26.01.2021

Werk ohne Autor

Dem Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck gelang 2006 ein sensationeller Erfolg: Mit seinem Film "Das Leben der Anderen" – einem Drama um die Bedrängnis von Künstlern durch die Stasi – gewann er den Oscar für den besten fremdsprachigen Film und mehrere andere Preise. Sein Film "Werk ohne Autor" aus dem Jahre 2018 spielt auch zu einem großen Teil in der DDR, umfasst aber dazu noch die Nazizeit und die Bundesrepublik – 30 Jahre in drei Stunden, die aber nie langweilig werden. Wieder geht es um die Kunst und ihr Verhältnis zur politischen Realität. Hauptfigur ist der Maler Kurt Barnert, dessen dargestelltes Leben deutlich der Biographie eines der größten deutschen zeitgenössischen Künstler entspricht, nämlich Gerhard Richter, geboren 1932. (Die Preise seiner großformatigen Bilder haben inzwischen die 30-Millionen-Grenze überschritten.) Als Vorlage diente das Buch Ein Maler aus Deutschland. Gerhard Richter. Das Drama einer Familie von Jürgen Schreiber.

Der Film ist faszinierend von Anfang an. Im Dritten Reich erkennt der junge Barnert, der in Dresden aufwächst, früh sein Talent. Er muss erleben, wie seine geliebte Tante wegen angeblicher Schizophrenie im Rahmen des Nazi-Euthanasie-Programms ermordet wird. In der DDR darf er später an der Kunstakademie studieren und malt Propagandabilder für das System. Dabei lernt er seine große Liebe kennen, die Studentin Ellie, mit der er dann – noch vor dem Mauerbau – in den Westen flieht, um an der Düsseldorfer Kunstakademie zu studieren. Denn das Leben im Ostblock mit seinem Zwang, stets parteitreue Werke im Stil des sozialistischen Realismus abzuliefern, ist ihm unerträglich geworden. In Düsseldorf studiert er bei Prof. Antonius van Verten, der mit Fett und Filz arbeitet (man erkennt sofort Joseph Beuys), und lernt u.a. den Studenten Günter Preusser kennen, der Holzgegenstände mit Nägeln spickt und der ihn in seiner Absicht unterstützt, einen eigenen künstlerischen Weg zu finden (im wahren Leben: Günther Uecker).

Der Konflikt der Handlung besteht nun darin, dass Barnert langsam eine schockierende Wahrheit herausfindet, die der Zuschauer von Anfang an kennt: Ausgerechnet sein Schwiegervater, der angesehene Prof. Carl Seeband, damals SS-Obersturmbannführer, war als Arzt am Dresdener Krankenhaus am Euthanasieprogramm der Nazis beteiligt gewesen und durch sein Gutachten für die Ermordung von Kurts Tante mitverantwortlich. In Düsseldorf gelingt es Barnert, sich in der kunstinteressierten Öffentlichkeit mit seinen verfremdeten Fotogemälden zu etablieren. Er konfrontiert seinen Schwiegervater mit einem Collage-Bild, auf dem ein inzwischen verhafteter Nazitäter, Seeband und die ermordete Tante Elisabeth zu sehen sind, da verliert der Professor die Fassung und verlässt hastig das Atelier. Kurt erkennt, dass er mit seinen Bildern seine Vergangenheit verarbeiten kann. Bei seiner ersten Ausstellung in Wuppertal bemängeln Kritiker, dass er im Grunde nur fremde Bilder bearbeite, somit sei das Ganze ein "Werk ohne Autor". Kurt vertraut aber weiter auf die Aussage- und Wirkungskraft seiner Kunst.

Der Film ist von einer großen Opulenz und Eindringlichkeit gekennzeichnet, der spannende Handlungsverlauf und die Einzelszenen sind zwingend und wirkungsstark. Die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs werden durch eine gewagte Montage vergegenwärtigt: Bilder von fallenden Soldaten, vom brennenden Dresden und von den Gaskammern in Auschwitz wechseln einander ab: das grausige Szenario einer Welt in Flammen. Ein erzählstarkes Stück Kino, das ein Panorama deutscher Geschichte entwirft, vor dem die Einzelschicksale sich entfalten. Und zugleich eine Veranschaulichung der Rolle der Kunst in drei unterschiedlichen politischen Systemen. Es ist unerheblich, dass einzelne Details in Wahrheit anders gewesen sind. Da gibt es die künstlerische Freiheit; mit den Fakten kann man großzügiger umgehen, wenn man nicht behauptet, einen Dokumentarfilm zu drehen.

