18.01.2015
Komödie über Ressentiments

Monsieur Claude und seine Töchter


Monsieur Claude und seine Töchter: Filmplakat Monsieur Claude Verneuil, Notar von Beruf, und seine Frau Marie sind ein typisches Ehepaar aus der französischen Provinz. Beide sind stolz auf ihre vier schönen Töchter, von denen drei schon verheiratet sind, allerdings nicht den Vorstellungen der Eltern entsprechend: Odile nämlich mit dem jüdischen Geschäftsmann David, Isabelle mit dem muslimischen Rechtsanwalt Rachid und Ségolène mit dem chinesisch-stämmigen Banker Chao Ling. Zu Beginn dieser überaus amüsanten Komödie werden die drei Hochzeiten, die in den letzten Jahren stattfanden, in Rückblenden und im Zeitraffer kurz vorgeführt, und es ist ein Vergnügen anzusehen, wie die Miene des Vaters beim Gruppenbild von Mal zu Mal immer säuerlicher wird. So hatte er sich die Zukunft der drei Kinder und der ganzen Familie nicht vorgestellt! Bei Familienfeiern und anderen Treffen geraten alle Beteiligten immer wieder aufs kulturelle, politische und religiöse Glatteis und es geht oft temperamentvoll und lautstark zu. Man weicht keinem Streit aus, etwa wenn es sich um die Beschneidung des Enkels Benjamin handelt.

So ist die Freude des streng katholischen Ehepaares Verneuil groß, als die jüngste Tochter Laure ankündigt, einen Franzosen mit Namen Charles heiraten zu wollen. "Charles?", fragt Claude, und seine Miene hellt sich auf, "wie Charles de Gaulle?" Doch genauso groß ist der Schock, als ihnen der künftige Schwiegersohn vorgestellt wird: Er ist schwarz und stammt von der Elfenbeinküste. Da ist die Toleranzgrenze der Verneuils überschritten, diese Hochzeit darf auf keinen Fall stattfinden! "Drei Kanaken und ein Schwarzer – für deine Eltern ist das Fukushima!", resümiert ein Schwiegersohn. Claudes Schwiegersöhne befürchten neuen Stress und versuchen die Heirat zu verhindern, indem sie Fotos von Charles machen, wie er sich mit einer anderen Frau trifft – die stellt sich aber als Charles' Schwester heraus. Als Mutter Marie ihren Widerstand aufgibt und sich an die Hochzeitsvorbereitungen macht, droht Claude mit der Scheidung. Der afrikanische zukünftige Schwiegervater Laures ist das Gegenstück zu Claude. Auch er hält nichts von dieser geplanten "Mischehe", da er wegen der Kolonialzeiten eine Menge Vorurteile gegen die Franzosen hat, und will ebenfalls die Heirat verhindern. Die beiden starrköpfigen Männer betrinken sich nach einem gemeinsamen Angelnachmittag und landen in der Ausnüchterungszelle der Gendarmerie. Laure ist verzweifelt, glaubt, ihre Hochzeit sei geplatzt, und will schon abreisen, wird aber von den beiden inzwischen verbrüderten Vätern aufgehalten. So findet die Hochzeit, also das komödienübliche Happy End, doch noch statt.

Monsieur Claude und seine Töchter Ein gut aufgelegtes Ensemble von Schauspielern trägt die Handlung, die vor Witz, unerschrockener Ironie und Slapstick nur so blitzt. Allen voran Frankreichs Komödienstar Christian Clavier, bekannt vor allem aus den "Asterix und Obelix"-Filmen, als Monsieur Claude. Aber auch die vielen unbekannten Jungmimen fallen kaum dahinter zurück. Der Film schafft es, sich auf eine leichte, elegante, entspannte, sagen wir ruhig: typisch französische Weise eines Themas anzunehmen, das sich oft als Minenfeld entpuppt: Multikulti und Rassismus. Der Konflikt der Handlung ergibt sich aus den scheinbar unvereinbaren Gegensätzen: hier das Ehepaar Verneuil, Vertreter der katholischen Bourgeoisie, Gaullisten, die Le Figaro lesen, grünen Tee trinken und niemals die Mitternachtsmesse verpassen würden. Dort die Schwiegersöhne mit Migrationshintergrund, die auch untereinander manchen Zwist austragen. Die Drehbuchautoren Philippe de Chauveron (auch Regisseur) und Guy Laurent haben die "ausländerfeindlichen" Äußerungen ziemlich gleichmäßig auf die männlichen Protagonisten verteilt.

