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18. März
2004
Die Passion Christi
Am Anfang war Osama bin Laden. Im Gefolge der Terroranschläge
2001 tauchte der Vorwurf auf, die westliche Welt hätte ihre Religiosität
verloren und den Glauben durch den Kommerz ersetzt. Siehe, es gab einen
Paradigmenwechsel, es ward George W. Bush ein demonstrativer Repräsentant
des Christentums - der Glaube soll ihn von seiner Alkoholsucht befreit
haben -, zahlreiche christliche Gruppierungen schlossen sich an. Die Wiedergeburt
der Religion aus der Tragödie, gewissermaßen, und nun macht
sie auch vor einem der amerikanischen Inbegriffe für Kommerz nicht
Halt, dem Spielfilm.
Mel Gibson als Mitglied einer der erzkonservativen christlichen Sekten
zeichnet dafür verantwortlich - der Glaube soll ihn von seinen Depressionen
befreit haben. So widmet er einen Film ganz dem Messias, genauer, dessen
Leiden für die Christen sollen den Christen vor Augen geführt
werden, so drastisch wie möglich. "Die Passion Christi" ist die demonstrierte
Leidenschaft Mel Gibsons. Aber anders als geplant. Es wird, unfreiwillig
gleichwohl, ein Weiden in dem Leiden, denn die offensichtliche Intention
des nicht enden wollenden Gewaltexzesses wird verfehlt: Endete Christus
nach langer Marter am Kreuz, so nahm er nach christlichem Glaubenssatz
damit die Sünden der Welt auf sich. Setzt man Gibsons Glaube voraus,
so war solch eine zweite Ebene zweifellos beabsichtigt und ist im Film
doch nicht enthalten; die Qual ist rein auf den Körper bezogen. Ein
Realismus in der Wiedergabe der "größten Geschichte der Menschheit"
war explizites Ziel Gibsons - der Film wurde in Latein und Aramäisch,
an einer Stelle zudem in Hebräisch gedreht - und bricht mit dieser
Vorgabe schon am Anfang des Films und nicht zuletzt dort, wenn der Satan
in Gestalt eines bleichen Jünglings wie aus einem schlichten Fantasyfilm
entlaufen erscheint. Er ist nur ein Beelzebübchen, eine lachhaft groteske
Figur, die im Garten Gethsemane bei der letzten Versuchung Christi scheitert
und sich am späteren Schmerz des Gottessohns doch noch erfreuen wird.
Bei Ingmar Bergmans "Das siebente Siegel" hätte Gibson sehen können,
wie einer Figur als Sinnbild des Todes Charisma eingehaucht wird; dies
ist aber nicht Gibsons Stärke, der Messias hat seinerseits nicht die
Aura eines Erlösers, wie die damit künstlich bleibende, in der
simplifizierten Kruzifix-Ästhetik belassene Figur hätte gestaltet
werden sollen. Kontraproduktiv ist es, dass Christus somit als ein Menschensohn
mit überaus weltlichen Empfindungen wirkt; man sieht ihn schmerzverzerrt;
man sieht ihn lachend, wenn er in einer Rückblende als Zimmermann
mit Selbstironie den Esstisch erfindet; kurz: Man sieht ihn als Menschen.
Der Film liefert anderen Weltreligionen somit unfreiwillig nicht nur
dadurch keinen Grund, sich über den Film aufzuregen. Der Vorwurf,
der Film sei als antisemitisch bezeichenbar, vergrößerte schon weit vor seinem Kinostart das Interesse in den USA an ihm; im Vergleich
zu den USA lief der Film in Deutschland übrigens mit geringerer Nachfrage
an. Ist er antisemitisch? Mel Gibsons Vater ist ein ausgewiesener Holocaust-Leugner;
da der Regisseur nicht jener Mensch, sondern dessen Sohn ist, sei hier
eine Differenzierung vonnöten. Es gibt den jüdischen Hetzer Caiphas
im Neuen Testament und so auch in "Die Passion Christi". Es gibt den unentschlossenen
Römer Pontius Pilatus, der durchaus bereit ist, Christus zu retten.
Es gibt die jüdische Menschenmenge, die sich Caiphas anschließt.
Römische Handlanger mit Hang zum allzu neuzeitlich wirkenden Sadismus.
Dem gegenüber gestellt sind aber auch Veronika mit dem Schweißtuch
und der Kreuzesträger Simon. Figuren jenes Buchs der Bücher,
auf das sich Gibson während der Passion ohne Abweichungen beruft und
eine Negativdarstellung von Juden damit nur vermeidlich wäre, hätte
man auf den Film verzichtet. Es gilt die alte Regel: Wer im Voraus bereits
antisemitisch eingestellt war, wird sich durch diesen Film von seiner Meinung
nicht abbringen lassen. Neue Antisemiten wird der Film nicht erwecken.
Das Ziel war ein anderes: Die Erinnerung an den Heiland, die Stärkung
des christlichen Glaubens. Nicht einmal dieses Ziel wurde erreicht, der
Film ist daher sinnlos und nur an den Kinokassen von Bedeutung.
Und der oben angesprochene Kommerz? Der Kommerz, der Leinwand-Epen normalerweise begleitet, in letzter Zeit gar vermehrt, der bei einem Film mit solch heilig zu gestaltendem Inhalt aber aus Pietätsgründen fallen gelassen werden müsste? Nachbildungen der Nägel, die im Film verwendet wurden, bietet die Produktionsfirma zum Kauf an, erfolgreich. Bedauerlich. Die Versuchung war zu groß. Hatte dafür Christus die Händler aus dem Tempel verjagt? Michael
Dlugosch / Wertung: *
(1 von 5)
Filmdaten Die Passion Christi Originaltitel: The Passion of the Christ (GB 2003) Regie:
Mel Gibson;
Länge: 127 Minuten; FSK: ab 16 Jahren, feiertagsfrei; ein Film im Verleih der Constantin Film Verleih GmbH; Film-Homepage: http://www.passion.film.de
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