20.09.2015

Frau Müller muss weg!


Vom Kabarettisten Volker Pispers stammt das treffende Bonmot: "Deutschland wird nicht am Hindukusch verteidigt. Deutschland wird in der Hauptschule verteidigt." Wir können ergänzen: und in der Grundschule. Dort haben wir eine Inklusionsquote von 50 %, da die Lehrer aufgefordert werden, kaum noch ein Kind zur Förderschule zu schicken. Intelligente, lernbehinderte und in ihrer emotionalen Entwicklung gestörte Kinder "lernen" zusammen, und welche Probleme sich daraus ergeben, kann man sich leicht ausmalen. Es ist sicher kein Zufall, sondern satirische Absicht, dass die Kamera zu Beginn des Films über das Schild "Juri Gagarin Grundschule" (in Dresden) so langsam fährt, dass die Buchstabenfolge "Gaga" besonders ins Auge fällt. Hier geht es nämlich ziemlich verrückt zu.

Ein Trupp besorgter Eltern nähert sich der Schule, in der ein Gesprächstermin mit der Klassenlehrerin Frau Müller stattfinden soll, wie die Westernhelden in "Die glorreichen Sieben". Sie sind sauer und wollen Frau Müller absetzen lassen – sie muss weg! Warum? Weil die Noten schlecht sind und am Ende der 4. Klasse entschieden wird, ob die Kinder aufs Gymnasium gehen dürfen oder nicht. Doch Frau Müller spielt nicht mit. Als sie alle Vorwürfe über ihre angebliche pädagogische Unfähigkeit mit angehört hat, verlässt sie beleidigt den Klassenraum, nicht ohne den Eltern einige bittere Wahrheiten über ihre Kinder mitgeteilt zu haben.

Allein gelassen, fangen die Eltern an zu diskutieren, und nach anfänglicher Höflichkeit wird der Ton immer rauer, es entwickelt sich ein echter Streit, weil Ängste, Sorgen, Ansprüche, Ärger, Gehässigkeiten, gegenseitige Vorwürfe und alte Geschichten zur Sprache kommen, z.B. die frühere Liaison zwischen zwei der anwesenden Personen. Schließlich greift man sich das Notenbuch von Frau Müller, es steckt in der auf dem Pult zurückgelassenen Tasche. Und man stellt fest: So schlecht sind die Noten der Kids gar nicht! Also besser Frau Müller als ein vielleicht strengerer Lehrer! Es heißt nun zurückrudern, und als Frau Müller wieder auftaucht, nimmt man alle Vorwürfe zurück und bittet Frau Müller, die eigentlich entschlossen ist die Klasse abzugeben, doch bitte, bitte weiterzumachen. Friede, Freude, Eierkuchen? Die geniale Schlusspointe soll hier nicht verraten werden.

Der Film kann seine Herkunft von einem Theaterstück (Autor: Lutz Hübner) nicht verleugnen. Der Schauplatz ist eng begrenzt auf das Klassenzimmer, abgesehen von wenigen Szenen im Flur und im Schulschwimmbad. Das ist eine Herausforderung für die sechs Darsteller, und die meistern sie vorzüglich. Allen voran Anke Engelke als Jessica Hövel, eine taffe Business-Amazone im Hosenanzug, die als Sprecherin der Gruppe jedem vorschreibt, was er im Gespräch mit Frau Müller zu sagen oder nicht zu sagen hat. Justus von Dohnányi als Wolf Heider, Weichei mit Fahrradhelm, und Alwara Höfels als Katja Grabowski, Mutter eines Einserkindes, wirken aber als Bremser, außerdem kämpfen sie eher mit sich selbst (wegen ihrer früheren Liebschaft, s.o.) und mit einem Kaffeeautomaten. Ken Duken und Mina Tander spielen das Ehepaar Jeskow, das sich völlig uneins ist und im Nebenzimmer seine Ehekrise durchlebt. Als Kontrast zu der Elterngruppe tritt Gabriela Maria Schmeide auf, sie ist die gutmütige Frau Müller, die sich aber keineswegs einschüchtern lässt.

Ein bitterböses Kammerspiel! Das wunderbare Drehbuch (von Sarah Nemitz, Oliver Ziegenbalg und Lutz Hübner) mit seinen pointierten, scharfen, spannenden Dialogen gibt allen Darstellern die Möglichkeit, zu komödiantischer Hochform aufzulaufen. Der Film ist aber nicht nur lustig (wie etwa die Schulklamotte "Fack ju Göhte"), sondern hat einen ernsten Hintergrund: Er berührt aktuelle brisante Themen wie den Streit ums Bildungssystem, Helikoptereltern, Ost-West-Gefälle. Regisseur Sönke Wortmann lenkt die Truppe souverän und lässt alle satirischen Feinheiten herausspielen. Er hat mit früheren Filmen oft ein Millionenpublikum erreicht, etwa mit "Der bewegte Mann" oder "Das Wunder von Bern". Seine letzten Werke "Das Hochzeitsvideo" und "Schoßgebete" dagegen waren an der Kinokasse weniger erfolgreich. Vielleicht bedeutet "Frau Müller" eine Trendwende, zu gönnen wäre es ihm! Übrigens: Wie schon in "Kleine Haie" und "Der Campus" gibt Wortmann im Nachspann eine Vorausschau auf die Zukunft: Fünfzehn Jahre später ist aus allen Kindern der fünf Eltern etwas "Anständiges" geworden (z.B. Manager oder Deutscher Meister im Rudern). Also alles halb so wild!  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Frau Müller muss weg!  
 
Deutschland 2014
Regie: Sönke Wortmann;
Darsteller: Gabriela Maria Schmeide (Frau Müller), Justus von Dohnányi (Wolf Heider), Anke Engelke (Jessica Höfel), Ken Duken (Patrick Jeskow), Alwara Höfels (Katja Grabowski), Mina Tander (Marina Jeskow), Rainer Galke (Hausmeister), Juergen Maurer (Hape Höfel), Dagmar Sachse (Heidrun Heider);
Drehbuch: Oliver Ziegenhals, Lutz Hübner, Sarah Nemitz; Produzenten: Tom Spieß, Oliver Berben; Produktion: Little Shark Entertainments GmbH, SevenPictures Film GmbH; Kamera: Tom Fährmann; Musik: Martin Todscharow; Schnitt: Martin Wolf;

Länge: 87,30 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih der Constantin Film Verleih GmbH; deutscher Kinostart: 25. Januar 2015



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Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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