Mai 1997

Der Mann, der vom Himmel fiel

Zu viele verschiedene Milieus schaden einem feinfühligen Menschen, denn er paßt sich an.
Es war einmal ein Chamäleon. Sein Herr legte es auf eine bunte Schottendecke,
um es warm zu halten.
Das Chamäleon starb an Erschöpfung.
(Jean Cocteau, Le Potomak)

Ja, es geht um einen Besucher von einem anderen Planeten. Es ist die Geschichte eines Wesens, das auf die Erde fällt, und doch ist diese Geschichte nur ein dünner Faden, ein schemenhafter Umriß im Gewebe dessen, worum es eigentlich geht in diesem Science Fiction, der die Sterne nur von unten zeigt. Es geht um die Welt eines Individuums, die vom Austrocknen bedroht ist, um seine Identität, um seine Familie und deren Rettung. Es geht um Fernsehbilder, mit Hilfe derer er sich informiert hat über den "Planet des Wassers". Um Geld und es aufzubringen für den Rückflug an Orte, um die es in diesem Film geht: die Heimat und das dort lebende Ich. Dies alles trägt die frisch erschaffene irdische Identität Thomas Jerome Newton auf den schmalen Schultern des Mannes "der vom Himmel fiel" und diese baut mit Hilfe technologischer Patente und einem Anwalt namens Oliver Farnsworth ein Firmenimperium auf. Dabei verschreibt er sich den ebenfalls TV-erlernten Regeln und "Qualitäten", die einen derartigen Aufstieg inmitten der New Yorker Finanzkraken erfordern, inmitten einer Stadt die gegenüber der grellen Wüste in der Heimat wenig von einem "Planet des Wassers" und der Hoffnung hat, sondern ihr überraschend und erschreckend ähnlich sieht. Außerdem geht es um Liebe und um Körper. Um Erotik und Sex, um Nähe und Distanz: um den desillusionierten Professor Nathan Bryce, der in der neuen Tätigkeit in Newtons Firma (und der Neugier auf den geheimnisumwitterten Aufsteiger) eine Chance sieht, sein verkümmertes Dasein als Lehrer und krankhafter Verführer seiner Studentinnen neuen Aufschwung zu geben. Um die leidenschaftliche Liebe des Zimmermädchens Mary Lou, die scheinbar nicht nur der Exotik des Besuchers gilt, und doch mit Mary Lou daran zerbricht, daß er nicht ist, was er ist. Aber auch die Lebensläufe dieser drei Personen sind immer noch ein Bruchteil dessen, was in den Zuschauer strömt, nachdem der Gast die erste Tasse Wasser getrunken hat...

Nicolas Roegs Geschichte einer außerirdischen Existenz, die mit einem friedlichen Vorhaben auf die Erde kommt, ist ein Gebilde unzähliger Schichten, deren oft willkürlich scheinende Verflechtung einen unüberschaubaren Raum für Interpretationen läßt. Schreiende Symbolik von religiösen Motiven, Kapitalismus-Kritik, Appelle an Moral- und Wertüberdenkung und existentielle Fragen der Identität und ihres Verlustes in einer technologisierten und maskierten Welt tauchen plötzlich und klar in Worten, Gegenständen, Gemälden und Stimmungen auf - und verschwinden wieder im ästhetischen Rausch von Bildern und Musik. Mit der Auflösung der Identität des Protagonisten verschwimmt auch die Handlung mehr und mehr zugunsten eines Flickenteppichs traumhafter und zuweilen grotesker Szenen und Kulissen.

