht einmal am Strand vergeblich die Füße aus den engen Strümpfen zu befreien, um sie in den Sand zu stecken, was ihrem Wunsch nach Freiheit und Eigenständigkeit Ausdruck verleihen soll – es funktioniert nicht. Heinrich Breloer kann sich von der Fernsehdramaturgie nicht befreien. Dazu passt, dass der Film als Amphibienfilm gedreht wurde, er ist somit sowohl als ein Kinofilm als auch als ein späterer größerer TV-Mehrteiler geplant. Breloer und sein Co-Drehbuchautor Horst Königstein nutzen die Chancen der epischen Breite der Kinofassung (sie dauert 150 Minuten) nicht. Manche Szenen sind unübersichtlich inszeniert oder schlicht zu kurz: Senator James Möllendorpfs Tod und die Einweisung Christians in die Nervenheilanstalt sind die besten Beispiele. Die beiden Szenen versteht man nicht, wenn man den Roman oder eine der anderen Verfilmungen nicht kennt.

Um den Roman ins Medium Film zu transferieren, mussten Breloer und Königstein zahlreiche Änderungen im Drehbuch gegenüber der Vorlage vornehmen. In einigen Fällen ist das überzeugend realisiert, in anderen nicht. Die erste Generation der Buddenbrooks um den alten Johann fehlt ebenso wie Tonys Tochter aus der Ehe mit Grünlich – genau wie in der 1959er Version von "Buddenbrooks". Beides stellt eine kluge Kürzung gegenüber dem Roman dar. Nicht so das eingeführte Leiterwagen-Rennen der Buddenbrook-Kinder Thomas, Christian und Tony gegen den jungen Hermann Hagenström durch die Lübecker Gassen zu Anfang des Films. Es ist überflüssig und lenkt zu sehr von der Strenge, die die Kinder im Erwachsenendasein durchmachen sollen, ab. Das Rennen führt in den Film einen falschen Ton ein. Action in Form von schneller Bewegung kommt somit unpassenderweise vor, was sonst im Film nie wieder geschieht. Sofort nach dem Rennen folgt eine Ballsaal-Sequenz, bei der Tony Hagenström, dem späteren wirtschaftlichen Konkurrenten, fast den Kopf verdreht. Hier zeigt sich, dass Breloer und Königstein den Zuschauer mit Prunk überschütten wollten, wohl in Verbeugung vor Luchino Visconti und seinen Filmen "Der Tod in Venedig", "Ludwig II." und "Der Leopard". Doch ein solcher Prunk, wie das Rennen, ist fehl am Platze, wenn es um protestantische Arbeitsmoral gehen soll. Die Autoren des Films wollten damit sicher aufzeigen, dass sich sukzessive die Prinzipienreiterei gegenüber dem Hedonismus im Hause Buddenbrook durchsetzt. Mark Waschke überzeugt dabei als biedere Hauptfigur Thomas Buddenbrook, die für diesen Wandel perfekt steht. Doch der inszenierte Prunk wirkt kontraproduktiv. Es ist damit nicht zu begreifen, wieso ein laisser-faire später nicht mehr erlaubt sein soll, die strenge Berufsausübung im Kontor plötzlich Vorrang hat.

BuddenbrooksDie "Buddenbrooks" zeigen, wie trotz strenger Berufsausübung und hoher ethischer Werte ein Familienunternehmen wirtschaftlich und in seiner Existenz zusammenbricht. Angesichts der Weltfinanzkrise, die im Jahr 2008 ihren Anfang nahm, erhält der Film eine brisante Aktualität. In dem Roman und in der Gegenwart gibt es Krisengewinner: Hermann Hagenström wird am Schluss in die Mengstraße einziehen, ins Buddenbrook-Haus.

16,2 Millionen Euro hat "Buddenbrooks" gekostet. Mehrere ARD-Anstalten und ARTE haben sich an den Kosten beteiligt. Herausgekommen ist ein Film, der mit Pracht nicht geizt und einigermaßen solide inszeniert die Vorlage relativ unverfälscht auf der Leinwand wiedergibt. Trotzdem: Dieser Film atmet nicht den Roman. Er bebildert ihn nur flüchtig.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * (2 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Warner Bros.

 
Filmdaten 
 
Buddenbrooks (2008)   
 
Deutschland 2008
Regie: Heinrich Breloer;
Darsteller: Armin Mueller-Stahl (Konsul Jean Buddenbrook), Jessica Schwarz (Tony Buddenbrook), August Diehl (Christian Buddenbrook), Mark Waschke (Thomas Buddenbrook), Iris Berben (Konsulin Bethsy Buddenbrook), Léa Bosco (Gerda Buddenbrook geb. Arnoldsen), Raban Bieling (Hanno Buddenbrook), Justus von Dohnányi (Bendix Grünlich), Alexander Fehling (Morten Schwarzkopf), Fedja van Huet (Hermann Hagenström), Maja Schöne (Anna), Nina Proll (Aline Puvogel), Martin Feifel (Alois Permaneder), Sunnyi Melles (Senatorin Möllendorpf), Josef Ostendorf (Senator James Möllendorpf), Sylvester Groth (Bankier Kesselmeyer), André M. Hennicke (Gosch), Elert Bode (Konsul Lebrecht Kröger), Krijn Ter Braak (Meneer Arnoldsen), Teresa Harder (Ida Jungmann) u.a.; Drehbuch: Heinrich Breloer, Horst Königstein; Produktion: Bavaria Film, in Koproduktion mit Pirol Film Production, Colonia Media, WDR, NDR, SWR, BR, Degeto, ORF und ARTE; Kamera: Gernot Roll; Musik: Hans Peter Ströer; Länge: 150 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih von Warner Bros.; deutscher Kinostart: 25. Dezember 2008



Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  suche   |  wap  |  e-mail
 über uns  |  impressum  


 
 
 
 
 
Offizielle Seite zum Film
<25.12.2008>


Traueranzeige

verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe