20.04.2017
Schimons Dilemma

Die Reste meines Lebens


Die Reste meines Lebens: Christoph Letkowski, Karoline Bär Schimon (Christoph Letkowski) ist ein von Grund auf glücklicher Mensch. Man könnte ihn auch als Traumtänzer bezeichnen. Im Verlauf des Films wird Schimon zum Trampel werden. "Die Reste meines Lebens" von Regisseur Jens Wischnewski in dessen Spielfilmdebüt (Drehbuch: Wischnewski und Julia C. Kaiser) zeichnet das Bild eines Mannes, der sich nicht am Glücklichsein hindern lässt und dafür eine Frau vor den Kopf stößt. Wie dies im Film geschieht und wie die Entwicklung Schimons im Film abläuft, funktioniert sehenswert. Denn die Drehbuchautoren haben etwas zu erzählen: von nicht vollendeter Trauerbewältigung und neuer Liebe, die sich gegenseitig fast ausschließen. Fast. Schimon kriegt die Kurve.
Einzig der lange unklar bleibende, weil nicht übersichtlich in Szene gesetzte Unfalltod der ersten Frau ist ein Problem für den Zuschauer. Dennoch: Schimons naiv-blumige Sicht aufs Leben ist auch der Erzählstil des Films. Dem schaut man überraschend gerne zu.

Die Reste meines Lebens: Christoph Letkowski Eine wichtige Szene des Films fasst die gesamte Tragik im Leben der männlichen Hauptfigur zusammen. Schimon hatte Sex. Am Morgen danach liegen er und Milena (Luise Heyer) nebeneinander im Bett. Seine Mutter (Ulrike Kriener) weckt beide. Die Schwiegereltern sind angekommen. Milena ist schockiert: Schwiegereltern? "Bist Du verheiratet?" – "Verwitwet." – "Seit wann?" – "Seit zwei Wochen." Schimon lügt nicht. Er glaubt vielmehr an Vorbestimmung. An die Lebensmaxime seines Großvaters, "Es kommt immer so, wie es kommen soll". Die Trauer um seine geliebte Frau Jella (Karoline Bär) soll ihn nicht am weiteren Leben, am Glück hindern. Es geht beides. Denkt Schimon. Die Reste seines Lebens holen ihn in Form der Trauer ein, zum Nachteil von Milena.

Denn Milena merkt: Die verstorbene Jella ist noch in Schimons Kopf. Was nicht heißt, dass Schimon Milena nicht liebe. Aber er hat nicht abgeschlossen. Wie auch, es ist noch nicht lange her. Er liebt immer noch auch die Tote. Für deren Ableben wird ein Stuhl stehen, auf dem sie immer saß. Ein Stuhl als Bild für Liebe? Wischnewski scheint dick aufzutragen. Das ist es nicht, die Erfahrung des Zuschauers lässt Empathie zu und das Wissen um die Bedeutung von Gegenständen, die mit einem Verstorbenen zu tun haben.

Die Reste meines Lebens: Luise Heyer, Christoph Letkowski Jens Wischnewskis Film verlangt vom Zuschauer Konzentration beim Springen durch die Zeiten: Mal zeigt der Film die frische Liebe Schimons zu Milena, dann die zur verstorbenen Jella, die in Rückblicken nacherzählt wird. "Die Reste meines Lebens" ist großes Kino mit einem Manko: Der Notarztwagen, der Jella ins Krankenhaus bringen soll, verunglückt, so dass sie ums Leben kommt. Dies ist missverständlich in Szene gesetzt, der Zuschauer hält die Szene für eine Vision Schimons, so, wie es häufiger im Film Sequenzen jenseits der filmischen Realität gibt; der Zuschauer ist irritiert, weil er an den überraschenden Tod in der Klinik glaubt.

Beim Filmfestival Max Ophüls Preis 2017 lief der Film im Wettbewerb und holte dort zwei Auszeichnungen. Beim Filmfest in Saarbrücken stehen Filmemacher stets nach der Vorführung dem Publikum Rede und Antwort, so auch Wischnewski. Erst aus diesem Gespräch mit dem Regisseur erfährt der Zuschauer, dass der Unfall echt war und den Tod der jungen Schwangeren verursacht hat, sie nicht im Krankenhaus starb. Dies ist aber das einzig unglücklich Inszenierte, der Film geht mit voller Wucht, so dass der Zuschauer viel aus "Die Reste meines Lebens" mitnimmt, auf Schimons Dilemma der sich beinahe einander ausschließenden Glückssuche versus Trauer ein.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Camino Filmverleih

 
Filmdaten 
 
Die Reste meines Lebens  
 
Deutschland 2016
Regie: Jens Wischnewski;
Darsteller: Christoph Letkowski (Schimon), Luise Heyer (Milena), Karoline Bär (Jella), Ulrike Kriener, Hartmut Volle, Irene Rindje, Fritz Roth, Christian Grashof u.a.;
Drehbuch: Jens Wischnewski, Julia C. Kaiser; Produzenten: Christoph Holthof, Daniel Reich; Kamera: Dominik Berg; Musik: Peter Thomas Gromer; Schnitt: Falk Peplinski;

Länge: 108,05 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih der Camino Filmverleih GmbH; deutscher Kinostart: 25. Mai 2017



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Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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