16.02.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Wettbewerb

Soy Nero


Das Identitätsbewusstsein, das Rafi Pitts dem Hauptcharakter seines existenzialistischen Dramas im Titel zuspricht, enthüllt sich in der kargen Szenerie als brüchiges Konstrukt. Die harsche Coming-of-Age-Story filtert durch das konzentrierte Auge der Kamera den Zynismus der amerikanischen Grenzpolitik heraus und zeigt den verzweifelten Kampf des Hauptcharakters (Johnny Ortiz) als aussichtslose Jagd innerhalb eines Teufelskreises.

Soy NeroIn diesem perfiden System kann der junge Mexikaner Nero höchstens seine Position ändern, nicht jedoch ihm entkommen. Diese bittere Gewissheit zeigt nicht nur die Geschichte des illegalen Einwanderers, der für die amerikanische Staatsbürgerschaft in den Krieg zieht. Die elliptische Handlung vermittelt ein Gefühl von Unausweichlichkeit, die jede Entscheidung des Protagonisten im Grunde alternativlos scheinen lässt. Regisseur und Drehbuchautor Pitts ("Zeit des Zorns") teilt den Plot in zwei Akte, die fast zwei unterschiedliche Filme sein könnten. Es sind zwei Seiten der Medaille, die scheinbar direkt vor Nero hängt: eine Green Card. Der Metallzaun zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko ist nicht die entscheidende Hürde zwischen seinem gegenwärtigen Status als Illegaler und dem eines US-Bürgers. Nero weiß, dass er sich die ersehnte Existenz nur auf einer legalen Grundlage aufbauen kann. Der Weg dorthin führt ihn weiter weg von seinem Ziel, als er es je war: in den Nahen Osten, wo der 19-Jährige sein Leben für ein Land riskiert, dass ihn nur unter diesen Bedingungen aufnimmt. Nach den Anschlägen des 11. Septembers verabschiedete Bush nach dem "Patriot Act" zur Deportation illegaler Einwanderer den "Dream Act", der es illegalen Immigranten erlaubt, eine Aufenthaltsgenehmigung zu erlangen, wenn sie sich zur Armee melden.

Soy Nero Obwohl in der US-Armee zahlreiche Green-Card-Soldaten kämpfen, blieb das Thema bisher filmisch vernachlässigt. In seiner differenzierten Darstellung des Systems blickt Pitts auch auf dessen Opfer in den eigenen Reihen. Die US-Kameraden an Neros Seite sind ebenso von der konstitutionellen Verheißung des Glücks und der Freiheit von Mangel ausgeschlossen wie er, nur die Gründe sind andere. Ihr Heimatland hat seine eigenen Mittel, die sozial Unterprivilegierten auf den gleichen Weg zu treiben, den Nero einschlägt. Zu Anfang erscheinen die USA noch als Gelobtes Land, wo Frieden und materielle Erfüllung warten. Symbolisiert werden diese Versprechungen durch die Figur von Neros älterem Bruder Jesus (Ian Casselberry), der mit seiner Freundin Mercedes (Rosa Frausto) in Los Angeles lebt. Doch bald erkennt Nero, dass es nicht entscheidend ist, auf welcher Seite er steht. Zu Beginn flieht er in der Wüste vor der Grenzpatrouille, zu der er bald selbst gehören wird. Doch selbst in der Wüste, die jeden Sinn ihrer Mission auszulöschen scheint, bleibt Gleichheit eine Fata Morgana – zum Greifen nah und doch unerreichbar. Der Sieg, der dem Protagonisten winkt, ist ein Pyrrhus-Sieg. Der Preis für den Erhalt der nationalen Identität ist ein emotionales Trauma.

Neros altes Ich wird ausgelöscht. Im Gegenzug erhält er eine offizielle Identitätsbescheinigung auf Papier. Es ist ein Pakt mit dem Teufel, auf den sich Nero, der Züge des archetypischen unbedarften Helden aufweist, einlässt. Am Ende gibt es keine Gewinner – es sei denn, das Publikum des Bären-Kandidaten.  

Lida Bach / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Berlinale

 
Filmdaten 
 
Soy Nero (Soy Nero) 
 
Deutschland/Frankreich/Mexiko 2016
Regie: Rafi Pitts;
Darsteller: Johnny Ortiz (Nero), Rory Cochrane (Unteroffizier McLoud), Aml Ameen (Bronx), Darrell Britt-Gibson (Compton), Michael Harney (Seymour), Ian Casselberry (Jesus), Rosa Frausto (Mercedes), Khleo Thomas (Mohammed), Alexander Frost (Polizist), T.J. Linnard (Denham) u.a.;
Drehbuch: Rafi Pitts, Razvan Radulescu; Produzenten: Thanassis Kharatanos, Georges Schoucair, Rita Dagher, Nicolas Celis, Martin Hampel; Produktion: Twenty Twenty Vision Filmproduktion Berlin, Deutschland; Kamera: Christos Karamanis; Musik: Rhys Chatham; Schnitt: Danielle Anezin;

Länge: 117,36 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 10. November 2016



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<16.02.2016>


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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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