11.09.06

Der "Zeck" Grenouille wird menschlich

Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders

Grenouille mit ermordeter Jungfrau Wer den Roman „Das Parfum“ liest, begibt sich in eine intensive Fantasiewelt als sehe er seinen eigenen Film im eigenen Kinosaal. Mit solch einer Wortgewalt beschreibt Patrick Süskind die Welt der Gerüche. Und welcher Film könnte besser sein als die eigene Fantasie? 15 Jahre lang verweigerte der wie ein Einsiedler lebende Süskind die Filmrechte, ehe er sie 2000 dem beharrlichen Produzenten Bernd Eichinger abtrat. Preis und Grund dafür: Unbekannt. Doch muss eine Verfilmung nicht scheitern? Wird nicht jeder, der sich einst in Süskinds Duftreich gefangen nehmen ließ, zwangsläufig enttäuscht, wenn seine Fantasie nicht durch konkrete Ausgestaltung eines anderen, nämlich des Regisseurs Tom Tykwer ersetzt wird?

Überraschenderweise ist die Verfilmung alles andere als enttäuschend, denn der Roman wird weiterentwickelt. Die Haupthandlung ist allerdings unverändert: Im Frankreich des 18. Jahrhunderts schafft es Jean-Baptiste Grenouille, aus einem stinkenden Pariser Elendsviertel zum Parfumeurhandwerk aufzusteigen, denn er besitzt einen übermenschlichen Geruchssinn. Zwar wird seine Begabung stets ausgenutzt, doch Grenouille kümmert das nicht, denn er verfolgt keine monetären Ziele. Er will den besten Duft der Welt erschaffen. Dieser Duft ist subtil, nicht oberflächlich wie die Parfüms wie wir sie kennen, die zwar unsere Durchschnittsnasen, nicht aber Grenouille täuschen können. Zur Duftgewinnung tötet er mehrere Jungfrauen, deren Eigengeruch er benötigt.

Im Buch versucht ein auktorialer Erzähler, Grenouille in ein schlechtes Licht zu rücken. Er sei ein „Zeck“, der die Menschen hasse. Süskind provoziert so jedoch den Widerspruch des Lesers, bei dem sich Mitleid unter die politisch korrekte Abscheu für einen Mörder mischt.

Grenouille im Ribshirt

Grenouille im Ripshirt (mit Mme Arnulfi und Druot)Der Film verzichtet auf den Versuch, Grenouille schlecht darzustellen. Er ist keine Widergabe des Originals wie ihn der auktoriale Erzähler präsentiert: Grenouille ist hübsch und wirkt selbst in Gerberkluft elegant. Im ärmellosen Ribshirt, mit einer Strubbelfrisur, die ihn von seinen Zeitgenossen absetzt und die selbst heutige Szenefriseure im Repertoire haben, wirkt er fast modern-metrosexuell, nicht wie der unverwüstliche Krüppel aus dem Buch. An wenigen Stellen ist der Film bei diesen Änderungen allerdings inkonsequent. Der – selten, aber sehr wohl – angedeutete Menschenhass passt nicht zum neuen Grenouille und bleibt ohne Kenntnis des Romans unverständlich.

Viel mehr als das Buch lebt der Film von Spannung. Im Film tritt der Kriminalroman zu Lasten des Entwicklungsromans in den Vordergrund. Dabei wird der Höhepunkt der Geschichte Grenouilles als Mörder im Film unnötigerweise nivelliert: Der Wettstreit zwischen Richis und Grenouille findet statt, jedoch ohne die eindrucksvolle Darstellung des Sieges des Geruchssinns über die Intelligenz aus dem Buch.