Der Film spielt, wie es auch Karikaturen tun, mit allen möglichen Klischees, Vorurteilen, Ressentiments und legt dem Zuschauer die Botschaft nah, dass die Konflikte zwischen den Kulturen oft lächerlich sind und dass bei einer gewissen Toleranz ein friedliches, ja glückliches Zusammenleben möglich ist. Genau diese Botschaft war allerdings ein Kritikpunkt in manchen Filmrezensionen. Der Film mache es sich zu leicht, hieß es da. Von den realen Problemen des Le-Pen-Frankreichs sei nichts zu merken. Der Rassismus würde nicht ernst genommen, der Film gebe sich als Plädoyer für Toleranz und Vielfalt, seine Figuren verbreiteten aber bei genauem Hinschauen eine gefährlich verharmlosende Botschaft. Die Schwiegersöhne seien schon im Bürgertum integriert, die wahren Konflikte in Frankreich kämen nicht zur Sprache. Mancher Kritiker stößt sich an dem Satz eines der Schwiegersöhne: "Wir sind doch alle ein wenig rassistisch".

Monsieur Claude und seine Töchter Die Rezensenten hätten vielleicht gut daran getan, die Sache nicht zu hoch zu hängen. Es handelt sich um eine Komödie, nicht um ein politisches Drama. Genauso gut könnte man dem Stück "Der eingebildete Kranke" von Molière vorhalten, es nähme das Thema "Ärzte und Medizin" nicht ernst genug. (Die Hauptrolle, Monsieur Argan, hat Clavier übrigens 2008 in einem TV-Film gespielt). In einem Interview sagte der Schauspieler: "Es sind entlarvende Wahrheiten und Überspitzungen, die uns entspannt auslachen lassen. Das Leben ist ein Kunstwerk aus Kompromissen. In unserer komplizierten Welt haben wir eine große Sehnsucht nach zwei Stunden unbeschwerten, politisch-unkorrekten Lachens. Kino ist auch Flucht." Das schließt ja Nachdenken nicht aus. Als Lustspiel mit einer großen Gag-Dichte funktioniert "Monsieur Claude" jedenfalls vorzüglich. Das fanden auch die Zuschauer in unserem Nachbarland. Der Film hat in Frankreich inzwischen mehr als zehn Millionen Zuschauer begeistert, regelmäßig gab und gibt es am Ende der Vorstellungen Applaus. (Der Originaltitel lautet übrigens: "Qu'est-ce qu'on a fait au Bon Dieu?", also "Was haben wir dem lieben Gott nur getan?" – die verzweifelte Frage Madame Verneuils nach dem Kennenlernen des vierten Schwiegersohns.)  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Neue Visionen

 
Filmdaten 
 
Monsieur Claude und seine Töchter (Qu'est-ce qu'on a fait au Bon Dieu?) 
 
Frankreich 2014
Regie: Philippe de Chauveron;
Darsteller: Christian Clavier (Claude Verneuil), Chantal Lauby (Marie Verneuil), Ary Abittan (David Benichou), Julia Piaton (Odile Benichou Verneuil), Medi Sadoun (Rachid Ben Assem), Frédérique Bel (Isabelle Ben Assem Verneuil), Frédéric Chau (Chao Ling), Émilie Caen (Ségolène Ling Verneuil), Noom Diawara (Charles Koffi), Élodie Fontan (Laure Verneuil), Pascal N'Zonzi (André Koffi), Salimata Kamate (Madeleine Koffi), Tatiana Rojo (Viviane Koffi) u.a.;
Drehbuch: Philippe de Chauveron, Guy Laurent; Produktion: Romain Rojtman, TF1 Films Production; Kamera: Vincent Mathias; Musik: Marc Chouarain; Schnitt: Sandro Lavezzi;

Länge: 97,02 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih der Neue Visionen Filmverleih GmbH; deutscher Kinostart: 24. Juli 2014



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<18.01.2015>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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