16.09.2019

Das schweigende Klassenzimmer

Der Autor des Buches "Das schweigende Klassenzimmer" (2006), Dietrich Garstka, ist oft zu Besuch in Schulen und erzählt aus seiner Schulzeit: eine wahre Geschichte über Mut, Zusammenhalt und den Kalten Krieg. Seine damalige Schulklasse, Abiturjahrgang, legt am 1. November 1956 in der DDR fünf Schweigeminuten für die Opfer des Ungarnaufstands ein ("Wir haben um den tot geglaubten ungarischen Fußballspieler Ferenc Puskás getrauert") und wird drangsaliert. Eine Flut von Untersuchungen, Verhören, Beschimpfungen und Drohungen bricht über die jungen Leute herein. Der Volksbildungsminister kommt höchstpersönlich in die Schule und fordert die Klasse auf, den "Rädelsführer" dieser "konterrevolutionären" Aktion zu nennen. Die Genossen "schlügen zu, wenn der Klassenfeind glaube, den teuer erkämpften Sozialismus kaputt machen zu können". Doch die Klasse schweigt eisern, wird vom Abitur ausgeschlossen, flieht in den Westen und macht dort – in Bensheim in der Nähe von Heidelberg – das Abitur. 40 Jahre nach dem November 1956 gibt es ein Klassentreffen.

2018 wurde das Buch verfilmt, und das Ergebnis ist grandios: eine faszinierende Mischung aus Schülerfilm und Politthriller. Regisseur und Drehbuchautor Lars Kraume (Deutscher Filmpreis 2016 für "Der Staat gegen Fritz Bauer") setzte die Geschichte kongenial um. Er behielt die Grundhandlung bei, veränderte aber die Figuren und die Familien und fügte einige Charaktere und Aktionen hinzu, um das Ganze "filmischer" und (noch) spannender zu machen. Und er überführte die Geschichte in eine zeitlose Dimension. Der Film stellt Fragen, die dreißig Jahre nach dem Mauerfall immer noch bedeutsam sind. Kraume meint zu Recht, "dass man irgendwann in der Jugend ein politischer Mensch werden muss. Es geht nun mal nicht anders, damals wie heute. Wer keine eigene Meinung hat und für sie einsteht, der hat gar nichts."

Neben den Figuren wurde auch der Drehort verändert. Statt in Storkow (Brandenburg) spielt das Ganze jetzt in Eisenhüttenstadt, ideal wegen des alten Planstadtteils aus den 1950er-Jahren, dem größten Flächendenkmal Deutschlands. Aus dem Dokumentationszentrum und Museum des Alltags der DDR wurde das Schulgebäude. Hier spielt sich natürlich ein Großteil der Szenen ab. Ungemein eindringlich sind die Abschnitte, in denen die Perfidie der kommunistischen Machthaber deutlich wird: wenn der Volksbildungsminister und die Vertreterin der Schulbehörde (erschreckend: Burghart Klaußner und Jördis Triebel) durch ihre Verhöre, Drohungen und Erpressungen die Klasse spalten wollen, um den "Rädelsführer" dingfest zu machen. Der Schüler Erik und sein komplizierter biographischer Hintergrund wurden in das Ensemble hineingenommen. Er glaubt an die Utopie des Sozialismus und muss erkennen, dass sein Vater an der Hinrichtung eines angeblichen "Volksverräters" beteiligt war – was zu einem Amoklauf führt. Eine wichtige Funktion hat auch der altersweise Nonkonformist Edgar, der mit den Schülern heimlich den Radiosender RIAS hört. Michael Gwisdek, schon länger ein Spezialist für "Ost-Rollen", spielt ihn gewohnt lässig und schnodderig. Neben dieser Riege erstklassiger Mimen agieren die jungen unverbrauchten Schauspieler, die die Schülerrollen übernommen haben, und sie sind wunderbar. Alles stimmt, der Mut, die Angst, die Liebe, die Wut, die Solidarität. Kein Qualitätsknick, keine Kitschgefahr. Auch Dietrich Garstka, der Autor des Buches, ist zufrieden und glücklich mit der Verfilmung: "Bei jedem Bild dachte ich: Aha. Ja, so war's. Die Erinnerung wurde wach und die Gefühle waren genau die gleichen wie vor 60 Jahren. Die ganze Atmosphäre stimmt."

Der Film hat bisher fast nur positive Kritiken bekommen. Eine Ausnahme bildet der SPIEGEL (28. Februar 2018), dessen Rezensent Matthias Dell hämisch von "Zeitgeschichtsquark" spricht und das unsinnige Argument vorbringt: "Das Langweilige an 'Das schweigende Klassenzimmer' ist, dass Theo, Kurt und die anderen von Anfang an als die Sieger der Geschichte ins Rennen gehen, die sie seit dem Ende der DDR sind." Dann dürfte man auch keinen Film über die Nazizeit spannend finden, wo ebenfalls die Sieger bekannt sind. Sehr interessant sind die Meinungen einiger DDR-Bürgerrechtler, die dreißig Jahre nach der Wende zu bekannten Filmen über die DDR befragt wurden. Während sie etwa "Good Bye, Lenin!" eher "klamaukig" und "verkitscht" finden und "Das Leben der Anderen" gar "unanständig“ und "unglaubwürdig", lauten ihre Urteile über "Das schweigende Klassenzimmer": "eindrucksvoll", "filmisch überzeugend", "authentisch" und "berührend" (Welt am Sonntag, 8. September 2019).

Wenn man die Geschichte ruhen lässt, könnte sie sich wiederholen. Ostalgiker sollten unbedingt diesen Film sehen. Aber nicht nur die!  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * * * (5 von 5)



Filmdaten

Das schweigende Klassenzimmer


Deutschland 2018
Regie: Lars Kraume;
Darsteller: Leonard Scheicher (Theo Lemke), Tom Gramenz (Kurt Wächter), Lena Klenke (Lena), Isaiah Michalski (Paul), Jonas Dassler (Erik Babinsky), Nora Labisch (Klara Winkler), Lena Labisch (Regina Winkler), Ronald Zehrfeld (Hermann Lemke), Carina Wiese (Irmgard Lemke), Florian Lukas (Direktor Schwarz), Jördis Triebel (Frau Kessler), Daniel Krauss (FDJ-Sekretär Lange), Michael Gwisdek (Edgar), Burghart Klaußner (Volksbildungsminister Lange), Max Hopp (Hans Wächter), Judith Engel (Anna Wächter), Jakob Kraume (Jakob Lemke), Götz Schubert (Pfarrer Melzer), Nils Hohenhövel (Page), Bjarne Meisel (Student) u.a.;
Drehbuch: Lars Kraume nach dem Buch von Dietrich Garstka; Produzenten: Miriam Düssel, Susanne Freyer, Kalle Friz, Isabel Hund, Thomas Kufus; Kamera: Jens Harant; Musik: Christoph Kaiser, Julian Maas; Schnitt: Barbara Gies;

Länge: 111,29 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; Kinostart: 1. März 2018



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Schauspieler Gregory Peck (1916 - 2003) über die Rechte von Homosexuellen

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