18.07.2019

Lila, Lila

Hauptfigur im Roman "Lila, Lila" von Martin Suter (erschienen 2004) und im gleichnamigen Film mit fast identischer Handlung (erschienen 2009) ist David Kern, 23 Jahre alt, Kellner in einer Szene-Bar. Hier macht er die Bekanntschaft von Marie, die das Abitur nachholt, weil sie Literaturwissenschaft studieren will. Sie interessiert sich aber kaum für ihn, eher für einige fröhliche und witzige Stammgäste.
Eines Tages findet David auf dem Trödel, versteckt in einem alten Nachtschrank, ein Manuskript mit einer unglücklichen Liebesgeschichte, Hauptfiguren sind Peter Landwei und Sophie. Am Schluss begeht dieser Peter Selbstmord. David findet den Text fesselnd, scannt ihn ein und zeigt ihn Marie, um sie als angeblicher Autor zu beeindrucken. Und tatsächlich, Marie findet den Text wunderbar und verliebt sich in David.

Könnte alles schön so weitergehen, wenn Marie nicht die Idee hätte, das Manuskript heimlich an einen Verlag zu schicken. Der ist begeistert, gibt David einen Vertrag, das Buch erscheint unter dem Titel "Lila, Lila", und ein hektisches Schriftstellerleben mit Interviews, Lesungen, Buchmesse usw. beginnt. David ist in einer Zwickmühle, möchte das Ganze rechtzeitig stoppen, traut sich aber nicht, Marie die Wahrheit zu sagen, weil sie sich dann belogen fühlte und ihn sicher verlassen würde. Aus Angst, dass man ihm als Plagiator auf die Schliche kommt, verhaspelt er sich immer bei den Lesungen. Und plötzlich steht bei der Autogrammstunde ein Mann vor ihm und bittet David, ihm ein Autogramm für Alfred Duster zu schreiben, den wahren Autor, als den er sich ausgibt. Dieser arbeitslose Jerry Stocker nimmt nun einen immer größeren Platz in Davids Leben ein, erpresst ihn – "Wenn du nicht zahlst, sag ich die Wahrheit" –, gibt sich als Literaturagent aus, verhandelt mit den Verlagen über das nächste Buch von David. Marie kann diesen Stocker überhaupt nicht leiden, es gibt Streit, David kann ihr natürlich nicht sagen, warum er mit diesem Typen zusammenarbeitet.

Dann hält David dem Druck nicht mehr stand und will Stocker umbringen. Doch das Schicksal greift ein: Aus Versehen fällt Stocker vom Hotelbalkon und verletzt sich schwer. Auf dem Sterbebett gibt er gegenüber David zu, dass er nicht der Autor ist. Die Entfremdung zwischen Marie und David geht aber weiter, und ihre Liebe endet ähnlich unglücklich wie die von Peter und Sophie. David beginnt daraufhin, ein eigenes Buch zu schreiben, das genauso anfängt wie "Lila, Lila": "Das ist die Geschichte von David und Marie. Lieber Gott, lass sie nicht traurig enden."

"Lila, Lila" ist ein spannendes Buch, hat aber Längen und tritt bisweilen auf der Stelle. Die Kritik war geteilter Ansicht. Der SPIEGEL schrieb: "Martin Suter hat sich mit seinen ebenso gut erzählten wie raffiniert konstruierten Geschichten ein treues Lesepublikum erobert. Er schafft es, die Balance zwischen Psychothriller und Kriminalroman zu halten – auf erfreulich hohem literarischen Niveau." Auf inkultura-online stand: "Eine Liebesgeschichte, ein Buch über einen Betrug, eine Abrechnung mit dem Literaturbetrieb und nicht zuletzt die Darstellung einer Erpressung. Das alles zusammen ist deutlich zuviel und darunter leidet die innere Geschlossenheit des Werkes."

