7. November 2006

Allein gegen das Verbrechen

Zwölf Uhr mittags



Marshal Will Kane (Gary Cooper) gibt seinen Sheriffstern ab. Er hat gerade geheiratet und ist dabei, mit seiner Frau die Stadt zu verlassen. Er kehrt zurück; er kann nicht aufbrechen: Punkt zwölf wird ein freigelassener Mörder mit dem Zug in die Stadt kommen. Sein Ziel: Kanes Tod. Kane weiß, dass er sich stellen muss.
Da der Film 1952, also zur Zeit des Kalten Krieges entstand, wurde er auch politisch gelesen. Regisseur Fred Zinnemann verweigerte sich allerdings dieser Interpretation.

I'm not afraid of death but oh
What will I do if you leave me?

Wir befinden uns in einer amerikanischen Kleinstadt zur Zeit des Wilden Westens, es ist etwa viertel vor elf Uhr vormittags. Für Will Kane (Gary Cooper) ist heute ein besonderer Tag: Gerade im Moment heiratet er Amy (Grace Kelly), aber nicht kirchlich, weil sie Quäkerin ist. Außerdem wird er heute sein Amt als angesehener Sheriff der Stadt ablegen, er ist alt geworden und morgen kommt der Neue. Dabei hat er doch diese Stadt zu dem gemacht was sie ist, von Raub und Mord gesäubert. Kane gibt seinen Stern wenig begeistert ab und macht sich mit Kutsche und Frau auf den Weg in die Flitterwochen.

Doch Kane verlässt die Stadt mit einem unguten Gefühl; kurz vor seinem hastigen Aufbruch hatte er erfahren, dass Frank Miller mit dem Mittagszug auf dem Weg in die Stadt ist. Kane hatte den gefährlichen Mörder eingebuchtet, aber die Justiz ließ ihn wieder laufen. Jeder weiß, dass Miller in die Stadt kommt, um ihn zu töten. Es ist kurz vor elf und um Punkt zwölf wird der Zug einfahren. Kane stoppt. Er kann nicht davonlaufen, er muss sich stellen und fährt zurück in die Stadt. Er weiß, dass in etwa einer Stunde eine Entscheidung über Leben und Tod getroffen werden muss.

I won't be leavin'
Until I see Frank Miller dead.

Vom ersten Moment an wird der Zuschauer von Fred Zinnemanns Westernklassiker "Zwölf Uhr mittags" gefesselt und erlebt die knappen 80 Minuten ziemlich dicht an der Seite Kanes, durchleidet mit ihm sein Scheitern. Die erzählte Zeit ist nahezu gleich der Erzählzeit und mit jeder Minute fiebert der Betrachter der Mittagsstunde mehr entgegen. In der knappen Stunde von elf bis zum Showdown zeigt Zinnemann ein gutes Stück der gesellschaftlichen Verwicklungen in der Stadt. Nach und nach verlässt jeder Kane, sogar seine Frau steht nicht an seiner Seite. Manche lassen sich verleugnen, andere sich irgendwelche Ausreden einfallen. Die Orte, an denen der Film spielt sind oft Orte des gesellschaftlichen Zusammenkommens. In der Kirche trifft er auf Ablehnung, im Saloon wird er sogar ausgelacht und muss den Laden geschlagen verlassen - er ist ein Ausgestoßener, genau wie die beiden Indianer, die während dieser Szene im Hintergrund stehen und sich nicht in den Saloon hineintrauen.

Doch Kane weiß, dass er sich stellen muss. So wartet er alleine auf Miller und drei von dessen Kumpanen (einer davon wird von Lee van Cleef gespielt). Kanes Sarg ist bereits gezimmert. Es ist jetzt genau zwölf Uhr mittags. Eine bedrohliche Stille liegt über der Stadt.

The noon day train will bring Frank Miller
If I'm a man I must be brave
And I must face a man who hates me
Or lie a coward, a craven coward
Or lie a coward in my grave.

