März 2002

Enthäutete Intimität

Tattoo

Tattoo: August Diehl "Tattoo", Erstlingswerk des Regisseurs und Drehbuchautors Robert Schwentke, enthält eine schwächer ausgearbeitete Dramaturgie, aber seine Untersuchung der von Leidenschaften, Süchten und Amoral kontrollierten Protagonisten, die über Leichen gehen, Konsequenz ihrer Triebe, ist ein anatomisch klar zerlegender Blick hinter die oberflächlichen menschlichen Hüllen, deren Innenleben nach und nach, dem Zuschauer unter die Haut gehend, entblößt sein werden.

Die vielleicht bemerkenswerteste Szene des Films spielt in einem klinisch sauberen Raum: Museal geordnet hängen Bilder von der Decke, gemalt auf wertvollem Pergament - so scheint es. Die Hauptfigur von "Tattoo" wird ans Werk der Zerstörung gehen, alle für den Besitzer kostbaren Kunstwerke kompromisslos anzünden, dabei für ihn selbst wie für den Zuschauer den Ekel vor den menschlichen Abgünden, der sich bis dahin in diesem Thriller mit fortschreitender Entwicklung angestaut hat, abbauen, eine regelrechte Katharsis einleiten. Die Malereien sind Tätowierungen, die vermeintlichen Pergamente tatsächlich Pergamente, Häute, aber anderer Natur: Menschliche Häute sind sie, abgezogen von den Körpern derer, für die aus existenziellen Gründen nur noch der Verkauf ihrer blanken Haut übrig blieb - und von den Körpern derer, die dafür sterben mussten. Die Szene ist auch deswegen bemerkenswert, weil sie im Film in ihrer Hochglanz-Ästhetik allein dasteht: Den Menschen gilt nicht annähernd äquivalente Wertschätzung wie den eigenen Begierden.

Tattoo: Jasmin Schwiers Ein deutscher Thriller hat es im Jahr 2000 durchaus wohltuend innovativ vorgemacht: In "Anatomie" fand eine Mordserie zu dem Zweck statt, menschliche Körper zu missbrauchen - zunächst im Sinne der Wissenschaft, dann aber noch erweitert um einen Diskurs um Macht und Gewalt, der sich mit einer mal latent, mal manifest ausgetragenen Verbindung zur Erotik entspann. Mit dem geschilderten Element des eigenen Existenzverlustes für das Streben anderer nach Überlegenheit in der Frage um Leben und Tod ließ sich zudem beim Kino-Besucher die für Mainstream-Produktionen erwünschte Gänsehaut erzeugen. Robert Schwentke geht in "Tattoo" diesbezüglich einen Schritt weiter: Diese Haut des Menschen ist es hier selbst, um die es geht, die, durch Tätowierungen zu Kunstwerken erhoben, Tote fordert. Der Krimi-Plot von "Tattoo" hält einer kritischen Hinterfragung nach Logik nicht lange stand, aber für Regisseur und Drehbuchautor Schwentke ist dieser glücklicherweise zweitrangig. Vielmehr durchleuchtet er brillant die Psyche und die im Verlauf der Handlung verloren gehende Intimsphäre seiner Charaktere, allen voran die beiden Kriminalen, die an der Suche nach dem Täter, mögen sie am Ende des Films darin erfolgreich sein oder nicht, zerbrechen.

