10.05.2020

Zur Sache, Schätzchen

Es war im heißen Sommer 1968. Ein neuer Film lief an, er trug den originellen Titel "Zur Sache, Schätzchen". Im Kino saßen nur drei Zuschauer, einer davon war ich, der Bochumer Student. Und obwohl kein echtes Gemeinschaftsgefühl aufkam, habe ich immer wieder laut gelacht und mich herrlich amüsiert. Der Film lief in den Kinos schwach an, aber dann mussten immer mehr neue Kopien hergestellt werden, und er lockte insgesamt 6,5 Millionen Zuschauer vor die Leinwand. Diese Schwabinger Komödie um einen verbummelten Schlagertexter namens Martin und die Erlebnisse an seinem Geburtstag wurde bald zum Kultfilm. Wie kaum ein anderer verkörperte er den damaligen Zeitgeist, die Aufmüpfigkeit der Jugend, die Respektlosigkeit gegenüber den alten Autoritäten.

Die an einem einzigen Tag ablaufende Handlung ist schnell erzählt: Martin (Werner Enke) geht lieber mit seinem Freund, dem Schauspieler Henry (Henry van Lyck), in die Badeanstalt, anstatt sich mit seiner Freundin Anita zu verloben und einen an diesem Tag fälligen Schlagertext fertigzustellen. Dort lernt Martin ein knackiges Mädchen namens Barbara (Uschi Glas) kennen. Um Eindruck zu machen, erzählt er ihr, er sei ein steckbrieflich gesuchter Verbrecher auf der Flucht vor der Polizei. In Wahrheit ist er nur Zeuge eines nächtlichen Einbruchs gewesen. Als die Polizisten Martin auf dem Revier verhören wollen, lenkt Barbara die Beamten durch einen unvollendeten Striptease ab, und Martin kann entkommen. Anstatt auf eine von Anita und Henry arrangierte Geburtstagsparty zu gehen, bringt er Barbara nach Hause, wo es dann "zur Sache geht". (Der Filmtitel "Zur Sache, Schätzchen" stammt aus einem Vierzeiler, mit dem Sprücheklopfer Martin seine Tätigkeit als Schlagertexter ironisiert: Zur Sache, Schätzchen / mach keine Mätzchen / komm ins Bettchen / rauchen wir noch'n Zigarettchen.) Als ihn später die Polizei verhaften will, scheint sich doch noch sein ewiger Spruch "Es wird böse enden!" zu bewahrheiten. Martin provoziert die Beamten mit einer Pistole. Die ist völlig ungefährlich, aber der Polizist weiß das nicht, warnt Martin und schießt. Martin stellt sich zunächst tot. Er hat aber nur einen Streifschuss, steht auf und sagt zu dem Beamten. "Da haben Sie aber nochmal Schwein gehabt!"

Peter W. Jansen schrieb damals: "Ich habe noch keinen Film der neuen deutschen Welle gesehen, in dem so viel Freiheit anwesend war. Freiheit, zu der auch die Ahnung gehört, daß sie am Ende doch nicht zu verwirklichen ist." (filmkritik, 1968). Der bis dato unbekannte Werner Enke spielt den Martin genial, indem er sich selbst spielt. Er ist ein moderner Nichtstuer und Tagedieb, dem seine Phantasie Sätze eingibt wie diesen: "Das wichtigste an einer Pseudophilosophie ist, daß am Ende nichts dabei herauskommt." Die junge Regisseurin May Spils hatte Peter Schamoni als Produzenten gewonnen und erst einmal monatelang ihre Freunde Werner Enke und Henry van Lyck beobachtet und belauscht, um für das Drehbuch den richtigen Sound zu finden. So wurde der Film eine Sprachkomödie, deren schnoddrige Idiomatik in den allgemeinen Sprachschatz einging ("fummeln", "Dumpfbacke", "abgeschlafft"). May Spils, die auch schon mal im Bikini Regie führte, erklärte ihre Absicht so: "Man sollte endlich die Langeweile aus den Kinos vertreiben – denn das haben die Herren vom Jungen Deutschen Film bisher kaum geschafft." Und: "Ich habe, was meine eigene Arbeit angeht, auch keine revolutionär-ideologischen Vorstellungen im Sinne des Oberhausener Manifests. Ich möchte nur kein verstaubtes Kino machen". Laut der Weisung seiner Regisseurin spielt der Film mit der Realität, ohne je realistisch zu werden. Die Handlung besteht im Grunde aus einer schnellen Sketchfolge. Die bewegliche Kamera von Klaus König ist immer nah am Geschehen. Oft werden Szenen aus dem Stegreif produziert, z.B. die Liebesszene zwischen Martin und Barbara, sie sollten laut Regie einfach "loslegen". Enke hatte sein Daumenkino mitgebracht, um die Situation zu entkrampfen. Manchmal ermöglichte der Zufall eine Improvisation: In der Innenstadt ging das Pärchen durch die reale Menschenmenge auf dem Wedekindplatz, da wurde ganz in der Nähe der "schmutzigste Gammler Münchens kostenlos gewaschen"! Ein gefundenes Fressen für das Team.

