28.09.2017

Gauguin


Gauguin: Vincent Cassel als Paul Gauguin Es ist schon ein Trend geworden: In den letzten Jahren wurden immer wieder die Lebensläufe von Künstlerinnen und Künstlern verfilmt (als so genannte "biopics", also Biographien in Bildern), und ein Ende ist nicht abzusehen. Wir erlebten Anthony Hopkins als Pablo Picasso (1996), Isabel Adjani als Camille Claudel (2001), genauso Juliette Binoche (in "Camille Claudel 1915", 2013), Selma Hayek als Frida Kahlo ("Frida", 2003), Colin Firth als Jan Vermeer ("Das Mädchen mit dem Perlenohrring", 2003), John Malkovich als Gustav Klimt (2006), Helmut Griem als Caspar David Friedrich (2006), Michel Bouquet als Renoir (2012), Timothy Spall als William Turner (2015), Guillaume Galienne als Cézanne (2016), Carla Juri als Paula Modersohn-Becker ("Paula - Mein Leben soll ein Fest sein", 2017) und Noah Saavreda als Egon Schiele (2016). Das Leben Goyas wurde schon zweimal verfilmt: Francisco Rabal spielte 1999 die Hauptrolle (Regie: Carlos Saura), Stellan Skarsgård dann 2006 ("Goyas Geister", Regie Milos Forman, der auch "Amadeus" drehte, der Film gehört mit in die Reihe!). Donald Sutherland war Paul Gauguin im dänischen Streifen von Henning Carlsen (1986); sein Sohn Kiefer Sutherland machte es ihm nach und verkörperte den berühmten Expressionisten 2003.

Jetzt erscheint Paul Gauguin zum dritten Mal auf der Leinwand. Es spielt ihn der kantige Vincent Cassel ("Ocean's 12", "Black Swan", "Jason Bourne"), Regie führt Edouard Deluc. Und das Ergebnis ist wahrhaft sehenswert. Gauguin lebte von 1848 bis 1903, der Film öffnet ein Zeitfenster, setzt im Jahre 1891 an und endet einige Jahre vor seinem Tod. Diese Zeit wird im Abspann kurz zusammengefasst.

Gauguin: Filmplakat In Paris ist dem wenig erfolgreichen Künstler alles zu eng und spießig. Er zieht sich in ein Exil zurück, Französisch-Polynesien, und lässt dafür sogar seine Frau Mette und seine sechs Kinder zurück, die ihm nicht folgen wollen. Gauguin nennt sich selbst einen "Wilden", wandert durch den Dschungel, erlebt Einsamkeit, Hunger und Krankheit: Ein Herzinfarkt und die Diagnose Diabetes halten ihn aber trotz der mahnenden Worte des Arztes nicht in der Krankenstation fest. Während seinen Erkundungstouren über die Insel trifft er auf die junge Eingeborene Tehura, die ihm – o Wunder! – von den Eltern innerhalb von fünf Minuten als Frau "geschenkt" wird und die sofort zusagt. (Der Film verschweigt, dass dieses Mädchen in der Wirklichkeit erst dreizehn Jahre alt war.) Sie wird seine Muse und Modell seiner bekanntesten Gemälde. Er lebt als freier Mann fernab der Politik und Regeln eines zivilisierten Europas. Das ist sein Traum: "In Verzückung und Ruhe nur meiner Kunst zu leben. Dort in Tahiti, im Schweigen der schönen tropischen Nächte könnte ich lauschen auf die leise holde Musik meines Herzens, in Liebe und Harmonie eins mit den geheimnisvollen Menschen, die mich umgeben. Endlich frei! Ohne Sorge um das Geld kann ich dann lieben, singen und sterben." Dort möchte er die Schönheit und das Rohe der Natur künstlerisch erfassen und verarbeiten. Gauguin ist vor sich selbst geflohen, um sich in der Südsee wiederzufinden.

