Mai 2006
Intrigantenstadl Universität

Der Campus


"Sehen Sie, was aus der Universität geworden ist: eine Ruine, ein Trümmerhaufen, ein Wrack!" So Professor Hanno Hackmann, die Hauptfigur in Schwanitz' satirischem Roman "Der Campus", den Sönke Wortmann adäquat und mit Liebe zum Detail verfilmt hat.
Schon der Anfang ist ironisch: Die Kamera fliegt über den Hamburger Hafen auf das Gebäude der Universität zu, dazu ertönt "In the Ghetto". Dabei ist die Uni gar nicht so isoliert und abgeschlossen, denn alle möglichen gesellschaftlichen Trends und Konflikte finden hier ein Tummelfeld und werden nun unter die satirische Lupe genommen. "Der Campus", also der Roman des Hamburger Anglistikprofessors Dietrich Schwanitz, war 1995 ein riesiger Überraschungserfolg auf dem deutschen Buchmarkt und schrie förmlich nach Verfilmung, derer sich dann Regisseur Sönke Wortmann im Jahre 1998 annahm und die er ebenfalls zu einem Erfolg führte.

Worum geht es? Um einen Skandal an der Uni. Soziologieprofessor Hanno Hackmann, Star seines Instituts und auch außerhalb der akademischen Mauern gefeiert, soll eine Studentin namens Babsi vergewaltigt haben. Leser bzw. Filmzuschauer kennen die Wahrheit und verfolgen mit zunehmender Spannung, wie ein amouröses Abenteuer zum "Fall" aufgebläht wird, der den sympathischen Helden ins gesellschaftliche Abseits stellt. An der Legende von der "Vergewaltigung" stricken immer mehr Personen mit, angeblich aus moralischen, in Wahrheit aus rein egoistischen Motiven, von der profilierungssüchtigen Frauenbeauftragten über den Uni-Präsidenten bis zum Jung-Journalisten, der die große "Story" wittert. Je mehr Hanno strampelt, desto enger zieht sich die Schlinge zusammen... Wie Schwanitz in seinem Roman die Auswüchse der Massenuniversität karikiert, wie er mit satirischer Verve die atmosphärische Mischung aus Karrierismus, Heuchelei, Intrigantentum, Feminismus und Marxismus schildert, wie er Polit- und Wissenschaftsjargon parodiert – das ist schlicht meisterhaft und erstaunlich zugleich, denn dies ist das Erstlingswerk des (inzwischen leider verstorbenen) Autors. Selbst der gestrenge Marcel Reich-Ranicki fand lobende Worte: "Ich bin für dieses Buch. Ich freue mich, dass ich es gelesen habe."

Sönke Wortmann, seit seinem Schauspielschüler-Abenteuer-Film "Kleine Haie" (1993) Spezialist für Filmkomödien, setzte die Vorlage im Geist des Autors (der am Drehbuch beteiligt war und einen kurzen Auftritt im Film hat) ohne Brüche um, aber natürlich mit Vereinfachungen und Verkürzungen. Dennoch ist sein Film meilenweit entfernt vom "Schuh des Manitu", vom "Wixxer", von den "Otto"-Filmen, also von dem, was sonst in Deutschlands Kinos als "Komödien" läuft und keinen sonderlichen Tiefgang enthält. Sönke Wortmann weiß, dass jede echte Komödie zugleich tragische Elemente hat. Der Dramatiker Dürrenmatt hat ein schönes Bild dafür gefunden: Er spricht von einem Fußball, dessen weiße Flecken die Komik bedeuten, die schwarzen hingegen die Tragik. Wenn der Ball rollt, kann man das nicht mehr so genau auseinander halten. Natürlich ist es im Grunde nicht zum Lachen, wenn man von Gangstern verfolgt wird (Tony Curtis und Jack Lemmon in "Manche mögen’s heiß" ("Some like it hot")) oder wenn man – wie Professor Hackmann (Heiner Lauterbach) – der Vergewaltigung bezichtigt wird. Durch die Kunst des Filmregisseurs wird es aber einfach zum Schreien komisch. "Der Campus" erheitert besonders mit einigen Kabinettstückchen, etwa mit der Szene, als Hackmann in ein offenes Grab rutscht, oder mit Axel Milbergs Darstellung von Hackmanns Gegner Bernie Weskamp, der alle Dialoge der TV-Serie "Derrick" auswendig kann und sie beim Video-Gucken immer vorwegspricht.