"Zwölf Uhr mittags" räumt gewissermaßen mit dem Westerngenre seiner Zeit auf; es gibt weder prächtige Landschaftsaufnahmen, noch glorifizierte (Revolver-)Helden. Keinen gemütlichen Plausch am Lagerfeuer, sondern karge schwarz/weiß-Aufnahmen, welche die in der Stadt herrschende nervöse Anspannung verbildlichen. Keinen John Wayne mit Halstuch auf rosa Hemd, sondern große Schweißflecken unter den Achseln der Cowboys. Mit seinem Bild vom Wilden Westen stellt High Noon sich somit an den Anfang einer Tradition, die bis zu Clint Eastwoods "Erbarmungslos" (1992) und Jim Jarmuschs Antiwestern "Dead Man" (1995) führt. Zuletzt hat Kane ein blutendes Gesicht und trägt ein verdrecktes, zerrissenes Hemd. Die Bewohner der Stadt lassen ihn im Stich, sie haben sich geschlossen in ihren Häusern verschanzt. Am Ende werden sie alle auf die Straße laufen. Aber da liegt Kanes Sheriffstern schon am Boden im Staub. Sie werden dasselbe sagen wie vorher, dass Kane der beste Sheriff der Stadt war und sie zu dem gemacht hat, was sie jetzt ist. Und dass er sich der Gefahr mutig gestellt hat - wie ein Mann.

Da der Film 1952, also zur Zeit des Kalten Krieges entstand, wurde er auch politisch gelesen. Zinnemann interessierte sich jedoch nach eigener Aussage in erster Linie für das Thema des allgegenwärtigen Kampfes Gut gegen Böse und nicht für die "politischen Untertöne". Außerdem spielt die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft eine wesentliche Rolle. Die Geschichte könnte auch zu jeder anderen Zeit und in jedem anderen Milieu spielen. Es geht um Angst, Liebe, Verrat, Feigheit, Neid, Freundschaft, Mut, Verzweiflung, Scheitern - also um das Menschsein an sich und das Menschsein innerhalb einer gesellschaftlichen Struktur. Man kann sich einmal ernsthaft selbst fragen, ob man an der Seite von Will Kane dem Bösen entgegen gegangen wäre oder das Ganze lieber nicht zu seiner eigenen Angelegenheit gemacht hätte.

Or lie a coward, a craven coward
Or lie a coward in my grave.

"Zwölf Uhr mittags" ist zu Recht einer der großen Westernklassiker, er wurde und wird bis heute immer wieder zitiert (etwa von Sergio Leone sehr ausgiebig in "Spiel mir das Lied vom Tod") und hat das gesamte Genre nachhaltig beeinflusst, indem er sich einer Romantisierung des Wilden Westens verweigert. Die zunächst recht simple Geschichte wird aufgrund der komplexen Charakterzeichnungen, der innovativen Erzählweise (Erzählzeit = erzählte Zeit) und der nahezu perfekten Machart zu einem überaus unterhaltenden und künstlerischen Film.  

Christian Horn  / Wertung:  * * * * * (5 von 5)
 


 
Filmdaten 
 
12 Uhr mittags (High Noon) 

USA 1952
Regie: Fred Zinnemann;
Darsteller: Gary Cooper (Marshal Will Kane), Grace Kelly (Amy Fowler Kane), Thomas Mitchell (Mayor Jonas Henderson), Lloyd Bridges (Deputy Marshal Harvey Pell), Katy Jurado (Helen Ramírez), Otto Kruger (Richter Percy Mettrick), Lon Chaney Jr. (Martin Howe), Harry Morgan (Sam Fuller), Ian MacDonald (Frank Miller), Eve McVeagh (Mildred Fuller), Morgan Farley (Dr. Mahin), Harry Shannon (Cooper), Lee Van Cleef (Jack Colby), Robert J. Wilke (Jim Pierce), Sheb Wooley (Ben Miller) u.a.; Drehbuch: Carl Foreman nach der Story von John W. Cunningham; Produktion: Carl Foreman, Stanley Kramer (beide in den Credits nicht genannt); Kamera: Floyd Crosby; Musik: Dimitri Tiomkin; Länge: 85 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; schwarz/weiß



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Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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