15. Februar 2001

Keine Hoffnung auf immerwährende Liebe


Tropfen auf heiße Steine


Filmausschnitt

"Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin...". Dieses Heinrich-Heine-Zitat scheint fast sinnbildlich über der Szenerie des Films "Tropfen auf heiße Steine" zu schweben.
Ein 50-jähriger Playboy trifft auf einen knabenhaften jungen Mann, nimmt ihn mit in seine Wohnung und zieht ihn in die seelische und körperliche Abhängigkeit.



Der rotgelockte Jüngling Franz verliert sich in der Illusion, die Beziehung zu dem sehr viel älteren Playboy Leopold retten zu können, obwohl die Gnadenlosigkeit der Welt durch Kommerz und Leistungsdruck deren Verhältnis zerstört. Franz gibt sich als treusorgendes "Hausmütterchen", kann seine Verzweiflung über die grundlosen Schuldzuweisungen Leos nicht mehr ertragen. Als Anna, Franz' Ex-Verlobte und Vera, Leopolds mittlerweile weiblicher Ex-Geliebter in die Situation einbrechen, ist das Chaos perfekt: Franz will sich von Leo lösen, hat aber Anna ein erneutes Zukunftsversprechen gegeben und merkt schließlich, dass seine Abhängigkeit und die Angst allein zu sein ihn übermannt. Anna wiederum verfällt der dreisten Arroganz Leos und begibt sich in eine sexuelle Hörigkeit; Vera hat sich nach Jahren psychisch immer noch nicht von Leopold lösen können. Letztendlich erkennt Franz die Ausweglosigkeit der Situation und in Vera die Warnung vor seinem Identitätsverlust. Er fasst einen tödlichen Entschluss.

Ozon hat mit der Konsequenz, einen Film zu schaffen, der die Einheit von Raum und Zeit einhält, nur in einer mit Braun- und Orangetönen durchwirkten 70er-Jahre-Wohnung spielt und sich mit nur vier Darstellern zufrieden gibt, eine höchst sozialkritische und hoffnungslose Darstellung unserer Gesellschaft erstellt. Keine der Personen kann von sich behaupten, der Angst vor der Einsamkeit nicht zu erliegen und begibt sich somit in ein Abhängigkeitsgefüge, welches sich "Partnerschaft" nennt. Die Illusion dieses Glücks gipfelt in einem konkurrenzdurchströmten Tanz um Liebe und Leidenschaft, welcher durch die Wahl des Schlagers "Tanze Samba mit mir" groteske Züge annimmt. An dieser Stelle des Films wird dem Zuschauer die Identitätskrise Franz' deutlich: Er schwankt zwischen Männer- und Frauenpart des Tanzes hin und her und ist der einzige, der sich als Tänzer eher lächerlich vorkommt. Auch dem Ausschweifen der Situation in einer sexuellen Orgie kann sich Franz nicht anschließen. Als Vera ebenfalls die Unwichtigkeit ihrer Person während der sexuellen Ausschweifungen erkennt, stellt sie sich ihren und Franz' Problemen in einem herzzerreißenden Dialog.

Keine einzige Minute in diesem tragischen Film des 1967 geborenen Francois Ozon gibt dem Zuschauer eine Hoffnung auf die wahre, immerwährende Liebe, und diese traurige Festeilung hat der Regisseur überzeugend umgesetzt. Verstärkt wird dies durch die Genauigkeit der Darstellung der vier so konträren Personen, die ein ähnliches Problem haben, sich aber nicht gegenseitig helfen können.

Erwähnenswert ist ebenfalls die Auswahl des Liedes "Träume" von Francoise Hardy, welches die Illusion des Wunsches auf eine große wahre und vor allem freie Liebe unterstreicht. Francois Ozon ist eine durchgehend präzise Übertragung des Fassbinder-Theaterstückes gelungen.

 
Constanze Frowein / Wertung: * * * * * (5 von 5)

Quelle des Fotos: frz. Film-Homepage (nicht mehr existent)


Filmdaten

Tropfen auf heiße Steine
(Gouttes d'eau sur pierres brûlantes)

Frankreich 1999
Regie: François Ozon;
Darsteller: Bernard Giraudeau (Leopold), Malik Zidi (Franz), Ludivine Sagnier (Anna), Anna Levine (Vera) u.a.; Drehbuch: François Ozon nach Rainer Werner Fassbinder; Produktion: Alain Sarde, Olivier Delborc, Marc Missounier, Christine Gozlan; Kamera: Jeanne Lapoirie; Schnitt: Laurence Bawedin;

Länge: 85 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Concorde Film; deutscher Kinostart: 07.12.2000




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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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