21.02.2011
Das Leben ist schön, bis zum Schluss

Biutiful


Biutiful: Javier Bardem Auf dem großen, unrasierten Gesicht glänzt der Schweiß. Erschöpfung zeichnet sich auf den markanten Zügen ab. Zwei müde Augen fixieren die Leere, der Blick geht ins Nichts. Uxbal bleibt nicht viel Zeit, er weiß von seinem Ende und beginnt so jeden Tag mit der Suche nach einer Lösung für die Zukunft seiner Kinder.
"Biutiful" ist Alejandro González Iñárritus neueste Geschichte über das Schicksal. Diesmal beschränkt sich der mexikanische Meister des Mosaik-Films auf eine Figurenperspektive und zeigt in Großaufnahme die schwermütige Schönheit des Sterbens.

"Ein Affektbild ist eine Großaufnahme und eine Großaufnahme ist ein Gesicht" schrieb Gilles Deleuze in seinem Buch "Das Bewegungs-Bild. Kino 1". Durch die Großaufnahme wird das Gesicht zum Bild, zur Einschreibungsfläche für die Gefühle der Figur. So gelangt die emotionale, innere Welt nach außen und wird zum Affekt. Statt Reaktion wird der reine Ausdruck sichtbar. Großaufnahmen sind die vielleicht ausdrucksstärksten Bilder des Kinos, in denen sich die Wirkungsmacht der visuellen Nähe zu seinen Figuren zeigt. Doch gerade diese Nähe macht die Großaufnahme zu einem schwierigen ästhetischen Unterfangen, das leicht in leere tränenfeuchte Emotionseinstellungen abrutschen kann.

Biutiful: Filmplakat "Biutiful" ist ein Film aus Großaufnahmen, ein Film aus Gesichtern, in denen sich die ganze harte Realität zu spiegeln scheint, mit der die Figuren zu kämpfen haben. Alejandro González Iñárritu spart nicht gern an Emotion und hat einen Hang zur theatralischen Form der Trilogie. "Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei" sind thematische Grundkonstanten, die er in "Amores Perros" (2000), "21 Gramm" (2003) und zuletzt "Babel" (2006) bildreich verhandelt hat. Mit Iñárritus Filmen ist es wie mit Großaufnahmen, entweder sind sie pathetisch oder poetisch, große Gefühlsgeste oder eindringliche Verdichtung.
Diese Frage stellt sich auch bei "Biutiful". Ist dieser Film ein sozialkitschiges Mitleids-Movie, das uns erneut Bilder von Armut, Kriminalität und Migration zeigt, die uns nur von Bildschirm oder Leinwand vertraut sind? Ist die Wirkung dieses Films das Ergebnis einer Einfühlungsfiktion? Nicht nur.

Iñárritu ist ein Regisseur des "Multi" und des "Inter", ein Regisseur, der mit seinen Filmen im Sound der Globalisierung nicht nur das breite Publikum, sondern auch das Feuilleton zu befriedigen weiß.

Biutiful: Javier Bardem "Multi" sind die Figuren, Zeiten und Schauplätze, deren Zusammenführung den Plot ausmacht. Die verschlungenen Handlungsmosaike, von denen seine Filme bisher getragen wurden, ernährten sich immer von der gleichen Formel des "Inter": an unterschiedlichen Orten sind unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Kulturen immer miteinander verbunden durch die gleichen Gefühle, die gleichen Ängste und das gleiche Schicksal. Erzählerisch klingt das originell, thematisch allerdings nach humanistischer Gleichmacherei, die die Ungerechtigkeit der realen Unterschiede verklärt.

Für "Biutiful" hat Iñárritu diesmal selbst das Drehbuch geschrieben und nur eine Geschichte von einer Figur und ihrem Schicksal erzählt. Dies dafür aber umso härter und existenzieller. Mit diesem Film beginnt etwas Neues. Die dreckigen, farbigen, unfertigen Bilder von Rodrigo Prietos gewohnt meisterhafter Handkamera verdichten die Welt der kleinen Deals, des Überlebens am Rande der Gesellschaft, zur Großaufnahme eines Mannes. Uxbals Schicksal ist dabei so universell wie individuell: der Tod.

"I try to explore human behaviour through a violent event or a violent act with a fatal outcome. Death has weight in my films. It's important. When a character dies, it's not like a pebble falling to the ground. It makes a difference. I think nowadays people run away from those realities."

Konfrontation ist Iñárritus Intention, aber wie kann ein Film etwas so Unsichtbares zeigen, wie das Sterben? Uxbal kann mit den Toten sprechen und für die Übersetzung dessen, was die stummen Körper zu sagen haben, kassiert er von ihren Angehörigen ein paar Scheine. Vor Uxbals Augen sterben ständig die anderen, doch das eigene Ende bleibt seinem Blick entzogen. Umso eindringlicher ist deshalb der Anblick der mumifizierten Leiche seines Vaters, den er lebendig nie sehen und kennenlernen konnte. Diese Einstellung ist der große Moment dieses Films und zeigt zugleich seinen erzählerischen Ansatz: Der Anfang ist der Anblick des Endes.

"Biutiful" ist eine starke filmische Reflexion über die eigenartige Bildlichkeit des Sterbens und die magische Schönheit, die das Leben bekommt, wenn man es zurücklassen muss.  

Nicolas Oxen / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Prokino

 
Filmdaten 
 
Biutiful (Biutiful) 
 
Spanien / Mexiko 2010
Regie: Alejandro González Iñárritu;
Darsteller: Javier Bardem (Uxbal), Maricel Álvarez (Marambra), Eduard Fernández (Tito), Hanaa Bouchaib (Ana), Guillermo Estrella (Mateo) u.a.;
Drehbuch: Alejandro González Iñárritu, Armando Bo, Nicolás Giacobone; Produktion: Alejandro González Iñárritu, Jon Kilik, Fernando Bovaira; Co-Produktion: Sandra Hermida, Ann Ruark; Kamera: Rodrigo Prieto; Musik: Gustavo Santaolalla;

Länge: 147,28 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; ein Film im Verleih von Prokino; deutscher Kinostart: 10. März 2011



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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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