26.12.2012
Querdenkerin ihrer Zeit

Hannah Arendt


Hannah Arendt: Barbara Sukowa Biographien bekannter Persönlichkeiten zu verfilmen kann eine Schlitterpartie werden. Vor allem im fiktionalen Bereich. Ein heikles Unterfangen gleichsam, das unter Umständen die Puristen des Dokumentarischen und Historischen verprellt, während es den unterhaltungsbestrebten Zuseher im schlechtesten Fall nach geraumer Zeit langweilen kann. Zwischen diesen beiden Polen muss der Filmemacher changieren, zwischen dem Anspruch einer möglichst authentischen Figurenzeichnung einerseits, die den Protagonisten weitgehend unvermittelt wie facettenreich präsentiert; und andererseits der Notwendigkeit narrative Bögen zu spannen, Momente und Wendepunkte zu entwerfen, die die Erzählungen in Gang halten. Figurenkonstellationen müssen ausgereizt und gelegentlich überzogen werden, Elemente die die Dramaturgie stützen. Andernfalls befindet man sich im Reich des rein Dokumentarischen, das wiederum andere Zielsetzungen mit anderen Mitteln verfolgt. Einfacher ist es bei Filmhelden, deren Charakterzüge und Biographie an realen Figuren angelehnt sind wie etwa der legendäre Charles Foster Kane (Orson Welles) in "Citizen Kane" (1941), dessen Vorbild im weitesten Sinne der amerikanische Verleger William Randolph Heart gewesen ist.

Die filmische Annäherung an das Leben von Malern, Musikern, Schauspielern, kurzum von Künstlern hat im Genre des Bio-Pic im letzten Jahrzehnt eine regelrechte Blüte erlebt. Man denke an die psychologisch lug austarierte Verfilmung "Klimt" von Raul Ruiz, der 2005 dem österreichischen Jugendstilmalers Gustav Klimt ein filmischen Denkmal setzt. Der exzentrische John Malkovich mimt den nicht minder exzentrischen Wiener Maler. Oder an "Walk the Line" (2005), James Mangolds Johnny-Cash-Bio, in der Joaquin Phoenix und Reese Witherspoon die Country-Music-Granden brillant verkörpern. Und im selbigen Jahr liefert Bennet Miller mit "Capote" ein reizvolles Porträt des selbstgefälligen wie schillernden amerikanischen Schriftstellers. Miller fokussiert seine Handlung aber vor allem auf Capotes Lebensabschnitt, in dem sein furioser Erzählbericht "In Cold Blood" entsteht. Eine Erfahrung und Umstände die das Leben des Autors wesentlich prägen und ändern sollen.

Hannah Arendt: Axel Milberg Ähnlich wie Miller verfährt auch Margarethe von Trotta in ihrem Neuling "Hannah Arendt". Ihr Film spielt primär in den vier Jahren in denen sich Arendt intensiv mit dem Eichmann-Prozess, der 1961 in Israel stattfand beschäftigt. Und ähnlich wie bei "Capote" sollte diese Beschäftigung ihr Leben währenddessen und auch danach nicht unbeeinflusst lassen. Nun muss man konstatieren, dass das Leben von Philosophen oder anderen Persönlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens in aller Regel zumindest nach außen hin weniger aufregend verlaufen wie das von exzessiv lebenden Künstlern. Philosophen können kaum mit offenkundigen Drogen- oder Alkoholexzessen, schmierigen Affären oder dem ein oder anderen Skandal und Skandälchen aufwarten. Mithin ist es nicht machbar die Ideengebäude, die Gedankenkonstrukte, die zuweilen komplexen Theoriebildungen von Philosophen audiovisuell umzusetzen. Deshalb war es eine intelligente Entscheidung der Regisseurin eben jenen Abschnitt von Arendts Leben zu verfilmen, in dem sie als Privatperson und als Jüdin, aber auch ihre philosophischen Betrachtungen auf eine besonders harte Probe gestellt worden sind.

Hannah Arendt: Barbara Sukowa als Arendt beim Eichmann-Prozess Von Trotta zeichnet das vielschichtige Porträt einer durchsetzungsstarken Frau, die als Denkerin und Professorin zweifelsohne mir ihren kühnen Thesen provozierte, vielleicht auch (un)gewollt polarisierte. Die aber im persönlichen Umgang in gleicher Weise keck und neckisch sein konnte, und ihren Freunden gleichwohl ihre aufrichtige Zuneigung auch und gerade trotz allem kühlen Intellektualismus uneingeschränkt zeigen konnte. Barbara Sukowa, deren Karriere vor allem unter dem bärbeißigen wie exzellenten Rainer Werner Fassbinder ihren Anfang nahm, ist sicherlich prädestiniert für das intensive Spiel. Die enigmatische Schauspielerin spielt die vielen Seelen, die in Arendts Brust wohnen fabelhaft aus. Bisweilen könnte man geneigt sein in Sukowas Performance ein Overacting zu entdecken, etwa wenn sie überdeutlich ein stark vom Deutschen eingefärbtes Englisch und das noch besonders – manchmal auch falsch – prononciert. Oder der permanente Griff zur Zigarette, was manchmal wie eine Attitude anmutet. Sieht oder hört man jedoch Archivaufnahmen von Arendt, und verlässt man sich auf die Aussagen von ehemaligen Freunden und Wegbegleitern, dann scheint Sukowa hier ziemlich ins Schwarze zu treffen.

