8. Januar 2004

Generationen-Konfliktbewältigung

Lost in Translation


Zwei Amerikaner unterschiedlichen Alters, aber sehr ähnlicher Gemütslage lernen sich in einem Tokioter Hotel kennen - und auf ihre Weise lieben, indem sie die platonische Freundschaft hochleben lassen und sich gegenseitig aus ihren jeweiligen privaten Krisen durch Gemeinschaftsgefühl heraus helfen. In "Lost in Translation", ihrem zweiten Spielfilm nach "The Virgin Suicides" erweist sich Sofia Coppola als grandiose Erzählerin - und erlaubt sich eine nette Reminiszenz an ihren berühmten Vater Francis Ford Coppola.


Lost in Translation Erst viele Monate, nachdem "Lost in Translation" in den USA und bald darauf auch in den deutschen Kinos aufgeführt worden war, lief der Film im Frühjahr 2004 auch in den japanischen Kinos an, in jenem Land also, in dem der Film ausschließlich spielt, obwohl die beiden Hauptfiguren US-Amerikaner sind. Es war zu erwarten: Die Japaner zeigten sich nicht besonders amüsiert über ihre Darstellungsweise. Es werden ja auch schwere Geschütze aufgefahren von der Autorenfilmerin Coppola: Ist die Dusche zu niedrig eingestellt für nicht-japanische Hotelbesucher, so überragt Bob Harris (Bill Murray) andere Fahrgäste, Japaner, in einem Aufzug um Längen, ein japanischer Werbefilm-Regisseur, für den Harris Whisky in die Kamera zu halten hat, spielt Rumpelstilzchen, ein Talkmaster, den die Japaner als "Johnny Carson Japans" verehren sollen, stellt sich als Knallcharge heraus.

Lässt man diese und ähnliche komödiantisch zu überspitzt eingesetzten Effekte einmal außer Acht, so darf man "Lost in Translation" als eine der intelligentesten Tragikomödien seit Jahren betrachten.
Während der Titelsequenz sieht man eine liegende junge, leicht bekleidete Frau von hinten. Eventuell werden Erwartungen geweckt, aber das wären falsche Erwartungen: Um Erotik der sexuellen Art geht es nicht, um Erotik auf Grund von Empathie sehr wohl, das Gemeinsamkeitsgefühl in einer fremd gewordenen Welt. Gleichzeitig wird die gesellschaftliche Wiederentdeckung der väterlichen Freundschaft gefeiert. Beziehungsweise der Freundschaft schlechthin, jene, die auf Innigkeit und gerechtfertigtes blindes Verständnis setzt. So ähnlich ließ 1995 Richard Linklater in seinem preisgekrönten Film "Before Sunrise" zwei junge Menschen einander in einer fremden Stadt, Wien, kennen lernen, die Nacht miteinander verbringen, aber Sex lehnen sie am Schluss, kurz vor der Verabschiedung am Bahnhof ab, sie wollen ihre so kurzfristig begonnene Freundschaft in einer gewissen Unschuld belassen.

Bei Coppola ist es nicht Wien, sondern Tokio, aber die Umstände sind ähnliche, die zu ähnlichen positiven Folgen führen. Der von Bill Murray gespielte Bob Harris ist ein alternder Schauspieler, der den Zenit seines Ruhms hinter sich hat (Hatte er den jemals? Der Ausschnitt eines Films aus seinen vergangenen Zeiten zeigt ihn mit einem Schimpansen als Komparsen). Japan sieht in ihm aber immer noch den Filmstar, die halbe Welt hat er somit umkreist, weil die andere Seite des Erdballs ihm immer noch finanziell wohl gesonnen ist. Hier hat er immer noch Werbefunktion - für Whisky. Dem gibt Harris sich auch privat hin. Ist er anfangs noch durch den Jet-Lag belastet, stellt sich seine Ernüchterung die folgenden Tage über keineswegs ein. Denn er fühlt sich allein, im Stich gelassen. Er ist verheiratet, aber Telefonate mit Frau und Kindern sind ein Drama der Spießbürgerlichkeit. Kurz: Sein Leben ist festgefahren, er ist orientierungslos.

Lost in TranslationDie halb so alte Charlotte (Scarlett Johansson), die liegende Frau aus der Anfangsszene, begleitet ihren sie langweilenden Ehemann (Giovanni Ribisi) nach Tokio, ebenfalls aus beruflichen Gründen, er ist Starfotograf, der eigentlich mit B-Movie-Starlets besser kann als mit seiner eigenen Gattin. Sie hat den Tag über in Tokio nichts zu tun. Bald stellt sich heraus, wie sehr sie in einer ähnlichen Krise wie Harris steckt. Sie sucht nach einem Lebensziel. Sie ist orientierungslos.

