18.02.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Wettbewerb

Die Kommune


Manchmal ist das so im Leben: Die Voraussetzungen sind toll, aber am Ende wird doch nichts draus. Diese Erfahrung erwartet die neun Mitglieder einer Kopenhagener 70er-Jahre-Kommune ebenso wie das Publikum von Thomas Vinterbergs Tragikomödie.

Die KommuneDas Drehbuch schrieb Vinterberg mit Tobias Lindholm, Co-Autor von "Submarino" (2010 im Berlinale-Wettbewerb) und "Die Jagd". Die Hauptdarsteller Trine Dyrholm und Ulrich Thomsen arbeiteten bereits in "Das Fest" mit Vinterberg zusammen. Der bewies sein Gespür für historische Settings zuletzt bei einem Hollywood-Ausflug mit "Am grünen Rand der Welt". Doch die Kumpanei und Eifersüchteleien unter den WG-Mitgliedern jenseits der besten Jahre wirken pennälerhaft und die doppelte Late-Life-Crisis des Hauptfigurenpaars strapaziert altbackene Klischees sowohl auf Seiten der weiblichen wie auch männlichen Figuren über. Ist es Vinterbergs persönlicher Bezug, der seinen Blick für die Grenze zum Trivialen trübt? "Vielleicht ist meine Erinnerung selektiv oder romantisch, aber sie fühlt sich golden und warm an", sagte der Regisseur über seine eigenen Kommunen-Jahre. Das Leinwand-Geschehen fühlt sich lediglich nach nostalgischer Spielerei an. Der Plot klingt nicht zufällig nach Seifenoper. Nachrichtensprecherin Anna (Trine Dyrholm) ist mit Architekt Erik (Ulrich Thomsen) verheiratet und der hat gerade eine geräumige Villa in einem schicken Kopenhagener Viertel geerbt. Ihr Mann will verkaufen, aber als Anna mit der 14-jährigen Tochter Freja (Matha Sofie Wallstrom) das Haus erkundet, kommt ihr eine unkonventionelle Idee, um die Instandhaltungskosten der Villa zu tragen. So beginnt der Traum vom fröhlich-freien Kommunen-Leben.

Die Kommune Trotz Erics Skepsis macht sich das Paar ans Mitbewohner-Casting. Wer die Freundschaftskarte spielen kann wie Erics Kumpel Ole (Lars Ranthe) sitzt automatisch mit im Boot. Ein solides Gehalt ist ebenfalls keine üble Voraussetzung, deshalb kommen Oles Bekannte Ditte (Anne Gry Henningsen) und Steffen (Magnus Milligang) mit dem herzkranken kleinen Sohn Vilads (Sebastian Gronnegaard Milbrat) dazu. Die quirlige Mona (Julie Agnete Vang) überzeugt durch ihr Temperament, denn eine echte Kommune muss aus dem Spießiger-Rahmen fallen. Wer allerdings wie der ziellose Allon (Fares Fares) das L für Loser auf der Stirn trägt, hat es mit der Aufnahme schwerer. Aber auf die Tränendrüse drücken zieht bei Männern ausgezeichnet und als Kommune ist man ja mitmenschlich. Der Anfang klappt für alle Neune wunderbar. Anna lebt sich in das Gegenmodell zur altmodischen Kernfamilie besonders gut ein. Kollektiv essen, feiern, entscheiden – Kommunarde sein ist fein! Zusammen ist man weniger allein findet auch Eric und bandelt mit der jungen Studentin Emma (Helene Reingaard Neumann) an. Die vermeintlich selbstbestimmte Anna kann ohne ihren Mann gar nichts, nicht mal ihre Arbeit machen. Ihre Tochter sucht sich unterdessen selbst einen schmierigen älteren Lover, denn das Verfallsdatum bei Vinterbergs Frauen läuft früh ab.

Das knorke Kommunen-Leben hat auf Dauer seinen Preis und zwar nicht nur die Summe, die ständig in der Bierkasse fehlt. Die Kino-Kommune ist ganz drollig anzusehen, aber um knapp zwei Stunden zu füllen reicht das lange nicht. Das Unterhaltsamste an der Dramödie ist noch der Gedanke, dass sie in den USA garantiert erst frei ab 18 rauskommt. Weil eine Gruppe Über-40-Jähriger nackt badet.  

Lida Bach / Wertung: * (1 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Berlinale

 
Filmdaten 
 
Die Kommune (Kollektivet) 
 
Dänemark/Schweden/Niederlande 2015
Regie: Thomas Vinterberg;
Darsteller: Trine Dyrholm (Anna), Ulrich Thomsen (Erik), Helene Reingaard Neumann (Emma), Martha Sofie Wallstrom Hansen (Freja), Lars Ranthe (Ole), Fares Fares (Allon), Magnus Millang (Steffen), Anne Gry Henningsen (Ditte), Julie Agnete Vang (Mona) u.a.;
Drehbuch: Thomas Vinterberg, Tobias Lindholm; Produzenten: Sisse Graum Jørgensen, Morten Kaufmann; Produktion: Zentropa Productions Hvidovre, Dänemark; Kamera: Jesper Tøffner; Musik: Fons Merkies; Schnitt: Anne Østerud, Janus Billeskov Jansen;

Länge: 112,24 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 21. April 2016



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Der Film im Katalog der Berlinale
<18.02.2016>


Zitat

"Kein guter Film ist zu lang und kein schlechter Film ist kurz genug."

US-Filmkritiker Roger Ebert (+ 2013)

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