09.04.2015

Der Medicus


Noah Gordons Buch "Der Medicus" ("The Physician") erschien in 42 Ländern und verkaufte sich allein in Deutschland mehr als sechs Millionen Mal. Im Jahre 1999 wurde es auf der Madrider Buchmesse in die Liste der 10 beliebtesten Bücher aller Zeiten gewählt. Publiziert wurde der Roman erstmalig im Jahre 1989 - erstaunlich, dass er so lange auf seine Verfilmung warten musste, nämlich bis zum Jahre 2013! Und erstaunlich, dass der Film von einem deutschen Regisseur, nämlich Philipp Stölzl, inszeniert wurde. Das Ergebnis ist beeindruckend: Wenn die Produzenten Wolf Bauer und Nico Hoffmann beweisen wollten, dass man auch in Deutschland Historienfilme von Weltniveau drehen kann, so ist dies vollauf gelungen. In Zahlen ausgedrückt: Die Produktionskosten betrugen 26 Millionen Euro, die Einnahmen ca. 80 Millionen Euro (davon in Deutschland 42,2).

Im Mittelalter möchte man nicht Patient gewesen sein: zu sehr ähnelten die medizinischen Methoden denen des Doktor Eisenbart. Verätzung von Hämorrhoiden mit glühenden Stangen, Amputationen ohne Narkose, Zahnziehen mit rostigem Besteck... Die "Seitenkrankheit" (so heißt die Blinddarmentzündung im Film) konnte gar nicht geheilt werden. So auch bei der Mutter des jungen Rob Cole, der hilflos zusehen muss, wie sie elendig stirbt. Er hat eine übersinnliche Gabe, er kann fühlen, wenn bei einem Menschen der Tod unmittelbar bevorsteht. Da niemand ihn aufnehmen will, schließt er sich einem Bader an, der den Jungen in verschiedene Taschenspielertricks, aber auch in die Behandlungsmethoden der mittelalterlichen Medizin einweist. In einer Siedlung erfährt Rob einiges über jüdische Sitten und Gebräuche und über den berühmten Arzt und Wissenschaftler Ibn Sina, der im fernen persischen Isfahan Mediziner ausbildet. ("Es wandelt keiner auf Erden, der es an Wissen und Weisheit mit ihm aufnehmen kann.") Begeistert beschließt er, richtiger Arzt zu werden und deshalb nach Persien zu reisen. Da Christen dort nicht toleriert werden, nimmt er an sich selbst eine Beschneidung vor und reist als Jude unter dem Namen Jesse Ben Benjamin mit einer Karawane nach Isfahan mit. Auf der Reise lernt er Rebecca kennen, die in Isfahan verheiratet werden soll. Nach einem Sandsturm scheint er der einzige Überlebende zu sein. In Isfahan wird er an Ibn Sinas Schule aufgenommen und dort in vielen neuen medizinischen Techniken (z.B. Pulsdiagnose) sowie in der aristotelischen Philosophie ausgebildet. Während einer Pestepidemie, in der Tausende sterben, erkennt Rob, dass Rattenflöhe als Überträger fungieren. Durch Bekämpfung der Ratten kann man schließlich die Pest besiegen. Zuvor trifft Rob Rebecca wieder, die an einen älteren Mann verkauft wurde. Als sie erkrankt, lässt ihr Mann sie in der Stadt zurück und flieht vor der Pest. Rob verliebt sich erneut in Rebecca, sie wird von ihm schwanger. Er möchte mehr über die menschliche Anatomie erfahren, über die auch Ibn Sina wenig weiß, weil die Religion streng die Obduktion eines menschlichen Leichnams untersagt. Heimlich führt Rob eine solche Obduktion durch und erkennt dabei, dass der entzündete Wurmfortsatz bei der Seitenkrankheit den Tod verursacht. Er wird aber bei seiner heimlichen Tätigkeit entdeckt und mit seinem Lehrmeister vor Gericht gestellt...

Die Mullahs verraten die Stadt an die feindlichen Seldschuken, die sollen Isfahan erobern und alle Juden und sogenannte "Gotteslästerer" wie Ibn Sina töten oder vertreiben. Während die Stadt im Kampfgetümmel versinkt, können Rob und Ibn Sina fliehen. Als Ibn Sina aber sieht, dass der Pöbel sein Krankenhaus zerstört hat, vergiftet er sich. Rob kann beim Schah eine Blinddarmoperation unter Narkose durchführen und ihm so das Leben retten. Zum Dank dafür dürfen Rob und Rebecca (die vor der drohenden Steinigung wegen Ehebruchs gerettet wurden) und auch viele Juden aus der brennenden Stadt fliehen. Rob möchte mit Frau und Kind nach England fahren, um dort als Arzt zu wirken. Er eröffnet in London ein Krankenhaus und trifft am Ende auch seinen alten Lehrmeister, den Bader, wieder.