Von Anfang an steht das knappe, geschäftsmännische Gebaren des angehenden Moguls in krassem Gegensatz zu der zerbrechlichen Gestalt und androgynen Schönheit des Besuchers - eine anrührende und erregende Schönheit übrigens, die den Film bei aller szenischen Reichhaltigkeit mit ihrer Präsenz ständig beherrscht. Während dieses unwirkliche, maskenhafte Antlitz der eindringlichen Mimik zum Trotz bis zum Ende das Gleiche bleibt, und alle anderen Personen sichtlich, wohl gerade durch den aufgezwungenen Vergleich erschreckend altern, geht innerhalb der knabenhaften menschlichen Hülle eine Wandlung vor.
Seine Entfremdung, die immer wieder von mahnenden Bildern seiner Herkunft und Mission unterbrochenen Metamorphose, ist neben anderen Anzeichen wie dem Wechsel von Wassersucht zu steigendem Alkoholkonsum besonders deutlich in der Veränderung der beunruhigenden Liebesszenen zu sehen, allesamt von aufwühlender, hypnotisierender Erotik. Von der durchsichtig-zarten Intensität der ersten körperlichen Begegnung Newtons und Mary Lous wandelt sich die Vereinigung zu hysterischer Lasterhaftigkeit und schriller, brutaler Dekadenz. Wurde die Figur Newton bis dahin immer wieder neu geboren, so scheint sie wieder und wieder zu sterben während späterer Machtspiele zwischen Revolver und Nacktheit. Wie schon in seinem vorangehenden Werk "Wenn die Gondeln Trauer tragen" ("Don't look now", 1973) erreicht auch hier Roegs Verwirrspiel der Erzählebenen seinen Höhepunkt in der Darstellung der sexuellen Vereinigung: Szenen aus Lust, Haut und Gefühl wechseln sich ab mit - scheinbar - davon unabhängigem Geschehen und metaphorischen Visionen. Scheinbar deshalb, weil sie sich ergänzen, das Gleiche und mehr sagen in einer anderen Sprache und hypnotisierend wiederkehren wie eine Litanei, die nicht verstummt, bis man jedes Wort gehört hat. So werden die ersten scheuen Berührungen Newtons und Mary Lous intensiviert durch Bilder eines Geschenks, das mehr ist, als ein Teleskop und ein Blick zu den Sternen: Es ist ein winziges Stück Authentizität und Vertrauen, das Mary Lou erhält, und es gibt nur noch einen anderen Moment, in dem sich die beiden einige Sekunden so nah sind: Wenn sie ihn berührt, als er das ist, was er ist. Sehen wir jedoch Körper, die sich in reinem Verlangen, Wut, Sucht oder sogar Haß begegnen, schreien die Bilder, verraten und entlarven, mischen Tod und Verlust mit Illusionen von Begegnung. Vertrauen und Mißtrauen werden ebenso stetig als Leitmotive angesprochen - und ausgesprochen! -, wie sich angsteinflößende Wüstenbilder abwechselnd mit treibenden Körpern im Wasser scheinbar selbstbestimmt in die Handlung drängen. Das eine will der unschuldige Held abschaffen, das andere erschaffen - und weil er in seiner Unschuld gewarnt ist und sie deswegen nicht mehr hat, führt er diese hehren Vorsätze ad absurdum, indem er von sich lange Zeit nichts nach außen trägt, sein loderndes Mißtrauen in knappes Schweigen hüllt, bis man ihm glaubt was er zu sein vorgibt - und nicht mehr. Bezeichnenderweise erfahren wir von den Menschen, die ihn umgeben, viel, in Form von inneren Monologen teilen sie sogar ihre Gedanken mit. Einzig der Fremde bleibt eine unbestimmte, verstreut in Emotionsfetzen greifbare Gestalt - die einem im nächsten Moment wieder entgleitet. Beide Menschen, denen er letztendlich doch vertraut - aufgrund menschlicher Gefühle wie Liebe und Sympathie - verraten ihn. Und doch wäre es zu einfach, aufgrund des Scheiterns Kategorien wie Gut und Böse, Engel versus Mensch zu statuieren. Es liegt nicht in seinem Sinn, die Welt zu retten, sondern seinen Planeten, und seine eigene Unbescholtenheit und naive Reinheit stellt er selbst in Frage, indem er resigniert feststellt: "Ich bin nicht verbittert. Wenn Sie zu uns gekommen wären, hätten wir sie wahrscheinlich ähnlich behandelt". Er ist kein Retter und kein Märtyrer. Seine Unschuld wird ihm nur zum Teil genommen, ein Stück davon gibt er schon ab, als er sich entschließt, Mensch zu sein. Mit allen Konsequenzen, die sein Ich mehr und mehr verschlingen.

