13.02.2017
Ein Wettbewerbsfilm außer Konkurrenz der 67. Berlinale 2017

T2 Trainspotting


T2 Trainspotting: Ewen Bremner, Ewan McGregor, Johnny Lee Miller, Robert Carlyle "Du bist wie ein Tourist, der in seine Jugend zurückkehrt", urteilt Simon trocken. Nachdem er ihn zur Begrüßung mit Fäusten und Billardqueue bearbeitet hat, hat sich seine Wut auf Mark zumindest zeitweise abgekühlt. Mark, der seine Drogenkumpane vor zwanzig Jahren um 12.000 Pfund betrogen hatte. Und sie verlassen hatte, gen Amsterdam, wie wir erfahren, um dort das Leben zu führen, zu dem er nie ja sagen wollte. Bürgerlicher Job. Geregeltes Einkommen. Ehe. Kinder. "Mädchen oder Junge?", fragt Simon. "Von jedem eins", entgegnet Mark. Moment – die Mitte zwanzigjährigen Junkies von damals sind erwachsen geworden? Denkste. "T2 Trainspotting" bietet einen schwindelerregenden Cocktail aus unendlichem Spaß, Betrügereien und Betrug, kurzen Momenten der Nähe und unüberbrückbarer Entfremdung – immer durchsetzt von dem Schmerz, "nie der geworden zu sein, der man hätte sein können."

Die Perspektive, die Regisseur Danny Boyle gewählt hat, um sich nochmals dem anzunähern, was ihm vor zwei Jahrzehnten überraschend Kult-Status bescherte, mag simpel erscheinen – funktioniert aber erstaunlich gut. Marks Blick auf das Edinburgh, in das er zurückkehrt, holt den Zuschauer genau dort ab, wo mancher mit Skepsis den Kinosaal betritt: T2 – kann das wirklich funktionieren, mehr als nur ein zweiter Aufguss jenes Films sein, der in einer Phase, in der eine Vielzahl popkultureller Einflüsse aus Cool Britannia immer neu überraschten, als cineastisches Highlight herausstach? Es kann. Die Hartnäckigkeit Boyles, was den Umgang mit dem Drehbuch betrifft – es basiert auf Irvine Welshs Roman "Porno", wurde aber mehrfach überarbeitet, so dass von der Vorlage nicht mehr viel übrig blieb – zahlt sich aus.

T2 Trainspotting: Ewen Bremner "Trainspotting" gebärdete sich als triumphaler und gleichzeitig verzweifelter Aufschrei einer das Korsett der Norm verweigernden Jugend. So sieht das aus, was nicht bürgerliche Konformität ist, schrie der Film, seht her! So sieht die andere Seite aus! Aber anstatt die Welt der Drogen zu verherrlichen, zeigte er sie in etlichen Facetten: Du kannst tanzen, als gäbe es kein Morgen – und du tauchst in ein dreckiges Klo und verlierst den letzten Rest deiner Würde, weil du ohne die Droge nicht mehr sein kannst. Du kannst dich an deiner eigenen Großartigkeit aufgeilen – und dein Baby stirbt, weil du es aus Versehen verhungern lässt. Der Film ließ alles Widersprüchliche nebeneinander bestehen – Rausch und Ekstase neben Ekel und Abscheu, den Glamour des Regellosigkeit neben der Getriebenheit auf der Suche nach dem nächsten Schuss, das Zelebrieren des eigenen Egos neben den entsetzlichen Konsequenzen, die diese Verantwortungslosigkeit mit sich brachte.

