01.01.2018
Grandiose Tragikomödie mit zu wenig Systemkritik

Good Bye, Lenin!


"Good Bye, Lenin!" wurde zu dem Film über Mauerfall und Wiedervereinigung schlechthin. Darüber hinaus war er der deutsche Kinohit des Jahres 2003, der international ebenfalls erfolgreich vermarktet werden konnte. In ihm bekommt eine Frau (Katrin Saß) Mauerfall und Wiedervereinigung nicht mit, sie darf sich als ostdeutsche Kommunistin nach einem Herzinfarkt nicht aufregen. Also verheimlicht ihr Sohn (Daniel Brühl) ihr die Ereignisse der Wende.
"Good Bye, Lenin!" ist eine Tragikomödie, die herzensgut ist. Eine Botschaft sucht man in ihr vergebens, außer, dass der Film Nächsten- und die Liebe eines Kindes zur Mutter thematisiert. Man verzeiht dem Film seine fast 100-prozentige Anspruchslosigkeit; dafür sind die Ideen der Filmemacher zu originell und die Schauspieler zu gut, die in ihren Rollen aufgehen. Kritik äußert "Good Bye, Lenin!" nur einmal: in der Darstellung eines Menschen, der durch die Ereignisse zum Verlierer wird.

Regisseur Wolfgang Becker, der vor "Good Bye, Lenin!" im Fünfjahrestakt die Filme "Kinderspiele" und "Das Leben ist eine Baustelle" drehte, hat einen gelungenen Schelmenfilm inszeniert. In "Good Bye, Lenin!" muss ein junger Mann, Alex, eine Scharade aufrechterhalten, damit seine Mutter Christiane nicht stirbt. Sie hatte einen Herzinfarkt und lag acht Monate im Koma. In der Zeit machte Deutschland einiges mit. Den Herzanfall verschuldete Alex indirekt: Er war bei den Montagsdemonstrationen. Zufällig sah die Mutter dies – und fiel um. Nun ist die DDR Geschichte, aber nicht für Christiane. Sie liegt im Bett in ihrer Wohnung, die durch Alex zu 79 Quadratmetern DDR werden. Zum Ärger seiner Schwester Ariane (Maria Simon), die das Studium sausen ließ, um bei Burger King zu arbeiten. Burger King in Ost-Berlin? Das darf Christiane nicht erfahren. Die DDR existiert weiter, aber nur für sie. Alex kauft West-Produkte und lagert sie in Ost-Verpackungen um, er organisiert ein Ständchen von jungen Pionieren, die Schwester studiert angeblich weiterhin, Beiträge der "Aktuellen Kamera" dreht Alex kurzerhand selbst, mit einem Kumpel (Florian Lukas).

Die humoristischen Einfälle sind zum Teil genial: Ein junger Pionier möchte nochmal singen, um mehr Geld von Alex zu erhalten, eine Coca-Cola-Reklame kommt zum falschen Augenblick ins Blickfeld Christianes, die DDR-Flüchtlinge werden von Alex zu BRD-Flüchtlingen umgedichtet. Die Filmemacher, Wolfgang Becker und sein Drehbuchautor Bernd Lichtenberg, der Ideengeber, holen aus der Handlung sehr viel heraus und lassen den Humor nie platt werden.

Bernd Lichtenberg erklärt seine Intention: Die Staatsform hinter sich zu lassen bedeutet für den jungen Alex auch, erwachsen zu werden. Sehr richtig, für Alex beginnt das Leben auch ohne die Einzwängung in die 79 Quadratmeter, die Krankenschwester Lara (Chulpan Khamatova), die Christiane während des Komas pflegt, wird seine große Liebe. So, wie er seine Mutter liebt. Und ihr zuliebe die umstürzlerischen Ereignisse verheimlicht. Aber Christiane, die Kommunistin, hat auch ein Geheimnis, das sie gegen Ende des Films verrät, parat…

Selten war in einem deutschen Film der Humor grandioser, selten wurden Filmfiguren dem Zuschauer sympathischer vorgestellt. Bei aller Qualität des Films: Man wünscht sich als Zuschauer mehr Systemkritik. Und zwar an beiden Systemen, an der DDR wie an der BRD und der handstreichartigen helmutkohlschen Übernahme des Schwesterstaats.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Good Bye, Lenin!  
 
Deutschland 2001
Regie: Wolfgang Becker;
Darsteller: Daniel Brühl (Alex), Katrin Saß (Christiane Kerner, Alex' Mutter), Chulpan Khamatova (Lara), Maria Simon (Ariane), Florian Lukas (Denis), Alexander Beyer (Rainer), Burghart Klaußner (Alex' Vater), Michael Gwisdek (Klapprath), Christine Schorn (Frau Schäfer), Jürgen Holtz (Herr Ganske), Martin Brambach (Stasi-Mann), Peter Kurth ('X-TV'-Chef) u.a.; als Gast: Jürgen Vogel;
Drehbuch: Bernd Lichtenberg, Wolfgang Becker; Produzenten: Stefan Arndt, Katja De Bock, Andreas Schreitmüller; Kamera: Martin Kukula; Musik: Yann Tiersen; Schnitt: Peter R. Adam;

Länge: 121 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih der X-Verleih AG; deutscher Kinostart: 13. Februar 2003



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<01.01.2017>


Zitat

"Robby Müller hat das Handwerk und die Kunst der Kameraführung und des Lichtsetzens erneuert und vorangetrieben. Er konnte wie kaum ein anderer in seinen Bildern Stimmungen erfassen und Zustände beschreiben, die mehr über Charaktere erzählten als Dialoge und dramaturgische Strukturen. Er wusste, wie man für eine Geschichte und einen Film ein ganz eigenes Klima erzeugt, in dem seine Figuren im wahrsten Sinne des Wortes 'gut aufgehoben' waren. Für eine Handvoll Filmemacher war er der wichtigste Wegbegleiter."

Regisseur Wim Wenders zum Tode des Kameramanns Robby Müller (04.04.1940 - 03.07.2018)

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