Schon die kurze Inhaltszusammenfassung zeigt, dass es sich um eine große, farbenprächtige und emotionale Geschichte handelt. Man fühlt sich immer wieder an Filme wie "Ben Hur" oder "Lawrence von Arabien" erinnert. Einen Zusammenhang mit anderen Filmen nennen auch die Produzenten Wolf Bauer und Nico Hofmann: "Wir sehen 'Der Medicus' in der Tradition europäischer Großproduktionen wie 'Das Geisterhaus', 'Der Name der Rose', 'Das Parfum' oder 'Die Päpstin'. Das Buch ist einer der letzten unverfilmten großen Megaseller unserer Zeit und nicht nur die Vorlage für einen emotionalen und großen Abenteuerfilm, sondern auch ein modernes Plädoyer für ein friedliches Miteinander und religiöse Toleranz." Und das ist ein entscheidender Aspekt. Denn der Film hat eine erschreckende Aktualität. In vielen Szenen besonders des letzten Teils, wenn sich die religiöse Intoleranz der Mullahs zeigt, ihre Hetze gegen Andersdenkende, ihre Ablehnung wissenschaftlicher Forschung, ihre Brutalität, denkt man als Zuschauer unweigerlich an all die Nachrichten der Ära nach dem 11. September 2001, die uns fast täglich erreichen. Natürlich bildet auch dieser Historienfilm nicht "die Realität" ab. Schon dem Buch hat man geschichtliche Fehler nachgewiesen, und der Film hat zudem viele Details des Buchs verändert. (Worüber Noah Gordon nicht glücklich war; allerdings war er stolz, überhaupt die Verfilmung seines Bestsellers zu erleben.) Der historische Ibn Sina etwa starb nicht an einer Vergiftung, sondern an der Ruhr oder an Darmkrebs. Geschichte wird als "Story" erzählt, Individuen und nicht historische Strukturen stehen im Vordergrund, eine stringente Handlung suggeriert Folgerichtigkeiten, die es so in Wirklichkeit wohl kaum gegeben hat. Aber trotz dieser Einschränkungen schafft es dieser Film, ein "realistisches", ja "naturalistisches" Bild des 11. Jahrhunderts zu vermitteln.

Dazu trägt zunächst die optische Opulenz bei (Kamera: Hagen Bogdanski). Der Film präsentiert überwältigende Landschaftspanoramen, und der Zuschauer ist immer mittendrin: im Marktgewimmel, im schäbigen Pferdewagen des Baders, in der ägyptischen Hafenstadt, in Ibn Sinas Mediziner-Schule, im Schahpalast, in der brennenden Stadt, auf dem Schlachtfeld (wo der Schah getötet wird, nachdem kurz zuvor sein Leben durch Robs Operation gerettet worden ist).

Und zum Zweiten sind es die überzeugenden schauspielerischen Leistungen, die dem Film seine Qualität geben. An der Spitze steht Ben Kingsley, der souverän den weisen, gütigen "Arzt aller Ärzte" verkörpert. Tom Payne spielt den Rob Cole und ist als sensibler, wissbegieriger, mutiger "jugendlicher Held" der zweite Sympathieträger. Emma Rigby als Rebecca belässt es nicht bei Großäugigkeit und Zärtlichkeit, sondern bringt eine starke weibliche Note ein. (Die Figur existiert übrigens nicht im Roman, sondern wurde von Drehbuchautor Jan Berger eingefügt.) Der Bader wird von dem Schweden Stellan Skarsgard herrlich rüpelhaft und schlitzohrig angelegt, als Schah Ala ad-Daula zeigt Olivier Martinez bei aller Aufgeschlossenheit doch eine tiefe böse Seele (als Kind ist der Schah brutal erzogen worden, gute Gefühle hat man ihm ausgetrieben), Elyas M'Barek (bekannt als Hauptdarsteller in "Fack ju Göhte") spielt einen Freund Robs, den muslimischen, aber trink- und partywütigen Medizinstudenten Karim.

So bleibt der Film im Gedächtnis des Zuschauers als ein bildgewaltiges Epos mit packender Handlung, zugleich als Eloge auf humane Medizin und als hochaktuelle Warnung vor religiösem Fanatismus.  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Der Medicus  
 
Deutschland 2013
Titel für den englischsprachigen Markt: The Physician
Regie: Philipp Stölzl;
Darsteller: Tom Payne (Rob Cole), Emma Rigby (Rebecca), Stellan Skarsgard (Bader), Ben Kingsley (Ibn Sina), Olivier Martinez (Schah Ala ad-Daula), Elyas M'Barek (Karim), Fahri Yardim (Davoud Hossain), Makram Khoury (Imam), Michael Marcus (Mirdin), Stanley Townsend (Bar Kappara), Adam Thomas-Wright (junger Rob Cole) u.a.;
Drehbuch: Jan Berger; Produktion: UFA AG, ARD Degeto, Beta Cinema; Produzenten: Wolf Bauer, Nico Hofmann; Kamera: Hagen Bogdanski; Musik: Ingo Ludwig Frenzel; Schnitt: Sven Budelmann;

Länge: Kinofassung: 150 Minuten, erweiterte Fassung: 181 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Universal Pictures International Germany; deutscher Kinostart: 25. September 2013



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<09.04.2015>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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