Zur Wirkung des Films tragen die herausragenden Schauspielerleistungen bei. Professor Seeband wird von Sebastian Koch gespielt, einem unserer besten Darsteller, dem es gelingt, den gewissenlosen, zynischen Karrieristen so eindringlich zu spielen, dass es einen graust. Seeband ist nach dem Kriege von den Russen verhaftet worden, wird aber verschont, weil er die schwierige Geburt des Sohnes des russischen Lagerkommandanten zu einem Erfolg führt. In der DDR schwimmt er genauso oben wie im Dritten Reich und später in der Bundesrepublik. Auch Tom Schilling hat schon viele Preise eingeheimst. Er spielt den Maler Barnert schüchtern, leise, zurückhaltend, zeigt aber zugleich seine Willensstärke und sein Ringen mit der Kunst. Die Rolle von Barnerts Ehefrau Ellie wurde mit dem neuen weiblichen Star am Filmhimmel besetzt: Paula Beer. Sie steht den beiden Männern in nichts nach. Als Geliebte und Ehefrau des Malers agiert sie mit großem Liebreiz. Auch die kleineren Auftritte bleiben im Gedächtnis: etwa Ben Becker als Vorarbeiter, Oliver Masucci als Beuys-Kopie mit rheinischem Akzent, Lars Eidinger gleich zu Beginn als Führer in der Ausstellung "entarteter" Künstler 1937 in Dresden.

Fazit: Ein überaus gelungener Film, der übrigens bei den Kritikern in den USA mehr Zustimmung fand als in Deutschland. Kyle Smith von der National Review bezeichnete "Werk ohne Autor" als "new cinematic masterpiece" und bekannte: "It may be the best German film I've ever seen." Der porträtierte Gerhard Richter war allerdings keineswegs zufrieden. Er ist der Meinung, der Regisseur habe seine Lebensgeschichte "missbraucht und grob verzerrt".  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * * * (5 von 5)



Filmdaten

Werk ohne Autor


Deutschland 2018
Regie & Drehbuch: Florian Henckel von Donnersmarck;
Darsteller: Tom Schilling (Kurt Barnert), Sebastian Koch (Prof. Carl Seeband), Paula Beer (Elisabeth "Ellie" Seeband-Barnert), Saskia Rosendahl (Elisabeth May), Ina Weisse (Martha Seeband), Cai Cohrs (Kurt Barnert, jung), Ben Becker (Vorarbeiter), Lars Eidinger (Ausstellungsführer), Jeanette Hain (Waltraut Barnert), Jewgeni Wladimirowitsch Sidichin (NKWD Major Murawjow), Hanno Koffler (Günter Preusser), Oliver Masucci (Prof. Antonius van Verten), Hinnerk Schönemann (Werner Blaschke), Jörg Schüttauf (Johann Barnert), Ulrike C. Tscharre, Hans-Uwe Bauer, Johanna Gastdorf, David Schütter, Jonas Dassler, Jacob Matschenz, Florian Bartholomäi, Mark Zak, Bastian Trost, Rainer Bock, Sebastian Rudolph, Pit Bukowski, Lutz Blochberger u.a.;
Produzenten: Florian Henckel von Donnersmarck, Quirin Berg, Jan Mojto, Max Wiedemann; Kamera: Caleb Deschanel; Musik: Max Richter; Schnitt: Patricia Rommel;

Länge: 189 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 3. Oktober 2018



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"Yoda dominiert jede Szene, in der er vorkommt - und gibt die beste Performance des Films!"

Leonard Maltin's Movie Guide, ein Kurzkritiken-Buch, zu "Star Wars Episode III - Die Rache der Sith". Yoda ist, neben Schauspielern wie Ewan McGregor, eine Computer-generierte Filmfigur.

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