27.11.2009 (publiziert)
24.8.2006 (geschrieben)

Die Blume des Bösen


In seinem 53. Film beschäftigt sich Regie-Altmeister Claude Chabrol einmal mehr mit seinem Lieblingsthema - der schonungslosen Demaskierung bürgerlicher Heuchelei.

Eine französische Kleinstadt, irgendwo in der Nähe von Bordeaux – das ist die Heimat der Familie Charpin-Vasseur, die nun schon seit fünfzig Jahren die Geschicke der Region maßgeblich beeinflusst. Das auf den ersten Blick so harmonische Miteinander der einzelnen Familienmitglieder entpuppt sich rasch als trügerisch und schnell wird klar, dass unterhalb der so sorgsam polierten Hochglanzfassade einiges im Argen liegt.

Die Geschichte nimmt ihren Beginn mit der Ankunft von François (Benoît Magimel), der nach dreijährigem Amerika-Aufenthalt auf den Familienstammsitz zurückkehrt. Dort lebt sein Vater Gérard (Bernard Le Coq) gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau Anne (Nathalie Baye) und deren Tochter Michèle (Mélanie Doutey). Komplettiert wird die Sippe von Annes alter Tante Line (Suzanne Flon), einer rüstigen und aufgeschlossenen Seniorin, die über die Jahrzehnte hinweg auf seltsame Art und Weise mit dem Haus und seiner Geschichte verwachsen zu sein scheint. Ihre Vergangenheit wird überschattet von zahlreichen familiären Tragödien und vor Jahren stand sie gar im Verdacht, ihren eigenen Vater, einen hochrangigen Nazi-Kollaborateur, ermordet zu haben. Doch auch in der Gegenwart drohen der weißen Familienweste dunkle Flecken: Nach und nach verdichten sich die Anzeichen, dass zwischen François und Michèle mehr als nur geschwisterliche Zuneigung besteht – und dass diese fatalen Gefühle einst der wahre Grund für François’ überstürzte Flucht ins Ausland waren. Und auch um die Ehe von Gérard und Anne steht es nicht zum Besten: Während er sich in den Büroräumen seiner Apotheke regelmäßig mit fremden Frauen vergnügt, ist sie schier besessen von ihrer Kandidatur für das lokale Bürgermeisteramt. Die politischen Ambitionen der Familie werden allerdings keineswegs einhellig begrüßt: Eines Tages flattert ein bösartiges Flugblatt ins Haus, das die Charpin-Vasseurs mit ihrer eigenen unseligen Vergangenheit konfrontiert. Am Tag der Bürgermeisterwahl nimmt das Verhängnis seinen Lauf...

Die ewige Wiederkehr des immer Gleichen – das ist das eigentliche Thema von Chabrols „Die Blume des Bösen“. Drei Generationen wohnen auf dem Landsitz der Charpin-Vasseurs unter einem Dach, doch über alle Altersgrenzen hinweg setzen sich die dekadent-verhängnisvollen Laster des machthungrigen Clans unaufhörlich fort. Seit den moralischen Verfehlungen des Familien-Ahnen im Zweiten Weltkrieg hat die Familie nicht wieder herausgefunden aus dem scheinbar undurchdringlichen Netz kollektiver Schuld und individueller Schwäche. Das Leben der ihrer einzelnen Mitglieder ist denn auch sinnfälligerweise eingebettet in die steingewordene Vergangenheit des Stammsitzes. „Zeit existiert nicht, das wirst Du noch sehen“, erklärt Tante Line ihrer hübschen Enkelin Michèle; „sie ist eine immerwährende Gegenwart“.

Das Drehbuch zu „Die Blume des Bösen“ verfasste Regisseur Chabrol gemeinsam mit der Psychologin Caroline Eliacheff, mit der er zuvor bereits bei den Filmen „Biester“ (1995) und „Süßes Gift“ (2000) zusammengearbeitet hatte. Die dem Skript zugrundeliegende Idee erläutert Eliacheff folgendermaßen: „Wenn die Bourgeoisie sich ändern würde, so sollte man das über drei Generationen hinweg auch erkennen. Unsere Personen jedoch erscheinen nur nach Äußerlichkeiten verändert: Sie sind ‚Wiederholungen’, sie haben verschiedene Lebensalter, aber sie bleiben sich über Generationen hinweg immer gleich...“

Die größte Stärke von Chabrols psychologisch ausgefeiltem Familiendrama ist zweifellos die schauspielerische Präsenz seines hervorragenden französischen Darstellerensembles. Insbesondere die unerschütterliche Gleichmütigkeit der im Jahr 2005 verstorbenen Suzanne Flon und der mädchenhafte Charme von Nachwuchsmimin Mélanie Doutey wissen den Zuschauer zu begeistern. Schwächen zeigt der Film besonders in seinem Erzählduktus, der sich durch die ständigen Rückgriffe auf hanebüchene Versatzsteine des Soap-Opera-Genres ähnlich gestelzt und bigott präsentiert wie die scheinheiligen Charaktere.

Wie so viele seiner jüngeren Filme war auch „Die Blume des Bösen“ ein Familienprojekt für Regisseur Chabrol: Während Ehefrau Aurore bei der Niederschrift des Skripts assistierte, komponierte Sohn Mathieu die Filmmusik. Sprössling Thomas ist zudem in der Rolle von Annes umtriebigem Politikberater zu sehen. Der Filmtitel lehnt sich nur allzu offensichtlich an Charles Baudelaires berühmten Gedichtzyklus „Die Blumen des Bösen“ aus dem Jahre 1857 an. Das Werk gilt als Gründungsmanifest der europäischen Décadence-Literatur des „fien de siècle“. Fast hundertfünfzig Jahre später zeigt Chabrols Film, wie wenig sich seitdem hinter den Fassaden der Bourgeoisie geändert hat.  

Christian Heger / Wertung: * * (2 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Die Blume des Bösen (La fleur du mal)  
 
Frankreich 2003
Regie: Claude Chabrol;
Darsteller: Nathalie Baye ("Der Mann, der die Frauen liebte", "Ferien für eine Woche", "Eine pornografische Beziehung", zuletzt: "Catch me if you can"; Anne), Benoît Magimel ("Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss", "Hass", "Die Klavierspielerin"; François), Suzanne Flon (Tante Line), Bernard Le Coq (Gérard), Mélanie Doutey (Michèle), Thomas Chabrol (Matthieu), Henri Attal (Schwiegervater von Fanny), Kevin Ahyi (der erste Junge), Jérôme Bertin (der Freiwillige), Françoise Bertin (Thérèse), Caroline Baehr (Fanny), Didier Bénureau (Brissot), Yvon Crenn (Yves Pouët), Jean-Marc Druet (der Laborant), Michel Herbault (der Bürgermeister), Edmond Kastelnik (der erste Wahlhelfer), Marius de Laage (der zweite Junge), Isabelle Mamere (der Reporter), Juliette Meyniac (Hélène), François Maistre (Jules), Jean-Pierre Marin (der zweite Wahlhelfer), Michèle Dascain (Marthe), Dominique Pivain (Dominique), Léa Pellepaut (die Apothekerin), Valérie Rojan (die Sekretärin von Gérard) u.a.; Drehbuch: Caroline Eliacheff, Louise L. Lambrichs, Claude Chabrol; Produktion: Nathalie Kreuther; Ausführende Produktion: Yvon Crenn; Kamera: Eduardo Serra; Musik: Matthieu Chabrol; Schnitt: Monique Fardoulis; Länge: 104 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 24. Juli 2003



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weitere Kritik zum Film
Wertung: * * * * (4/5)


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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