27.06.2017
Für Isi ist das Leben nicht "easy"

Einmal bitte alles


Einmal bitte alles: Luise Heyer Alle nennen sie Isi. Dabei heißt sie Isabel. Letzter Name wird nur einmal zu lesen sein, im Text einer vergeblichen Bewerbung. Isi ist arbeitslos, partnerlos, und im Film wird alles Mögliche für die junge Frau schiefgehen. Schauspielerin Luise Heyer ("Jack", "Die Reste meines Lebens") ist als Hauptfigur in "Einmal bitte alles" herausragend. In diesem Film der Münchner Spielfilm-Debütantin Helena Hufnagel beißt sich die Endzwanziger-Heldin Isi durchs Leben, das zwischen Uni und Lebensziel-Suche ins Stocken geraten ist. Isi ist ein moderner Hiob: Wenn du denkst, es geht nicht schlimmer, kommt es nochmal ärger. Der Zuschauer kann sich gut in sie hineinversetzen: Wer hat nicht schon eine Zeit erlebt, in der nichts zusammenläuft? Hufnagel zeigt dem Zuschauer: Die junge Frau ist irgendwo noch ein Mädchen, das nun an das Alter 30 klopft und damit nicht klarkommt.

"Jeder kennt die Momente, in denen Kindheitsträume plötzlich zerplatzen und der Traum von einer Karriere als Spitzenballerina oder Fußballstar endgültig futsch ist. Die Momente, in denen das Leben an einem vorbei zieht und alle plötzlich erwachsen sind", erklärt die Regisseurin. Ihrem Thema widmet sie sich großartig und sehr einfühlsam. Schade, dass die Machart weniger cineastisch denn vielmehr auf Fernsehfilm-Niveau veranlagt ist: Die Bilder sind oft zu statisch, die Figuren um Isi herum sehr an TV-Serien-Charaktere erinnernd. Nicht notwendig ist der Einsatz eines von Schauspielerin Jessica Schwarz vorgetragenen Textes aus dem Off, in dem es ums Alter geht. Dies erkennt der Zuschauer auch so.

Einmal bitte alles: Luise Heyer (links) Dabei ist die Handlung nicht schlecht erzählt (Drehbuch: Sina Flammang, Madeleine Fricke – wenn man so will, ein reiner Frauenfilm entfernt basierend auf dem Roman "Die Schönen und die Verdammten" von F. Scott Fitzgerald, 1922). Nicht nur, dass die gelernte Illustratorin Isi, die ihre notdürftige Praktikantenstelle bald auch noch verliert, beruflich nicht vom Fleck kommt. Sie findet auch nicht die große Liebe, im Gegensatz zu ihrer besten Freundin und WG-Mitbewohnerin Lotte (Jytte-Merle Böhrnsen). Neidisch – der laute Sex anderer kann ganz schön nerven – flüchtet Isi sogar aus der WG in eine andere, eine Gammel-WG. Tiefer sinken kann sie nicht mehr. Bis Isi am Ende des Films doch noch im Leben ankommt: indem sie alle Lebenslügen über Bord wirft und neues Selbstbewusstsein gewinnt, das erst ihre Mitmenschen wie die frühere Chefin (Sunnyi Melles in einer Rolle, die an Meryl Streeps dominante Figur in "Der Teufel trägt Prada" angelehnt sein dürfte) erstaunen und dann Isi ernst nehmen lässt. Die Botschaft des Films ist evident, sie ist das sprichwörtliche "Frechheit siegt". Nach Niederlagen kann man dieses Frechsein und das Selbstbewusstsein erst richtig erlernen. Wenn sie, wie bei der Heldin des Films, noch nicht angeboren sind.

Was neben diesem Subtext funktioniert: das Spiel mit dem Vornamen. Isabel heißt die Hauptprotagonistin, Isi wird sie von allen genannt. Das macht sie klein. Zum Immer-noch-Mädchen. Das hinzulernen muss beim Altwerden. Der Rufname Isi steht noch für etwas anderes: Das englische Wort "easy" (leicht) hört sich genauso an und spielt eine Rolle. Die junge Frau ist lange Zeit im Film ein Leichtgewicht in der Beherrschung ihres Lebens. Und: So wie sie selbst sehen alle anderen Isi als zu leicht geraten an, die meisten nehmen sie nicht für voll. Weil aus ihr nicht Selbstbewusstsein sprudelt. Bis kurz vor Filmende. Davor ist für Isi das Leben nicht "easy".

"Einmal bitte alles", nominiert für den Max Ophüls Preis 2017, ist eine Koproduktion von Helena Hufnagels Münchner Produktionsfirma Cocofilms und dem Bayerischen Rundfunk.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: filmschaft maas & füllmich GmbH

 
Filmdaten 
 
Einmal bitte alles  
 
Deutschland 2017
Regie: Helena Hufnagel;
Darsteller: Luise Heyer, Jytte-Merle Böhrnsen, Maximilian Schafroth, Patrick Güldenberg, Sunnyi Melles, Jessica Schwarz, Boris Aljinovic u.a.;
Drehbuch: Sina Flammang, Madeleine Fricke nach dem Roman "Die Schönen und die Verdammten" von F. Scott Fitzgerald; Produzenten: Helena Hufnagel, Christian Füllmich, Torben Maas; Kamera: Aline László; Musik: Florian Kiermeier, Matthias Hauck, Nepomuk Heller, Felix Duzcek, Felix Kirner, Dieter Schleip; Schnitt: Stine Sonne Munch, Ulrike Tortora;

Länge: 84,45 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Der Filmverleih; deutscher Kinostart: 20. Juli 2017



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<27.06.2017>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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