06.04.2006
Nikotin und Kommunismus

Good Night, and Good Luck


Good Night, and Good LuckTV-Journalist Edward R. Murrow und sein Team erkannten 1953, dass sie Stellung beziehen müssen. Die Kommunistenjagd, angetrieben von Senator McCarthy, artete aus, die Menschenrechte gerieten in Gefahr. Regisseur George Clooney setzt der Medienikone Murrow ein filmisches Denkmal und deklariert, wie wichtig die Pressefreiheit ist. Jegliche Ähnlichkeiten des Filminhalts mit gegenwärtigen Maßnahmen der US-Regierung auf der Suche nach Staatsfeinden sind erwünscht, außerhalb des Films von Clooney und seinem Team explizit ausgesprochen. Ein beinahe glorioser intellektueller Film, der allerdings auch mit einem kontrovers diskutierbaren Seitenhieb auf aktuelle Anti-Raucher-Kampagnen aufwartet.

Feind unter Beobachtung. "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns", sagte George W. Bush hinsichtlich des islamistischen Terrors. Staatsdoktrin. Es gab sie schon mal, sehr ähnlich. Die Erinnerung der US-Intellektuellen daran ist wieder da, Kritik von ihrer Seite wieder hoffähig. Dies war nicht immer so. Die Argumente ziehen:

Good Night, and Good Luck - Kinoplakat"Good Night, and Good Luck" startete in den deutschen Kinos, da lag eine geschätzt 100000 Menschen starke Demonstration auf US-Boden wenige Tage zurück. Sie richtete sich gegen die Entliberalisierung der Einwanderungsrechte. Kurz davor wurden die Abhörmaßnahmen gegen mutmaßliche Islamisten, real US-Bürger, bekannt und sogleich gebrandmarkt. Kritik darf wieder geäußert werden. Man hört auf sie. Ein Ruck geht durchs Land. Susan Sontag darf es nicht mehr miterleben. Die 2004 Verstorbene war die einzige Kolumnistin, die Stellung bezog. Prügel einsteckte - genauso wie der von US-Intellektuellen im Vergleich weniger hoch geschätzte Michael Moore -, weil sie Bush kritisierte. Zu einem Zeitpunkt, als die Medien kompakt hinter Bush standen. Etwas anderes war kurz nach 9/11 verpönt. In diesem Fall war es dem Patriotismus zuzuschreiben, kombiniert mit Gefahr des individuellen Karriereknicks. Im Fall der McCarthy-Ära war es Angst. Presseleute, und nicht nur sie, mussten um ihren Beruf fürchten. Und das war nicht alles, was es zu verlieren galt.

Ein Staat darf und muss sich vor Feinden schützen. Es gibt die Indoktrination ganzer Länder, siehe Afghanistans Taliban, und nicht nur diesen Fall. Wie es Bestrebungen gibt, die ernst genommen werden müssen, in den USA wenigstens Attentate durchzuführen, wenngleich es nie den Islamisten gelingen mag, aus God's own country einen Gottesstaat machen zu können - einen Gottesstaat nach ihrem Gusto. Gleichermaßen gab es in den 50er Jahren die Gefahr der Indoktrination durch den Kommunismus auch in Amerika. Eine rigide Bekämpfung dieser Gefahr kritisiert "Good Night, and Good Luck" auch nicht, ausgesprochen durch Edward R. Murrow (David Strathairn) in dessen wöchentlicher Sendung "See it Now", ausgesprochen auch hinten den Kulissen dieser Show bei Murrows Mitarbeitern.
Good Night, and Good LuckKritisiert wird, dass der "Kampf zur Bewahrung der Freiheit der Bürger" zu einem Kampf gegen die Freiheiten der Bürger wurde. Sicherheit oder Freiheit? Das Schlagwort machte auch in der Bundesrepublik die Runde, als es hier um die Frage nach Verschärfung der Kontrollbestimmungen des Datenschutzes etc. ging. Bei der Kommunistenjagd, zu deren Wortführer Senator Joseph McCarthy wurde, geriet der Ton schärfer und schärfer, die Maßnahmen rigider und rigider, die Kontrolle über die Kontrolle verlustig. Man war als Sympathisant des Kommunismus verdächtig, bis man das Gegenteil beweisen konnte, "Schuldig bei Verdacht", so der Titel eines Films mit Robert De Niro über die Geschehnisse in der McCarthy-Ära. Die Medien hielten still, Murrow auf CBS bald nicht mehr. Seine Fernsehkolumne widmete sich wöchentlich aktuellen Themen. Bis bei Murrow sukzessive die Kommunistenverfolgung mehr und mehr ihren Platz fand.

