26.08.2014

Zwei glorreiche Halunken

Der Italowestern als Gattung (leicht abwertend auch "Spaghettiwestern" genannt) unterscheidet sich vom klassischen amerikanischen Western – obwohl viele genretypische Elemente beibehalten werden – in einigen entscheidenden Punkten. Es gibt nicht mehr die klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse, wie etwa noch in "12 Uhr mittags" ("High Noon", 1952) zwischen Sheriff McKane und Gangster Frank Miller. Moralische Normen wie Ehrlichkeit, Altruismus, Edelmut spielen kaum noch eine Rolle, stattdessen werden die Protagonisten geprägt von Rachsucht, Habgier und Skrupellosigkeit. Diese "schwarzen Helden" (Sergio Leone) haben mit bürgerlichen Normen nichts mehr am Cowboyhut und neigen zu brutaler Gewalt, wobei sie oft einen ungezügelten Zynismus an den Tag legen. Die Zahl der Toten kann in einem solchen Film leicht in die Dutzende gehen, was sich schon im Titel ankündigt ("Leichen pflastern seinen Weg", 1968). Der Wilde Westen bedeutet keine Hoffnung, keine Utopie mehr, die er noch für die frühen Siedler war. Die Träume sind ausgeträumt. Der Idealismus ist verflogen. In gewisser Weise persifliert der Italowestern den amerikanischen Western, nicht zuletzt durch die humoristischen Einschübe.

Bei den Kritikern und Filmhistorikern stellte sich langsam eine Wertschätzung der Italowestern ein. Manche wurden aufgrund ihres künstlerischen Niveaus und ihrer innovativen Ästhetik zu Klassikern, so etwa Sergio Leones "Spiel mir das Lied vom Tod" und Sergio Corbuccis "Django".

Zu den Höhepunkten der Reihe gehört zweifellos "Zwei glorreiche Halunken" mit Clint Eastwood, Eli Wallach und Lee van Cleef in den drei Hauptrollen. Der deutsche Titel erwähnt merkwürdigerweise nur zwei Hauptpersonen, wohingegen der italienische wie der internationale Titel – und das widerspricht dem zu Beginn Gesagten – zwischen Gut und Böse unterscheidet: "Il buono, il bruto, il cattivo" /"The Good, the Bad and the Ugly". Charakter und Moral bei dem "Blonden" (Eastwood) und bei "Tuco" (Wallach) differieren allerdings nur graduell – siehe deutscher Titel.

Damit kommen wir zum Inhalt. Drei verschiedene Typen jagen hinter einem Goldschatz her, der auf einem riesigen Soldatenfriedhof vergraben ist. Es handelt sich um 200.000 Dollar aus einer veruntreuten Regimentskasse. Der "Blonde" ist Kopfgeldjäger. Er fängt den mexikanischen Ganoven Tuco ein, liefert ihn beim Sheriff ab, kassiert das Geld, schießt aber im letzten Moment den Galgenstrick durch, so dass Tuco mit dem Pferd davonreiten kann. Das Kopfgeld wird geteilt. Es kommt aber zum Streit darüber: Tuco meint, sein Risiko sei größer. Dafür wird er in der Wüste ausgesetzt. Später will er sich an dem Blonden rächen und ihn seinerseits in der Wüste sterben lassen. Tuco erfährt von einem sterbenden Soldaten den Namen des Friedhofs, der Blonde den Namen auf dem Kreuz auf dem Grab, in dem der Goldschatz liegt: Nun ist jeder mit seiner Einzelinformation wieder auf den anderen angewiesen. Sie geraten in Gefangenschaft der Nordstaatenarmee – wir befinden uns im amerikanischen Bürgerkrieg – und unterstehen der Herrschaft des brutalen Gangsters Sentenza (Lee van Cleef), der von Tuco durch Folter den Namen des Friedhofs genannt bekommt. Später – nachdem Sentenzas Leute von dem Blonden und Tuco erschossen worden sind – macht sich Sentenza allein auf den Weg zum Friedhof. Der Blonde und Tuco werden noch von einer Truppe Unionssoldaten aufgehalten, die sich an einer Brücke mit den Feinden auf der anderen Seite des Flusses jeden Tag blutige Gefechte liefern. Der Blonde und Tuco besorgen sich Dynamit und sprengen die Brücke kurzerhand. Auf dem nicht weit entfernten Friedhof kommt es zu einem nervenaufreibenden Showdown...

Ein fulminanter Film, der trotz seiner Länge und seinen Minuten andauernden dialogfreien Szenen niemals an Spannung verliert. Mit monumentalen Weitwinkelaufnahmen einerseits und Nahaufnahmen andererseits zieht er den Zuschauer in den Bann, die wilde Landschaft der weiten Prärie (Drehort: Spanien, dessen Süden dem amerikanischen am nächsten kommt) erweckt den Eindruck von Majestät, in der die Menschenschicksale klein und zerbrechlich erscheinen. In der genialen Filmmusik verwendet Komponist Ennio Morricone völlig neue Mittel: Er setzt neben dem üblichen Orchesterklang auch E-Gitarre, Okarina, Trompete, Blockflöte und Rasseln ein, dazu menschliche Geräusche wie Pfiffe und Schreie, Peitschenschläge oder Glocken. Die Musik gilt als eine der besten in der Geschichte des Films: "nothing less than a milestone in the stylistic evolution of film music, not just for the Western genre, but for all of cinema." (Charles Leinberger, 2004). Berühmt geworden ist die Titelmelodie, in der man fast einen Coyote-Schrei zu vernehmen glaubt. Untrennbar passt sich die Musik der Handlung an, so ertönen absteigende Klänge im selben Rhythmus, mit dem Tuco – auf der Suche nach dem Blonden – ein paar Züge aus dessen Zigarillos tut, die er in den erloschenen Lagerfeuern gefunden hat. Der Soundtrack in seinem Wechsel von laut und leise, sanft und wild, hell und düster vermittelt unvergessliche Eindrücke von "wilder Westen", "Reiten", "Leidenschaft", "Gewalt", "Tod", "Entscheidung", "Schicksal"...

