11.03.2013
Blinde Wut und Böses Bürgertum

Die Jagd (2012)


Die Jagd (2012): Mads Mikkelsen Fritz Lang hat in seinem grandios-brillanten Film Noir "Fury" (dt. "Blinde Wut") aus dem Jahr 1936 jenes Thema angeschnitten, das allenthalben immer wieder die Maßstäbe und inneren Ordnungen von Gesellschaften in Frage stellt. Nämlich die Frage nach Schuld und Sühne, nach vermeintlicher Schuld, und nach dem konkreten Umgang mit den Beschuldigten, die das Gesetz gebrochen haben sollen. In 89 dramaturgisch verdichteten Minuten wird Joe Wilson – gespielt vom damals noch jungen Spencer Tracy – vom entfesselten Mob buchstäblich gejagt für die Entführung eines Mädchens mit der er schlechterdings nichts zu tun hat. "Hängt ihn höher" ist das Motto, das die Meute befeuert, die sich am Ende durch ihren irrationalen Hass selbst ans Messer liefert.

Interessanterweise haben sich die Mechanismen der Abwehr, der Vorverurteilung, der rasenden wie blindwütigen Emotion – jenes Gemisch aus irrationalen Elementen – welche die Handlungen der Individuen steuern keineswegs geändert. Ganz gleich in welchen Gesellschaftsschichten man sich bewegt; und trotz Aufklärung, trotz progressiver Gegenkulturen, trotz vielfacher neuer psychologischer Erkenntnisse: Das Moment der Rache und Sühne, der schnellgefundenen Ausmachung des Schuldigen, und der ethischen Aburteilungen, überwiegen noch immer, wenn es um die alles entscheidende Frage der Schuld geht. Eine Frage übrigens, die nicht selten unbeantwortet bleiben muss, zumindest außerhalb der Welt des bewegten Bildes.

Die Jagd (2012): Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsson u.a. Thomas Vinterberg ist spätestens seit "Das Fest" ("Festen", 1998) bekannt für das Ab- und noch vielmehr Hintergründige. Obwohl er seine Meriten auf den verschiedenen Filmfestivals schon zu Genüge und zu Recht erhalten hat, ruht er sich mitnichten auf diesen aus. Sein neuer Film "Jagten", zu Deutsch "Die Jagd", demaskiert jene Liberalität und Weltoffenheit mit der sich jedermann und jederfrau gerne brüstet, solange es nicht ans Eingemachte geht. Und solange die ostentative Weltoffenheit nicht tatsächlich eingefordert wird. Mads Mikkelsen, der breitbandig auf der Klaviatur der verschiedenen Rollen zu spielen vermag – vom Komischen in "Adams Äpfel" übers Schurkische bei James Bond in "Casino Royale" bis zum kammerspielartig dramatischen in "Open Hearts" oder "Nach der Hochzeit"; eben jener Mikkelsen, der unaufdringlich wie kraftvoll in all seinen Rollen aus den schauspielerischen, gestischen wie mimischen Vollen schöpft, verkörpert Lucas, den Kindergärtner, der eigentlich Lehrer ist, und die Tochter seines besten Freundes sexuell belästigt haben soll. Wohlbemerkt, soll, denn, und das weiß man von Anfang: Lucas ist unschuldig, die Aussage des Mädchens ist eine trotzig-eingeschnappte Reaktion auf eine Zurückweisung seitens Lucas. In einer teuflischen Eigendynamik, gespeist aus dem unbedachten Verhalten der Kindergartenleiterin, falschen Annahmen wie falschen Schlussfolgerungen, wird die Hatz auf ihn eröffnet. In vielen unruhigen Bildern – vielfach aufgenommen mit der steadicam – die entsättigt der Geschichte ihren Realitätscharakter verleihen wird der Spießrutenlauf von Lucas entrollt. Die unverkennbare Neigung vieler skandinavischer Filmemacher, möglichst unvermittelt ihren Charakteren nahe zu kommen, wird auch von Vinterberg praktiziert, indem er mit vielen Nah- und Halbnahaufnahmen operiert.

Panoramaaufnahmen und Totalen von einem herbstlichen Dänemark sind kurz zwischengeschaltete Verschnaufpausen, bis die Tragödie um den Protagonisten ihren weiteren unheilvollen Verlauf nimmt. Vinterberg schafft es zusammen mit seinem Ko- Drehbuchautoren Tobias Lindholm, Figuren eine Präsenz zu schaffen, obwohl sie niemals in persona auf der Leinwand erscheinen. Lucas' Frau Kirsten ist immer wieder am Telefon zu hören, und Thema in Lucas' Leben, auch vermittelt in Gesprächen über sie. Und obgleich sie niemals auftritt ist so doch ein zentraler Charakter in der Geschichte.

Die Jagd (2012): Susse Wold, Annika Wedderkopp "Jagten" ist ein kühler, aber nicht minder wirkungsmächtiger Appell an unsere Ratio. Uns wird plastisch vorgeführt, mit welcher Brutalität, Rücksichts- und Schonungslosigkeit, der Mensch und Freund zum Feind und Tyrann werden kann, wenn falsche Umstände es erfordern. Eine durch Unsicherheit und Unwissenheit wie Borniertheit besiegte Gesellschaft sucht sich lieber schnell und umstandslos einen Sündenbock, anstatt Fragen in den eigenen Reihen zu stellen. Aus dem Kokon der Freundschaft, der gegenseitigen Achtung, der Herzlichkeit die bis zur Aufdeckung der vermeintlichen Tat das Leben der Gemeinschaft bestimmen, schlüpfen unbändiger Hass, Misstrauen, Ohnmacht, die sich in nutzlosen Aktionismus und Gewalt entladen.

Der Film postuliert, jene das Thema der sexuellen Kindsbelästigung und die damit in Gang gesetzten Prozesse vor- und umsichtig zu reflektieren. In Vinterbergs Film wird der Humanismus zugunsten eines missverstandenen Gerechtigkeitsgefühls und einer verklausulierten Selbstjustiz geopfert, ja willfährig aufgegeben mit dem fatalen wie unwiderruflichen Ergebnis ein Individuum in Gänze zu zerstören.  

Sven Weidner / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Wild Bunch Germany

 
Filmdaten 
 
Die Jagd (2012) (Jagten) 
 
Dänemark / Schweden 2012
Regie: Thomas Vinterberg;
Darsteller: Mads Mikkelsen (Lucas), Thomas Bo Larsson (Theo), Susse Wold (Grethe), Alexandra Rapaport (Nadja), Anne Louise Hassing (Agnes) u.a.;
Drehbuch: Thomas Vinterberg, Tobias Lindholm; Produktion: Sisse Graum Jørgensen, Morten Kaufmann, Thomas Vinterberg; Kamera: Charlotte Bruus Christensen; Musik: Nikolaj Egelund; Schnitt: Janus Billeskov Jansen, Anne Østerud;

Länge: 120,16 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Wild Bunch Germany GmbH; deutscher Kinostart: 28. März 2013



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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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