10.01.2015
Englische Landidylle und venezianischer Okkultismus

Wenn die Gondeln Trauer tragen


Ein venezianischer Kanal im winterlichen Abendrot. Das Wasser schimmert darin. Schnitt. Grauer Himmel. Ein Mann steht dicht gedrängt mit anderen Personen auf einer Fähre. Er sieht sich misstrauisch um. Er erblickt auf einer vorbeifahrenden Fähre seine Frau Laura und die beiden seltsamen Schwestern, die die beiden in Venedig kennengelernt haben. Alle sind in schwarz gekleidet. Er ruft einmal laut nach ihr, rennt unterstützt von einem molto allegro des Orchesters Richtung Backbord und schreit noch energischer nach seiner Frau. Dann "sieht" er mit dem Auge der Kamera noch einmal die drei vorbeifahrenden Frauen aus einem ganz anderen Winkel. Wem diese Prozession gilt, ist weder ihm noch dem Zuschauer in diesem Moment klar. Protagonist John und das Publikum denken laut: "Laura ist doch gerade erst nach England abgereist!". Als er schließlich an Land geht, ist er sehr aufgebracht.

Zunächst könnte man denken, es handelt sich hier um eine simple Szene innerhalb von "Wenn die Gondeln Trauer tragen" ("Don't Look Now"; Italien, Großbritannien 1973), die schlicht zwei verschiedene Kameraperspektiven der selben Aufnahme verwendet. Und auch wenn die Szene auf den ersten Blick so simpel erscheint, beinhaltet sie doch eine für den Film zentrale, vor allem montage- und kameratechnische Schlüsselrolle. Die Szene erscheint noch ein drittes Mal, in der fulminanten, alle Handlungsstränge zusammenführenden Endmontage. Dahinter steckt eine unglaubliche dramaturgische Montagefähigkeit, die der Regisseur und Editor Nicolas Roeg zusammen mit Cutter Graeme Clifford an den Tag legt. Was hier mit der Technik, eine Aufnahme in komplett unterschiedlichen Zusammenhängen zu verwenden, geballt verhandelt wird, lässt sich über weite Teile des Films verfolgen.

"Wenn die Gondeln Trauer tragen" handelt vom Familienidyll der Baxters, das jäh durch das Ertrinken der Tochter zerstört wird. John und Laura Baxter ziehen wegen seines Berufs als Kirchenrestaurator nach Venedig. Es geschehen ungewöhnliche Dinge. Die beiden lernen Schwestern kennen, die eine Kontaktaufnahme zur Toten versprechen. Laura taucht auf, obwohl sie nicht in der Stadt ist. Ein Serienkiller streift durch die Stadt. Nach und nach entwickelt sich die Stadt in ein Schreckensszenario. Das Ertrinken der Tochter und die damit verbundene Verarbeitung der Ereignisse durch die Eltern stellen den emotionalen Grundpfeiler für den plausiblen Fortgang des Films dar. Diese Emotionalität wird im Schrei der Mutter, als sie die Leiche sieht, eingefangen. Dabei geht das inhaltlich soweit gut wie Schrecken und Angst realistisch dargestellt werden. Mit der ersten "Wahrsagung" der blinden Schwester verliert der Film an Plausibilität. Der Film versucht, die Trauer mittels okkultem "Hokuspokus" erkennbar zu machen. Dies gelingt nicht immer. Es fehlt die echte emotionale Trauer.

Aus heutiger Sicht arbeitet der Film für sein Produktionsalter von 41 Jahren äußerst ungewöhnlich mit dem Tempo seiner Aufnahmen. Die geläufige Langsamkeit vieler Filme der 70er Jahre, wird zunächst auch in "Wenn die Gondeln Trauer tragen" vor allem zu Beginn und über weite Teile der Handlung eingesetzt. Die gesamte Stimmung verändert sich wenn schlagartig. Plötzlich herrscht - meist wenn es um den Tod geht - Hektik. Weder der Zuschauer noch die Protagonisten wissen, wo ihnen der Kopf steht. Eine solche Häufigkeit von Schnitten, eine solch starke Verwebung von Kameraaufnahmen aus verschiedenen Perspektiven, die man eher aus durchschnittlichen Actionfilmen gewohnt ist, erzeugt diese ungemeine Unruhe.

Für die Menschen, die nicht die Möglichkeit hatten, den Film in seinem Erscheinungsjahr zu sehen, wirkt der Film in diesen Momenten trotz allem ungewöhnlich rasant. Auch hat sich die Wahrnehmung dessen verändert, was im Film noch als "gruselig" zu bezeichnen ist. Mit dem Aufkommen von Filmreihen wie "Hostel" und "SAW" hat sich die Erwartung an Filme stark in Richtung körperrealistischen Horrors verändert. Es findet eine Gewöhnung an extreme Inhalte statt. Filme wie "Wenn die Gondeln Trauer tragen", mit dem subtileren Horror der eng verwinkelten, mit Kunstblut getränkten Gassen Venedigs, erscheinen dann als zu wenig explizit.  

Nicolas Schumann / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Wenn die Gondeln Trauer tragen (Don't Look Now)  
 

Italien / GB 1973
Regie: Nicolas Roeg; Drehbuch: Allan Scott, Chris Bryant nach einer Kurzgeschichte von Daphne Du Maurier; Kamera: Anthony B. Richmond; Musik: Pino Donaggio; Schnitt: Graeme Clifford;
Darsteller: Julie Christie (Laura Baxter), Donald Sutherland (John Baxter), Hilary Mason (Heather), Clelia Matania (Wendy) u.a.

Länge: 109 Minuten; FSK: ab 16 Jahren



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Wertung: * * * * (4/5)


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

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