Die Filmkritik zeigte sich angesichts dieses Films äußerst widersprüchlich – zumal in der Bewertung der Schauspielerleistungen – und konnte selten ihre Argumente begründen. "Wortmann hat die geistreich-witzige Vorlage handwerklich gekonnt verfilmt", meint Wolfgang Hübner. Auf der anderen Seite: "Über die Uni erfährt man wenig außer Klischees", so Dorothee Nolte, die auch Heiner Lauterbach den "intellektuellen Professor mit elitären Ansprüchen" nicht glaubt. Dagegen schreibt Torsten Beermann: "Einzig Lauterbach füllt seine Rolle aus." Beermann meint aber ansonsten zum Film: "Belangloses Standardwerk, das nicht mal besonders witzig ist." – "Leider, leider ist 'der Campus' weder intelligent noch spannend oder witzig geraten, größtenteils ist er einfach peinlich. Und langweilig", so ein Anonymus der Uni Bonn im Internet. Schreibt einerseits Karl-Heinz Schäfer im "Rheinischen Merkur": "restlos überfordert: Sandra Speichert", so vertritt Andreas Kilb in der "ZEIT" die diametral entgegengesetzte Ansicht: "Nur Sandra Speicherts unerwartet starker Auftritt als Studentin Babsi, die sich von Heiner Lauterbach im Liebesrausch um den Tisch jagen lässt, zieht eine leichte Welle der Erregung durch diesen flachen Film". Dann gibt es natürlich noch die radikalen Feministinnen unter den Kritikerinnen, und die werden ganz böse: Der Film verbreite "chauvinistische Propaganda", und man müsse Wortmann bescheinigen, "einer der gefährlichsten Filmemacher Europas zu sein". (ki, Berlin). Oha!

Worüber können diese Menschen wirklich lachen? Das fragt man sich, wenn man der Ansicht ist, dass hier – nach deutschen Maßstäben gemessen – eine intelligente, satirische Komödie vorliegt, wie man sie nicht alle Tage in den Kinos zu sehen bekommt. Man sagt allgemein, dass die Satire übertreiben müsse, um zu verdeutlichen, worauf es ihr ankomme. Wir kennen aber seit einigen Jahren die so genannte Realsatire, und mir haben mehrere Freunde, die an der Universität Münster tätig sind, versichert, das Tolle an Schwanitz sei, dass er weitgehend Realität schildere - so grotesk und unglaublich sie auch wirke. Wortmann hat dies in überzeugende Bilder umgesetzt. Der Film hat nur einen Fehler, und der steckt im Abspann. Da wird, wie es in manchen amerikanischen Filmen (und auch in "Kleine Haie") schon vorkam, eine Aussicht auf die Zukunft der handelnden Personen gegeben. Und über den Protagonisten steht da: "Hanno hing (!) seinen Lehrberuf an den Nagel". Das verzeihen wir und warten auf die Verfilmung des zweiten Schwanitz-Romans "Der Zirkel". Natürlich durch Sönke Wortmann.  

Manfred Lauffs / Wertung:  * * * * (4 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Der Campus (Deutschland 1998) 
 
Regie: Sönke Wortmann;
Darsteller: Heiner Lauterbach (Professor Hanno Hackmann), Sibylle Canonica (Gabrielle Hackmann), Axel Milberg (Bernie Weskamp), Sandra Speichert (Babsi Claasen), Barbara Rudnik (Dr. Ursula Wagner), Armin Rohde (Norbert), Dietrich Schwanitz (Dr. Nesselhauf) u.a.; Drehbuch: Dietrich Schwanitz, Stefan Grund, Bettina Salomon; Produktion: Bernd Eichinger, Martin Moszkowicz; Kamera: Tom Fährmann; Schnitt: Ueli Christen; Musik: Nikolaus Glowna; Länge: 127 Minuten; FSK: ab 12 Jahren


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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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