Harris’ Midlife-Crisis wird bei ihr von einer Quarterlife-Crisis widergespiegelt, ein neuer Begriff für die Ziellosigkeit Heranwachsender und junger Erwachsener, ein Begriff, der spätestens dieser Tage hatte definiert werden müssen, denn Charlottes Dilemma ist in ihrer Generation hochaktuell.

In einer der schlaflosen Nachte treffen sich Bob und Charlotte an der Hotelbar, die im obersten Stock des modernen Hotels liegt mit Blick auf Tokio im Dunkeln, ein Blick, der tagsüber häufiger auf ein dem Empire State Building gleichendes Gebäude fällt. Zwischen den Zeilen steht somit: Depression und Einsamkeitsgefühl sind überall zu Hause und nicht nur in einer Fremde, wofür Tokio hier bildlich fungiert. Das nächtliche Blinken irgendwelcher Häuserlichter oder Radiomasten der Stadt verheißt auf Romantik, mehr noch aber auf das Gefühl des Unbekannten, Unerreichbaren, Verlorenen. Im nun Folgenden entwickeln die beiden in ihrer entstehenden Freundschaft eine Strategie, sich gegenseitig zu neuer Kraft zu verhelfen.

Lost in TranslationEs gelingt ihnen, in jenes vorgeblich Unerreichbare des nächtlichen Tokio einzudringen: in durchaus wagemutigen Nikotin-geschwängerten und durchzechten Streifzügen. Harris wird einmal auf einer jener subkulturellen Partys Bryan Ferrys "More than this" nachsingen, grausam schlecht zwar, aber auch das ergibt Sinn, weil seinen Frust wieder, denn er fragt so, ob sein Leben nicht mehr für ihn übrig hätte. Das hat es sehr wohl, zeigt Sofia Coppola. Man muss nur den Weg dazu finden. Und die richtigen Freunde, jene mit dem dazu notwendigen Einfühlungsvermögen.

Oder den richtigen Vater. Sofia erweist ihrem Vater Francis Ford Coppola mit ihrem Werk nicht nur dadurch alle Ehre, dass sie seinen Beruf übernommen hat und ihm bereits jetzt qualitativ in nichts mehr nachsteht; es lässt sich zwar kein Einblick in beider Vater-Tochter-Beziehung gewinnen, aber eine gewisse Dankbarkeit für Vater Francis ist aus der Gestaltung der Rolle des Bob Harris herauszulesen.

Am Ende des Films trennen sich Bob und Charlotte wieder. Vielleicht sehen sie sich nie wieder, vergessen in ihrer gewonnenen Einigkeit aber einander nie wieder. Oder aber sie werden sich doch wieder sehen. So wie die beiden Protagonisten aus "Before Sunrise". Richard Linklater drehte mit "Before Sunset" eine Fortsetzung, in der die von Julie Delpy und Ethan Hawke dargestellten Figuren zwar viel später als geplant, aber doch noch mal aufeinander treffen, zwar aus den Augen, nicht aber aus dem Kopf haben sie sich verloren; Zufall oder nicht, solch eine Fortsetzung des Themas Empathie zwischen Unbekannten in einem weiteren Film so kurz nach "Lost in Translation": Es muss was dran sein an der platonischen Freundschaft.

 
Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5)

Quelle der Fotos: Constantin Film Verleih GmbH


Filmdaten

Lost in Translation
(Lost in Translation)

Regie: Sofia Coppola ("The Virgin Suicides");
Darsteller: Bill Murray (Bob Harris), Scarlett Johansson ("Der Pferdeflüsterer", "The Man who wasn't there"; Charlotte), Giovanni Ribisi ("Lost Highway", "Heaven"; John), Anna Faris ("Scary Movie"; Kelly), Fumihiro Hayashi (Charlie) u.a.; Produktion: Ross Katz, Sofia Coppola; Ausführende Produzenten: Francis Ford Coppola, Fred Roos; Co-Produzent: Mitch Glazer; Produktionsleiter: Callum Greene; Kamera: Lance Acord; Musikproduzent: Brian Reitzell

USA 2003; Länge: 102 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih der Constantin Film Verleih GmbH




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