Darf man Adolf Hitler im Film darstellen? Ja, aber dann nicht
in der vorliegenden Form. Publizist Joachim Fest schrieb mit "Der Untergang"
einen Bestseller unter den Geschichtsbüchern über die letzten
Tage im Führerbunker, bevor die Rote Armee im Berliner Häuserkampf
endgültig siegte und jenes Mausoleum der enthumanisierten Untoten
erreichte. Fests Buch zu verfilmen bedeutet einen zu harten Wechsel des
Mediums, dem die Gesellschaft nicht gewachsen ist, gerade wenn es um die
Betrachtung der Nazizeit geht, fort vom vornehmlich den Intellektuellen
vorbehaltenen Medium Literatur hin zum Mainstream-Produkt Großkino.
Kritische Distanz geht ad acta, ein Massenmörder wird, wenn nicht
zum Helden des Pop, doch zur bemitleidenswert tragischen Figur. Das Filmteam
um Bernd Eichinger begreift den Fehler nicht, der sich sogar im unveränderten
Titel widerspiegelt.
Regisseur Oliver Hirschbiegel drehte einmal einen Thriller, den Deutschland
anschließend für die Auswahl des Academy Award, den Oscar für
den Besten fremdsprachigen Film ins Rennen schickte. Mehrere Protagonisten
wurden in dem Werk in eine bunkerähnliche Anlage eingeschlossen, aufgeteilt
in Gefangene und Wächter. Letztere durften ungestraft tun, wonach
ihnen gerade der Sinn war. Ihrem lange legitimierten Sadismus ließen
diese an den anderen, den als Gefängnisinsassen Deklarierten freien
Lauf. Es machte zuviel Genugtuung, gar latentes erotisches Auskosten der
Lage, uneingeschränkte Macht zu haben. Somit versuchten die Unterdrücker
dann, ihren Status unter allen Umständen aufrecht zu erhalten bis
hin zur Verständnislosigkeit, dass es noch Menschen gibt, die nicht
so denken, ergo "Das Experiment" abbrechen wollten. Es klingt nach dem
Inhalt von "Der Untergang", doch dieser Film sollte erst drei Jahre später
entstehen, drei Jahre nach Hirschbiegels Verfilmung eines tatsächlichen
Geschehnisses in der Stanford University 1979, ein wissenschaftlicher Großversuch,
der ergreifender als von den Forschern geplant aufwies, wie Faschismus
entsteht.
Mit dem Faschismus im Kleinen, aber in seiner enthemmten Grenzenlosigkeit
hatte Regisseur Hirschbiegel also bereits Erfahrungen gesammelt. Damit
kann man ihn als durchaus prädestiniert bezeichnen für die Verfilmung
des Faschismus im Großen, ganz Großen, wenn sich eine deutsche
Filmproduktion erstmals seit Georg Wilhelm Pabst 1956 mit historischem Anspruch an das Tabuthema herantraut, Hitler auf die Leinwand
zu bringen, mit Bruno Ganz als Ver-Führer. So dachte der Produzent
des Films, Bernd Eichinger, der auch das Drehbuch schrieb, und verpflichtete
Hirschbiegel zu einem Unterfangen, das nicht hätte entstehen dürfen,
das aber von Deutschland, wie schon "Das Experiment", für den Academy
Award vorgeschlagen wurde. Zum Nachteil von Fatih Akin und seinem brillanten
Film "Gegen die Wand". Zum eigenen Unverdienst, denn "Der Untergang" hat
bei der Oscar-Preisverleihung nicht zu suchen. Es reichte, dass bei der
Verleihung 2003 Leni Riefenstahl in der Jahreschronik auftauchte.
Eine andere Frau aus dem Umkreis Hitlers, die kurz vor Riefenstahl
2002 starb, ist in "Der Untergang" die Hauptfigur. Traudl Junge heißt
sie, Andre Heller hat sie kurz vor ihrem Tod für einen Film interviewt.