Es war klar, dass eine Verfilmung nicht lange auf sich warten lassen würde. 2009 war es soweit, unter der Regie von Alain Gsponer wurde das Buch verfilmt, David wird gespielt von Daniel Brühl, Marie von Hannah Herzsprung und Stocker von Henry Hübchen. Der Kinostart in Deutschland und der Schweiz war am 17. Dezember 2009.

Interessant ist nun, dass sich der Film weitgehend an die Vorlage hält, aber ein anderes Ende hat. Das Buch lässt eine wesentliche Frage offen. Marie erfährt im Roman nicht, dass David gelogen hat. Die ganze Geschichte handelt von einer Lüge, aber diese wird nicht aufgedeckt. Filmregisseur Alain Gsponer sagte in einem Interview: "Uns war schon sehr früh klar, dass dies in einem Film ein wahnsinnig unbefriedigendes Ende ergeben würde. Wir mussten also eine Begegnung der beiden Protagonisten erfinden, bei der alles auf den Tisch kommt. Da im Buch schon angelegt ist, dass David selbst anfängt zu schreiben, haben wir diese Idee einfach weitergesponnen." Happy End! Im Film schreibt David ein Buch über sein angebliches Erstlingswerk und schafft es dadurch, Marie zurückzugewinnen. Seine Fans erfahren aber nicht, ob diese Geschichte erfunden ist oder der Realität entspricht.

Das Schauspielerensemble harmoniert prächtig. Henry Hübchen gibt in gewohnter Schlawinerart den heruntergekommenen Filou, Daniel Brühl (seit "Good Bye, Lenin!" in der ersten Garde der deutschen Filmschauspieler) den jungen, schüchternen, liebenswerten Möchtegern-Autor, dem der ganze Hype um seinen geklauten Roman über den Kopf wächst. (Brühl soll zusammen mit dem Regisseur Alain Gsponer zu Martin Suter nach Ibiza geflogen sein, um ihn von der Qualität des Films zu überzeugen.) Hannah Herzsprung als verliebte Partnerin ist ebenfalls perfekt. Alle Darsteller tragen überzeugend die Botschaft des Films: Der Literaturbetrieb ist ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, Schein ist stets wichtiger als Sein.

Der Film wurde allgemein gelobt als lockere Satire und als unkitschige Romanze. Die Süddeutsche Zeitung schrieb: "Insgesamt ist 'Lila, Lila' allerdings ein Film, wie man ihn dem deutschen Kino öfter wünscht. Er schämt sich keine Sekunde lang dafür, Unterhaltung zu sein – macht aus diesem Ziel aber auch keine verbissene Staatsaffäre. Er zuckt nicht verschreckt vor seinen Kintopp-Möglichkeiten zurück, verrät aber auch nicht seine Integrität dafür. Und vor allem wirkt er, als sei er nicht erst unter existentiellen Autorenwehen entstanden – sondern gutgelaunt, einfach mal so."

Querelen entzündeten sich übrigens an dem Film "Der Dieb der Worte" aus dem Jahre 2012. Auch dort geht es um einen erfolglosen Autor, der ein fremdes Manuskript als sein eigenes ausgibt und damit einen Riesenerfolg hat. Die Regisseure Brian Klugman und Lee Sternthal hatten die Idee zu ihrem Film aber bereits 1999 und stellten im Jahr 2000 ihre Filmidee vor. Nach Veröffentlichung des Films 2012 gab es dann den Vorwurf, dass die Handlung stark an Martin Suters Roman "Lila, Lila" angelehnt sei. Auch wenn "Lila, Lila" 2004 und damit nach ersten Entwürfen des Drehbuchs veröffentlicht worden sei, sei es nicht auszuschließen, dass die Regisseure in der Zwischenzeit von Suters Werk oder der darauf basierenden Verfilmung aus dem Jahr 2009 beeinflusst worden seien. Beide Regisseure behaupteten aber, dass ihnen Suters Werk unbekannt gewesen sei. Suter selbst wurde wiederum 2004 vorgeworfen, sich bei seinem Werk am Comic "Zehn Gebote. 1. Der Killer von Glasgow" von Frank Goroud und Joseph Béhé orientiert zu haben. (Inhalt: Ein glückloser beziehungsweise unbegabter (Möchtegern-)Schriftsteller gelangt an ein Manuskript, welches ihm Erfolg verspricht und dessen Urheber schon lange tot oder zumindest nicht auffindbar ist!) Suter allerdings sagte, er kenne den Comic nicht. Das Thema "Plagiat" wird also hier nicht nur vom Inhaltlichen her, sondern in der Realität der Autoren virulent!

