23.02.2015
Französischer Ulk mit einer Prise Herzenswärme

Verstehen Sie die Béliers?


Verstehen Sie die Béliers? Komödien mit Klamauk und einem Schuss Herzlichkeit – damit kann das französische Kino gut dienen, denn das Rezept gelingt oft. Man braucht nur an "Ziemlich beste Freunde" denken oder "Monsieur Claude und seine Töchter" (dessen Hauptdarsteller Christian Clavier demnächst in "Nur eine Stunde Ruhe" zu sehen sein wird), dann kann man auch die Familiengeschichte der Béliers darin einordnen. Komische (manchmal auch leicht überdrehte) Szenen wechseln sich mit realistischen ab, man lacht, lernt ein bisschen was und kriegt auch was zum Nachdenken.

"Je vous entends" bedeutet auf Französisch sowohl "Ich höre Ihnen zu" als auch "Ich verstehe Sie!" – wohl beides oder auch eigentlich keines der beiden meint der gehörlose Familienvater und Milchbauer Rodolphe Bélier (François Damiens), als er sich als Kandidat zur Bürgermeisterwahl stellt. Diplomatie gehört nämlich nicht zu seinen Stärken – und eben diese stellt seine 16-jährige Tochter Paula (Louane Emera) her, wenn sie seine groben Äußerungen beim Übersetzen – oder besser gesagt "Vertonen" für die Hörenden – abmildert oder verkürzt. Nicht nur darin ist Paula gut, sondern auch bei der Hilfe im Kuhstall, bei der Käserei, beim Erledigen sämtlicher Geschäftstelefonate, beim Übersetzen von Fernsehsendungen in die Zeichensprache für ihre Eltern und den kleineren Bruder, beim Verkauf am Käsestand auf dem Markt.

Dennoch ist sie auch Schülerin, Teenagerin und hat Freunde. Das sind etwas viele Aufgaben für den Tag und man staunt, wie sie das alles schafft. Paulas unterforderter und abgestumpfter Chorlehrer erkennt ihr gut verstecktes und ungewöhnliches Singtalent. Mit wenigen – nicht immer eleganten – Bemerkungen wie "es muss raus, sonst kriegt ihr Darmkrebs", kitzelt er das Gesangstalent der Kinder heraus. Auf diese Weise entdeckt Paula, dass sie regelrecht eine "Stimme" hat, zum Singen und zum Sich-Selbst-Behaupten, die nur ihr gehört, die sie einzigartig macht.

Verstehen Sie die Béliers? Es beginnt der notwendige Abnabelungsprozess der Tochter und das notwenige Loslassen der Eltern – ein Tauziehen. Leider kommt auch diese Coming of Age-Geschichte – wie viele andere – nicht ohne lange Gesichter aus, ohne bockiges Entgegenstellen und ewigen Teenagermissmut –, so dass der Zuschauer nach eine Stunde Film das Schmollgesicht Paulas auch nicht mehr so leicht ertragen kann. Glücklicherweise kann man den hervorragend umgesetzten Darstellungen der Eltern zusehen. Die sinnliche aber auch herzliche Mutter, der gutmütige aber leicht bärbeißige Vater und der pubertierende Bruder bieten Paula einen schönen Rahmen, wie auch letztendlich der sich immer weiter herauskristallisierende Gesang Paulas – der zur wirklichen Hauptgestalt des Films wird und zu einem elektrisierenden Ende führt.

Wen die ab und an etwas oberflächliche Schelmerei nicht stört, wird an diesem Film seine Freude haben. Auch wenn die nicht rural wirkenden Eltern, der unterm Exil ins Dörfliche leidende Musiklehrer und der sich nach Paris sehnende Mitschüler die dörfliche Idylle nicht ganz heraufbeschwören, so mag man doch sonnige Wiesen, Kühe und Traktoren sehen, Rad fahrende Kinder und Choraufführungen im Gemeinschaftssaal, denn die Geschichte ist dennoch gut erzählt.  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Concorde Filmverleih

 
Filmdaten 
 
Verstehen Sie die Béliers? (La famille Bélier) 
 
Frankreich 2014
Regie: Eric Lartigau;
Darsteller: Karin Viard (Gigi Bélier), François Damiens (Rodolphe Bélier), Eric Elmosnino (Fabien Thomasson), Louane Emera (Paula Bélier), Roxane Duran (Mathilde), Ilian Bergala (Gabriel Chevignon), Luca Gelberg (Quentin Bélier), Mar Sodupe (Mademoiselle Dos Santos), Stéphan Wojtowicz (Lapidus) u.a.;
Drehbuch: Victoria Bedos, Stanislas Carré de Malberg nach der Adaption von Thomas Bidegain und Eric Lartigau und der Idee von Victoria Bedos; Produktion: Stéphanie Bermann, Eric Jehelmann, Philippe Rousselet; Kamera: Romain Winding; Musik: Evgueni Galperine, Sacha Galperine; Schnitt: Jennifer Augé;

Länge: 105,51 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih der Concorde Filmverleih GmbH; deutscher Kinostart: 5. März 2015

Auszeichnungen:
Louane Emera: César als Beste Nachwuchsdarstellerin



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Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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