Überhaupt ist das Schauspielerensemble, das von Trotta versammelt nicht von schlechten Eltern: Axel Milberg, Ulrich Noethen, Julia Jentsch und Michael Degen. Eine besondere wie nachhaltige Note erhält die Darstellung von Degen insofern, als der Schauspieler Degen, selbst jüdischer Herkunft, seinen Vater im KZ Sachsenhausen verloren hat, und sich immer wieder auch öffentlich mit den Verbrechen durch den Nationalsozialismus auseinandersetzt.

Hannah Arendt: Barbara Sukowa, Ulrich Noethen Formal ist der Film stringent aufgebaut, ohne filmästhetische Extras. Die lineare Erzählung wird lediglich unterbrochen durch Rückblenden, die in die Studienzeit Arendts und ihre unheilvolle wie schmerzende Liebe zu ihrem Vorbild Martin Heidegger hineinreicht. Eine Liebe, Freundschaft, eine Zuneigung die dann folgerichtig leicht lädiert sein muss, als Heidegger salopp formuliert zum philosophischen Sprachrohr der Nazis wurde. Von Trotta verwendet Archivaufnahmen, die Eichmann beim Prozess in Israel zeigen, welche elegant in den Film inkorporiert werden. Nach eigenen Bekundungen in verschiedenen Interviews hätte ein Schauspieler zum einen das Agieren und die Banalität Eichmanns schwer vermitteln können. Darüber ließe sich trefflich streiten, da man folgerichtig bei einigen Figuren aus der Geschichte von vornherein kapitulieren müsste, und diese dann niemals weder im Film, noch im Theater verkörpern dürfte. Zum anderen, und dies vielleicht ein gewichtigeres Argument, wäre die Aufmerksamkeit mehr auf das Spiel des Schauspielers und wie dieser die schwierige Rolle umsetze gerichtet, als auf die Person selbst.

Gewiss fragt man sich warum eine Frau vom Schlage Arendts mit solch überzeugender Scharf- und Weitsicht ausgestattet, dem Blendwerk Eichmanns ein Stück weit aufgesessen ist. Sicherlich, es war eine Spezialität der Nazi-Größen durch eine fulminante Maskerade, auch nach dem finalen Zusammenbruch, Menschen hinters Licht zu führen. Speer ist hierfür ein Beispiel. Man bedenke jedoch die damals wenig profunde und zugleich überschaubare Quellenlage, und die Sassen-Papiere waren zu jener Zeit in ihrer Form kaum verwertbar.

In einer Kritik ist zu lesen der Film sei ein "Redefilm", bleibe aber als "Historienfilm" dem Kenntnisstand der damaligen Zeit verhaftet. Diese Zuschreibungen sind gleichermaßen absurd und grotesk. Nun ist jeder Film nach dem Stummfilm ein Film in dem geredet wird, nur dass bei Woody Allen, Truffaut oder Robert Altman sicherlich mehr gesprochen wird als bei Theo Angelopoulos oder bei Tarkowski. Und "Ben Hur" ist ein Historienfilm, aber "Hannah Arendt" wohl kaum.

Historische Details, offene Fragen, die Analyse und Auswertung des vorhandenen Materials und die Bewertung der historischen wie philosophischen Thesenbildungen müssen in den Hörsälen und Forschungsseminare der Universitäten erörtert werden. Der Film ist weit davon entfernt dies leisten zu können und leisten zu wollen.

Der Film "Hannah Arendt" ist ein wichtiger und gleichwohl gelungener Ausschnitt aus dem Leben einer kämpferischen (Vor)Denkerin, die in und zu ihrer Zeit wagemutig kontroverse Themen (die Rolle der Judenräte im Nazi-Deutschland, die Frage nach der Neutralität des Gerichts im Eichmann-Verfahren, den moralischen Verfall von Tätern und Opfern etc.) thematisierte. Auch gegen erhebliche Widerstände. Der Film zeigt aber mindestens mit dem gleichen Schwung, dass hinter einer starken Frau, deren schneidender Duktus sicherlich gewöhnungsbedürftig sein konnte, auch eine Verletzlichkeit verborgen war, eine emotionale wie humorige Frau, die schlussendlich immer auf die Kraft des Rationalen setzte.  

Sven Weidner     
 

Quelle der Fotos: Heimatfilm / NFP

 
Filmdaten 
 
Hannah Arendt  
 
Deutschland 2012
Regie: Margarethe von Trotta;
Darsteller: Barbara Sukowa (Hannah Arendt), Axel Milberg (Heinrich Blücher), Janet McTeer (Mary McCarthy), Julia Jentsch (Lotte Köhler), Ulrich Noethen (Hans Jonas), Michael Degen (Kurt Blumenfeld), Nicholas Woodeson (William Shawn), Victoria Trauttmansdorff (Charlotte Beradt), Klaus Pohl (Martin Heidegger), Friederike Becht (junge Hannah Arendt), Harvey Friedman (Thomas Miller), Claire Johnston (Ms Serkin), Gilbert Johnston (Professor Kahn), Tom Leick (Jonathan Schell), Ralph Morgenstern (Moderator) u.a.;
Drehbuch: Pam Katz, Margarethe von Trotta; Produzeten: Bettina Brokemper, Johannes Rexin; Produktion: Heimatfilm GmbH + Co KG; Kamera: Caroline Champetier; Musik: André Mergenthaler; Schnitt: Bettina Böhler;

Länge: 113,28 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih der NFP marketing & distribution GmbH; deutscher Kinostart: 10. Januar 2013



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<26.12.2012>


Zitat

"Ich bin ein Filmemacher, kein Dokumentarfilmer. Ich versuche, die Wahrheit zu schlagen."

("I'm a moviemaker, not a documentarian. I try to hit the truth.")

Regisseur Ridley Scott, der am 30. November 2017 seinen 80. Geburtstag feierte

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