"Der Untergang" gibt Teile des Interviews wieder, in der Frau Junge zum
Verlust ihrer Unschuld bewundernswert entschieden und mit prägnanten
Worten steht, aber die Wiedergabe ihrer Aussagen macht die Sache mit Eichingers
und Hirschbiegels Film nicht besser.
Dem TV-Historiker Guido Knopp wird gerne vorgeworfen, mit dem Dritten Reich
mache er sich selber reich. Denn die Zeit des Nationalsozialismus, wie
kritisch man immer damit umgeht, ist, je nach Medium, sexy, weil Erfolg
versprechend. Hohe Einschaltquoten verbürgen dies. Zu den Sendungen
von Knopp kann man stehen wie man will. Eichinger und Hirschbiegel setzen
dem die Krone auf, wenn sie das Dritte Reich ins Kino bringen und dann
Hitler, Goebbels und ihre Spießgesellen als ihre persönliche
Lage bejammernde, aber letztlich nicht so schlimm wirkende Menschen in
einem Film wiedergeben. In einem Film wiedergeben, in dem Wörter wie
"Juden" als Schimpfwörter fallen, der geschichtliche Hintergrund dazu
aber fallen gelassen wird. Von Auschwitz, Judentransporten in den Tod keine
Silbe. Logisch und konsequent ist dies, weil in Berlin eher wenige Eingeweihte davon
gewusst haben mögen und das Drehbuch sich daran hält, den Film
stringent im, über dem Führerbunker und in seiner nächsten
Umgebung spielen zu lassen. Dann aber kann der Film nicht den Geschichtsunterricht
mitbestimmen, wie schon vorgeschlagen wurde mit geradezu garantierter Option
auf Umsetzung. Dafür wissen Schüler heute zu wenig, als dass
"Der Untergang" als pädagogisches Instrument das schlimmste Ereignis
der Menschheit den Schülern vermitteln kann. Da "Der Untergang" den
Zirkel um Führer Hitler als zwar morbiden, aber auch - man höre
und staune - Menschlichkeit beinhaltenden Mikrokosmos deklariert.
Die junge Traudl (Alexandra Maria Lara) bewirbt sich als Sekretärin
1942 in der Wolfsschanze. Als Sekretärin ist sie ungeeignet, beziehungsweise
das Charisma jenes potenziell künftigen Chefs ist, wie üblich
bei einem Chef, groß, sie hält dem Druck nicht stand, doch der
sie prüfende Chef ist milde, milder als manch anderer Chef.
Der Chef, jener Milde, ist Adolf Hitler. Er stellt sie ein. Bis zu seinem
Tode wird Traudl Junge ihm nicht mehr von der Seite weichen. Sie ist nicht
die Einzige, die so handeln wird. April 1945, Hitler-Deutschlands Ende rückt
näher, je näher die Rote Armee rückt, und Hitler und seine
Schergen mitsamt den Anvertrauten, dem Militärstab und dem Personal
motten sich im Bunker unter der Reichskanzlei ein. Die in der Anfangsszene fatalerweise dargestellte Milde Hitlers ist
gewichen, ein sinnfreies Geschrei hat eingesetzt - hat Hitler nie geschrieen?
etwa jetzt erstmals? -, seine Befehle werden immer weltentrückter - vorher nie? -,
sogar Goebbels zeigt Rührung, der Ärmste, denn einen Befehl des
Führers, Goebbels solle samt Familie den Bunker verlassen, kann er
nicht nachvollziehen, und vollzieht ihn auch nicht. Co-Scherge Albert Speer
tritt auf und sagt dem Führer ins Gesicht: Dessen letzte Befehle hat
er auch nicht mehr vollzogen. Himmler ist nicht mehr im Bunker, hält
sich aber auch nicht mehr an Befehle, Göring ist nicht mehr im Bunker,
hält sich aber auch nicht mehr an Befehle. Ja, es erweist sich: Hitlers
letzte Tage bewegen sich auf ihren Untergang zu.
Magda Goebbels, immerhin, kämpft bis zuletzt bis zum Kriechen
auf dem Boden, um Hitler am Selbstmord zu hindern. Um einen Tag später
selbstbewusst ihrem Gatten gegenüber zu stehen, auf den ersten von
zwei Schüssen wartend, nachdem sie ihre Kinder getötet hat, denn
ein Leben ihrer Kinder in einer Zeit nach dem Nationalsozialismus sei undenkbar.