Vor diesem Hintergrund agieren die drei Desperados. Eastwood (der für seine Rolle 250.000 Dollar kassierte) trägt den typischen Poncho (bekannt aus den beiden Vorläufern in der Dollar-Trilogie: "Für eine Handvoll Dollar", 1964, und "Für ein paar Dollar mehr", 1965) und spielt den Blonden mit einer unnachahmlichen Coolness und Lässigkeit, die inzwischen ikonenhafte Züge angenommen hat. Eli Wallach besticht als listiger Ganove Tuco mit mexikanischen Wurzeln, er sorgt als auch "stachliges Raubein", als Gegenpart im Gespann mit dem Blonden für den Humor des Films. Lee van Cleef ist mit seinem Raubvogelgesicht, aus dem das Böse hervorschimmert, der geborene Darsteller Sentenzas.

In der Tat: Hier ist kaum noch Edles zu verspüren. Sieht man mal von der Szene ab, in der der Blonde einem sterbenden Soldaten seinen Zigarillo in dem Mund steckt und ihn einige Züge tun lässt. Es geht den drei "Helden" – wenn der Begriff hier noch passt – nur um das Geld. Das ist der zynische Blick des Films auf die Gesellschaft, und dieser Blick ist vielleicht realistischer als der des amerikanischen Vorläufers. Durch die Szenen an der Brücke, die die Sinnlosigkeit des Krieges demonstrieren, bekommt der Film allerdings auch ein überraschend pazifistisches Element.

Im Übrigen wird die exzessive Gewalt nicht nur durch die Übertreibung abgemildert (so treffsicher wie der Blonde kann kein Mensch in Wirklichkeit schießen), sondern auch durch die vielen Gags, die dem Film insgesamt comichafte Züge verleihen. So ruft etwa Tuco den herannahenden, in graue Uniformen gekleideten Soldaten zu: "Hurra! Es lebe die Konföderation! Gott ist mit uns!" Die Soldaten aber klopfen sich den Staub ab, darunter erscheinen die in Wahrheit blauen Uniformen der Nordstaaten. Kommentar des Blonden: "Gott ist nicht mit uns, er hasst Idioten wie dich!"

Die berühmte Schlussszene, der absolute Höhepunkt des Films, ist mit einer ungeheuren Spannung geladen. Der Blonde, Tuco und Sentenza stehen in gleichmäßigen Abständen auf dem runden Zentralplatz des Friedhofs, in dessen Mitte ein Stein liegt. Hierauf soll der Name des toten Soldaten stehen, und diesen Stein soll man sich "verdienen"... Die Musik steigert sich immer mehr, die Kameraeinstellungen lösen sich in immer schnellerer Folge ab, man sieht in Panorama-, Halbnah-, Groß-, Nah- und extremen Detailaufnahmen Landschaft, Figuren, Gesichter, Hände, Waffen, Augenpaare. Wer schießt gleich auf wen? Wer überlebt? Der amerikanische Filmkritiker Roger Ebert nennt den Film zu Recht ein "Meisterwerk" und den Kampf am Ende eine "Übung in Stil", in welcher Leone den Suspense bis zum Schluss halte und auskoste. Den Showdown (wie auch einige andere Szenen) kann man auf YouTube betrachten: http://www.youtube.com/watch?v=XuUWq7qGSro.  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * * * (5 von 5)



Filmdaten

Zwei glorreiche Halunken
(Il buono, il brutto, il cattivo.)

Titel für den englischsprachigen Markt: The Good, the Bad and the Ugly
Italien / Spanien / BRD 1966
Regie: Sergio Leone;
Darsteller: Clint Eastwood (Der Blonde / Der Gute), Lee Van Cleef (Sentenza / Der Böse), Eli Wallach (Tuco / Der Hässliche), Aldo Giuffrè (Betrunkener Hauptmann), Mario Brega (Corporal Wallace), Luigi Pistilli (Pater Pablo Ramirez), Antonio Casale (Jackson / Bill Carson) u.a.;
Drehbuch: Agenore Incrocci, Furio Scarpelli, Luciano Vincenzoni, Sergio Leone; Produzent: Alberto Grimaldi; Kamera: Tonnino Delli Colli; Musik: Ennio Morricone; Schnitt: Eugenio Alabiso, Nino Baragli, Joe D'Augustine;

Länge: 161 Minuten; FSK: ab 18 Jahren; westdeutscher Kinostart: 15. Dezember 1967



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"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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