Fernseher und ihre Stimmen und Gesichter, Züge, Polizei und Waffen ziehen sich mit steigender Häufigkeit durch den fortschreitenden Film - und sind Fäden des Netzes, das sich um seinen fragile Protagonisten zieht. Bis es so fest und dicht ist, daß eine neue Haut daraus wird. Lange Zeit spielt sich in dieser Haut noch ein Kampf ab, ein Kampf gegen den Lärm der unzähligen Persönlichkeiten, die nicht nur auf den immer präsenten Fernsehschirmen durcheinanderreden, sondern auch in ihm - die Stimmen derer, aus denen er sich neu erschaffen hat. Doch wie er selbst feststellt, "zeigt das Fernsehen nie das, was wirklich ist. "Was ist mit mir passiert?" fragt er verzweifelt. Die Antwort geben die flimmernden Monitoren, deren verschiedene Programme und Stimmen zu unerträglicher Lautstärke anschwellen. "Geht doch alle raus aus mir. Zurück, woher ihr gekommen seid." Und in dem Gefängnis, welches ein ehrgeiziges Forscher- und Ärzteteam um ihn errichtet, muß Mary Lou den Weg durch unzählige Zimmer finden, die jedes für sich eine völlig unterschiedliche Welt und Zeit zu sein scheinen, um zu ihrem "gefallenen Engel" zu gelangen. Verbirgt sich im innersten Kern doch etwas reines, unkenntlich gemacht durch irdische Hüllen?

Am Ende der ersten Begegnung der Geschäftspartner in spe antwortet der Anwalt auf das souveräne, mit kalkulierender Erfahrung vorgebrachte Angebot, er bekäme seine neue Geräuschanlage selbstverständlich zum Herstellungspreis, wenn er mit Newton zusammenarbeite, mit der Bemerkung "Vielleicht sind sie doch gar nicht so anders, Mr. Newton". Später sagt eben dieser zu seinem Freund Professor Bryce: "Ich bin kein Wissenschaftler. Ich weiß nur, daß alle Dinge in der Ewigkeit beginnen und auch dort aufhören". Deshalb kann er auch die Geliebte nicht hassen, wie sie es erwartet, nachdem sie sein maskiertes Ich entdeckt hat. Doch als er nur noch ein Objekt ist, ein Versuchstier für aufklärungswütige Wissenschaftler und sich selbst, triumphiert er mit einem hybriden und zugleich wahnsinnigen, resignierten "Ich kann jetzt alles": Töten zum Beispiel - oder Mary Lou nach den Worten "Ich liebe dich nicht" einen (bedeutungslosen?) Ring (seiner Frau?) schenken...
Er paßt nicht.

"Was hat das zu bedeuten" seufzt Marie Lou während einer Taxifahrt - und das fragt sich auch der Zuschauer nicht selten. Roeg zwingt ihn dazu - und daß er das noch ziemlich lange tut und immer mehr Antworten findet, darin liegt eine der größten Stärken dieses Films. Eins ist jedoch sicher: Der Fall des Mannes, der vom Himmel fiel, war mit dem Aufprall auf der Erde nicht zu Ende, sondern fängt in diesem Augenblick erst an.  

Barbara Weitzel / Wertung: * * * * * (5 von 5)



Filmdaten

Der Mann, der vom Himmel fiel
(The Man Who Fell to Earth)

GB 1975
Regie: Nicolas Roeg;
Drehbuch: Paul Meyersberg (nach einem Roman von Walter Tevis); Kamera: Anthony Richmond; Musik: John Phillips; Produktion: Michael Deeley, Barry Spikings;
Darsteller: David Bowie (Thomas Jerome Newton), Rip Torn (Nathan Bryce), Candy Clark (Mary Lou), Buck Henry (Oliver Farnsworth), Bernie Casey (Peters), Jackson D. Kane (Professor Canutti), Rick Riccardo (Trevor) u.a.

Länge: 133 Minuten; FSK: ab 16 Jahren.



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Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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