Dieser humorvolle Film über das Protestgebaren zweier friedlicher Typen aus Schwabing wurde ein grandioser Erfolg, er bekam viele Preise, darunter einen zuvor und später nie verliehenen Bundesfilmpreis für "beste Dialoge". Werner Enke sagte Jahrzehnte später in einem Interview: "Ja, es war überwältigend, wir haben damit nicht gerechnet, das war unvorstellbar, was das passiert ist." Zu dem Erfolg trugen natürlich auch die anderen Figuren bei: Uschi Glas war die niedlich-kokette Barbara, die als gut behütetes "bürgerliches" Mädchen mit dem apolitischen Bohemien Martin das Traumpaar des deutschen Films bildete; Henry van Lyck spielte den umtriebigen, leicht genervten Henry van Bosch, also ebenfalls sich selbst, und der kugelrunde Rainer Basedow zeigte als überforderter Polizeibeamter schon sein kabarettistisches Talent – er wurde später bekannt als Mitglied der "Münchner Lach- und Schießgesellschaft". Also ein rundum gelungener Film. Fand ich damals...

... 52 Jahre später habe ich den Film jetzt wieder angesehen. Und merkwürdigerweise war der Zauber verflogen. "Zur Sache, Schätzchen" ist völlig dem Zeitgeist verfallen, und der ist leider darüber hinweggegangen. (Bei einer richtig guten Komödie – z.B. Billy Wilders "Manche mögen's heiß", für viele Filmfans die beste aller Zeiten – ist das nicht so, die ist zeitlos, die altert nicht.) Viele Gags kommen mir heute schal vor: Wenn Martin mit angeklebtem Bart "möglichst unauffällig" wie ein Kasper durch die Straßen hüpft, wenn er mit Barbara eine aus dem Zoo entführte Ziege im Kinderwagen schiebt, wenn er sagt: „Muss einem denn die Sonne gleich morgens so in die Fresse brennen?", wenn er im Park einer Oma ins Ohr flüstert: "Nicht erschrecken, ich hab die Tollwut", wenn Henry sagt: "Wenn ich Würstchen esse, muss ich an Schweinereien denken", dann ist das alles nicht (mehr) komisch. Die Schlussszene mit dem Revolver ist nach der Erschießung Benno Ohnesorgs in Berlin geändert worden (eigentlich sollte Martin erschossen werden), sie wirkt aber angesichts der Realität des 6. Juni '67 ganz unangemessen. Auch wenn sie, wie Enke später erzählte, "ein verkappter Selbstmordversuch" sein sollte. (Man hat hier übrigens eine Anspielung auf Godards "Außer Atem" erkennen wollen.) Eigentlich konnte man seinerzeit schon nicht darüber lachen. Enke bekannte selbst: "Der Film hängt an uns wie eine schwere Hypothek. Immer wieder werden wir an ihm gemessen. Dabei glaube ich, daß der Film heute gar nicht mehr so komisch wirkt wie damals." Oder wie Martin im Nachfolgefilm "Nicht fummeln, Liebling!" (1969) sagt: "Der alte Schwung ist hin." Enkes und Spils' letzter Film "Mit mir nicht, du Knallkopf" (1983) wurde drei Tage nach dem Start aus den Kinos genommen.

Es bleibt die Erinnerung an eine erfrischende, liebenswerte Frechheit in den wilden 60er Jahren. Aber das ist nur noch Nostalgie. Insofern fällt mir die Wertung nicht leicht. Ich kann mich, wenn ich mein damaliges und mein heutiges Urteil betrachte, aus Fairnessgründen nur für einen Mittelwert entscheiden.  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

Zur Sache, Schätzchen


BRD 1968
Regie: May Spils;
Darsteller: Werner Enke (Martin), Uschi Glas (Barbara), Henry van Lyck (Henry van Bosch), Inge Marschall (Anita), Helmut Brasch (Viktor Block), Rainer Basedow (Wachhabender), Joachim Schneider (Wachtmeister), Johannes Buzalski (Spanner), Martin Lüttge (Dichter im Lift), Fritz Schuster (Bettler), Edith Volkmann (Hausmeisterin), Horst Pasderski (Filmproduzent), Erwin Dietzel (Zoowärter), Ursula Bode (Mutter im Zoo) u.a.;
Drehbuch: May Spils, Werner Enke, Rüdiger Leberecht; Produzent: Peter Schamoni; Kamera: Klaus König; Musik: Kristian Schultze; Schnitt: May Spils;

Länge: 80 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; westdeutscher Kinostart: 4. Januar 1968



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"Das Buch hatte mir besser gefallen."

Jüdischer Humor von Regisseur Billy Wilder (1906 - 2002). So beantwortete er die Frage, was er vom Dokumentarfilm "Mein Kampf" von Erwin Leiser halte

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