Die gealterten Protagonisten in "T2" hingegen haben nun eine Biographie, sind geprägt von ihren guten und schlechten Erfahrungen – und haben sich, zumindest teilweise, auf die Normen einer neuen Zeit eingelassen. Ohne Riesenfernseher ging es damals ausgesprochen gut. Ohne iPhone geht es mittlerweile nicht mehr. Mark (Ewan McGregor) hat sich zum Fitness-Freak entwickelt, dem bei aller Selbstoptimierung auf dem Laufband im Studio als Quittung aus seiner Drogen-Vergangenheit ein Herzinfarkt dazwischenfunkt. Der labile, träumerische Spud (Ewen Bremner) hat eine Weile auf dem Bau geschuftet, versucht, für seinen Sohn da zu sein – und hat doch nur an der Seite seines besten Freundes, dem Heroin, zuverlässig seinen Platz gefunden. Einen wackligen Platz, der keinerlei Halt bietet, wie in der allegorischen Szene deutlich wird, in der er sich – auf einem Stuhl sitzend mit Blick zum Zuschauer – vom Dach eines Hochhauses kippen lässt.

T2 Trainspotting: Jonny Lee Miller, Ewan McGregor, Anjela Nedyalkova Begbie (Robert Carlyle) muss erst aus dem Knast ausbrechen, um bei der Party, die der Film – allen Widrigkeiten zum Trotz – feiert, dabei sein zu können: Er versucht, seinen Sohn zum Hehler zu rekrutieren, muss zur Kenntnis nehmen, dass ihn die Drogen impotent gemacht haben, um gleich darauf Viagra für sich zu entdecken, das leider zu einem wenig passenden Zeitpunkt seine Wirkung entfaltet. So werden den Figuren einerseits unvermeidliche Grenzen aufgezeigt. Sie sprengen sie doch jedoch auch immer wieder: In einer der besten Szenen des Films kriegen Mark und Simon (Jonny Lee Miller) gerade noch die Kurve, als sie eine Gruppe Schotten zu bestehlen versuchen, die in einer sehr ironischen Brechung der Handlung mit ihrer Besessenheit für das Jahr 1690 das feiern, was der Film sich selbst zu feiern versagt – Nostalgie. Umwerfend komisch ist es, wie Mark und Simon nun plötzlich auf die Bühne gezerrt werden und dort mit improvisiertem Klavierspiel und Gesang versuchen, die Situation zu deeskalieren.

Während "Trainspotting" ein Aufschrei der Jugend war, ist "T2 Trainspotting" ein ironischer, raffinierter Kommentar über das Älterwerden. Ein Film, der mit seinem teils vertrauten, brillanten Soundtrack eine Sehnsucht nach Vergangenem vielleicht kurz heraufbeschwört, sie aber vor allem bricht und in ihre Einzelteile zerlegt. Der seinen Figuren Raum lässt, sich zu erkennen, sich selbst und andere zu belügen, von sich selbst enttäuscht zu sein – oder auch nicht –, dem Leben einen anderen Dreh zu geben – oder betrogen zu werden. Wer wir sind, bestimmt sich eben nur zum Teil aus dem, wer wir waren. Es ist auch vollkommen gleichwertig: wie wir damit umgehen. Und: wie andere mit uns umgehen.  

Jasmin Drescher / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Sony Pictures Releasing GmbH

 
Filmdaten 
 
T2 Trainspotting (T2 Trainspotting) 
 
GB 2016
Regie: Danny Boyle;
Darsteller: Ewan McGregor (Mark Renton), Ewen Bremner (Spud), Jonny Lee Miller (Sick Boy), Robert Carlyle (Francis Begbie), Kelly Macdonald (Diane), Shirley Henderson (Gail), James Cosmo (Mr. Renton), Anjela Nedyalkova (Nikki) u.a.;
Drehbuch: John Hodge nach Irvine Welshs Romanen "Porno" und "Trainspotting"; Produzenten: Andrew Macdonald, Danny Boyle, Christian Colson, Bernard Bellew; Kamera: Anthony Dod Mantle; Musik: Rick Smith; Schnitt: Jon Harris;

Länge: 117,14 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; ein Film im Verleih der Sony Pictures Releasing GmbH; deutscher Kinostart: 16. Februar 2017



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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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