02.05.2015
Technik gut, Botschaft weniger

Birdman
oder
(Die unverhoffte Macht
der Ahnungslosigkeit)


Wenn Ignoranz zur unerwarteten Tugend erklärt wird – im deutschen Titel wurde das englische "Virtue" wenig passend mit "Macht" übersetzt – und damit zum Lob eines schwachen Theaterstücks emporstilisiert wird, dann ist das nicht viel an inhaltlicher Erkenntnis. Gleich wie der Theaterkritikerin im Film, die den Artikel mit dieser ungewöhnlichen Ausdrucksweise schreibt, so geht es auch dem Zuschauer des Films "Birdman", da er auch weder emotional noch intellektuell bereichert ist, auch wenn es viele Kritiker so haben möchten.

Was will dieser Film uns mitteilen? Nach der Besichtigung von "Birdman" kann man diese Frage nicht beantworten. Zwar ist die Kameraführung revolutionär – aber nicht einzigartig, wie der auf der Berlinale 2015 prämierte deutsche Film "Victoria" beweist –, die Darsteller sind sehr überzeugend und halten die Nähe der Kamera tapfer aus, die Jazzmusik hat einen starken Sog, es werden Seitenhiebe ausgeteilt an die neue mediale Oberflächlichkeit, den Umgang von Kritikern mit Theaterschaffenden, den Umgang der Hollywood-Filmindustrie mit ihren Heldendarstellern. Wahrheit und Traum verschmelzen miteinander – vor allem, wenn der Hauptdarsteller plötzlich über die Dächer der Hochhäuser zu schweben beginnt. Aber wirklich mitgeteilt hat der Film uns immer noch nichts.

Riggan Thomson, der von Michael Keaton zweifelsohne hervorragend gespielte frühere Heldendarsteller befindet sich an einem schwierigen Punkt in seinem Leben – Beruf, Familie, Liebe – alles liegt in Scherben vor ihm, und er versucht sich an einem letzten Strohhalm festzuhalten, der alles retten soll: Zum ersten Mal inszeniert er ein Liebesdrama an einem kleinen Broadway-Theater. Aber vieles geht schief dabei, und unter dem unerträglichen Druck der Situation verliert Riggan seine mentale Balance. Die vielen zerstörerischen Konflikte – privat und beruflich, unglückliche Geschehnisse, die Halluzinationen mit dem früheren Superhelden "Birdman", den er dargestellt hatte, bedrängen ihn, er steuert auf einen echten oder illusorischen Selbstmord zu – das offene Ende des Films lässt beide Interpretationen zu.

Wir verfolgen eine schwindelerregende Kameraführung, die durch spärliche Schnitte ein Eintauchen, eine Immersion in das Geschehen zulässt. Man fühlt sich dadurch dem Geschehen, den vielen unterschiedlichen Situationen nahe – eine ungewöhnlich neue Zuschauererfahrung, da man in Räume und Szenen Einblick hat, die man sonst nicht erlebt – aber will man wirklich bei jeder dieser Situationen so nahe dabei sein? Wir können vermuten, dass es sich bei dem Hauptdarsteller um einen an Schizophrenie Leidenden handelt – seine emotionale Labilität, seine Selbstmordgefährdung, die Halluzinationen sprechen dafür. Aber sind wir als Zuschauer dadurch eine Erkenntnis reicher geworden? Außer, dass Kino auch technisch anders möglich ist, wohl nicht.

Nach dem einfühlsamen "21 Gramm" oder vor allem nach einem existenzielle Fragen stellenden "Biutiful" hätte man viel erwarten können von Regisseur und Drehbuch-Coautor Alejandro González Iñárritu. Seine Handschrift ist bei der technischen Qualität, beim Verweben von Realität und Surrealem und in der vielschichtigen metaphorischen Art der Handlungsumsetzung auch in "Birdman" klar erkennbar. Jedoch ist die hohe Auszeichnung des Films nur durch die Revolutionierung der rein technischen Umsetzung gerechtfertigt.  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * (2 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) (Birdman: Or (The Unexpected Virtue of Ignorance)) 
 
USA 2014
Regie: Alejandro González Iñárritu;
Darsteller: Michael Keaton (Riggan), Emma Stone (Sam), Jamahl Garrison-Lowe (Daniel), Zach Galifianakis (Jake), Naomi Watts (Lesley), Jeremy Shamos (Ralph), Andrea Riseborough (Laura), Edward Norton (Mike), Lindsay Duncan (Tabitha), Kenny Chin u.a.;
Drehbuch: Alejandro González Iñárritu, Nicolás Giacobone, Alexander Dinelaris, Armando Bo nach der Story von Raymond Carver; Produzenten: John Lesher, Arnon Milchan, James W. Skotchdopole; Kamera: Emmanuel Lubezki; Musik: Antonio Sanchez; Schnitt: Douglas Crise, Stephen Mirrione;

Länge: 119,48 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Twentieth Century Fox of Germany GmbH; deutscher Kinostart: 29. Januar 2015

Auszeichnungen:

Academy Award 2015 (Oscars):
Bester Film, Beste Regie, Bestes Originaldrehbuch, Beste Kamera
sowie fünf weitere Nominierungen

Golden Globes 2015:
Bester Darsteller in einem Film (Komödie oder Musical): Michael Keaton; Bestes Drehbuch
sowie fünf weitere Nominierungen
u.a.



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<02.05.2015>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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