10.09.2015
Fantasievoll, bezaubernd und einsichtsreich

Alles steht Kopf


Alles steht Kopf Den kleinen und großen Zuschauern macht dieser 3D-Film (Originaltitel "Inside Out") bewusst, dass Freude die treibende Kraft unseres Lebens ist. Sie ist es, die selbst in der größten Hoffnungslosigkeit nie aufgibt, und sich immer wieder gegen Kummer, Angst, Wut und Ekel durchsetzen muss. Insgesamt fünf Emotionen sind figürlich dargestellt im neuen Disney Pixar-Animationsstreifen. Sie sind zierlich, flauschig, liebenswert, natürlich auch mal nervtötend aber sehr unterhaltsam und befinden sich im Kopf des elfjährigen Mädchens Riley, das gerade eine schwierige Lebensphase durchmacht.

Strategisch setzt Disney traditionsgemäß auf die Unterhaltung von Kindern und Erwachsenen zugleich – und die Rechnung geht immer wieder auf. Fantasievoll umgesetzt ist das emotionale Innenleben des kurz vor der Pubertät stehenden Mädchens Riley, das eine emotionale Herausforderung zu meistern hat: den Verzicht auf den idyllischen Ort, wo sie aufgewachsen ist, den Verlust ihrer Freunde, Umzug in eine Stadt mit neuen Herausforderungen, neuer Schule, neuen Lehrern und Mitschülern. Ihr Frust fühlt dazu, dass die negativen Gefühle auch mal Oberhand gewinnen, und aus diesem Schlammassel muss sie gerettet werden.

Ein ganzes System von Kurz- und Langzeitgedächtniseinheiten und -ablagerungstechniken haben sich die zweifelsohne begabten Filmemacher ausgedacht, die nicht nur kindgerecht, sondern auch poetisch und verträumt dargestellt werden. Man lacht viel in diesem Film, man wird auch mal kurz traurig und nachdenklich, und gruselig wird es auch, wenn ein Besuch im Unterbewusstsein ansteht (wobei der Film gut auch ohne die beängstigenden Teile ausgekommen wäre).

Alles steht Kopf "Freude" ist das mit Abstand am bezauberndsten dargestellte kleine und von innen leuchtende Figürchen im Kopf, weil sie liebenswert, lustig, mutig, ausdauernd und bedingungslos loyal ist. Sie muss aber – wie Riley – auch eine Erfahrung durchmachen, an der sie wächst. Sie erkennt, wie wichtig die kaltblaue "Kummer" ist – die zwar klug und lernbegierig ist aber ewig nörgelnd nur das Negative sieht. "Wut" ist natürlich rot – bei großer Erregung brennen ihm heiße Flammen auf dem Kopf. "Angst" und "Ekel", lila und grün dargestellt, haben eher eine Schutzfunktion, die jedoch nicht unterschätzt werden darf.

Rileys Emotionen und Gedanken, ihre Kernerinnerungen erschaffen Welten wie das Fantasieland, abstraktes Denken oder die Quatschmachinsel, die aber auch negativen Erfahrungen zum Opfer fallen können. Dennoch weiß man beim Abstürzen von Welten oder Auflösen von Erinnerungen, dass etwas Neues und etwas Schöneres entstehen kann. Zugunsten der inneren Begebenheiten wird auf Details aus Rileys Leben verzichtet, so dass wir am Ende ihre Emotionen besser kennen als das Mädchen selbst, was doch etwas abträglich ist. Dennoch wiegt die faszinierende Erfahrung des (natürlich vermeintlichen) Eintauchens in eine zum Leben erweckte und sonst so mysteriöse Innenwelt alles auf.

Man erkennt die Handschrift von "Oben"-Regisseur Pete Docter und seinem Co-Regisseur Ronnie del Carmen. Die Tochter des Regisseurs lieh der kleinen "Ellie" aus "Oben" ihre Stimme – zum Zeitpunkt von "Alles steht Kopf" war sie bereits 11 Jahre. Ihre scheinbare Wesensveränderung vom heiteren Kind zum zurückgezogenen Mädchen inspirierte ihren Vater bei den Arbeiten zum neuen Film. Den einfühlsamen dynamischen und gelegentlich romantisch-verträumten aber auch oft betont zurückhaltend traurigen Soundtrack schrieb Michael Giacchino, der bereits im "Oben"-Team, aber auch bei "Ratatouille" dabei war.

Alles steht Kopf Wissenschaftler und neueste Forschungsergebnisse über menschliche Emotionen wurden mit einbezogen – bei der Auswahl der fünf Emotionen standen unterschiedliche Forschermeinungen zur Verfügung, da die Bandbreite von vier bis 27 reichte. Das Pixar-Team entschied sich für jene fünf, die in allen relevanten Forschungsarbeiten vorkamen. Den empfindlichen Teil der Entwicklung einzufangen, die mit dem bittersüßen Gefühl des Verlustes von Kindheit und aufkeimender Coolness des Jugendlichenalters (ansatzweise in "Toy Story 3" vorhanden) einhergeht, ist eine der herausforderndsten und interessantesten Aufgaben, weil der Urgedanke der Neuschöpfung durch Zerstörung dahintersteckt. Der Film ist eine bereichernde Erfahrung und wird mit großer Sicherheit nicht nur Zuschauer, sondern auch Preise anziehen.  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * * * (4 von 5) 

 
Filmdaten 
 
Alles steht Kopf (Inside Out) 
 
USA 2015
Regie: Pete Docter; Co-Regie: Ronnie del Carmen;
Deutsche Sprecher: Hans-Joachim Heist (auch bekannt als "Gernot Hassknecht"), Olaf Schubert, Bettina Zimmermann, Kai Wiesinger, Katja von Garnier, Dietmar Bär, Klaus-J. Behrendt, Matthias Roll, Philipp Laude u.a.;
Drehbuch: Meg LeFauve, Josh Cooley, Pete Docter nach der Story von Pete Docter, Ronnie del Carmen; Produzent: Jonas Rivera; Musik: Michael Giacchino; Schnitt: Kevin Nolting;

Länge: 94,45 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von The Walt Disney Company (Germany) GmbH; deutscher Kinostart: 1. Oktober 2015

Auszeichnungen:

Golden Globe ® 2016 als "Bester Animationsfilm"



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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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