Aber ist Tahiti wirklich das Paradies? Der Maler wird von den Menschen der Insel abgelehnt, er lebt am Rande des Existenzminimums, er hungert, um sich Farben und Material kaufen zu können, zur Not malt er auf Sackleinen. Seine junge Frau – das wird schnell klar – ist nicht glücklich, sie fungiert ja nur als Sexpartnerin und Modell, dem jede Pose vorgeschrieben wird, und sie hat Hunger, und sie bekommt nicht einmal das weiße Kleid, das sie sich wünscht, um in die Kirche gehen zu können. Gauguin lehnt die Religion völlig ab. Die Insel ist nicht mehr das unberührte Traumland, die Weißen haben es erobert, Christianisierung, Handel und französische Kolonialherrschaft (seit 1880) haben das exotische Paradies, falls es je so existiert hat, vernichtet. Eifersüchtig schließt Gauguin seine Frau ein, wenn er am Hafen als Lastenträger arbeitet. Und es kommt, wie es kommen muss: Tehura betrügt ihn mit einem gleichaltrigen, schönen jungen Mann aus ihrem Dorf.

Gauguin Der besessene Maler bricht mit den Konventionen, schafft in der Wildnis von Tahiti wunderbare Werke, ist aber letztlich ein getriebener, ein kranker, ein unglücklicher Mensch. Er verlässt Tahiti und kehrt nach Frankreich zurück. Der Abspann berichtet kurz von seiner zweiten Polynesienreise und von seinem Tod im Jahre 1903. Tehura hat er nie wiedergesehen. Nicht erwähnt wird im Film, dass er 1895, zurück in Papeete, erneut ein sehr junges Mädchen bei sich aufnahm, das ein Kind bekam, welches früh starb. Auch nicht, dass er Syphilis hatte, einen Selbstmordversuch unternahm, dass er sich für die Rechte der einheimischen Bevölkerung einsetzte und immer wieder mit der Obrigkeit in Konflikt kam. Und da wir gerade bei den Lücken im Lebenslauf sind: Zum Verständnis der Persönlichkeit Gauguins hätte sicher auch ein Blick auf seine frühere Existenz als Börsenmakler und als Maler in der Bretagne beigetragen.

Mit außerordentlicher Intensität und mit großartigem schauspielerischen Können versetzt sich Vincent Cassel in diesen schwierigen Charakter. Dieser Franzose ist wahrlich nicht schön zu nennen, aber sein grobes Gesicht strahlt eine ungeheure Gefühlsvielfalt aus. So entsteht das glaubwürdige Bild eines gebrochenen Genies. Die Bildgestaltung (Kamera: Pierre Cottereau) ist faszinierend: Gezeigt wird eine wundervoll exotische Landschaft, das Meer rauscht leise und flimmert in der Abendsonne, aber das Paradies ist bedroht, die Palmen werden als düstere Schatten dargestellt, viele Insulaner leben im Elend der Wellblechhütten.

Der Film ist ein ästhetisches Erlebnis. Es bleibt zu hoffen, dass er auch den Zuschauern etwas sagt, die sich kunstgeschichtlich nicht besonders gut auskennen. Gauguins ungeheuer farbenfrohe Bilder kommen im Laufe der Handlung kaum vor, man sieht sie erst im Nachspann.  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

Quelle der Fotos: xxFilm

 
Filmdaten 
 
Gauguin (Gauguin - Voyage de Tahiti) 
 
Frankreich 2017
Regie: Edouard Deluc;
Darsteller: Vincent Cassel (Paul Gauguin), Tuheï Adams (Tehura), Malik Zidi (Henri Vallin), Pua-Taï Hikutini (Jotépha), Pernille Bergendorff (Mette Gauguin), Marc Barbé (Mallarmé), Paul Jeanson (Emile Bernard), Cédric Eeckout (Meuer de Haan) u.a.;
Drehbuch: Edouard Deluc, Etienne Comar, Thomas Lilti, Sarah Kaminsky; Produzent: Bruno Levy; Kamera: Pierre Cottereau; Musik: Warren Ellis, Martin Caraux; Schnitt: Guerric Catala;

Länge: 102 Minuten; FSK: noch nicht bekannt; ein Film im Verleih der Studiocanal GmbH; deutscher Kinostart: 2. November 2017



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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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