23.05.2021

Zynismus im Zweiten Weltkrieg unter Inhaftierten

Stalag 17

Der renommierte Komödien-Regisseur Billy Wilder ("Manche mögen's heiß") drehte 1953, acht Jahre nach dem Ende Hitlers, diesen ernsteren Spielfilm. Es ist 1944, alliierte Kriegsgefangene sind auf deutschem Boden in einem Lager untergebracht. In einer der Baracken gerät der alles zynisch kommentierende Lieutenant Sefton (William Holden) in Verdacht, Nazi-Spion zu sein, und muss versuchen, den tatsächlichen Maulwurf unter den anderen zu finden; wissen doch die Wächter von Fluchtplänen, und der Verräter steckt weitere Geheimnisse den Deutschen zu.
Atmosphärisch dicht und inszenatorisch sehr gelungen ist "Stalag 17", Wilders Film basierend auf einem Theaterstück (was man anhand der Kammerspiel-Dramaturgie merkt) hat nur ein Manko: Er baut Slapstick-Einlagen zur Auflockerung und Unterhaltung ein, die das ansonsten intelligente Psychogramm Inhaftierter stören: Was empfinden die bunt zusammengewürfelten Nazi-Gegner in ihrer Haft seelisch (ein Gefangener ist psychisch krank), wie kommen sie untereinander klar, "Big Brother" lässt grüßen.

Wem die Szenerie bekannt vorkommt: Es könnte an der 1960er-Jahre-Comedyserie "Ein Käfig voller Helden" liegen. Sie nahm sich Billy Wilders Film zum Vorbild, die Gemeinsamkeiten reichen bis zum Namen Schulz für den deutschen Wächter, der den wichtigsten Kontakt der Gefangenen darstellt. Das Lager trägt in der Serie einen Namen mit einer Unglückszahl, Stalag 13. Aber die Ernsthaftigkeit des Films ist gebrochen, Klamauk bestimmt die Serie, in ihr ist das Lager für Freigänge und Anschläge untertunnelt, es gibt keinen Spion, die Alliierten machen mit den Nazis, was sie wollen. Zur Serie "Ein Käfig voller Helden" vergleiche die Kritik zum Spielfilm "Auto Focus".

Der jüdische Österreicher Billy Wilder floh einst vor den Nationalsozialisten in die USA – und verlor fast seine ganze Familie in Konzentrationslagern. "Stalag 17" wird zur Abrechnung mit den Nazis. Der Lagerkommandant Oberst von Scherbach (Otto Preminger, ein damals sehr bekannter Regisseur) und sein Untergebener Schulz (Sig Ruman, deutschstämmiger Schauspieler, bekannt aus Filmen der Marx Brothers oder von Ernst Lubitsch) bezeichnen sich als "Freunde" der Gefangenen. Diese sehen es nicht so, zu Beginn des Films endet ein Fluchtversuch tödlich. Die Deutschen wussten von den Fluchtplänen, dabei hatte der Sicherheitsbeauftragte der Inhaftierten, Price (der junge Peter Graves, später bekannt aus der Serie "Kobra, übernehmen Sie") alles bis ins kleinste Detail geplant gehabt. Wer verriet alles? Der Film wird zum Whodunit-Krimi. Verdächtig ist Lt. Sefton (William Holden bekam für seine Rolle des Einzelgängers den Academy Award, den Oscar), da er auf ein Scheitern der Flucht wettete. Sefton gerät immer mehr zum Außenseiter und muss den wahren Täter finden. Dieser gibt mehr und mehr Geheimnisse den Deutschen preis, steht mit Wächter Schulz in Kontakt.

Die Kammerspiel-Atmosphäre des Films ist großartig in Szene gesetzt. In ihr lässt Billy Wilder die Psyche der unter Lagerkoller Leidenden nicht außer Acht: Ein Gefangener redet nicht mehr, spielt Panflöte, er ist geisteskrank geworden. Aber auch die normal kommunizierenden Alliierten sind verstört, Misstrauen geht um, es passt gut zur Kriminalgeschichte um den Verräter. Wilder begutachtet die Psyche der Lagerinsassen, in einer Hinsicht zu viel: Zwei von ihnen, Harry und "Nilpferd" (im Original: "Animal") sorgen für eine zu kräftige Portion Klamauk.

Deren Darsteller Harvey Lembeck und Robert Strauss wiederholen ihre Broadway-Rollen. Auf sie legt der Film zu viel Gewicht: Es schadet dem Film, dass "Nilpferd" von Schauspielerin Betty Grable träumt und im Wahn Kumpel Harry mal für die Angebetete hält. Ebenfalls störend: Tanzszenen der Männer zu Weihnachten und der Versuch, weiblichen russischen Gefangenen nahe zu kommen. Es kommt zu spaßig herüber.

Unterschwellig böser Humor Billy Wilders findet sich hingegen in der Szene, in der Kommandant Oberst von Scherbach den Mann des Roten Kreuzes empfängt: Dieser weist auf die Genfer Konventionen hin, übt aber seinen Job nicht richtig aus bei der Verteidigung eines vom Spion enttarnten Saboteurs. Er ist bei von Scherbach, hat drei Tage nicht geschlafen. Es interessiert den Rotkreuz-Mann zwar, aber er unternimmt nichts.

Wie Wilder die Schauspieler einsetzt, ist richtig und stimmig. Es gilt für Holden wie für Preminger wie für Sig Ruman als Schulz. Ruman stellt ihn als gemütlichen Wachmann dar, bei dem ein Unterton mitschwingt: Ihn könnte sich das Kinopublikum eher bei einer Schweinshaxe mit Sauerkraut vorstellen als im Krieg. Aber in den sind die Protagonisten hineingezogen.

Alles dominiert William Holden. Über das Ende des Films sei verraten: Holdens Sefton wird mit einem gesuchten Mitgefangenen flüchten. Warum tut er es und niemand anderes? Er hat, und sagt es auch grinsend, genug von den anderen aus seiner Baracke. Es ist ein Weggang wie Gary Coopers Marshall in "Zwölf Uhr mittags" (ein Jahr vorher gedreht) nach getaner Arbeit, nach dem Sieg im Kampf gegen Verbrecher, nachdem er von seinen Leuten im Duell im Stich gelassen worden war.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Stalag 17
(Stalag 17)

USA 1953
Regie & Produktion: Billy Wilder;
Darsteller: William Holden (Sgt. J.J. Sefton), Don Taylor (Lt. James Dunbar), Otto Preminger (Oberst von Scherbach), Robert Strauss (Sgt. Stanislaus "Nilpferd" Kuzawa), Harvey Lembeck (Sgt. Harry Shapiro), Richard Erdman (Sgt. "Hoffy" Hoffman), Peter Graves (Sgt. Frank Price), Neville Brand (Duke), Sig Ruman (Sgt. Johann Sebastian Schulz), Michael Moore (Sgt. Manfredi), Peter Baldwin (Sgt. Johnson), Robinson Stone (Joey), Robert Shawley (Sgt. "Blondie" Peterson) u.a.;
Drehbuch: Billy Wilder, Edwin Blum nach dem Theaterstück von Donald Bevan und Edmund Trzcinski; Kamera: Ernest Laszlo; Musik: Franz Waxman; Schnitt: George Tomasini;

Länge: 116 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; westdeutscher Kinostart: 2. Februar 1960



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"Einen Film auf der Mattscheibe zu sehen, das ist etwa so, als würde man einen van Gogh auf einer Briefmarke betrachten."

Schauspieler Jean-Paul Belmondo (9. April 1933 - 6. September 2021)

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