Es gibt zudem zwei weitere Bücher, die das Thema "Der geklaute Bestseller" (same same but different) behandeln:

1. John Colapinto: "Ein unbeschriebenes Blatt" (2001). Inhalt: Ein erfolgloser Autor gibt das Romanmanuskript seines verstorbenen Nachbarn als sein eigenes aus, und das wird ein Bestseller. Von einer Mitwisserin wird er erpresst. Ein ungeheuer spannender, gut konstruierter Thriller!

2. Klaus Modick: "Bestseller" (2006). Inhalt: Ein erfolgloser Autor schreibt schwülstige Tagebuchaufzeichnungen seiner verstorbenen Tante aus der Nazizeit zu einem medienwirksamen Memoirentext um, der – unter dem Namen der hübschen Geliebten des Autors veröffentlicht – ein Bestseller wird. Die Geliebte behauptet dann, dass das Buch von ihr sei. Ein perfekter satirischer Roman voller Wortwitz, der rasant den deutschen Literaturbetrieb demaskiert.

Beide Romane schreien geradezu nach Verfilmung. Sönke Wortmann, übernehmen Sie!  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * * * (5 von 5)



Filmdaten

Lila, Lila


Deutschland 2009
Regie: Alain Gsponer;
Darsteller: Daniel Brühl (David Kern), Hannah Herzsprung (Marie), Henry Hübchen (Jacky), Kirsten Block (Karin Kohler), Peter Schneider (Ron Keller), Henriette Müller (Sabrina), Simon Eckert (Roger), Alexander Khuon (Ralph), Godehard Giese (Tobi), Richard Sammel (Riegler), Stefan Ruppe (Rolli), Ulrich Voß (Everding), Torsten Michaelis (Inspizient), Oliver Bröcker (junger Händler), Marie Gruber (Buchhändlerin), Lutz Blochberger (Händler), Angelika Gersdorf (Käuferin), Astrid Pochmann (Ansagerin), Christof Düro (Begleiter), Thomas Dehler (Hotelangestellter), Maria Mägdefrau (Ältere Dame), Katharina Schüttler (Mitbewohnerin), Silvina Buchbauer (Journalistin), Alessandro Flores Oviedo (Passant), Gernot Alwin Kunert (Literaturkritiker), Eva Löbau (Buchhändlerin), Anna Maria Mühe (Kellnerin), Stephan Ziller (Literaturkenner) u.a.;
Drehbuch: Alex Buresch nach einem Roman von Martin Suter; Produktion: Andreas Fallscheer, Henning Ferber, Marcus Welke, Sebastian Zühr; Kamera: Matthias Fleischer; Musik: Max Richter; Schnitt: Barbara Gies;

Länge: 108 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; Kinostart: 17. Dezember 2009



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Zitat

"Immer, wenn ich 'Mr. Fonda' höre, schaue ich zur Tür in Erwartung, dass er zurückkommt."

("Whenever I hear 'Mr. Fonda', I look over at the door, figuring he's come back.")

Schauspieler Peter Fonda (23. Februar 1940 - 16. August 2019) über seinen übermächtigen Vater, Schauspieler Henry Fonda (1905 - 1982)

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