13.03.2019

Der Vorname (2018)


Alles ist gut vorbereitet. Es soll ein schönes Abendessen werden, in gutbürgerlicher, intellektuell anspruchsvoller Atmosphäre. Grundschullehrerin Elisabeth – die zugleich die ganze Geschichte aus dem Off erzählt – und ihr Mann, der Literaturprofessor Stephan, erwarten entspannt ihre Gäste. Als erster kommt René, ein langjähriger Freund, von Beruf Klarinettist, kurz darauf erscheint Elisabeths Bruder Thomas und mit einstündiger Verspätung dessen schwangere Ehefrau Anna. Natürlich stellt man sofort die Frage: Wie soll das Kind denn heißen? Nun, Thomas lässt raten! "Fängt mit A an!" Alexander? Andreas? Asterix? Alles falsch. Der geplante Vorname wird genannt und entpuppt sich als politisch völlig unkorrekt: Adolf! Was zu einer immer heftigeren Auseinandersetzung führt. Wie kann man ein Kind nach einem der größten Verbrecher nennen? Aber andererseits: Kann der Name etwas dafür, dass ein Bösewicht ihn trug? Was ist mit Adolf Grimme, Adolf (=Adi) Dassler? Darf man sein Kind auch nicht Josef nennen (siehe Stalin)? Eine erbitterte, aber für den Zuschauer ungemein unterhaltsame Streiterei. (Übrigens: Die Kinder der Gastgeber heißen Antigone und Caius! Ist das nicht auch Anlass zu Spott?)

Da entdeckt René, dass das Exemplar von "Mein Kampf" im Regal ein wenig herausgezogen ist, und er sagt Thomas unter vier Augen auf den Kopf zu, dass der sich das Ganze wohl spontan als Scherz ausgedacht hat. In der Tat! Aber es wird weiter "geschauspielert", aneinander vorbeigeredet, und aus der Namensdebatte wird eine immer schärfere Konfrontation der Beteiligten, in der alte Wunden aufgerissen werden, Jugendsünden und andere unangenehme Dinge aufs Tapet kommen. Die heile Welt bricht weitgehend zusammen...

Regisseur Sönke Wortmann, der 1991 schlagartig mit "Allein unter Frauen" berühmt wurde und dem wir so herrliche Komödien wie "Kleine Haie", "Der bewegte Mann", "Der Campus" und "Frau Müller muss weg!" verdanken, ist hier wieder auf dem Höhepunkt seiner Kunst. Aus "Frau Müller" kennen wir schon so eine ähnliche Situation: Geschlossener Raum, Dialoge auf Messers Schneide, böse Wahrheiten brechen sich Bahn. Das ist alles tragikomisch. Diesmal hat Wortmann ein Remake produziert, Vorlage ist der französische Film "Le Prénom" (2012, Regie: Alexandre de La Patellière und Mathieu Delaporte), den man allerdings in deutlichem Maße "eingedeutscht" und auch verharmlost hat (vgl. die Kritik von Matthias Dell in der ZEIT). Aber wie im französischen Original fliegen Pointen und Boshaftigkeiten wild hin und her, so dass man fast atemlos dem Geschehen folgt, und auch hier kommt es zu Handgreiflichkeiten.

Kameramann Jo Heim setzt das schicke Bonner Einfamilienhaus umsichtig in Szene als Dekor für eine außerordentlich aufgeräumte und spielfreudige Schauspielergarde. Köstlich: Christoph Maria Herbst ("Stromberg") als gebildeter, elitärer Alt-68-Professor, der aber so kleinkariert ist, dass er teure Etiketten auf billige Weine klebt. Caroline Peters, die schon in "Mord mit Aussicht" ihr komödiantisches Talent bewies, gibt die frustrierte Ehefrau, die sich wütend beklagt, dass sie immer zurückstehen musste, seitdem ihr Mann seine Dissertation schrieb. Justus von Dohnányi ("Der Untergang") als sanfter, eigentlich vollkommen friedlicher Feingeist sieht sich plötzlich dem Verdacht ausgesetzt, schwul zu sein. Florian David Fitz ("Kästner und der kleine Dienstag") spielt wieder den pfiffigen Jungspund (mit etwas filouhaftem Oberlippenbärtchen), der hier die ganze Lawine ins Rollen bringt. Sein "Adolf"-Scherz ist auch eine Rache dafür, dass sein neunmalkluger Schwager Stephan ihn ständig wegen seiner mangelnden literarischen Bildung verspottet. Neu auf der Leinwand: Janina Uhse. (Sie war bisher in einigen Fernsehfilmen zu sehen, z.B. in "Gute Zeiten, schlechte Zeiten".) Sie spielt die schwangere Anna und steht im Komödienquintett keineswegs zurück. Die schöne Schlusspointe ist übrigens: Einige Zeit nach dem Streitabend teilt Thomas der Familie mit, dass Anna eine gesunde Tochter zur Welt gebracht hat.

Ist das nicht alles wieder satirisch überspitzt? Ja, aber die Satire muss bekanntlich übertreiben, um die Wahrheit erkennbar zu machen, und dieser Film wirft ein scharfes Licht auf das geistige Klima der Republik, nicht nur in so genannten "gebildeten" Kreisen. Was sind Bekundungen wert? Klaffen nicht oft (progressive) Gesinnung und (konservatives) Verhalten auseinander? Wortmann erteilt uns wieder eine Lektion über uns selbst, und wir sitzen im Kino und erkennen uns lachend wieder.  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Der Vorname (2018)  
 
Deutschland 2018
Regie: Sönke Wortmann;
Darsteller: Christoph Maria Herbst (Stephan Berger), Caroline Peters (Elisabeth Berger-Böttcher), Florian David Fitz (Thomas Böttcher), Justus von Dohnányi (René König), Janina Uhse (Anna Böttcher), Iris Berben (Dorothea Böttcher), Serkan Kaya (Pizzabote) u.a.;
Drehbuch: Claudius Pläging nach der Vorlage von Matthieu Delaporte und Alexandre de La Patellière; Produzent: Tom Spieß; Kamera: Jo Heim; Musik: Helmut Zerlett; Schnitt: Martin Wolf;

Länge: 90,57 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih der Constantin Film Verleih GmbH; deutscher Kinostart: 18. Oktober 2018



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Zitat

"Ich dachte mir: Den werde ich nie wieder los. Und so kam es dann ja auch."

Schauspielerin Nadja Tiller, 90. Geburtstag am 16. März 2019, über die Hochzeit und die sehr glückliche Ehe mit ihrem Kollegen Walter Giller (+2011)

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