20. Februar 2001

Hollywood wagt eine Zeitkritik


Cast Away
- Verschollen


Cast Away - Verschollen: Chuck Noland (Tom Hanks) mit Uhr

Heute Memphis, morgen Russland, dann Südamerika. Chuck Noland hat viele Termine, aber keine Zeit. Der bodenständige Topmanager des amerikanischen Postunternehmens FedEx ist beruflich zum Kampf gegen die Uhr verpflichtet, denn Zeit ist Geld im Postgewerbe. Selbst sein Privatleben kann er vor diesem rasanten Rhythmus nicht schützen: Weihnachten feiert er mit seiner Lebensgefährtin im Auto auf dem Flughafen. Hastig verspricht er, Sylvester wieder zurück zu sein, und schon ist er wieder in der Luft.



Doch die FedEx-Maschine stürzt über dem Pazifik ab. Chuck überlebt als einziger in seiner Rettungsinsel, die ihn an den Strand einer unbewohnten Insel trägt. Obwohl Chuck anfangs keinen Augenblick lang verzagt und alles für seine Rettung vorbereitet, dauert es vier Jahre, bis er die Insel verlassen kann. Vier Jahre - wie viele Ewigkeiten müssen das für jemanden sein, dem schon bei wenigen Minuten Verspätung die Finger feucht werden?

Regisseur Robert Zemeckis setzt diesen Zeitunterschied perfekt um: Immer schneller werden die Bilder von der modernen Welt - bis zum Kollaps. Danach spielt sich das Leben des Kosmopoliten auf einer kleinen Insel ab, wo Knacklaute der Natur, Wind- und Meeresrauschen das einzige Aufregende sind.
Lange Zeit keine Dialoge, kaum Handlung - und dennoch zittert man mit Tom Hanks als Chuck Noland, wenn er gegen die Natur um sein Überleben kämpft. Jede einzelne Gefühlslage nimmt man dem Schauspieler ab. Tom Hanks, der für den Film während der Dreharbeiten 50 Pfund abspeckte, wurde dadurch bereits wieder als Oscar-Favorit gehandelt. Für diese Leistung käme er jedoch wohl für jede Auszeichnung in Frage.

Auch technisch ist der Film vollkommen. Atemberaubend ist vor allem die Nachvertonung. Als es nachts zu regnen beginnt, scheinen die Tropfen auf die Decke des Kinosaals zu prasseln, und als Zuschauer will man sich schutzsuchend in den Sessel kriechen wie Chuck in seine Höhle.

Cast Away - Verschollen: Vier Jahre später; mit Volleyball (vorn)

Besonders eindrucksvoll ist auch die Kameraführung: Auf einem Berg, hoch über dem Meer, robbt Chuck an den Rand des Felsens, um nach unten schauen zu können. Die Kamera fährt schneller in dieselbe Richtung, so dass man meint, jeden Moment hinabstürzen zu können.
Anschließend schwenkt werden durch einen langsamen Schwenk Bilder erzeugt, dass einem Höhenangst und Schwindel auf den Magen schlagen. Ebenso gelungen sind die Bilder der übermächtigen Wellen, die einen Fluchtversuch Chucks vereiteln und ihn zurück zur Insel schicken.

"Cast Away" stellt vielschichtig und kritisch die Hektik der globalisierten Konsumgesellschaft dar. Die Menschen haben keine Zeit füreinander und kennen sich nur oberflächlich: Trotz eines persönlichen Verhältnisses erfährt Chuck erst nach dem Tod des Piloten, dass dieser Albert, nicht Alan heißt. Verschollen auf einer abgelegenen Pazifikinsel wird Chuck deutlich, dass Menschen und Zeit wichtiger sind als Arbeit und Erfolg. Aus lauter Einsamkeit spricht er zu einem angeschwemmten Volleyball, den er Wilson nennt.

"Cast Away" wäre in seiner Gesellschaftskritik wohl weniger beachtlich, wenn Film und Filmemacher keine Insider wären. Doch es ist eine Großproduktion aus Hollywood. Das macht die Kritik einerseits glaubwürdig. Auf der anderen Seite schwächt die Bindung an Erzählstrukturen à la Hollywood die Aussage des Films. Nichts bleibt offen. Wenn der Film zu Ende ist, bleiben keine Fragen. Außerdem bilden gleich zwei Rahmenhandlungen eine Pufferzone zwischen der Kritik und ihrem Gegenstand. Ein längeres Nachdenken ist nicht zwingend und die Kritik an der Gesellschaft ohne Zeit daher etwas halbherzig. Sie bleibt vermutlich wirkungslos.

 
Tobias Vetter / Wertung: * * * * (4 von 5)

Quelle der Fotos: 20th Century Fox


Filmdaten

Cast Away - Verschollen
(Cast Away)

USA 2000

Regie: Robert Zemeckis;
Darsteller: Tom Hanks (Chuck Noland), Helen Hunt (Kelly Frears), Nick Searcy (Stan), Christopher Noth (Jerry Lovett) u.a.; Drehbuch: William Broyles Jr.; Produktion: Steven Spielberg, Robert Zemeckis, Tom Hanks, Joan Bradshaw u.a.; Kamera: Don Burgess;

Länge: 143 Minuten; FSK: ab 12 Jahren




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Zitat aus "Cast Away"
"Lieber dort als auf dieser beschissenen Insel sterben und mit einem Volleyball zu reden. Na, was ist, hat's dir die Sprache verschlagen?"
Tom Hanks als Chuck Noland  



Zitat

"Kein guter Film ist zu lang und kein schlechter Film ist kurz genug."

US-Filmkritiker Roger Ebert (+ 2013)

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