März 2002

Kaugummisprint

Lola rennt

"Lola rennt" war einer der größten auch internationalen Erfolge des deutschen Films der letzten Jahre und für Regisseur Tom Tykwer die Eintrittskarte zu kostspieligeren Produktionen wie zuletzt "Heaven". Zu gleichen Teilen originell und flach taugt der Film zum Fallbeispiel deutschen Massengeschmacks, reflektierte er doch vermutlich die jungen Deutschen und wie sie die Welt sahen, - oder besser, sehen wollten: Als Computerspiel.

Lola rennt: Franka Potente Grellrotschopf Lola (Franka Potente) hat es eilig, denn ihr Freund Manni (Moritz Bleibtreu) hat 100.000 DM in der (Berliner) U-Bahn vergessen. Die muss er aber bis 12 seinem Kleingangsterboss übergeben. Wenn nicht, macht der kurzen Prozess. Lolas erste Anlaufstation: Papa. Denn der ist Bankdirektor, sitzt also direkt an der Quelle. Zu dumm nur, dass er sein Töchterlein nicht wirklich liebt und zu dumm, dass Lolas Überzeugungskraft unter ihrer Einsilbigkeit zusammenbricht, kurz: Irgendwie geht alles schief. Doch als es das tut, geht's wieder von vorne los, denn Lola kriegt heute nicht nur eine, sondern drei Chancen. Durch zeitliche Verzögerungen entstehen jedes mal neue Varianten von Zufällen (die Chaostheorie lebt), und was der galoppierende Schmetterlingsflügel Lola auch tut oder lässt, immer verändert sie die Schicksale derer, die sie einmal anrempelt und beim nächsten Mal passieren lässt, neu. Selbstverständlich variiert auch Mannis und Lolas Fatum je nach Timing, so dass es sich immer wieder lohnt, noch mal loszulaufen, am Ende könnte man ja Glück haben. Als sich dieses Glück dann doch nicht ohne weiteres einstellen will, holt Tykwer Brechstange Gott aus dem Ärmel und reicht sie Lola, die sich (zufällig - wie sonst?) daran erinnert, dass Beten ja auch noch geht. Ob und wie es damit klappt, wird nicht verraten, aber schön, dass es noch junge Autoren/Regisseure gibt, die Religion "cool" finden....

Es wäre ungerecht, "Lola rennt" seinen hohen Unterhaltungswert abzusprechen, besonders die ersten etwa 20 Minuten quellen über vor verspielten und witzigen Ideen. Lola mutiert zeitweise zur Zeichentrickfigur, die Zukunft der Menschen, denen sie begegnet, wird im Ultraschnellzeitraffer abgespult und ein flotter Technosoundtrack unterstützt das Erzähltempo. Wie in einem Computerspiel hat sich Lola "abgesaved" und kann im nächsten Durchlauf dazu lernen,- wenn sie auch leichte Probleme damit hat. Nur etwas zu vertraulich nahe werden Manni und Lola dem Zuschauer angedient. Wer sich mit deren Naivität nicht gern identifizieren mag, wem die konstruiert wirkende Wiederholungsgeschichte mit ihren comicartig reduzierten Figuren dann doch zu aufgesetzt erscheint, wer neben Unterhaltung schon auch eine Prise Echtes vom Kino erwartet, dessen Spass wird bei "Lola rennt" immer wieder ausgebremst werden, und er behält hinterher einen komischen Geschmack im Mund, - wie von billigem Kaugummi.  

Andreas Thomas / Wertung: * * (2 von 5)

Quelle des Fotos: X-Verleih


Filmdaten

Lola rennt


Deutschland 1998
Titel für den englischsprachigen Markt: Run Lola Run
Regie & Drehbuch: Tom Tykwer;
Kamera: Frank Griebe; Schnitt: Mathilde Bonnefoy; Produzenten: Stefan Arndt für X-Filme Creative Pool; Musik: Tom Tykwer, Johnny Klimek, Reinhold Heil; Ausstattung: Alexander Manasse; Kostüme: Monika Jacobs; Make-Up: Margrit Neufink; Ton: Frank Behnke;
Darsteller: Franka Potente (Lola), Moritz Bleibtreu (Manni), Herbert Knaup (Lolas Vater), Armin Rohde (Herr Schuster), Joachim Król (Norbert von Au / Penner), Heino Ferch (Ronnie), Nina Petri (Frau Hansen), Suzanne von Borsody (Frau Jäger), Lars Rudolph (Kassierer Kruse), Ludger Pistor (Herr Meier), Sebastian Schipper (Mike) u.a.

Länge: 81 Minuten; deutscher Kinostart: 20. August 1998



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Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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