Good Night, and Good LuckIn durchrauchten Redaktionssitzungen erkennen sie anhand des Beispiels eines Army-Piloten, dass der Senat bei der Feindesjagd übertreibt. Ein Familienmitglied des Piloten las eine jugoslawische Zeitung, ein Instrument des Ostblocks also. Grund genug, den Piloten zu entlassen. Für Murrow und seine Leute ist es das Damaskus-Erlebnis, sie entlarven fortan die Lächerlichkeit des von McCarthy gesteuerten Unterfangens. Und geraten selber in die Schusslinie. "Good Night, And Good Luck" könnte hier einen larmoyanten Ton aufgreifen, indem der Film Murrow seinen Patriotismus in den Vordergrund stellen ließe. Der Film könnte Murrow zu gestenreichem Pathos greifen lassen als direktem Widerpart des wider alle Vernunft handelnden McCarthy. Beides geschieht nicht; Murrow wird als der nüchterne Intellektuelle präsentiert, der sachlich die Gegebenheiten schildert und durch Analyse bloßstellt.

Good Night, and Good LuckVon David Strathairns ausdrucksstark minimalistischer Mimik lebt "Good Night, and Good Luck"; der Darsteller war zu recht für den Academy Award nominiert, wie unter anderem Clooney als Regisseur und der Film selbst. Clooney hätte es den Finanzierern des Films, darunter Ebay-Mitbegründer Jeff Skoll, bequemer machen können, indem er sich selbst als Hauptdarsteller gecastet hätte, um dem Film mehr Zugkraft an den Kinokassen zu verleihen. Er wählte Strathairn richtig aus, während er selbst die zweitwichtigste Rolle des Films, Murrows Produzent Fred Friendly, übernahm. Und zeigt das Team um Murrow, Friendly und Konsorten als weitestgehend zusammenhaltende Kommune - ausgerechnet - für das Erreichen eines größeres Ziels. Eine Gemeinschaft, die in ihrer Konzentration auf gute redaktionelle Zusammenarbeit auch gemeinschaftlich nie die Zigaretten kalt werden lässt, bis nur der gezeigte McCarthy als einziger Nichtraucher wirklich auffällt. Anti-Raucher-Kampagnen werden Grund zur Klage haben angesichts des Nikotinkonsums im Film, Raucher wird's freuen, wenn sie sich in ihren gegenwärtig aufgezwungen eingeschränkten Möglichkeiten, der Sucht nachzukommen, nahezu wie vor einen McCarthy-haften Ausschuss gezerrt fühlen sollten.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Kinowelt

 
Filmdaten 
 
Good Night, and Good Luck (Good Night, and Good Luck)  
 
USA 2005
Regie: George Clooney (als Regisseur: "Geständnisse - Confessions of a dangerous Mind");
Darsteller: David Strathairn (Edward R. Murrow), George Clooney (Fred Friendly), Robert Downey jr. (Joe Wershba), Patricia Clarkson (Shirley Wershba), Ray Wise (TV-Serie "Twin Peaks"; Don Hollenbeck), Frank Langella (William Paley), Jeff Daniels (Sigfried "Sig" Mickelson), Tate Donovan (Jesse Zousmer), Tom McCarthy (Palmer Williams), Matt Ross (Eddie Scott), Reed Diamond (John Aaron), Robert John Burke (Charlie Mack), Grant Heslov (Don Hewitt) u.a.; Drehbuch: George Clooney, Grant Heslov; Produktion: Grant Heslov; Ausführende Produktion: Steven Soderbergh, Ben Cosgrove, Jennifer Fox, Todd Wagner, Mark Cuban, Marc Butan, Jeff Skoll, Chris Salvaterra, Satsuki Mitchell; Koproduktion: Barbara A. Hall; Kamera: Robert Elswit; Länge: 93 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von Kinowelt



Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  suche   |  wap  |  e-mail
 über uns  |  impressum  


 
 
 
 
 
weitere Kritik zum Film
Wertung: * * * (3/5)


Zitat

"Ich bin eine Hure, alle Schauspieler sind Huren. Wir verkaufen unsere Körper an den Meistbietenden."

("I'm a whore, all actors are whores. We sell our bodies to the highest bidder.")

William Holden

Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe