26.07.2015
Zeitgemäßer Exorzistenhorror

The Vatican Tapes


The Vatican Tapes Seit dem Erfolg von Daniel Stamms „Der letzte Exorzismus“ ist Hollywood einmal mehr besessen von bösen Geistern. Allein mit dem kunstgerechten Austreiben der Quälgeister hapert es heutzutage ein wenig - die Zeiten, als Max von Sydow in der Rolle des Pater Merrin den Teufel Mores gelehrt hat, sind lange vorüber, der gesellschaftliche Konsens der Gegenwart entspricht nicht dem der frühen Siebziger, und den Herren Exorzisten mag man momentan einfach nicht trauen.

Überraschungsparty! Beim Anschneiden ihres Geburtstagskuchens verletzt sich Angela am Finger, die Wunde muss genäht werden, und die junge Frau beginnt, sich höchst ungewöhnlich zu verhalten ... Bald bricht in ihrem Umfeld die Hölle los.

Bei den Ängsten des Publikums anzusetzen, gehört im Horrorgenre zum Geschäft. "The Vatican Tapes" steigt mit einem Haushaltsunfall ein und verlegt sich dann auf Autounfälle. Äußerst ergiebig das Themenfeld Krankenhaus mitsamt Psychiatrie, ärztlichen Kunstfehlern und medikamentösen Nebenwirkungen. Die Angst eines jungen Mannes, seiner Freundin ein unansehnliches Geschenk zu machen. Die Angst eines Vaters, seine Tochter zu verlieren. Obendrein lässt Regisseur Mark Neveldine in Hitchcock-Manier die Vögel angreifen. Nichts davon ist in einem Genrefilm wie diesem grundsätzlich fehl am Platz. Allerdings drängt sich der Eindruck auf, dass die Filmschaffenden darauf abzielen, einen Zufallstreffer zu landen: Da muss doch irgendwas dabei sein, was den Zuschauer packt! Der Konflikt zwischen Angelas streng katholischem Vater und ihrem Freund Pete (die jungen Leute leben unverheiratet zusammen) wird aufgebaut, aber nicht weiterentwickelt. "The Vatican Tapes" reißt viel an und erzählt nichts aus, eilt von einem vermeintlich schrecklichen Ereignis zum nächsten - und tritt dabei fürchterlich auf der Stelle.

The Vatican Tapes Zweifel, ob Angela wirklich von einer übernatürlichen Macht besessen ist, kommen nie auf, und so steuert die Handlung dem unausweichlichen Exorzismus entgegen. Mit Kardinal Bruun (Peter Andersson) begegnen wir einer Figur, die nicht sofort eingeordnet werden kann. Darf man sich von dem eigens aus dem Vatikan angereisten Exorzisten tatsächlich Hilfe erhoffen? Ebenso gut wäre dem Kardinal eine Schandtat zuzutrauen. Sein Liebäugeln mit dem Opferdolch wirkt jedenfalls hochgradig verdächtig. Um seine Fachkompetenz zu betonen, erklärt Bruun, er sei selbst einmal besessen gewesen. Ein tagelanger Kampf wäre entbrannt. Worauf Pete trocken erwidert: "Und, wie ist's ausgegangen?"

Diese Ungewissheit erweist sich als wahrer Segen. Sie treibt dem Film die Langeweile aus. Nun ist "The Vatican Tapes" als hundertprozentiger Genrefilm sicherlich nicht darauf ausgelegt, allegorisch verstanden zu werden. Sehr wohl aber spiegelt er den gegenwärtigen Zeitgeist wider. Streicht man von William Friedkins Klassiker "Der Exorzist" die übernatürlichen Elemente ab, bleibt die durch die drei Patres Merrin, Karras und Dyer verkörperte Kirche als problemlösende Autorität. Eine Betrachtung der zwiespältige Gefühle hervorrufenden Exorzistenfigur in "The Vatican Tapes" zeigt die öffentliche Wahrnehmung der Institution Kirche gründlich verändert. Man könnte sagen, die Missbrauchsskandale der letzten Jahre sind im amerikanischen Mainstream angekommen. Nur konsequent, dass die Schlussphase des Films sich den Konventionen des Subgenres verweigert.