Der zweite Schuss gilt Goebbels selbst.
Ein Albert Speer mit Zivilcourage, Himmler und Göring als Befehlsverweigerer,
Hitler und Goebbels als Selbstmörder Menschen mit einem gewissen Gefühl
für Ehre - die Filmemacher erkennen nicht, wie in ihrem Film all diese
Verbrecher an der Menschheit in ihren letzten Taten in ihren letzten Tagen
wenn nicht verklärt, so doch gemäßigt dargestellt werden;
das Medium Film ist das falsche, um gewiss korrekte Fakten über diese
Abläufe nachzuerzählen und alles vor dem April 1945 Geschehene
außen vor zu lassen.
Eichinger und Hirschbiegel setzen in jeder Hinsicht beim Zuschauer
Grundwissen voraus bei der Ausgestaltung ihres Films, die Kulturrevolution,
die in der Bücherverbrennung kulminierte, ist nicht genannt und schwingt
in einem der besten Bilder des Films mit: Am Ende verbrannten sie ihre
eigenen Bücher, ihre eigenen Akten, alles, was auf ihre Schuld hinwies,
damit es nicht den Feinden in die Hände fällt. Und Hitler ließ
sich aus gleichem Grunde auch selbst verbrennen. Seine Opfer brannten zuvor.
Hitler wollte seinen Leichnam nicht in einem Panoptikum der Feinde ausgestellt
wissen. In der Farce "Schtonk" hieß es: "Er brennt nicht!"
Doch,
er brannte, seinen Schergen gelang es in der Wirklichkeit schon, ihn anzuzünden.
Er war ein Mensch. Dessen Sadismen und Machtgelüsten kein Einhalt
geboten worden war. Siehe, ein Mensch, stellen Eichinger und Hirschbiegel
damit fest, womit versehentlich eine schlimme Gegenüberstellung entsteht: Die heranziehenden Russen Stalins wirken
im Film im Kontrast nicht wie Menschen, sondern wie eine bedrohliche Masse, der Traudl
Junge mittendurch entkommt, mitsamt einem kleinen Jungen. Beide erreichen
die Natur, deren Existenz sie im Bunker und im Häuserkampf - der Junge war
kurz zuvor noch ein tapferer Verteidiger Berlins - schon zu vergessen drohten,
er entdeckt ein Fahrrad, wie lieblich. Sönke Wortmanns neun Jahre
später spielender Film "Das Wunder von Bern" lässt schön
grüßen; es möge an dieser Stelle der Revisionismus
beginnen.
Regie:
Oliver Hirschbiegel ("Das Experiment",
"Mein
letzter Film");
Darsteller: Bruno Ganz (Adolf Hitler), Alexandra Maria Lara
(Traudl Junge), Corinna Harfouch (Magda Goebbels), Ulrich Matthes (Joseph
Goebbels), Juliane Köhler (Eva Köhler), Heino Ferch (Albert Speer),
Christian Berkel (Prof. Schenck), Matthias Habich (Prof. Dr. Werner Haase),
Thomas Kretschmann (Hermann Fegelein), Michael Mendl (Helmuth Weidling),
André Hennicke (Wilhelm Mohnke), Ulrich Noethen (Heinrich Himmler),
Götz Otto (Otto Günsche) u.a.; Drehbuch: Bernd Eichinger
nach dem gleichnamigen Buch von Joachim Fest und dem Buch "Bis zur letzten
Stunde" von Hitlers Sekretärin Traudl Junge und Melissa Müller;
Produktion:
Bernd Eichinger; Kamera: Rainer Klausmann; Musik: Stephan
Zacharias
"Ich war von vielen Filmen begeistert, sogar von einigen, die ich nicht mochte."
Regisseur Quentin Tarantino, der bei den Filmfestspielen in Cannes 2009 nicht nur seinen Film "Inglourious Basterds" vorstellte, sondern sich auch andere Filme ansah