Zu Beginn des Films läuft eine Frau, sehr entkleidet und ohne rechtes Bewusstsein, eine dunkle Straße entlang. Sie muss gerade etwas Extremes durchgemacht haben, welches sie den sie gleich überfahrenden LKW nicht mehr wirklich wahrnehmen lässt. Aus einem genauso düsteren Bauruinenkeller - depressive Finsternis bestimmt durchgehend die Atmosphäre des Films - könnte sie gekommen sein, in dem der junge Marc Schrader (August Diehl) gerade noch die Freuden einer illegalen Disco genießt. Die von Hauptkommissar Minks (Christian Redl) geleitete Razzia macht dem ein jähes Ende. Marc kann unter dem Verlust seiner Jacke gerade noch entkommen. Seine Laufbahn als Polizist könnte gerettet sein, doch Minks erpresst den frisch gebackenen Absolventen der Polizeischule mit den in der Jacke gefundenen Ecstasy-Pillen. Minks zwingt Marc in seine Kriminal-Abteilung, in ihm erhofft sich Minks, bei Kollegen unbeliebter und als unbeherrscht geltender Einzelgänger des Typs Bärenbeißer, einen V-Mann in der ihm selbst unzugänglichen Szene. Dort soll die Tochter eines Freundes vor zwei Jahren abgetaucht sein; es ist eine Lüge, die Fassade des emotionslos wirkenden Minks zeigt bald erste Risse, hinter der Verschollenen verbirgt sich Minks' eigene Tochter Marie (Jasmin Schwiers), wie Marc herausfindet. Die beiden Kollegen auf erzwungener Kooperationsbasis haben in jener selben Untergrund-Szenerie ihren ersten gemeinsamen Fall zu lösen: Der vom Lastwagen überfahrenen Frau fehlen große Stücke ihrer Haut. Sie wird nicht das einzige Opfer bleiben in einer Serie an Mordfällen, in der es offensichtlich um das leidenschaftliche Sammeln wertvoller Tätowierungen geht. Auch Schrader und Minks werden ihrerseits Opfer werden - psychischer Art: Der Täter und seine Helfershelfer treiben auch mit ihnen ein perverses Spiel um Übermacht und Erniedrigung.

Tattoo: Nadeshda Brennicke, August Diehl Das Auge spiegelt die Seele des Menschen wider. Genauso die Haut. Mit dem Unterschied: Die Haut gibt dem Augapfel als Augenlid umhüllenden Schutz. Und für beide gilt: Sie sind ausschlaggebend für die erotische Ausstrahlung des Menschen. Wie auch für beide gilt: Ihre Verletzung entkernt den Menschen nicht nur physisch; eine seelische Zerstörung kommt hinzu, und Robert Schwentke treibt die in seinem Debütfilm geschilderte Perversion, ein Reigen aus Süchten, erotischen Begierden und Lust auf Schmerzzufügung, auf die Spitze. Nichts lässt Schwentke in seiner Palette menschlicher Abgründe aus, wie der Film es in Form sämtlicher Personen, auf die Marc im Verlauf seiner Recherchen stoßen wird, zeigt: Ein Junkie (Ingo Naujoks) verkauft seine Tätowierungen gegen Drogen; sie werden ihm am lebendigen Leib abgerissen. Solchermaßen und durch Morde gewonnene Tattoos landen im Besitz von Kunstsammlern wie dem Anwalt Schoubya (Johan Leysen), deren Leidenschaft für sie längst in Sucht umgewechselt ist und kriminelle Energien verlangt. Marc verfällt der Erotik der Ganzkörper-Tätowierungen der Verdächtigen Maya (Nadeshda Brennicke). Das kleine Brust-Tattoo der von Marc wieder entdeckten Marie wird ihr ganz eigenes Opfer fordern. Ein gestellter Täter (Joe Bausch), Helfer des wahren Mörders, entzieht sich der Verhaftung auf eine Weise, wie sie im Kino dermaßen drastisch noch nicht zu sehen gewesen ist. Diesem Reigen emotionaler Zwänge wird am Ende keiner der Beteiligten entkommen. Auch der Mörder nicht. Auf seine Weise.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5)

Quelle der Fotos: Tobis


Filmdaten

Tattoo


Deutschland 2002
Regie & Drehbuch: Robert Schwentke; Darsteller: August Diehl ("23 - Nichts ist so wie es scheint", "Die Braut", "Kalt ist der Abendhauch"; Marc Schrader), Christian Redl ("Lea", "Das Trio"; Minks), Nadeshda Brennicke (Maya), Johan Leysen (Frank Schoubya), Monica Bleibtreu ("Lola rennt", Katia Mann in "Die Manns"; Oberkommissarin Roth), Gustav-Peter Wöhler ("Erleuchtung garantiert"; Scheck), Ilknur Bahadir (Meltem), Ingo Naujoks (Stefan Kreiner), Joe Bausch (Günzel), Jasmin Schwiers ("Schule"; Marie Minks), Fatih Cevikkollu (Dix) u.a.; Produzenten: Roman Kuhn, Jan Hinter; Co-Produzentin: Wiebke Toppel; Kamera: Jan Fehse; Musik: Martin Todsharow; Schnitt: Peter Przygodda.

Länge: 108 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; deutscher Kinostart: 4. April 2002.



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