The Vatican Tapes Angesichts der dramaturgischen Schwächen erscheint es ausgesprochen kurios, "The Vatican Tapes" auf der renommierten Black List zu finden, einer Zusammenstellung unproduzierter Drehbücher, die, wenn nicht für große Kunst, so doch für überdurchschnittliches Handwerk bürgt. Grund genug, sich eingehend mit dem Entstehungsprozess des Films zu beschäftigen. Ein Kassenschlager des Jahres 2006 war die erste Dan-Brown-Verfilmung "Sakrileg"; ein Jahr später hat "Paranormal Activity" den Found–Footage-Boom ausgelöst. Beide Trends haben in "The Vatican Tapes" Spuren hinterlassen: Das Geheimarchiv des Vatikans stammt aus dem Motivfundus des brownschen Verschwörungsthrillers, und bei den vereinzelt auftauchenden Bildern aus Überwachungskameras sowie den Aufnahmen, die Pete bei Angelas Geburtstagsparty mit seiner Amateurkamera macht, handelt es sich um Authentizität vorgaukelndes Material in Found-Footage-Art. Bereits 2009 wird das "Vatican Tapes"-Drehbuch auf der Black List genannt. Vorangetrieben haben dürfte das Projekt dann der finanzielle Erfolg von "Der letzte Exorzismus" (2010). Die Black List beschreibt "The Vatican Tapes" als Geschichte einer aus dem Geheimarchiv des Vatikans gestohlenen Videokassette, und eine Drehbuchrezension aus dem Jahr 2010 berichtet gar von drei Priestern, die nach Polen fliegen, um den Fall eines möglicherweise vom Teufel besessenen Mädchens zu untersuchen. Der Film, der nun in den Kinos anläuft, erzählt eine andere Geschichte. Offensichtlich ist die Drehbuchfassung von 2009 vor Beginn der Dreharbeiten grundlegend überarbeitet worden, vermutlich mit der Vorgabe, den Stoff auf die Interessen eines jugendlichen Zielpublikums auszurichten, das für den Disput dreier Priester wohl schwerlich zu begeistern gewesen wäre.

Auch im abgedrehten Film sind drei Priester zu sehen. Die Figur des Pater Lozano beschränkt sich, obwohl das Filmplakat sie in den Mittelpunkt stellt, über weite Strecken darauf, als Beobachter zu fungieren, und die Rolle des Vikar Imani fällt so winzig aus, dass der zweifach oscarnominierte Djimon Hounsou ("Blood Diamond") nicht den Hauch einer Chance erhält, schauspielerische Akzente zu setzen. Olivia Taylor Dudley darf als Angela ein breites Spektrum emotionaler Zustände abdecken. Eher sportliche Leistungen fordern ihr dagegen die klassischen Disziplinen des Genres ab, das Ausführen von Verrenkungen etwa oder das beliebte Weitspucken. Lediglich was das Fluchen anbelangt, muss die Besessene sich gewaltig zurückhalten. Gegen die Regularien der MPAA ist eben selbst der Teufel machtlos.  

Marcus Gebelein / Wertung: * * (2 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Universum Film

 
Filmdaten 
 
The Vatican Tapes (The Vatican Tapes) 
 
USA 2015
Regie: Mark Neveldine;
Darsteller: Michael Peña (Father Lozano), Kathleen Robertson (Dr. Richards), Djimon Hounsou (Vicar Imani), Dougray Scott (Roger Holmes), John Patrick Amedori (Pete), Olivia Taylor Dudley (Angela), Michael Paré (Det. Harris) u.a.;
Drehbuch: Christopher Borrelli, Michael C. Martin nach einer Story von Christopher Borelli und Chris Morgan; Produzenten: Chris Cowles, Gary Lucchesi, Chris Morgan, Tom Rosenberg; Kamera: Gerardo Mateo Madrazo; Musik: Joseph Bishara; Schnitt: Eric Potter;

Länge: 91,10 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; ein Film im Verleih der Universum Film GmbH; deutscher Kinostart: 30.Juli 2015



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Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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