25.07.2015

Honig im Kopf


"Charmantes Familienkino mit viel Gefühl, einer bezaubernden Hauptdarstellerin und vielen berührenden Momenten" (Deutsche Film- und Medienbewertung) oder "Kruder Feelgood-Quark mit Alzheimer-Garnitur" (kino-zeit)? Die Meinungen zu dem Film "Honig im Kopf" gehen auseinander, die positiven Kritiken sind aber deutlich in der Mehrzahl. Regisseur und Schauspieler Til Schweiger – von der deutschen Filmkritik weitgehend ignoriert - bleibt auf Erfolgskurs; sein Alzheimer-Film, im Dezember 2014 veröffentlicht, knackte bereits im Januar 2015 die 4-Millionen-Zuschauer-Marke und war damit fast so gut besucht wie vor Jahren "Der Schuh des Manitu".
Schweiger nimmt sich hier eines schwierigen Themas an. Alzheimer-Demenz verursacht beim Publikum sicher zunächst Angst und scheint sich gar nicht als Sujet eines heiteren Films anzubieten, hier wird sie aber zum Hauptinhalt einer Tragikomödie, die zeigt, dass auch ein Leben mit dieser Krankheit lebenswert sein kann.

Der ehemalige Tierarzt Amandus Rosenbach (Dieter Hallervorden) hat Alzheimer. Sein Sohn Niko (Til Schweiger) nimmt ihn in sein Haus in Hamburg auf. Nikos Frau Sarah (Jeanette Hain) muss das mit ertragen. Es gibt wegen Amandus' geistigem Zustand viele gefährliche und unangenehme Situationen. So will Amandus einen Kuchen backen und verursacht fast einen Küchenbrand, ein Auto wird zu Schrott gefahren, Amandus schneidet eine Hecke bis auf den Boden ab, und als das Ehepaar vor dem Kühlschrank streitet, kommt Amandus seelenruhig dazu und pinkelt in eine darin befindliche Schüssel, die er für das Klobecken hält. Beim großen Sommerfest der Familie löst Amandus eine Katastrophe aus, als er frühzeitig das Feuerwerk zündet. Amandus' verschlimmerter Zustand führt dazu, dass Niko ihn nun in ein Pflegeheim geben will. Die elfjährige Tochter Tilda (Emma Schweiger) ist damit keineswegs einverstanden und "entführt" den Opa nach Venedig, denn ihr Kinderarzt hat ihr gesagt, dass sich Alzheimer-Patienten an Orte erinnern, die sie von früher kennen. In Venedig hatte Amandus seine Flitterwochen verlebt. Unterwegs gibt es einige Probleme: In Bozen verlässt der Opa den Zug, Tilda zieht die Notbremse und versteckt sich mit ihm auf der Bahnhofstoilette. Der Putzmann Erdal hilft ihnen bei der Weiterfahrt nach Venedig in einem Schaftransportwagen. In einem Kloster können sie übernachten, und die Oberin fährt sie weiter in die Lagunenstadt. Zufällig sind die Eltern im selben Luxushotel untergebracht wie Großvater und Enkelin. Am nächsten Tag treffen alle vier an der Hafenmole aufeinander. Die Krankheit ist so weit fortgeschritten, dass Amandus seine Enkelin und "kleine Prinzessin" nicht mehr erkennt. Man fährt zu viert nach Hamburg zurück. Sarah gibt ihren Beruf auf und widmet sich Amandus' Pflege. Sie bekommt neun Monate nach dem Venedigaufenthalt ein Baby, einen Jungen, der Amandus genannt wird. Der Großvater stirbt bald darauf an Herzversagen, nachdem er noch eine glückliche Zeit erlebt hat.

Der Film lebt vor allem von den krankheitsbedingt ungewöhnlichen Situationen und den vielen Momenten, in denen Amandus falsche Antworten gibt, Wörter nicht findet oder verdreht, unfreiwillig komische Dinge sagt und tut (etwa wenn er den Oberin einen Witz über die Vorliebe von Nonnen und Gurken erzählt). Irgendwie ist das alles chaotisch und doch rührend. Allerdings oft sehr unrealistisch: In der Wirklichkeit hätte eine Familie nie so viele große und kleine Katastrophen "ausgehalten", die ja z.T. lebensgefährlich waren. Dieter Hallervorden ist hervorragend: ungeheuer einfühlsam und glaubwürdig spielt er den Großvater, nichts erinnert mehr an den grimassierenden Didi aus den TV-Sketchen. Schweiger und Hain geben das zerstrittene Ehepaar, übertreiben aber ab und zu recht arg. Emma Schweiger spielt alle an die Wand: Sie ist einfach bezaubernd, wenn sie mit kindlichem Charme die "Rettung" des Großvaters in die Hand nimmt.

Was aber will uns der Film sagen? Dass Alzheimer gar nicht so schlimm ist? Das auch. Aber vor allem wohl, dass man so lange wie möglich zusammen wohnen und der kranken Person mit Liebe und Zuwendung begegnen sollte. Die Namensgebung der Hauptfigur ist nicht zufällig: "Amandus" (lat.) heißt auf Deutsch "Der, den man lieben muss".

Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft bescheinigte Schweigers Werk Authentizität und einen realistischen Blick. Allerdings wirkt der überkonstruierte Film mit seiner Hochglanzoptik und seinem einschmeichelnden Soundtrack recht geglättet und geschönt. So einfach ist die Realität nun auch wieder nicht. Von der typischen Aggressivität der Demenzkranken etwa ist an keiner Stelle etwas zu bemerken. So wird leider eine Harmoniesoße über das Ganze gekippt, die dazu geführt hat, dass ein Kritiker – der selbst in seiner Familie mit einem Alzheimer-Patienten zu tun hatte – dringend vom Besuch des Films abrät. Das ist übertrieben. Auch Angehörige von Patienten können sicher diesen Film aus der Kategorie Mainstream-Wohlfühl-Kino mit Gewinn ansehen.  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Honig im Kopf  
 
Deutschland 2014
Regie: Til Schweiger;
Darsteller: Dieter Hallervorden (Amandus Rosenbach), Til Schweiger (Niko Rosenbach), Jeanette Hain (Sarah Rosenbach), Emma Schweiger (Tilda Rosenbach), Mehmet Kurtulus (Dr. Holst), Jan Josef Liefers (Serge), Tilo Prückner (Dr. Ehlers), Katharina Thalbach (Vivian), Fahri Yardim (Erdal), Claudia Michelsen (Oberin) u.a.;
Drehbuch: Hilly Martinek, Til Schweiger; Produzenten: Til Schweiger, Thomas Zickler; Kamera: Martin Schlecht; Musik: Dirk Reichardt, Martin Todsharow, David Jürgens; Schnitt: Constantin von Seld;

Länge: 138,50 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih von Warner Bros. Pictures Germany; deutscher Kinostart: 25. Dezember 2014



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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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