05.03.2019
Toy Story für Erwachsene und Plädoyer gegen Diskriminierung

Willkommen in Marwen


Mark Hogancamp ist anders. Aber ist nicht jeder Mensch anders? Die Filmbiographie über Marks Schicksal ist ein behutsames Plädoyer für gegenseitige Akzeptanz. Im Fall des Künstlers Mark Hogancamp für die Komplexität einer starren Gendergesellschaft, die nur langsam beginnt, Diversität zu etablieren. Und wie entspannend vielfältig ist diese Welt, die sich auftut!

Willkommen in Marwen: Filmplakat Mark verliert nach einem mehrtägigen Koma seine Erinnerung an sein bis dahin 38-jähriges Leben. Als er nach Hause kommt, findet er in Wandschrank seiner Wohnung fast 300 Paar Frauenschuhe, die überraschenderweise ihm gehören. Verarmt, körperlich und seelisch aufgerieben und labil, tastet er sich in ein neues Leben hinein, das schwer zu finden ist. Seine Kreativität hilft ihm jedoch weiter. Auch wenn er nicht mehr wie früher schreiben und zeichnen kann, so baut er im Maßstab 1:6 ein mit weiblichen Puppen bewohntes belgisches Dorf während des Zweiten Weltkriegs mit dem Phantasienamen Marwen (Mar von "Mark" und "Wen" von "Wendy") auf. Und erzählt mithilfe von bis ins Detail ausgestatteten animierten Plastikpuppen in Toy Story-Manier nicht ganz ernstzunehmende Kriegsgeschichten für Erwachsene, die er abfotografiert. Kunst und Selbstheilung zugleich.

Das Weibliche an sich spielt eine zentrale Rolle, es steht für Schutz und Hingabe. Deswegen fühlt sich Mark auch im echten Leben durch die Puppen geschützt. Oder wenn er das, was für ihn die Essenz des Weiblichen ausmacht, tut: High Heels trägt und von seinen Puppen getragen sieht. So kann man sich als Zuschauer*in in Marks Gefühlswelt vortasten, die alte Gender-Schubladenmuster durchbricht und in die Grauzone zwischen Weiblich und Männlich vordringt, über die mensch so wenig weiß. Wie sieht es im Inneren eines Menschen aus, der Gefühle erlebt, die ihm keiner einzuordnen hilft? Und genau dies ist die politische Bedeutung des Streifens: die (vielleicht etwas zu) vorsichtige Sichtbarmachung von Vielfalt. Ein weiterer Beitrag in einer illustren Reihe wie z.B. die 5-Staffeln-Serie "Transparent" oder "The Danish Girl", die Augen öffnen, nachdenklich machen und helfen, innere Grenzen aufzustoßen.

Willkommen in Marwen Marks Alter Ego in der Puppenwelt ist Captain Hogie, Zweiter-Weltkrieg-Pilot und Macho in High Heels mit einer immer blutigen Narbe am rechten Auge. Die 30-cm-hohen internationalen Partisaninnen, die ihn mutig schützen und umsorgen sind filmtechnisch versatil an die Gesichter der Schauspieler*innen des Films angepasst. Das "mise en abyme", die Handlung im Dorf Marwen, das zum Teil brutal und angsterfüllt dargestellte Innenleben Marks macht den Großteil des Films aus. Obzwar visuell äußerst gekonnt umgesetzt, mit feinen Übergängen zwischen "Puppenwelt" und "Realität" und symbolisch aussagekräftig durch die Personifizierung der tief persönlichen Gefühle - wenn man da nicht an den Animationsfilm "Alles steht Kopf" erinnert ist -, ist dies auch ein Schwachpunkt des Films, weil der Filmanteil des Puppenspiels etwas lang ist.

Robert Zemeckis' ("Zurück in die Zukunft" 1-3, "Forrest Gump", "Cast Away - Verschollen") Film beruht auf der wahren Geschichte des amerikanischen Künstlers Hogancamp, der im Jahr 2000 einem Hassverbrechen zum Opfer fiel. Marks Schicksal bewegte Jeff Malmberg 2010 zu einer preisgekrönten Dokumentation "Marwencol". Mark Hogancamp stellt mit wachsender Bekanntheit seine künstlerischen Fotos in der One Mile Gallery in Kingston, New York, aus.  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Universal Pictures

 
Filmdaten 
 
Willkommen in Marwen (Welcome to Marwen) 
 
USA 2018
Regie: Robert Zemeckis;
Darsteller: Steve Carell (Mark Hogancamp / Cap'n Hogie), Leslie Mann (Nicol), Stefanie von Pfetten (Wendy), Gwendoline Christie (Anna), Diane Kruger (Deja Thoris), Falk Hentschel (Captain Topf / Louis), Matt O'Leary (Lieutenant Benz / Carl) u.a.;
Drehbuch: Robert Zemeckis, Caroline Thompson; Produzenten: Cherylanne Martin, Jack Rapke, Steve Starkey, Robert Zemeckis; Kamera: C. Kim Miles; Musik: Alan Silvestri; Schnitt: Jeremiah O'Driscoll;

Länge: 115,57 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Universal Pictures; deutscher Kinostart: 28. März 2019



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<05.03.2019>


Zitat

"Ich kannte sie, bevor sie Jungfrau wurde."

Ein Zitat zu Doris Day (3. April 1922 - 13. Mai 2019), das laut Wikipedia ihrem ehemaligen Leinwandpartner Oscar Levant zugeschrieben wird.

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