Dustin Hoffman als Parfumeur BaldiniDie meisten Probleme der Adaption löst Tom Tykwer allerdings meisterhaft. Er kürzt an sinnvollen Stellen. Düfte werden nur selten visualisiert, doch wenn, dann auf kreative und effektive Weise. Tom Tykwers Vorliebe für innovative Techniken, die schon den Erfolg von „Lola rennt“ ausmachten, zahlt sich auch hier aus. Vollkommene 3D-Animationen und die eindrucksvolle Musik der Berliner Philharmoniker nehmen den Zuschauer gefangen in der Welt des 18. Jahrhunderts. Die Rollen sind ebenfalls perfekt besetzt. Der bisher unbekannte Ben Wishaw verkörpert glaubwürdig den neuen Grenouille. Brillant spielt Dustin Hoffman den alternden Parfumeur Baldini. Durch seine Melancholie wiederum wirkt Baldini, wie fast alle Figuren, die im Roman als skrupellose Ausbeuter Grenouilles angelegt sind, menschlich, ja sympathisch.

Der Film verschenkt die Aktualität des Themas

Rachel Hurd-Wood als Laura RichisUnd dennoch verschenkt der Film Einiges. Jeder außer Grenouille stinkt erbärmlich. Der Geruch aber entscheidet, so der Roman, über Attraktivität, nicht äußere Schönheit. Diese Botschaft des Buches wird im Film nicht so deutlich herausgearbeitet. Dabei ist sie heute noch aktueller als bei Erscheinen des Buches 1985, denn der Schönheitswahn hat die Massen befallen. Der Körperkult kennt keine Grenzen. Kleider machen Leute heute mehr denn je, ebenso wie Schönheits-OPs, Tätowierungen, Piercings und Fitness-Studios. Und Parfümerien finden sich heute an jeder Straßenecke.

Den Leser des Romans „Das Parfum“ beschleicht eine düstere Ahnung. Was, wenn all das Bemühen um Schönheit vergeblich ist? Wenn unsere Außenwirkung nicht durch Äußeres beeinflusst wird, sondern wir durch unseren Geruch fremdbestimmt sind? Wenn unser Eigengeruch selbst Parfüms durchdringt? Und was, wenn es tatsächlich Menschen wie Grenouille gibt, die uns durchschauen?
Für eine solch nachdenklich stimmende Botschaft ist der Film zu harmlos, denn Grenouille verachtet die Menschen nicht. Das Rezept des Menschengeruchs kennt nur der Zeck des Romans: „Ein Häufchen ziemlichen frischen Katzendrecks, einige Tropfen Essig, Salz, ein daumennagelgroßes Stück Käse (alt, beißend scharf riechend), etwas Fischig-Ranziges, ein faules Ei, Castoreum, Ammoniak, Muskat, gefeiltes Horn, angesengte Schweineschwarte (fein gebröselt) und Zibet.“

 

Tobias Vetter / Wertung: * * * (3 von 5)

Quelle der Fotos: Constantin Film


Filmdaten

Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders

Deutschland/Frankreich/Spanien 2006
Regie: Tom Tykwer; Drehbuch: Andrew Birkin, Bernd Eichinger, Tom Tykwer; Romanvorlage: Patrick Süskind; Produktion: Bernd Eichinger; Darsteller: Ben Whishaw (als erwachsener Jean-Baptiste Grenouille), Alvaro Roque (Grenouille, 5 Jahre), Franck Lefeuvre (Grenouille, 12 Jahre), Alan Rickman (Antoine Richis), Rachel Hurd-Wood (Laura Richis), Dustin Hoffman (Giuseppe Baldini), Karoline Herfurth (Mirabellen-Mädchen), David Calder (Bischof von Grasse), Simon Chandler (Bürgermeister von Grasse), Jessica Schwarz (Prostituierte Natalie), Sian Thomas (Madame Gaillard), Corinna Harfouch (Madame Arnulfi), Paul Berrondo (Dominique Druot), Sam Douglas (Grimal); Erzähler: Otto Sander; Kamera: Frank Griebe Schnitt: Alexander Berner; Szenenbild: Uli Hanisch; Kostümbild: Pierre-Yves Gayraud; Musik: Tom Tykwer, Johnny Klimek, Reinhold Heil; Orchester: Berliner Philharmoniker (Dirigent: Sir Simon Rattle); Visual Effects: UPP Prag Länge: 147 Minuten; Verleih: Constantin Film; FSK: 12 Jahre; Kinostart: 14.09.06



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"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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