Dezember 2000

Beklemmendes Kammerstück nach Fassbinder


Tropfen auf heiße Steine


Tropfen auf heiße Steine: Filmausschnitt

"Was mich interessiert, sind Gewalt und Sex, denn es ist eine echte Herausforderung, das Starke und Mächtige zu zeigen statt des Schwachen und Trivialen" (François Ozon, 1998) - getreu diesem Credo inszeniert Ozon seine Fassbinder-Adaption, die die klaustrophobische Enge von Liebe in Abhängigkeit thematisiert.



Irgendeine deutsche Großstadt der 70er Jahre. Der knabenhafte Franz (Malik Zidi) ist dem fünfzigjährigen Leopold (Bernard Giraudeau) in dessen Appartement gefolgt und wird dort von ihm verführt. Daraufhin verlässt er seine Verlobte Anna (Ludivine Sagnier) und zieht bei Leopold ein. Schnell wird deutlich, dass er sich damit in eine sexuelle Hörigkeit begeben hat, denn der anfangs so verständnisvolle Geliebte verwandelt sich zunehmend in einen launischen Tyrannen, der den unbedarften Jungen mehr und mehr vereinnahmt. Anna, Franz' Ex-Verlobte, die ihren Freund retten will, verfällt aber ebenso dem glatten Charme des eiskalten Geschäftsmanns. Aus dessen Vergangenheit stößt dann die transsexuelle Vera (Anna Levine) zu der brisanten Dreierbeziehung. Für Franz und für sie, die beiden Fallengelassenen, bricht eine Welt zusammen.

Rainer Werner Fassbinder (1945-1982), der wohl schillerndste und vielseitigste Protagonist des deutschen Nachkriegsfilms, schrieb sein bislang unverfilmtes Drama "Tropfen auf heiße Steine" im Alter von 19 Jahren. Nicht von ungefähr kommt es einem Franzosen zu, dieses Jugendwerk des großen Desillusionisten für die Leinwand zu adaptieren, da in diesem Land, in dem nach einem Bonmot Fassbinder mehr für das deutsch-französische Verständnis getan hat als Adenauer, Fassbinder ungleich höher geschätzt wird als in seinem Heimatland. Ozon (Jahrgang '67, "Regarde La Mer", "Sitcom") gelingt dann auch das Kunststück, deutschen Zeitgeist der 70er - denn dieses Jahrzehnt war dem Femis-Absolventen doch näher als die fassbinderische Verortung in den Mittsechzigern - einzufangen und zu visualisieren. Dem Betrachter bietet sich ein schier museal anmutendes Panoptikum eines eigenwilligen Jahrzehnts: Interieur, Mode, Frisuren, Schlager, selbst der unvermeidliche Kümmerling, mit dem, auch in der Originalfassung, in harschem Deutsch zugeprostet wird - all dies vermittelt ein beeindruckendes, weil analytisches Gemälde der Vergangenheit. Beeindruckend um so mehr, da es von einem Außenstehenden stammt und damit fast klinische Präzision mit sich trägt. Fern von der Postkartenunwirklichkeit, mit der der Film beginnt, und der Schlager-Heile-Welt entwerfen Fassbinder / Ozon allerdings ein kulturpessimistisches Bild, in dem der Mensch nicht mehr handelt, sondern fremdbestimmt gehandelt wird. Leopold, der Menschen nach seinen Vorstellungen plant, formt und gestaltet, was sogar soweit geht, dass das Geschlecht ihm zur Liebe verleugnet wird, wie in Veras Fall, erscheint als Prototyp einer inhumanen Gesellschaft, der Schein mehr als Sein bedeutet. Aus diesem Grund ist seine Wohnung auch von Spiegeln dominiert, die zwar das oberflächliche Bild zeigen, ohne aber ins Konkrete, Tiefe zu gehen.
Ausnehmend der trivalente Franz, der zwischen Leopold, Anna und der Kunst schwankt und sich so folgerichtig in einem dreifach gebrochenem Spiegel wiederfindet. Doch je weiter die Handlung fortschreitet, desto mehr umkreist die Kamera die Darsteller, wie um zu versinnbildlichen, dass letztlich nur der Einzelne zählt und alle Selbstreflexion nur Schwäche und Versagen ist. Wie Hohn wirkt dann Françoise Hardys "Träume" am Ende des Films. Mahlers Vierte in der Verführungsszene ist als nette Hommage an Viscontis "Morte A Venecia" zu verstehen.

Streng hält sich Ozon sowohl an die Einheit von Zeit und Raum, als auch an die dreiaktige Form der Vorlage. Alles spielt sich in den immer enger werdenden Räumen des Appartements ab, Zeit ist nur durch die wechselnde Konstellation der Sex-Partner messbar, die dann auch den jeweiligen Akt beschließen. Dadurch ergibt sich eine absolute Konzentration auf den Mikrokosmos der Darstellenden, die viel zur Eindringlichkeit des Dramas beiträgt. Das Einzige, was vom Außen in die hermetische Welt der Eingeschlossenen - denn man sieht nie jemanden die Wohnung verlassen - dringt, sind die Erzählungen Leopolds aus der unbarmherzigen Geschäftswelt und der Blick der Kamera, die die Figuren in den erleuchteten Fenstern vor tiefdunkler Fassade einfängt. Die Reduktion auf ein begrenztes Maß an Schauspielern, fordert - zumal bei einem derart dialogbestimmtem Stück - einen hohen Grad der darstellerischen Qualität. Dem werden ausnahmslos alle gerecht, doch hervorzuheben sei Giraudeau, der mit seiner schmierig-ekligen Interpretation des Leopold eine der abstoßendsten Charaktere dieses Kinojahrs verkörpern mag, der, zerfressen von der eigenen Herzenskälte, seine Mitmenschen nur als Mittel zum Zweck missbraucht. Denn, so Fassbinder, "Liebe existiert nicht. Es gibt nur die Möglichkeit von Liebe". Leopold Blum - der Name erinnert natürlich an die Hauptfigur aus Joyces Ulysses. Doch ob hier der animalische Durschschnittsbürger Bloom Pate stand oder der analytische Blick von James Joyce gewürdigt werden soll, kann hier nicht entschieden werden.

 
Stefan Strucken / Wertung: * * * * (4 von 5)

Quelle des Fotos: frz. Film-Homepage (nicht mehr existent)


Filmdaten

Tropfen auf heiße Steine
(Gouttes d'eau sur pierres brûlantes)

Frankreich 1999
Regie: François Ozon;
Darsteller: Bernard Giraudeau (Leopold), Malik Zidi (Franz), Ludivine Sagnier (Anna), Anna Levine (Vera) u.a.; Drehbuch: François Ozon nach Rainer Werner Fassbinder; Produktion: Alain Sarde, Olivier Delborc, Marc Missounier, Christine Gozlan; Kamera: Jeanne Lapoirie; Schnitt: Laurence Bawedin;

Länge: 85 Minuten; FSK: ab 12 Jahren;
ein Film im Verleih von Concorde Film; deutscher Kinostart: 07.12.2000




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Von Constanze Frowein
Wertung: * * * * * (5 von 5)  



Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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